Breakpoint Wilson: Die Mensa-Strategie

Meetings und Brainstormings kreativ verbessern
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Eine Idee mit den Kollegen zu teilen, fällt vielen Menschen schwer. Zu groß ist die Angst vor dem Gesichtsverlust. Was hat das aber mit Eichhörnchen zu tun und wie animiert man Menschen dazu, kreative Gedanken zu äußern?

Es ist Mittwochvormittag. Ich sitze im Büro. Von meinem Schreibtisch aus kann ich sehen, wie sich die Eichhörnchen gegenseitig um die Baumstämme jagen. Sie sind klein und flink. Gleiten links um den Baum; gleiten rechts um den Baum und dabei stetig dem Baum rauf oder den Baum runter.

Sie erinnern mich an ein Spiderman-Spiel, das ich früher mal für den Gameboy hatte. Dabei musste Spiderman, während er die Hausfassade hinauf kraxelt, aufpassen, weder Seitenhiebe aus einem sich plötzlich öffnendem Fenster zu kassieren, noch herunter fallende Bomben des grünen Kobolds auf den Kopf zu kriegen. Der einzige Unterschied zum Schauspiel am Baum liegt darin, dass oben auf nicht der grüne Kobold sitzt und Dinge runter wirft, sondern ein weiteres Eichkatzerl sich überaus genüsslich eine richtig dicke Walnuss reinpfeifft.

Kreativ Meetings und Brainstormings verbessern

Klettern wie Spiderman und schmausen wie an einem All-You-Can-Eat-Buffet mit besonders großen Portionen. Was würde ich gerade dafür geben, entweder um den Baum herum zu tollen oder was zu knabbern zu haben. Mir knurrt jetzt schon der Magen und bis Mittag ist es auch noch eine kleine Weile. Also schüttele ich, zumindest erstmal, den Gedanken an das All-You-Can-Eat-Buffet ab und suche ein wenig Ablenkung bei den Kollegen an der Kaffeemaschine. Sie sprechen gerade ebenfalls über ihre Mittagspläne. Nämlich darüber, wo genau es hingehen soll.

Wie die Eichhörnchen am Baum, jagen sich jetzt auch meine Kollegen, bloß auf verbale Weise.

Es wird gerade die Teilnehmerliste geklärt. Hier steige ich in die Lunch- Verhandlungen ein. Sehr schnell steht fest, wer heute leider schon was mit hat, wer im Meeting stecken wird und wer beim Lunch dabei ist. Prolog und Einführung der Figuren: Check! Den nächsten Akt, bitte! Es wird ein wenig komplizierter: Wo soll es zum Essen eigentlich hingehen? So recht mit der Sprache rückt gerade niemand raus. Es wird sich geziert und sich gegenseitig zum ersten Vorschlag aufgefordert. Witzig. Wie die Eichhörnchen am Baum, jagen sich jetzt auch meine Kollegen, bloß auf verbale Weise.

Als die heiße Kugel der Verantwortung nicht mehr weiter gegeben werden kann, schlägt der vegetarische Kollege die Salatbar der Mensa vor. Großes, wirklich großes Raunen weht durch die Küche. Der körperpositive Kollege nutzt den Moment für eine Pointe und insistiert humorvoll augenzwinkernd: Nein, das ginge nicht. Schließlich müsse er auf seine Form achten. Sein Manöver zeigt Wirkung und alle Kollegen der Runde steigen sichtlich amüsiert drauf ein. Eine hörbare belebte Diskussion beginnt. Schließlich gesellt sich eine weitere Kollegin hinzu. Sie stoppt an der Küchentür und steckt den Kopf durch die Tür. Während sie ihren folgenden Satz spricht, stellt sie sicher, dass sie jedes einzelne Paar Augen der Gruppe erreicht: “Pizza?“, fragt sie. Die Kollegen schauen sich gegenseitig an. Zucken zustimmend mit den Schultern und die Gruppe löst sich auf.

Ich nippe an meinem mittlerweile trinkbar warmen Kaffee. Zucke ebenfalls mit den Schultern und denke mir: Pizza. Wie überraschend. Hätte ich euch auch vorher sagen können.

Der Weg ist das Ziel

Nicht so eilig! Denn mit der Pizza ist es wie mit einem guten Bug-Fix: Das Ergebnis scheint oftmals so offensichtlich, dass schnell die Frage aufkommen kann, warum jetzt mindestens 4 Leute darüber diskutieren mussten und wo überhaupt das Problem lag. Was oftmals wesentlich schwieriger ist als die Lösung selbst, ist der Weg dorthin.

Menschen jagen sich in Meetings nämlich, vergleichbar mit unseren Eichhorn-Freunden, ebenfalls gerne den Baum hoch und runter. So werden aus kreativen Meetings beschauliche Ringelreigen mit Anfassen. Dann geht es oft nur noch darum, die ganze Zeit um den Baum herum zu tanzen und sich auszustechen, anstatt oben endlich gemeinsam die richtig dicken Nüsse genießen zu können.

Deshalb hier einige Tipps für dich, wie du deine Brainstormings und andere Meetings verbessern kannst.

Die Kantinen-Strategie

Als Europäer belächelt man manchmal das über Asiaten vorherrschende Vorurteil, es sei ihnen sehr wichtig, ihr Gesicht zu wahren. Bad News, everyone: Sowas haben wir im deutschsprachigen Raum auch! Bei uns ist die Ausprägung nur eine andere. Hier möchte niemand etwas sagen, was den sozialen Status innerhalb der Gruppe senken könnte. Also sagen wir der Sicherheit halber erstmal lieber … gar nichts. Dabei kann der erste Vorschlag als Diskussionsgrundlage dienen. Das löst oftmals die innere Beteiligungsblockade aller Teilnehmer.

Bei einer solchen Sozialdynamik verlieren ganz oft wirklich gute Ideen, weil sie zu früh verworfen wurden.

Stell einfach mal als Erster den schlechtesten Vorschlag in eine blockierte Gruppe und schau was passiert. Je schlechter, desto besser ist es eigentlich. Geht es ums die Mittags-Entscheidung, sag sowas wie McDonalds, Mensa oder Salatbar. Denn damit senkst du für alle Beteiligten die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Vorschlag noch schlechter sein könnte als deiner. Auf sowas können Menschen aufbauen und trauen sich endlich. Diese Taktik fördert oftmals wirklich gute Ergebnisse zu Tage.

Wie kommt das? Die Verhaltensökonomie des Menschen basiert auf Relativität. Wir scheinen von Natur aus so gebaut zu sein, dass wir in sämtlichen Handlungen Vergleiche durchführen um zu dem relativ betrachtet besten Ergebnis zu kommen. Wir wählen den mittleren Preis, weil dieser nicht der billigste ist, wir aber besser dabei weg kommen als mit dem teuren Angebot. Wir suchen uns von 3 Äpfeln in der Obstabteilung den schönsten aus, obwohl sie vermutlich alle genauso gut schmecken und genauso gesund sein werden. Indem wir einen offensichtlich schlechten Vorschlag in den Raum stellen, geben wir allen Beteiligten die Möglichkeit, einen vergleichsweise besseren zu machen. Da unserer bereits der schlechteste war, erhöhen wir somit die Chance, dass die Gruppe nun ihr Schweigen und ihre Scham bricht.

Kleine Experten-Gruppen

Immer noch kommt es in vielen Firmen vor, dass zu Meetings möglichst viele Menschen eingeladen werden. Das ist einerseits löblich, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt, schafft auf der anderen Seite aber eine Menge Komplexität in der Sozialdynamik. Je mehr Menschen mit an Bord sind umso mehr Menschen wollen sich in dem Termin-Ergebnis wieder finden. Grabenkämpfe werden ausgefochten und die Menschen sind unter Umständen gehemmt, unkonventionelle, aber besonders gute Vorschläge einzubringen.

Schaffe in Meetings eine Struktur, die als Stütze und Geburtshelfer für Ideen dient.

Auch wenn es gegen die firmeninterne Abteilungspolitik verstoßen mag, ist es manchmal sehr empfehlenswert, dass du ein Meeting in kleiner Experten-Gruppe durchführst. Stell die Ergebnisse im Anschluss gerne den Entscheidern oder anderen Dritten vor. Denn auch hier gilt: Menschen wollen abgeholt werden und wer stehen gelassen wird, rächt sich irgendwann. Da sind wir Menschen schon irgendwie seltsam drauf, oder?

Sollte es doch einmal zu unvermeidbar großen Kreativ-Meetings kommen, sorge entweder für eine Splittung in mehrere Sub-Gruppen oder moderiere das Meeting mit einer gewissen Struktur, die als Stütze und Geburtshelfer für Ideen dient. Das können Post It’s, Whiteboards oder seriöses Lego (Lego Serious Play) sein. Es gilt: Eingesetzt wird, was funktioniert!

Disney-Methode

Beim ersten lesen klingt der Name dieser Methode wirklich witzig. Dass Mr. Disney ein besonders kreativer Mensch gewesen sein muss, leuchtet schnell ein. Dass er jedoch vor allem ein besonders spannender Unternehmer war, vergessen wir gerne. Um die Vielzahl seiner Herausforderungen zu lösen und Lösungen zu schaffen, so sagt man ihm nach, hätte er sich einen ganz besonderen Kreativprozess angeeignet: die sogenannte Disney-Methode.

Kritik soll weder zerstören noch macht sie etwas nieder.

Dabei geht es darum, einen Ideenfindungs- oder Brainstorming-Prozess in klare Phasen zu unterteilen. Normalerweise führen wir ständig einen inneren Dialog mit uns selbst, der zunächst eine Idee zutage fördert und sie dann gerne gnadenlos niedermacht. Es werden alle Fehler an dieser Idee gesucht. Das gibt es auch in Teams. Jemand äußert eine Idee und drei andere kritisieren diese unmittelbar. Ob zu Recht oder zu Unrecht ist hierbei erstmal egal.

Warum? Bei dieser Sozialdynamik verlieren ganz oft wirklich gute Ideen, weil sie zu früh verworfen wurden. Die Idee erhält oftmals gar keine realistische Chance und unter Umständen entwickelt sich eine verklemmte Ideenkultur. Wir erinnern uns: Menschen möchten prinzipiell ihr Gesicht wahren. Daher sind Ideen kleine, zarte Pflänzchen. Mit dem richtigen und behutsamen Input können sie wachsen. Werden sie direkt Druck und schweren Umständen ausgesetzt, dann gehen sie schneller ein.

Die Disney-Methode ist also eine Art Kreativ-Protokoll. Hier eine vereinfachte Beschreibung des Ablaufs: Die Teilnehmerinnen vertreten in jeder Phase alle zugleich dieselbe von drei bestimmten Rollen, dem Visionär, dem Kritiker und dem Macher. Die erste Phase gehört dem Visionär. Es werden alle Ideen und Perspektiven gesammelt, egal wie abwegig oder verrückt diese zunächst klingen. Kritik ist nicht erlaubt.

Kritik ist erst nach Abschluss der Phase 1 an der Reihe. Kritik soll hierbei weder zerstören noch macht sie etwas nieder. Es ist wichtig, dass der Kritiker sich lediglich in neutralen Risiken oder Gegenargumenten äußert.

In Phase 3 kommt der Realist zu Tage. Er wägt Vision und Kritik gegen einander ab und überlegt sich Möglichkeiten, wie die konkrete Umsetzung oder Annäherung ans Ziel aussehen könnte. Heißt die Vision “Fliegen können wäre toll” und die Kritik lautet “Menschen können aber nicht fliegen”, so wäre es am Realisten, sich Gedanken darüber zu machen, das Spannungsgefüge zwischen Vision und Kritik mit realistischen Maßnahmen und Zielen auszufüllen.

Dieser Prozess hat übrigens noch ein paar weiterfolgende Phasen und je nach Ausprägung weitere Rollen. Details zu dieser Methode findest du beispielsweise bei Wikipedia.

Gelegentlich Experten oder Moderatoren hinzuziehen

Ich treffe in Unternehmen leider oftmals sehr respektlose und pessimistische Diskussionskulturen an. Die Mitarbeiter lassen sich  gegenseitig nicht aussprechen und jeder Ansatz einer potenziell guten Veränderung wird durch Kritik oder subtilere Gemeinheiten im Boden eingestampft. Dabei gehören “Das haben wir schon immer so gemacht!” oder “So lange ich hier bin, bleibt das auch so!” noch zu den harmloseren Aussagen.

Solltest du dich bedauernswerter Weise in einem solchen Unternehmensklima befinden, halte ich es für sehr empfehlenswert, externe Hilfe hinzu zu ziehen. Hier läuft nämlich gerade etwas so richtig falsch und vermutlich wird es niemand merken.

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