Kolumne: Karrieretipps

Innovative Software: Qualität vs. Release-Termin – was geht vor?
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Das kennt wohl jeder Entwickler: Der Release-Termin der neuen Software steht kurz bevor, doch man selbst hat größte Zweifel, dass die aktuelle Version den Endbenutzer überzeugen wird. Fehler und Schönheitskorrekturen können in der nächsten Version verbessert werden. Aber kann man den aktuellen Stand wirklich guten Gewissens präsentieren? Oder sollte man darauf drängen, den Release-Termin lieber noch einmal um gute vier Wochen zu verschieben?

Einige Schnittstellen harmonieren noch nicht richtig bzw. fehlen ganz. Die Abfragemaske sieht noch nicht sehr ansprechend aus und von intuitiv bedienbar kann auch noch keine Rede sein. Aber der Kunde will in zehn Tagen live gehen und der Projektleiter macht daher Druck, die Lösung trotz diverser Mängel als innovativ und technisch ausgereift zu verkaufen. Dieses Dilemma haben sicher die meisten Entwickler in einer ähnlichen Situation erlebt.

Innovationen entwickeln sich mit ihrem Anwender

Klar, ein Programm ist niemals in der ersten Version perfekt, und hätten große namhafte Softwarehersteller immer erst ihr Produkt dem Markt präsentiert, wenn es gemäß dem Ergebnis endloser Testreihen als fehlerfrei markiert worden wäre, so wären sie wohl niemals so erfolgreich geworden. Sie hätten den richtigen Augenblick verpasst, wären zu spät gestartet, und die Konkurrenz hätte für das gleiche Produkt (jedoch mit zahlreichen Fehlern) bereits die Marktführerschaft übernommen. Innovationen sind nie wirklich fertig, sie entwickeln sich mit ihrem Anwender. So lautet die Philosophie vieler großer innovativer Hersteller. Aber gilt das auch für das neue Versicherungstool oder das Personalmanagement- und -entwicklungssystem?

Seit Jahren arbeiten die Sachbearbeiter mit einem lauffähigen Programm, das jedoch den neuen digitalen Anforderungen mobiler App-Integration mit einfacher Bedieneroberfläche nicht mehr gerecht wurde. Nun ist das neue Tool zwar mehr oder weniger einsatzfähig, aber eine innovative Verbesserung wird für die Anwender auf den ersten Blick sicher nicht erkennbar sein. Das Dilemma ist also: Implementieren wir das neue Tool zeitgerecht als Betaversion mit dem Hinweis „User Acceptance Test unter Livebedingungen“? Dann ist das Geschrei der Anwender vorprogrammiert: „Früher war alles besser!“. Bittet man um eine Aufschiebung des Release-Termins, dann ist nicht nur der Projektleiter, sondern vor allem der Kunde bzw. die Fachabteilung oder das Management verärgert. Je nach Auftraggeber wird aufgrund der argumentierten Wettbewerbsnachteile womöglich noch eine Konventionalstrafe für zu späte Lieferung fällig. Der schwarze Peter liegt am Ende also auf jeden Fall beim Entwickler- und Testteam!

Ist das Tool wirklich einsatzfähig?

Die Gründe für dieses Dilemma können dabei vielschichtig sein: falsche Aufwandsplanung aufgrund des andauernden Kostendrucks, unzureichende Analysephase, zu wenig Testing, mangelnde Kommunikation und Abstimmung unter den verschiedenen Teams, Fehler im Projektmanagement und vieles mehr. Aber Schuldzuweisungen helfen im Nachhinein nicht mehr. Jetzt gilt es abzuwägen. Ist das Tool wirklich einsatzfähig, sind die noch bestehenden Fehler für den Anwender sichtbar und störend oder hinnehmbar? In welchem Zeitrahmen können die Fehler beseitigt werden? Und, ist noch Budget für Nachbesserungen vorhanden?
Und auch die Fragen: „Wie sieht ein realistischer Zeitplan für das nächste Release des fertigen Tools aus?“, „Welche Auswirkungen hätte die Verschiebung des Release-Termins für den Kunden und die eigene Reputation?“ und „Wie lassen sich solche Fehler zukünftig vermeiden?“, gilt es zu beantworten.

Qualitätsanforderungen gerecht werden – aber wie?

Fragen über Fragen. Aber was ist letztlich der richtige Weg? Allein kann man diese Fragen nicht beantworten und oft wird einem die Entscheidung, trotz aller Risiken dennoch live zu gehen, ohnehin durch den Projektverantwortlichen abgenommen. Aber wie stellt man sich als Entwickler zu einem Ergebnis, das nicht den eigenen Qualitätsanforderungen gerecht wird? Auf jeden Fall nicht den Nörgler spielen und jegliche Verantwortung von sich schieben, sondern konstruktiv an die Sache herangehen!

  • Tragen Sie Ihre Bedenken sachlich vor, beispielsweise, dass die Software nicht Ihrem Qualitätsbewusstsein entspricht, und stellen Sie die Probleme in einer Übersicht dem Projektverantwortlichen dar.
  • Legen Sie einen realistischen Plan zur Nachbesserung vor, der auch die Aufwände berücksichtigt.
  • Nennen Sie die Gründe und Ursachen für die aufgetretenen Probleme und zeigen Sie auf, wie man es künftig besser machen könnte.
  • Bieten Sie Ihre Hilfe bei der Risikoabschätzung an, wenn das System mit den aktuellen Problemen live geht und zeigen Sie, wie man die Risiken im Rahmen einer zügigen Nachbesserung gering halten kann. Gehen Sie dabei auch auf notwendige Voraussetzungen und Ressourcen ein, die für eine schnelle Nachbesserung nötig sind.

Und wenn das alles kein Gehör findet, jedoch direkt bei der Einführung des Systems die Reklamationen vom Kunden laut werden? Dann sparen Sie sich Kommentare wie „habe ich ja gleich gesagt“. Kommen Sie zurück auf Ihren Fehlerbeseitigungsplan und zeigen Sie sich einfach gut vorbereitet. Bleiben Sie Ihren Prinzipien und Qualitätsanforderungen treu, aber lassen Sie sich nicht im Nachhinein auf sinnlose Diskussionen ein. Akzeptieren Sie den aktuellen Zustand und versuchen Sie, das Beste daraus zu machen.

Fazit

Nichtsdestotrotz: Wenn Sie feststellen, dass Sie langfristig nicht mehr hinter den Lösungen, die in Ihrem Unternehmen entwickelt werden, stehen können, weil die Qualitätsanforderungen dem Kostendruck zum Opfer gefallen sind, dann denken Sie über ein neues Umfeld nach. Vielleicht sind Sie auch nur noch mit Nachbesserungen beschäftigt, anstatt sich um neue innovative Systeme zu kümmern. Auch dann wird es Zeit, über neue berufliche Wege nachzudenken. In allen Unternehmen wird heute zwar genau auf die Kosten geschaut, Programmiertätigkeiten und Services werden ausgelagert, und es können Probleme in der Abstimmung passieren. Doch schon aus Wettbewerbssicht sollten aktuelle Themen wie Digitalisierung oder Cloud Services mit hohem Qualitätsanspruch angestrebt werden. Perfekte Lösungen gibt es nicht. Fehler können immer auftreten. Und es gilt, diese zu beseitigen und künftig aufgrund von Erfahrungen zu vermeiden.

Letztlich sollte aber immer der Anspruch bestehen, qualitativ hochwertige Softwarelösungen und benutzerfreundliche Anwendungen zu entwickeln. Moderne und bewährte Entwicklungstools, agile Methodiken sowie ein sauberes Projektmanagement helfen dabei, diese Vision in die Realität umzusetzen. Machen Sie aus einer „mission impossible“ daher eine „mission incredible“. Vor allem aber: Halten Sie an Ihren hohen Qualitätsanforderungen fest!

Machen Sie mit!
Sie können unter karrieretipps@windowsdeveloper.de gerne Fragen, Probleme und Erfahrungen loswerden, die von Yasmine Limberger dann aufgenommen und beantwortet werden – ohne Nennung Ihres Namens. Nutzen Sie die Gelegenheit!

Aufmacherbild: Time management concept via Shutterstock / Urheberrecht: Visual Generation

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