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Interview zur IPC 2019 mit Roland Golla

Höher, schneller weiter: Entwickler unter hohem Belastungsdruck
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Entwickler sind in ihrer täglichen Arbeit immer höheren Belastungen ausgesetzt. Durch Stress und permanenten Zeitdruck ausgelöste Gesundheitsrisiken werden dabei häufig unterschätzt. IPC-Speaker Roland Golla setzt sich für Arbeitsschutz in der IT, gute Arbeitgeber und bessere Arbeitsbedingungen ein. Im Interview verrät er uns, was Entwickler*innen selbst, aber auch Arbeitgeber tun können, um ihre Mitarbeiter zu entlasten.

Roland Golla (Never Code Alone) holt ein weitgehendes Tabuthema an die Oberfläche. In seiner kommenden IPC-Session nimmt er die stressigen Arbeitsbedingungen der Entwickler unter die Lupe. Gibt es Lösungen, um etwas gegen die vielfältigen Gesundheitsrisiken zu tun? Wir haben Roland Golla zu seinem aufwühlenden Sessionthema befragt.

Höher, schneller, weiter – lautet das Motto unserer Zeit: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen von Entwickler*innen im Vergleich zu vor 10 Jahren geändert?
Roland Golla: Der Facebook-Login hat den E-Commerce Markt weit nach vorne gebracht. Ergänzt wurde das auch durch echt komfortable Payment Methoden, wie Paypal. Auf einmal hatten andere Shops neben Amazon wieder ein Chance. Dazu kam wirklich viele und gute Open Source Software und natürlich die Challenge mit Webdesign Smartphones zu bedienen. Kurz gesagt viel Geld und viel zu tun. Dabei wurde leider nicht nachhaltig mit dem Markt der Entwickler umgegangen, sondern vor allem mit Geld versucht Entwickler abzuwerben. Es wurde aber weder in die Skills der Entwickler mit neuen Technologien investiert, noch Nachwuchs herangeführt. Dadurch hat die Softwarequalität, auf die auch nie besonders viel Wert gelegt wurde, da es damals ja noch „Wegwerfseiten“ gab, noch einmal schwer gelitten. Jetzt sind wir in einem weiteren neuen Webzeitalter angekommen. Virtuelle Maschinen und sehr komplexe Prozesse bestimmen unseren Alltag. Vor allem bleiben Webseiten viel länger am Leben und Relaunches werden gerne vermieden. Das ist spannend, weil hier automatisierte Deployments und auch Tests die Basis dafür abbilden. Daher befinden wir uns gerade heute vor einer besseren Zukunft denke ich.

Was sagt eine gute Softwarequalität über die Gesundheit des Entwicklers, der Entwicklerin aus? Wo besteht der Zusammenhang zwischen guter Softwarequalität und Gesundheit?
Roland Golla: Gute Softwarequalität ist die Summe von vielen guten Arbeitsbedingungen in einem kreativen Umfeld mit einem motivierten Team. Entwickler*innen die gute Software produzieren, können sich auf diese verlassen. Sie lernen auch aus ihren Fehlern und freuen sich sogar darüber, weil sie dann Wissen, dass sie etwas noch besser machen können. Gerade automatisierte Tests, die grün sind, geben uns auch immer ein positives Feedback. Gute Lesbarkeit und Einfachheit sind ebenfalls Ziele von Softwarequalität und werden als Clean Code bezeichnet. Das strengt also nicht so, wenn man etwas verstehen und darin arbeiten will. Schlechte Softwarequalität, also Legacy Code, kann teilweise gar nicht mehr verstanden und nachvollzogen werden. Hier sind auf jeden Fall ganz viele Fehler drin, bei denen nie systematisch versucht wurde diese zu finden und abzubauen. Die Frage ist hier also nur, wann fällt es eigentlich auf, dass etwas nicht läuft und wer ist dann eigentlich Schuld? Man kann also Angst bekommen. Dazu kommt ein harter Druck, da solche Legacy Projekte nicht auf automatisierte Prozesse ausgelegt sind und wahrscheinlich auch nicht gut getestet werden können. Alles dauert halt ewig. Und wenn es mehr Fehler gibt, die immer korrigiert werden müssen und noch neue Arbeit erledigt werden muss und alles immer manuell ausgerollt wird, dann macht das natürlich weich und anfällig für seelische Schäden. Das ist jetzt vielleicht mal ein kleiner Abriss eines wirklich komplexen Themas.

Wo siehst du Verbesserungsbedarf?
Roland Golla: Entwickler brauchen aktuelles Know How und müssen aktuelle Technologien einsetzen. Wir brauchen automatisierte Tests, Deployments, Refactoring, Pair Programming und müssen zusammen als Teams gute Lösungen für aktuelle Probleme finden. Aber in der Taskkette stehen wir halt leider ganz hinten und sind einfach nur die, die bitte auf kürzestem Weg über die Ziellinie laufen sollen, weil ja schon genug Zeit verloren wurde. Wir als Entwickler sollten gute Arbeitsbedingungen einfordern und auch durchsetzen. Uns halt nicht mehr drücken lassen, weil ein Kunde das sagt, ein Produktmanager das so will oder was auch immer. Die Situation hat sich ja schon bei vielen von uns verbessert. Von vielen, die auf Konferenzen gehen und deren Arbeitgeber wert auf Softwarequalität legen. Aber da sind noch ganz viele Entwickler*innen, die gar nicht gesehen werden und auch auf Konferenzen sind Entwickler*innen, die aus ihrem Legacy Sumpf nicht rauskommen. Ich glaube aber trotzdem, dass wir der Schlüssel sind und wir unsere Welt ändern müssen. Wir müssen mehr Open Source veröffentlichen, uns einbringen und Wissen und Know How teilen.

Was können Arbeitgeber für ihre Entwickler*innen tun?
Roland Golla: Ich denke agile Arbeitsmethoden sind, wenn sie richtig angewendet werden, eine tolle Chance Arbeitsprozesse und Methoden zu verbessern. Hier muss aber bitte externes und gutes Know How eingekauft werden und bitte nicht auf Scharlatane oder Bücher gesetzt werden. Agilität sorgt für Transparenz. Hier werden Probleme nicht immer unter den Teppich gekehrt und vor allem Ressourcen und Aufwände auf Augenhöhe geplant. Es werden vor allem auch wieder Teams zusammengebracht oder vielleicht auch erstmals geformt. An dieser Stelle mag kurz erwähnt sein, dass Dailys und die Zusammenfassung von Tickets für ein Datum in der Zukunft keine agile Softwareentwicklung sind. Arbeitgeber können sich ja auch mal über den Zustand ihrer Software aufklären lassen. Hier gibt es ja viele Codeanalysetools, wie PHPStan. Am Ende des Tages werden hier viele Probleme gefunden. Die müssen dann angegangen werden. Arbeitgeber müssen also in Softwarequalität und damit direkt in die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter investieren. Es ist dabei klar, dass Kunden dafür aufkommen müssen. Hier müssen vielleicht auch mutige Entscheidungen getroffen werden.

Die kleinen Dinge zählen: Was können Entwickler*innen bereits im Arbeitsalltag für ihre Gesundheit tun?
Roland Golla: Entspannter sein, gute und richtige Pausen machen. Offline und ohne Smartphone außerhalb des Büros spazieren. Achtsamkeit ist sicher auch ein tolles Thema und ein guter Anfang. Lächeln, Farben in seinem Umfeld wahrnehmen, sich gerade und bewusst hinstellen und bewusst Atmen. Aber es ist auch der Umgang miteinander. Mit Entwicklern über Probleme bei der Programmierung sprechen, sich mit Respekt begegnen und als Team arbeiten. Aber natürlich darf auch Code verbessert werden. Hier sind Codestandards und Tests immer gute erste Schritte. Das ist auch immer eine kleine persönliche Belohnung. Aber es ist vielleicht noch wichtiger sich der Probleme und Folgen seelischer Erkrankungen bewusst zu werden. Und auch wenn man selber noch keine Schäden hat, einmal die Augen für Kollegen offen zu halten und hier vielleicht zu helfen. Natürlich Pausen, trinken, gesunde Ernährung und all das was das Leben lebenswerter und uns glücklicher macht.

Was möchtest du den Konferenzteilnehmer*innen in deiner Session mit auf den Weg geben?
Roland Golla: Ich möchte ihnen erstmal zeigen, dass sie mit diesen Problemen nicht alleine sind und es Auswege gibt. Wir haben einfach ganz tolle Jobs und können wirklich froh und glücklich sein. Und das sollte einfach jeder Entwickler von uns sein. Und die Entwickler, die es nicht sind, müssen wir abholen und ihnen helfen. Der Arbeitsmarkt ist gerade in einem sehr starken Umbruch und immer mehr Entwickler lernen auch mal Nein zu sagen. Ich möchte in dem Talk Mut machen, die nerdige Leidenschaft zurückholen, aber sicher auch anklagen. Mich hat es hart erwischt, viele erzählen mir noch viel härtere Geschichten. Das sind auch die, die mich immer wieder auf die Bühne gehen lassen. Ich möchte die Softwarequalität und Arbeitsbedingungen für Entwickler in Deutschland steigern. Und das mache ich zur Not auch mit der verbalen Brechstange 😉

Vielen Dank für dieses Interview!

 

Roland Golla ist PHP-Trainer und Consultant. Er setzt sich ein für Arbeitsschutz in der IT, gute Arbeitgeber und bessere Arbeitsbedingungen. Mit Never Code Alone möchte er die Softwarequalität in Deutschland steigern.
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