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Auf die nächsten 60 Jahre...

Happy Birthday, COBOL! Eine Programmiersprache wird 60 Jahre alt
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Genau 60 Jahre ist es her, seit COBOL auf der Bildfläche erschien. Und noch heute ist die „Common Business Oriented Language“ noch vielerorts im Einsatz. Wir sprachen zu diesem Anlass mit Rolf Becking, Senior Technical Account Manager bei Micro Focus, und fragten ihn, wo genau man heute COBOL noch findet und welche Zukunft die Sprache seiner Meinung nach hat.

Wir schreiben das Jahr 1959. Die Computertechnologie ist gerade im Aufschwung und neue Programmiersprachen für die Datenverarbeitung werden praktisch täglich erfunden. Doch nicht nur die Anzahl an Programmiersprachen wächst kontinuierlich, sondern auch der Kostenaufwand für die Programmierung, wie Studien zeigen. Um dem entgegenzuwirken beruft Mary K. Hawes am 8. April 1959 eine große Konferenz ein, um über die Möglichkeit zu diskutieren, allgemeine kaufmännische Programmiersprachen zu entwickeln. An der Konferenz nehmen Experten aus dem akademischen Bereich gleichermaßen teil wie Computernutzer und Hersteller. Auch Grace Hopper, die Erschafferin der Sprache FLOW-MATIC, ist in Pennsylvania an diesem Tag vertreten.

Was hiernach passiert schreibt Geschichte: Die Teilnehmer der Konferenz bitten das amerikanische Department of Defence (DoD), die Entwicklung einer allgemeinen Programmiersprache für kaufmännische Anwendungen finanziell zu unterstützen. Da das DoD gerade ohnehin auf der Suche nach Möglichkeiten zur Kostenersparnis bei der Verwaltung und Programmierung der rund 400 bestehenden und georderten Computer ist, stimmt man dem Gesuchen zu. Am 19. September 1959 einigt sich das daraufhin gegründete Komitee schließlich auf den Namen COBOL, ein Akronym für Common Business Oriented Language.

Wer glaubt, die Programmiersprache sei nun, 60 Jahre später, nicht mehr im Betrieb, der irrt gewaltig: In vielen Unternehmen und besonders in der Verwaltung und den Finanzbehörden hat die Sprache noch heute ein außerordentlich gutes Standing. Manchmal ist das Sprichwort „Alte Geigen spielen am besten“ eben doch etwas mehr als nur ein schnödes Sprichwort. Anlässlich des 60. Geburtstages von COBOL haben wir mit Rolf Becking, Senior Technical Account Manager bei Micro Focus, gesprochen, dessen gemeinsame Geschichte mit COBOL seit 1985 andauert.

Interview mit Rolf Becking

Entwickler: Hallo Rolf und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. COBOL wird in diesem Jahr 60 Jahre. Ein stolzes Alter für eine Programmiersprache. Vielleicht kannst du daher zunächst einmal die Geschichte von COBOL ein wenig beleuchten, viele unserer Leser sind schließlich jünger als die Programmiersprache und haben von ihr vielleicht noch nie etwas gehört.

Rolf Becking: Die Idee zu COBOL entstand Ende der 50iger Jahre, um den Programmierern das Leben leichter zu machen und bessere Programme schreiben zu können. Bis dahin wurde hauptsächlich in Assembler programmiert, sozusagen direkt auf der Ebene des Prozessors mit sehr eingeschränkter Syntax. Mit COBOL wurde zum ersten Mal eine Programmiersprache realisiert, die in ihrem Befehlssatz der englischen Sprache ähnelt – sie enthält Befehle wie ADD, MOVE, IF, CALL – und damit von der Maschinen-Ebene abstrahiert. Damit wurde das Erstellen von Programmen einfacher, der Entwickler konnte sich mehr auf die zu lösende Aufgabe konzentrieren, anstatt über die Realisierung auf Basis des Befehlssatzes des Prozessors nachzudenken. Gleichzeitig wurde die Pflege der in COBOL erstellten Programme aufgrund der Verständlichkeit der Befehle wesentlich einfacher.

Entwickler: Kommen wir zum technischen Teil. Was für Eigenschaften hat die Programmiersprache COBOL? Für welche Art von Anwendungen wurde sie konzipiert?

COBOL enthielt als erste Programmier- sprache einen Befehlssatz, der der englischen Sprache ähnelt.

Rolf Becking: Sie wurde speziell für wirtschaftliche Anwendungen konzipiert, also jede Art von Applikationen, die Geldbeträge verarbeiten und berechnen müssen. Von daher ist eine Vielzahl verschiedener Datentypen eine der Spezialitäten von COBOL, insbesondere für numerische Felder mit Dezimalstellen. Daneben war zur damaligen Zeit der Speicherplatz bei weitem nicht in solchen Mengen verfügbar wie heute und natürlich auch entsprechend teuer. Dementsprechend gibt es in COBOL spezielle Datentypen, die wenig Speicherplatz benötigen, wie Packed Decimal, wo immer zwei Ziffern in einem Byte abgelegt werden.

Entwickler: Könntest du, um das ein wenig plastischer darzustellen, vielleicht ein Beispiel für ein Hello-World-Programm skizzieren?

Rolf Becking: Ein COBOL-Programm besteht immer aus einer Reihe von Divisions, die fest vorgegeben sind. Diese unterteilen das Programm in einen Teil zur Identifikation, wo der Name des Programms und vielleicht der Autor genannt sind. In der Environment Division wird dann die Umgebung beschrieben, wie zum Beispiel die Dateien, die von dem Programm gelesen oder geschrieben werden sollen, dann die Datenfelder, mit denen das Programm in der Data Division arbeitet. Schließlich enthält die Procedure Division den Programmcode. Das Hello-World-Programm sieht dann so aus:

       IDENTIFICATION DIVISION.
       PROGRAM-ID. HELLO.

       ENVIRONMENT DIVISION.
       CONFIGURATION SECTION.

       DATA DIVISION.
       WORKING-STORAGE SECTION.

       PROCEDURE DIVISION.

           DISPLAY "HELLO WORLD!"
           GOBACK.

       END PROGRAM HELLO.

Entwickler: Während viele Programmiersprachen heute populärer sind als COBOL, hat die Sprache doch irgendwie überlebt. Wofür wird sie heute noch eingesetzt?

Rolf Becking: Nach der Veröffentlichung der Programmiersprache COBOL und der ANSI-Standards in den Jahren 1968, 1974 und 1985 hat die Sprache insbesondere bei Banken, Versicherungen und Rentenanstalten, aber auch in der Verwaltung und Industrie eine große Verbreitung gefunden. In all diesen Bereichen wird sie auch heute noch eingesetzt. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass große Mengen von Software existieren, die in COBOL geschrieben worden sind und die heute immer noch im Einsatz sind, teilweise seit mehr als 20, 30 oder 40 Jahren. Damit sind wir bei einem anderen wesentlichen Vorteil der Sprache: Sie hat sich zwar im Laufe der Jahre weiter entwickelt, aber die alten Standards gelten immer noch und dadurch sind die heutigen Compiler immer in der Lage, die älteren Programme ohne Probleme zu übersetzen.

Entwickler: Die NASA suchte vor einigen Jahren COBOL-Programmierer, um an den Voyager-Raumsonden zu arbeiten. Gibt es auch neue Entwicklungen, die in COBOL geschrieben werden, oder wird COBOL nur noch für die Verwaltung alter Technologien eingesetzt? Mit anderen Worten: Wird COBOL aussterben?

COBOL hat in den letzten Jahrzehnten praktisch jede technische Entwicklung mitgemacht, die man in der IT-Branche beobachten konnte.

Rolf Becking: COBOL hat in den letzten Jahrzehnten praktisch jede technische Entwicklung mitgemacht, die man in der IT-Branche beobachten konnte. Man kann heute in COBOL SOAP und REST Web Services implementieren und diese aus den guten alten Programmen aufrufen, man kann COBOL-Programme in der .NET-Welt ausführen und dadurch mit allen Technologien des .NET-Frameworks verbinden oder zum Java Bytecode kompilieren und dadurch nahtlos auf einem Java Application Server laufen lassen. COBOL kann XML und JSON verarbeiten, unterstützt Docker Container und läuft in der Cloud. Also: Ich glaube nicht, dass die Sprache aussterben wird, auch wenn das schon vor mehr als 30 Jahren behauptet wurde.

Entwickler: Welche Programmiersprache hat deiner Meinung nach das Potential, im Jahr 2080 noch eingesetzt zu werden?

Rolf Becking: Ohne Zweifel COBOL. Welche andere Programmiersprache kann auf eine vergleichbar lange Historie zurückblicken? Die meisten modernen Sprachen, die in den letzten 60 Jahren entstanden sind, sind längst von der Bildfläche verschwunden.

Entwickler: Wie wirst du den 60. Geburtstag von COBOL feiern?

Rolf Becking: Mit einem Glas Champagner und alten Kollegen, mit denen ich meine berufliche Laufbahn im COBOL-Umfeld begonnen habe.

Entwickler: Vielen Dank für das Interview, Rolf!

Rolf Becking ist Senior Technical Account Manager bei Micro Focus, Diplom-Mathematiker und beschäftigt sich seit 1985 mit dem Thema COBOL. Zunächst in der Compiler-Entwicklung, heute mit der Beratung von Micro-Focus-Kunden bei der Modernisierung von COBOL-Applikationen mit Micro-Focus-Produkten.
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