Muss man wirklich immer ganz vorne dabei sein, um Erfolg zu haben?

Die Innovationsverschläfer
Keine Kommentare

Apple verkauft so viele iPhones wie noch nie – und muss Kritik wegen fehlender Innovationen einstecken. Und wir Entwickler so?

Da sind sie also, die Quartalszahlen des Unternehmens aus Cupertino mit dem angebissenen Apfel als Logo, das man nur allzu gerne als Innovationsverschläfer bezeichnen möchte. Zugegeben, es ist ein wenig unfair, das Festtagsquartal mit den drei vorangegangenen, die bekanntermaßen hinter den Erwartungen zurückblieben, zu vergleichen. Weihnachten, das Fest des Konsums und der Liebe, ist naturgemäß mit besseren Zahlen gesegnet.

Apple auf dem aufsteigenden Ast

Und Apples Quartalszahlen für das vergangene Quartal bestätigen diese Regel: Mit einem Umsatz von 78,4 Milliarden US-Dollar liegen die Kalifornier erstmals wieder über den Erwartungen der Analysten. Schuld daran sind 78,3 Millionen verkaufte iPhones – so viele, wie noch nie. Der bisherige Absatzrekord lag bei 74,8 Millionen verkauften Smartphones.

Zwar hat man einen weiteren Rekord – den des Gewinns – um satte 500 Millionen US-Dollar verfehlt; angesichts 17,9 Milliarden neuer Dollar im Portemonnaie dürfte das allerdings leicht zu verschmerzen sein.

Der Fairness halber sollte man jedoch noch erwähnen, dass die drei vorangegangenen Quartale keinesfalls schlecht waren. Man war nur so erfolgsverwöhnt, dass man mehr erwartet hätte. Noch mehr. Dennoch ist man geneigt, Apple kritisch zu beäugen.

Die Innovationsverschläfer

Die Erfolgsgeschichte Apples hat nämlich in den Augen vieler Analysten einen kleinen Haken: Der Großteil des Umsatzes wird durch den Verkauf von iPhones eingefahren. Betrachtet man das letzte Quartal, gehen deutlich mehr als 500 der begehrten Smartphones über die (virtuelle) Ladentheke – pro Minute.

Der Untergang des Stehaufmännchens Apple war quasi beschlossene Sache.

Das ist zwar toll, aber, wenn man ehrlich ist, muss man eingestehen, dass die Devices im Vergleich zur Konkurrenz schon lange nicht mehr durch Innovation und Power glänzen können. Und da die letzten drei Quartale nicht so rosig waren (sigh) und man das Geschäftsjahr 2016 das erste Mal seit 15 Jahren mit einem Umsatzrückgang beenden musste, konnte man auch gleich den Untergang des Stehaufmännchens Apple prognostizieren. Abgeschrieben, der Nächste bitte.

There’s one more thing

Klar, man könnte jetzt anführen, dass Apple trotz eines mageren Marktanteils von nur 13 Prozent 91 Prozent der Gewinne des Smartphone-Markts einfährt … aber die Innovationen! Denkt denn niemand an die Innovationen?

Dabei ist es mit den Innovationen ja immer so eine Sache. 3D Touch, zum Beispiel. Eine „Innovation“, die – ginge es nach mir – auch in der Schublade hätte bleiben können. Denn trotz harter iPhone-Nutzung habe ich mich damit noch immer nicht anfreunden können. Aber gut, mit sehr viel mehr Innovation muss ich mich zum Glück ja kaum herumschlagen.

Wozu auch? Ein Smartphone der heutigen Zeit tut alles, was ich von einem smarten Taschencomputertelefon erwarte: surfen, ein wenig spielen, Einkaufslisten und die smarte Heimassistentin verwalten … nur das Telefonieren könnte manchmal besser funktionieren.

Innovation verschlafen?

Für einige Rants ist einfach zu wenig Platz im Internet.

Dennoch wirft man einem unbestreitbar erfolgreichen Unternehmen vor, Innovationsverschläfer zu sein. Aha. Meint man damit dann vielleicht die Software? Mag ja durchaus sein, aber ich habe ehrlich gesagt nicht genügend Platz, mich hier über die Unzulänglichkeiten des (mobilen) Betriebssystems von Apple auszulassen. Denn auch der Platz im Internet ist endlich. Ganz bestimmt.

Vielmehr frage ich mich, ob man wirklich immer den vermeintlich tollen Innovationen hinterher hecheln muss. Genauer gesagt war das heute Morgen das erste, das mir durch den Kopf ging, als ich darüber las: Innovationsverschläfer <=> Entwickler?

Oh, wait …

Als Entwickler steht man vor dem Problem, dass man, geht es nach der gefühlten Masse und dem einen oder anderen Medium, furchtbar viele „Innovationen“ verschlafen kann. Die neueste IDE zum Beispiel. Aber gut, das zählt nicht – jedem sein Handwerkszeug. Wenn man es beherrscht, besteht einfach kein Grund, umzusteigen.

Man könnte nebenbei noch eine neue, nifty Technologie verschlafen. Herrje, entwickelst du etwa noch immer mit PHP/AngularJS/Java 6/$insertYourLanguage? Ja. Und? Bestehende Systeme funktionieren und sie bezahlen das tägliche Abendessen. Außerdem sollte man sich hüten, gerade Entwicklern das Verschlafen von technologischen Innovationen (wenn es um Sprachen geht) vorzuwerfen; kaum eine oder einer, der nicht mehr oder weniger interessiert und fasziniert mit Neuerungen experimentiert. Also auch gegessen.

Was bleibt dann noch? Innovative Features und Usability? Gut, da wird es manchmal eng …

Eine Frage der Dosierung

Hin und wieder wäre die eine oder andere innovative Neuerung in einem Stückchen Software schon nicht zu verachten. Ein Feature, das uns Arbeit erspart. Oder ein Interface, das uns nicht zunächst vor eine schier unüberwindbare Trial-&-Error-Hürde zu stellen scheint. Ja, da wäre etwas mehr Mut zur Innovation ganz nett.

Eine Innovation gegen die unüberwindbare Trial-&-Error-Hürde … das wär’s!

Natürlich ist uns allen bewusst, dass das manchmal leichter gesagt als getan ist. Schnell regt man sich über Problem X auf, vergisst aber, dass Grund Y (fehlende Zeit / Ressourcen / Know-how, das sich meist wieder auf fehlende Zeit zur Fort- und Weiterbildung zurückführen lässt/$weitereGründe) dahintersteckt. Und wenn wir ehrlich sind, dann hakt es auch bei unseren eigenen Projekten manchmal mit der Innovation. Genau das ist allerdings unsere Stärke – denn wir wissen um all die Problemchen.

Innovationstreiber Community

Das ist die Stärke, die (Open-Source-)Communities bieten: Wenn die Innovationskraft einzelner nicht ausreicht, wird sie durch den Rest der Community ausgeglichen. Innovationsverschläfer … dass ich nicht lache!

Manchmal ist es besser, sich zurückzulehnen und die anderen erst einmal trollen zu lassen. Buhuu, keine Innovationen im iPhone. Meh, altbackenes UI. Lame, ich muss ja einen Extra-Klick machen, obwohl das auch programmatisch gelöst werden könnte …

Ja, ist halt so. Manchmal braucht man eben ein wenig Zeit. Und manchmal eben eine kurze Verschnaufpause. Und dann, ab und an, braucht es einfach einmal eine realistische Einschätzung von außen, anstatt kopfloser Untergangsprophezeiungen.

Zumindest, was die Softwarebranche angeht (jedenfalls ein großer Teil davon) – vor allem aber die Open-Source-Communities – kann ich sagen, dass verdammt vieles verdammt richtig läuft.

Von verschlafenen Innovationen braucht uns jedenfalls keiner was erzählen.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -