Breakpoint Wilson: Neue Technologien ausprobieren – und wieder verwerfen

Der Kreislauf der technologischen Eingeständnisse
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Wer mehr als fünf Jahre im Geschäft projektbasierter Software-Entwicklung unterwegs ist, wird ihn kennen: den immerwährenden Kreislauf technologischer Eingeständnisse. Für alle Übrigen möchte ich ihn an dieser Stelle einmal näher erläutern.

Es handelt sich hierbei um die unterschiedlichen Phasen, die jeder halbwegs reflektierte, Software entwickelnde Mensch im Laufe seiner Karriere durchleben wird. Sollten Ihnen die beschriebenen Phasen noch unbekannt sein, machen Sie sich jedoch keine Sorgen – früher oder später werden auch Sie von ihnen heimgesucht werden.

Phase eins: Hallo, neue Technologie

Herzlichen Glückwunsch, Sie interessieren sich für eine neue Technologie. Sie können vor Aufregung nachts kaum schlafen, Sie müssen diese Technologie unbedingt kennenlernen und damit produktiv werden! Sie lieben das Leben und Ihren Beruf. Hochmotiviert verbringen Sie viele Überstunden damit, sich mit der neuen Technologie vertraut zu machen.

Sie können es wirklich kaum abwarten, ob Ihre Chefs von Ihrer technologischen Entscheidung genauso überzeugt sein werden wie Sie. Schwitzige Hände, wackelige Beine und ein trockener Mund bezeugen während der Planungspräsentation, wie aufgeregt Sie darüber sind, die neue Technologie ihren Kollegen vorzuschlagen. Sie hoffen, alle Beteiligten werden die Technologie genauso sympathisch finden, wie Sie selbst es tun.

Phase 2: Höhenflug der Motivation

Heureka! Es ist vollbracht! Die Kollegen waren begeistert. Ihre Chefs gaben ihren Segen – nicht zuletzt, weil Sie sahen, wie die Technologie Sie motiviert hat und wie engagiert Sie plötzlich geworden sind. Sie denken, dass der Technologiewechsel Ihnen gut tat. Sie selbst setzen die Technologie nun schon seit einer Weile erfolgreich im neuen Projekt ein.

Es hat ein wenig gedauert, wirklich den letzten Stakeholder davon zu überzeugen, dass alle Beteiligten vom Einsatz genau dieser Technologie profitieren werden, doch nun sind sie bezüglich des Wechsels zuversichtlich. Gemeinschaftlich ist man sich sicher: Die Zukunft des Projekts schaut rosig aus!

Das Leben ist schön und das tiefere Verständnis der Technologie ist bereits in greifbarer Nähe. Sie spüren es! Sie haben ein wirklich gutes Gefühl und wissen, diesmal wird alles anders werden. Selbst komplizierte Aufgaben oder Architekturen scheinen Ihnen wie von alleine aus den Fingern zu fließen.

Phase 3: Erste Zweifel

Das Projekt ist nun abgeschlossen. Sie und die neue Technologie sind sehr gute Freunde geworden und kennen sich bereits in- und auswendig. Wäre dies eine Beziehung, wären sie beide quasi bereits zusammengezogen. Niemand stört sich mehr daran, sich im selben Raum die Zähne zu putzen, während der Partner auf dem porzellanen Thron die Morgenzeitung studiert. Ja, es mutet ein wenig seltsam an, aber schließlich kennt man sich und ist irgendwie von Grund auf miteinander vertraut.

Während die Zahnbürste von der linken Zahnreihe rüber zur rechten wechselt, huscht ein kurzer, zweifelnder Augenblick durch Ihr Bewusstsein. Doch noch bevor dieser Gedanke greifbar wird, reißt eine klimpernde Mail-Benachrichtigung Sie zurück in den Projektalltag: Reminder! Projekt-Deadline in zwei Wochen. 38 offene User Stories.

Phase 4: Einsetzende Verzweiflung

So langsam wird es doch etwas schwierig, die Tickets häufen sich und man sieht vor lauter Code die dazugehörigen Zeilen nicht mehr. Irgendwie haben Sie sich vom Projektverlauf mit der neuen Technologie anfangs doch mehr versprochen. Am Ende ist es dann aber doch wieder nur, wie mit jeder anderen Technologie auch: Es ist zum Mäuse melken und sie machen sich Vorwürfe, dass sie das nicht früher wahrhaben wollten.

Probleme mit der Technologie werden als liebgewonnene Shortcomings verkauft.

Über die Laufzeit des Projekts wurden viele Product-Owner-Gespräche geführt, Patches eingespielt und die Unzulänglichkeiten des Frameworks schön geredet. Auch wenn Sie ihren Kollegen jammernd in den Ohren lagen, haben Sie immer wieder betont, dass die Technologie gar nicht so schlimm sei und verkaufen ihnen die Probleme damit als „liebgewonnene Shortcomings“.

Allerdings erwischen Sie sich selbst, wie Sie innerlich manchmal bereuen, die letzte Technologie in den Wind geschossen zu haben. Dabei hatten Sie doch Pläne – etwa wann und wo Sie welche Konferenz besuchen wollen. Ein gemeinsames Framework haben Sie sich vorgestellt, aus dem sich sogar Produkte hätten entwickeln lassen können! Gerade aber scheint das alles ferner denn je. Der Projektalltag lastet immer schwerer auf Ihren Schultern, sie beginnen zu zweifeln.

Gerne erinnern Sie sich noch daran, wie es damals war, als Sie mit Ihrer technologischen Neuentdeckung die gesamte Nacht bis zum Sonnenaufgang verbracht haben: Es fühlte sich leicht und schön an. Jetzt hingegen würden sie am liebsten wieder von vorne beginnen. Sie vermissen die Überraschung der Recherche und das Kribbeln des ersten Kompilierens, vom Deployment danach zunächst mal gänzlich abgesehen.

In dieser Phase nimmt der Wunsch nach einem Refactoring oder gar einem technologischen Wechsel viel Platz im alltäglichen Projektgeschäft ein. Sie empfinden Scham: Scham, vor allen Kollegen und Chefs zugeben zu müssen, dass es doch wieder nicht so funktioniert hat, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben. Das Projekt steht gerade in einer sehr kritischen Phase. Sie versuchen es einfach nochmal und schauen wie weit Sie in einem neuen Anlauf kommen.

Phase 5: Das Ende vom Lied

Das Projekt ist durch. Zu Ende. Die Deadline gerade eben nochmal so gut gegangen. Der Kunde war zwar über den Verzug wenig amüsiert, aber irgendwie ist man doch im Guten auseinandergegangen. Spätestens nachdem man sich gegenseitig die Verantwortlichkeiten für Verzug und Verschulden zugeschoben hatte, stellte man fest, dass beide Parteien gleichermaßen Rechnung am Projektverlauf zu tragen haben.

Übermüdet sitzen Sie nun also wieder an Ihrem Schreibtisch. An Tagen wie diesen kommen Sie ein bisschen später ins Büro und es gibt Club Mate zum Frühstück. Sie hören Sinéad O’Connor und Schluck für Schluck wird Ihnen bewusst, dass das Projekt vorbei ist. Es dauert zwar eine Weile, doch irgendwann realisieren Sie es.

Und was nun? Leere? Rückbesinnung? Perspektive?

Rein aus Interesse wie es um den Markt gerade so bestellt ist, durchstöbern Sie einschlägige Internetportale nach neuen Technologien. Spannend, was sich hier während Ihrer Projektlaufzeit alles so entwickelt hat. Schnell stoßen Sie auf eine Technologie, von der Sie zwar schon mal gehört, die Sie aber auf diese Weise noch gar nicht betrachtet haben. Nach einigen Minuten Recherche wird Ihnen schnell bewusst, dass Sie sich mit dieser Technologie noch einmal näher beschäftigen müssen.

Herzlichen Glückwunsch! Sie interessieren sich für eine Technologie! Sie können vor Aufregung nachts kaum schlafen …

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