Interview mit Hans de Visser

Low-Code: Eine Lösung für den Fachkräftemangel?
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Der Mangel an Entwicklern führt zu neuen Methoden in der Software-Entwicklung. Eine dieser Methoden ist Low-Code, die auf dem Ansatz des Model-driven Software Development (MDSD) basiert. Die Idee: Statt den kompletten Code einer Anwendung neu zu schreiben, werden grafische Modelle erstellt und anschließend automatisch in Code überführt.

Wir haben Hans de Visser, VP Outbound Product Management bei Mendix, zum Thema Low-Code befragt. Im Interview werden die grundlegende Bedeutung des Begriffs Low-Code, die Anwendungsmöglichkeiten und Vorteile der Methode sowie der Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel geklärt.

Was bedeutet Low-Code?

Entwickler: Model-driven Software Development (MDSD) ist kein neues Phänomen; der Grundstein wurde schon in den 1980ern gelegt. Wodurch zeichnet sich Low-Code demgegenüber aus?

Hans de Visser: MDSD lässt sich, wenn man so möchte, durchaus als ein Vorläufer von Low-Code bezeichnen. Allerdings konzentrierten sich MDSD und auch RAD (Rapid Application Development) in erster Linie auf die Produktivität der Entwickler. Low-Code geht dagegen über den reinen Entwicklungsprozess hinaus. Es verbindet unter anderem den MDSD-Ansatz mit ähnlichen Ideen wie RAD zu einem Platform-as-a-Service-Angebot. Der Ansatz von Low-Code deckt den gesamten Lebenszyklus einer Applikation ab – von der Planung über die Entwicklung und die Testphase bis hin zum Einsatz im laufenden Geschäftsbetrieb.

Entwickler: MDSD kann durch verschiedene Methoden betrieben werden. Eine darunter ist MDA (Model-driven Architecture). Die Kritik an MDA besagt, dass einerseits der Abstraktionsgrad gerade für kleinere Anwendungen unangemessen hoch ist und viel Zeitaufwand verlangt und andererseits Anpassungen des Codes ein Problem darstellen. Wie unterscheidet sich die Funktionsweise von Low-Code?

Hans de Visser: MDA ist ein Standard, der von der Object Management Group (OMG) definiert wurde, um modellgetriebenes Design zu unterstützen. Doch es gibt nicht unbedingt viele Werkzeuge für die Entwicklung und Bereitstellung in Laufzeitumgebungen. Moderne Low-Code-Plattformen haben wesentliche Elemente des MDA übernommen, zum Beispiel die UML-basierte Definition von Domänenmodellen. Sie erweitern jedoch den Standard um zusätzliche Modelle, um den vollen Umfang möglicher Anwendungen visuell zu gestalten. Dazu zählen zum Beispiel Geschäfts- und Prozesslogik auf Basis des BPMN-Standards und Benutzeroberflächen auf Basis von HTML5/CSS.

Eines der größten Probleme ist der allgegenwärtige Fachkräftemangel.

Moderne Low-Code-Plattformen interpretieren diese Modelle zur Laufzeit, so dass kein Code mehr generiert werden muss. Dies bietet die Möglichkeit, die Bereitstellung vollständig zu automatisieren, einschließlich der Bereitstellung von Rechenressourcen. Auf diese Weise haben sich die Anwendungsmöglichkeiten von modellgetriebener Entwicklung erweitert. Sie kann sowohl für kleinere als auch für komplexe Applikationen zum Einsatz kommen. Sollte es jedoch notwendig sein, die Modelle um Code zu erweitern, können Entwickler auch das durch integrierte IDEs bewerkstelligen. Die Plattform kümmert sich automatisch um die Versionierung und Verpackung von Code-Erweiterungen in Verbindung mit Anwendungsmodellen.

Low-Code und der Fachkräftemangel

Entwickler: Welche Lösungsansätze kann Low-Code für Probleme bieten, die Sie in der derzeitigen Softwareentwicklung sehen?

Hans de Visser: Low-Code fördert die Zusammenarbeit von Business und IT, was für Business- und IT-Führungskräfte meist eines der größten Hindernisse bei der Erreichung ihrer digitalen Ziele ist. Die abstrahierte Art der Entwicklung ermöglicht eine aktive Beteiligung von Interessengruppen der Wirtschaft an Entwicklungsprojekten. Die visuelle Entwicklung, unterstützt durch einen App-Store mit Hunderten von Bausteinen, ist grundsätzlich schneller als die Erstellung von Code.

Nicht-technische Entwickler aus verschiedenen Abteilungen können anspruchsvolle Webanwendungen und mobile Apps entwickeln.

Eines der größten Probleme, wenn nicht sogar das größte Problem, ist auch der allgegenwärtige Fachkräftemangel. Qualifizierte Entwickler sind knapp, und es gibt nicht genügend Hochschulabsolventen im IT-Bereich, um den aktuellen Mangel auch nur ansatzweise zu beheben. Da Low-Code auch für sogenannte Citizen Developer, also Personen ohne Programmierkenntnisse, geeignet ist, wird die Basis der im Unternehmen verfügbaren Entwickler um ein Vielfaches erweitert. Nicht-technische Entwickler aus verschiedenen Abteilungen können dank des Abstraktionsgrades, den die visuelle Entwicklung bietet, anspruchsvolle Webanwendungen und mobile Apps entwickeln. Die Geländer in der Plattform sorgen für die technische Richtigkeit ihrer Apps. Und auch die IT-Abteilung selbst kann durch die Schnelligkeit der Entwicklung mithilfe von Low-Code profitieren.

Entwickler: Können Sie die Vorteile einmal anhand eines Beispiels illustrieren?

Hans de Visser: Das Beispiel eines traditionellen Wasserfallprojektes veranschaulicht ein allgemeines Problem in der Softwareentwicklung. Die Laufzeiten für solche Projekte sind in der Regel recht lang, bis hin zu mehreren Jahren. Wenn dann das fertige Produkt verfügbar ist, haben sich oft die Geschäftsbedürfnisse verändert, so dass die gelieferte Lösung den beabsichtigten Zweck nicht mehr oder nur unvollständig erfüllen kann.

Vielleicht ist der US-Markt etwas „wagemutiger“.

Mit Low-Code können Entwicklungszyklen um ein Vielfaches verkürzt werden. Da agile Entwicklungsmethoden zum Einsatz kommen, werden die Anwender in den Entwicklungsprozess eingebunden und geben direktes Feedback. Dadurch können zeitnah Anpassungen vorgenommen werden, um die Anwendung an die aktuellen Anforderungen anzupassen.

Entwickler: Haben Sie Unterschiede in der Adaption von Low-Code zwischen den USA und Europa feststellen können?

Hans de Visser: Der Gesamtmarkt entwickelt sich hinsichtlich der Einführung von Low-Code und zeigt nicht wirklich einen regionalen Unterschied. Allerdings unterscheidet sich der Umfang der Adaption. Kunden, die vollständig auf Low-Code als Schlüsselfaktor für die Erreichung ihrer strategischen Ziele setzen, kommen oft aus dem nordamerikanischen oder chinesischen Markt. EMEA-Märkte haben dagegen tendenziell einen langsameren Einstieg (siehe Abb. zu RAD Vision Maturity). Vielleicht ist der US-Markt also etwas „wagemutiger“.

RAD Vision Maturity; Quelle: Mendix

Mobile Anwendungen mit Low-Code erstellen

Entwickler: Im Rahmen der Digitalisierung steigt der Bedarf an Software immer stärker an, und zwar auf verschiedensten Geräteplattformen. Welche Rolle spielt dabei Low-Code?

Hans de Visser: Low-Code vereinfacht die Entwicklung und Bereitstellung von Anwendungen für verschiedene Geräte. Mit unserer Plattform ist die Responsivität bereits nativ in die Entwicklung einer App integriert. So wird sichergestellt, dass eine App immer gleich aussieht, egal wie hoch die Auflösung oder wie groß der Bildschirm ist. Eine App wird sich auf dem Smartphone genauso anfühlen und einfach bedienen lassen wie auf dem Desktop. Die Apps sind auch direkt für alle Plattformen verfügbar und müssen nicht erst angepasst oder portiert werden. Dadurch wird der Entwicklungsaufwand reduziert, was zu einer schnelleren Entwicklung und Effizienzsteigerung führt.

Die Apps sind direkt für alle Plattformen verfügbar und müssen nicht erst angepasst oder portiert werden.

Neben sofort einsatzbereiten, responsiven Anwendungen für eine Vielzahl von Kanälen und Formfaktoren sind moderne Low-Code-Plattformen für mobile Anwendungsfälle optimiert. Dazu nutzen sie native Gerätefunktionen (z.B. Kamera, Kontakte, Standort, Sensoren usw.) sowie die Möglichkeit, offline zu arbeiten, einschließlich der Unterstützung von Synchronisierung. In Analystenbewertungen für mobile Anwendungsentwicklungsplattformen von Gartner und Forrester haben sich in den letzten Jahren Low-Code-Plattformanbieter als Marktführer in dieser Kategorie etabliert.

Wer kann Low-Code anwenden?

Entwickler: Müssen bestimmte Voraussetzungen vorhanden sein oder geschaffen werden, um Low-Code effektiv einsetzen zu können?

Hans de Visser: Das ist das Schöne an Low-Code: Mit ein wenig Einarbeitungszeit und Übung kann jeder innerhalb kurzer Zeit Apps nach seinen eigenen Vorstellungen entwickeln. Natürlich fällt es versierten Programmierern leichter, sich mit der Plattform vertraut zu machen, und sie werden daher auch schneller fertige Ergebnisse präsentieren können als ungeübte Nutzer.

Low-Code-Plattformen sind explizit dafür konzipiert, dass professionelle Entwickler mit Citizen Developers zusammen an Projekten arbeiten und diese gemeinsam umsetzen. Aber dennoch soll klargestellt werden: RAD-Anwendungen sind keine „Baby-Apps“. Damit können kritische Geschäftsanwendungen bis hin zu innovativen Anwendungen entwickelt werden, die helfen, die Marktdominanz zu verändern oder zu schaffen.

Entwickler: Kann grundsätzlich jedes Unternehmen auf Low-Code umschwenken oder fallen Ihnen aus Ihrer persönlichen Erfahrung Situationen ein, in denen Low-Code erfolglos versucht wurde zu implementieren – und was können wir daraus lernen?

Hans de Visser: Wie jede andere Technologie auch ist Low-Code natürlich kein Patentrezept. Es gibt einige Anwendungen, die einfach nicht in die RAD-Schiene passen, was völlig in Ordnung ist. Jedoch können Unternehmen, die ihre Time-to-Market-Geschwindigkeit oder die Fähigkeit, mehr Anwendungen zu erstellen, erhöhen und Apps zu niedrigeren Kosten entwickeln und pflegen möchten, einen Mehrwert in Low-Code finden. Aber Sie triggern mich ein wenig mit Ihrer Wortwahl „auf Low-Code umschwenken“, da dies oft nicht der Fall ist. Kunden setzen auf Low-Code, um veraltete Technologien zu ersetzen oder um Low-Code neben bestehenden Technologien einzusetzen. Dabei ist es mehr als nur eine Technologie, sondern Low-Code bezieht auch die Denkweise im Team, die Prozesse und die Wachstumsstrategie mit ein.

Entwickler: Vielen Dank für dieses Interview!

Hans de Visser ist VP Outbound Product Management bei Mendix, wo er für die Positionierung der Plattform und die Definition der vertikalen Lösungsstrategie des Unternehmens verantwortlich ist. Vor seinem Wechsel zu Mendix war er in leitenden Managementpositionen beim BPM-Unternehmen Cordys und dem ERP-Unternehmen Baan tätig. Davor arbeitete er einige Jahre als SAP Consultant bei BSO/Origin. Er hat einen Master of Science-Abschluss in Betriebswirtschaft von der Erasmus University Rotterdam.
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