Teil 3: Lastenheft-Gliederung & Berücksichtigung von Unternehmenscharakteristika

Lastenheft: Anforderungen für Webprojekte definieren
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Im dritten Teil unserer Artikelserie über die Anforderungsdefinition von Softwareprojekten mithilfe eines Lastenhefts wird es konkret. Wir beschäftigen uns eingehender mit Webprojekten. Damit folgen wir dem allgemeinen Trend, dass zunehmend Unternehmensapplikationen als Webanwendungen umgesetzt werden.

Bedeutung hat das Lastenheft aber auch für den vermeintlich einfachen Fall der Erstellung einer umfassenden Internetpräsenz, wo üblicherweise ein Content-Management-System zum Einsatz gelangt. Der Einsatz von Lastenheften ist hier noch kein etablierter Standard.

Recht ausführlich wurden in den ersten beiden Teilen der Artikelserie die Grundlagen für das Erstellen von Lastenheften für Softwareprojekte allgemeiner Art betrachtet (Teil 1 & Teil 2). Hinsichtlich der Inhalte und Gliederung wurden Vorschläge unterbreitet, die für einen Großteil der Vorhaben nach einer gewissen Modifizierung auch praktikabel sein sollten. Jetzt geht es um das Erstellen von Webanwendungen und Webauftritten, die oftmals auch Gegenstand für die Vergabe an Softwarehäuser und Internetagenturen sind. Der Einsatz von Lastenheften in Form von Pflichtenheften ist dabei noch nicht übliche Praxis. Ebenfalls besteht die Notwendigkeit, Gliederung und Inhaltsvorschläge der allgemeinen Empfehlungen an die spezifischen Gegebenheiten anzupassen. Dieser dritte Teil der Artikelserie enthält einen konkreten Gliederungsvorschlag für das Erstellen eines Lastenhefts, erläutert, wie Unternehmenscharakteristika berücksichtigt werden können und beschreibt, wie sich Ist- und Sollzustand in Produktfunktionen niederschlagen.

Artikelreihe

Ein Lastenheft für Webprojekte – Gliederungsvorschlag

Im ersten Teil wurden bereits einige mögliche Gliederungsvorschläge für das Erstellen eines Lastenhefts vorgestellt. Insbesondere der Vorschlag von Balzert [1] wird immer wieder aufgegriffen. Spezielle Hinweise für Webprojekte finden sich in zudem hier. Der folgende Vorschlag beruht auf einer Synthese dieser und anderer Quellen. Projektindividuelle Anpassungen können natürlich notwendig sein. In den nachfolgenden Textabschnitten erfolgt eine Erläuterung zu den folgenden Punkten:

  • Aufgabenstellung
  • Unternehmenscharakteristik
  • Istzustand: derzeitiger Status
  • Sollzustand: Produktfunktionen
  • Einzusetzende Techniken
  • Nichtfunktionale Anforderungen: Benutzbarkeit, Änderbarkeit, Übertragbarkeit, Skalierbarkeit
  • Lieferumfang/Dauer der Umsetzung
  • Besonderheiten
  • Allgemeine Hinweise
  • Anlagen

Aufgabenstellung für den Anforderungskatalog

Innerhalb dieses Abschnitts werden die Ziele des Vorhabens und die Eckdaten des Projekts beschrieben. Es ist deutlich zu machen, was der Auslöser für die Erstellung des Lastenhefts war. Zu wählen ist eine kompakte Form der Darstellung. Eine Konzentration auf wesentliche Elemente (Highlights) ist vorzunehmen. Auch die groben Eckdaten des Projekts wie Terminierung und Budget können bereits hier genannt werden, sofern dazu kein separater Punkt innerhalb des Lastenhefts existiert (siehe Gliederungsvorschlag). Zu vermeiden sind sprachliche Redundanzen.

Unternehmenscharakteristik im Lastenheft berücksichtigen

Bei der Erstellung von Internetpräsentationen ist es für den Auftragnehmer wichtig, eine korrekte Einordnung der Unternehmung vorzunehmen. Beispielsweise macht es einen sehr großen Unterschied, ob eine Internetpräsentation für eine medizinische Einrichtung wie ein Krankenhaus oder für ein Produktionsunternehmen erstellt wird. So sind zwingend die jeweiligen Rechtsvorschriften bei der Präsentation der Inhalte zu beachten. Diese wirken natürlich für ein Krankenhaus deutlich restriktiver als für andere Unternehmen. Um das Unternehmen einschätzen zu können, sind u. a. die folgenden Aspekte von Bedeutung:

  • Sitz des Unternehmens?
  • Welcher Branche gehört das Unternehmen an?
  • Welches sind die Produktionsschwerpunkte?

Diese und ähnliche Angaben sind aus zwei Gründen von Bedeutung: Zum einen lernt der Auftragnehmer das Unternehmen mit seinen wichtigsten Facetten kennen. Dieses ist u. a. notwendig, um eine gute Kommunikationskultur zwischen den Beteiligten aufzubauen. Zum anderen können die „Umgebungsvariablen“ des Auftraggebers besser eingeschätzt und die Lösungsvorschläge daraufhin angepasst werden. Anhand der Branchenzugehörigkeit ist es möglich, Konkurrenzanalysen durchzuführen. Beispielsweise sind die Webauftritte der engsten Mitbewerber am Markt zu analysieren. Fragestellungen sind hierbei: Was ist ein etablierter Standard? Was kann der Kunde erwarten? Welche Lösungen fallen positiv auf? Welche Ansätze erscheinen verbesserungswürdig? Und ganz wichtig: Wie kann eine erfolgreiche Differenzierung von der Konkurrenz erfolgen?

Istzustand: derzeitiger Status

In den wenigsten Fällen wird die Erstellung einer (neuen) Internetpräsenz bzw. einer Webanwendung für die Problemstellung die erstmalige Lösung darstellen. Vielmehr werden bereits Lösungsansätze bestehen, die es zu verbessern gilt. So ist beispielsweise bei der Erstellung einer Internetseite die gesamte Marketingstrategie des Unternehmens (überblicksartig) zu analysieren. Folgende Eckpunkte sollen Hinweise für die weitere Vorgehensweise liefern:

  • Kurze Beschreibung der Marketingstrategie des Unternehmens im Allgemeinen und im Internet.
  • Existiert bereits ein Internetauftritt? Welche Punkte sind verbesserungswürdig? Was hat sich bewährt?
  • Existiert ein Corporate Design für das Unternehmen?
  • Kann der Auftraggeber als innovativ bezeichnet werden?
  • Welche Unternehmensphilosophie wird verfolgt?
  • Kann aus den Marketingaktivitäten ein konzeptioneller Ansatz abgeleitet werden?

Ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmen produziert im Rahmen der Marketingmaßnahmen Informationsbroschüren. Das kann ein Hinweis darauf sein, einen Downloadbereich auf der Internetseite einzurichten, wo diese Broschüren als elektronische Dokumente angeboten werden.

Sollzustand: Produktfunktionen

Die Beschreibung des Sollzustands ist die zentrale Passage des Lastenhefts. Im Mittelpunkt steht die Beantwortung der Frage: Was soll wie erreicht werden? Wichtig ist es, die Ziele im Pflichtenheft exakt zu formulieren. Folgende Aspekte geben Hinweise zur Beschreibung dieses Punkts:

  • Definition und genaue Beschreibung der einzelnen Zielgruppen nach Branche, Personenkreis, Geschlecht, Alter usw.
  • Startseite/Homepage: Angaben zu Inhalt, Funktionsweise und Layout dieser zentralen Seite.
  • Information: Aussagen über die Darstellung der Informationen und Lieferung einer Beschreibung der gewünschten Informationsarchitektur.
  • Navigation: Die Navigationsstruktur ist abhängig von der Zahl der Seiten und der gesamten Struktur des Webprojekts. Es ist darauf zu achten, dass eine möglichst flache Navigationsstruktur eingehalten wird, d. h. die Zahl der Klicks, um eine bestimmte Seite zu erreichen, sollte begrenzt bleiben. Einige Hinweise zur Navigationsstruktur finden sich im nebenstehenden Textkasten „Navigationsstruktur“.
  • Datenmaterial: Ist das Datenmaterial vorhanden? In welchem Format liegt es vor? Sind Konvertierungen notwendig? Wichtig: Sind die Kopierrechte – insbesondere bei Grafiken und Fotos – geklärt?
  • Interaktive Elemente: Sollen besondere multimediale Elemente integriert werden? Dazu zählen beispielsweise komplexe Animationen oder Onlinekalkulatoren.
  • Pflege- und Aktualisierungsmechanismen: Webseiten müssen ständig aktualisiert werden. Die Benutzer erwarten, dass Unternehmen ihre Informationen fortwährend auf einem aktuellen Stand halten. Das Ausmaß und die Frequenz der notwendigen Aktualisierung sind jedoch sehr unterschiedlich. Bereits im Lastenheft sollten dazu Aussagen getroffen werden, um beispielsweise ein passendes CMS auszuwählen.
  • Zukunftsaspekte: Nennung und kurze Beschreibung möglicher Erweiterungskonzepte. Aus Sicht des Auftragnehmers ist dies wichtig, um auch technisch ein System auszuwählen, das eine ausreichende Skalierbarkeit gewährleistet.

Einzusetzende Techniken

Das Lastenheft soll zwar von technischen Details abstrahieren, jedoch kann es notwendig sein, eventuelle Vorgaben bzw. Beschränkungen dieser Art bereits zu einem sehr frühen Stadium zu formulieren. Beispielsweise kann es für eine Webanwendung wichtig sein, zu klären, ob Java auf den Endgeräten (Clients) ausgeführt werden darf. Dies ist eine durchaus sicherheitsrelevante Frage, die auch gleichzeitig für den Auftragnehmer von Interesse ist. Durch eine solche Einschränkung werden mögliche Technologien von vornherein explizit ausgeschlossen. In diesem Fall muss dann nach anderen Lösungen gesucht werden.

Nichtfunktionale Anforderungen: Benutzbarkeit, Änderbarkeit, Übertragbarkeit, Skalierbarkeit

Unterhalb dieses Punkts sind diejenigen Anforderungen verbal zu formulieren, die sich nicht unmittelbar der Beschreibung einer konkreten Produktfunktion zuordnen lassen. Eine funktionale Anforderung ist beispielsweise „Erfassung, Validierung und Speicherung der Kundendaten“. Nichtfunktionale Anforderungen sind eher weiche Kriterien. Für ein Webprojekt – vgl. auch Wikipedia –sind dies:

  • Zuverlässigkeit: Verfügbarkeit der Anwendung
  • Aussehen und Handhabung: Look and Feel, Web-2.0-Standard, zeitgemäßes Design
  • Benutzbarkeit: Verständlichkeit, selbsterklärend

Zu den letzten beiden Punkten wird auch auf den Kasten „Usability und Accessability“ verwiesen:

  • Leistung und Effizienz: Antwortzeiten, Lauffähigkeit auf den unterschiedlichsten Browsern
  • Wartbarkeit, Änderbarkeit: Stabilität, Prüfbarkeit, Erweiterbarkeit, Anpassbarkeit an neue Anforderungen
  • Sicherheitsanforderungen: Sicherheitsstandards wie Verschlüsselung
  • Korrektheit: fehlerfreie Ergebnisse
  • Skalierbarkeit: Anpassbarkeit bei höheren, quantitativen Anforderungen

Im vierten und letzten Teil der Artikelserie widmen wir uns unter anderem der Dauer der Umsetzung sowie den Anforderungen an den Projektablauf.

 

Links & Literatur

  • [1] Balzert, Helmut: „Lehrbuch der Software-Technik“, 2 Bände, 1998, Spektrum Akademischer Verlag

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