Breakpoint Wilson: Warum du unbedingt Talks vor anderen Menschen halten solltest

Vorträge halten – 6 Tipps für Einsteiger
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Wie ist es eigentlich, vor anderen Menschen zu sprechen? Und, viel wichtiger, warum sollte man das unbedingt tun?

Regelmäßig werde ich hinter verschlossener Tür von Kolleginnen und Kollegen viele Dinge zum Thema „Vorträge halten“ gefragt. Oft haben sie bedenken, ersuchen Ermutigung oder bloße Rückversicherungen. Das Thema kommt wirklich oft zur Sprache.

Deshalb möchte ich mit dieser Ausgabe des „Breakpoint Wilson“ einmal darauf eingehen, wie es ist, Vorträge zu halten – und die Frage beantworten, warum du das unbedingt zumindest mal ausprobiert haben musst.

Auch du kannst und sollst Vorträge halten

Ich gehe davon aus, dass du ebenfalls gerne und regelmäßig Konferenzen besuchst. Anfangs erscheint einem diese ganze Welt sehr magisch, fast spirituell. Vorne auf der Kanzel steht jemand und schenkt der Menschheit neue Wahrheiten. Also diesmal die wirklich richtig neuen Wahrheiten, nicht die von letztem Jahr oder dem Jahr davor …

Der Platz da vorne gehört nicht nur einigen Menschen – er gehört auch dir!

Viele Besucher halten die Menschen auf dem Podest für unantastbare Halbgötter. Viele vermuten: Wer es dort hoch geschafft hat, hat es bestimmt bereits überall geschafft. Lass mich ehrlich sein: Der Platz da vorne, auf der anderen Seite des Beamers, gehört nicht nur einigen wenigen Menschen; der gehört allen. Auch dir – du musst ihn dir nur holen. Du solltest ihn dir sogar dringend holen! Warum das?

Jeder hat etwas beizutragen

An einem Ort, an dem sich gebündeltes Branchen-Wissen sammelt, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass lediglich fünf Prozent der Anwesenden spannende Beiträge leisten können. Genau deshalb würde ich mir wünschen – und mich wirklich sehr freuen –, viel öfter mehr und regelmäßig neue Gesichter auf dem Podium zu sehen, neue Geschichten zu hören und neue Ansichten kennenzulernen.

Starkult ist zwar etwas Feines (man kann T-Shirts und Mousepads der Leute bestellen), bringt uns nur gesellschaftlich und wirtschaftlich nicht weiter. So wie jede Monokultur, wird uns auch eine Speaker-Monokultur nicht signifikant weiterbringen. Viel schlimmer sogar, doch dazu gleich mehr.

Dieses Kribbeln im Bauch ♫

Ich weiß, dass dir der Gedanke, öffentlich vor Menschen zu sprechen und Vorträge zu halten, vielleicht Unbehagen bereitet. Doch gewiss ist: Wenn du dich traust, über deinen eigenen Schatten zu springen und vor Menschen zu sprechen, kannst du viel gewinnen. Als ich damals das erste Angebot zum Halten eines Workshops bekam, wurde mir zuerst übel; und dann folgende Szenarien klar:

  • Du sagst ab und nichts passiert. Du schluckst die blaue Pille, gehst heute Abend ins Bett und morgen früh hat sich nichts getan. Nichts ändert sich.
  • Du schluckst dir rote Pille, hältst den Workshop und setzt dich damit voll in die Nesseln. Das wird kurz weh tun, und nach einem halben Jahr hat es jeder vergessen. Nichts ändert sich.
  • Du schluckst die rote Pille, hältst den Workshop und es wird gut gehen. Von da an kann es weitergehen.

Weil ich Möglichkeit C gewählt habe, liest du heute diesen Beitrag. Wenn du den Wunsch hast, dein Wissen mit deinen Mitmenschen zu teilen und ein wenig zurückzugeben, kann ich es dir nur herzlichst empfehlen, in naher Zukunft deinen ersten Talk zu halten. Mit ein wenig Geduld und Fleiß werden tolle Dinge passieren.

What’s in for me?

Was hast du also davon, dir zusätzliche Arbeit zu machen und Vorträge zu halten? Das Risiko des Versagens auf dich zu nehmen? Wildfremden Menschen kostenlos etwas von deinem wertvollen Wissen zu schenken?

Du wirst neue Freunde kennenlernen, wenn du Vorträge hältst und dabei die Chance erhalten, andere von guten Dingen zu begeistern.

Du wirst neue Freunde kennenlernen, die Chance erhalten, Menschen von guten Dingen zu begeistern und je nach Commitment Fleiß-Stempelchen im Buch der Gesellschaft sammeln.

Von diesen Fleiß-Stempelchen darfst du dir dann sehr wahrscheinlich irgendwann was aus der Überraschungskiste des Lebens schnappen. Leider greift man da meistens rein ohne hinzusehen, doch das ist eigentlich ganz okay; dann freust du dich am Ende viel mehr über das, was du ergattert hast.

Diese kleinen Überraschungen können oftmals im kommenden Verlauf der Karriere sehr nützlich sein und unvorhergesehen in dein Leben treten: Neue Stellenangebote, Beförderungen, Vitamin-B, Einladungen in andere Länder, Fame oder einfach nur jemand, der dir nach 10 Jahren sagt: „Danke, dein Beitrag damals hat mir wirklich sehr weitergeholfen. Wegen dir können heute 20 Angestellte bei uns arbeiten und privat ein gutes Leben führen.“

So oder so: regelmäßiges Sprechen und Präsentieren hat viele Vorteile für andere Menschen und dich selbst. Dabei solltest du aber keinesfalls vergessen, dass es in erster Linie um deine Zuhörer geht. den anderen einen Mehrwert zu bieten, weniger deinen Vorteil zu sehen. Kurzum: PVOT – Put Value Out There!

What’s in for all of us?

Genug der verhaltensökonomischen Kraulerei, sprechen wir jetzt lieber mal über die Chancen im Big Picture: Was haben wir als Gesellschaft davon, wenn sich mehr Menschen trauen, Vorträge zu halten und öffentlich Wissen zu teilen?

Es ist wirklich wichtig, Wissen zu teilen, Nachwuchs aufzubauen und Talente zu fördern.

Laut Management-Experte Fredmund Malik leben wir schon heute gleichzeitig in einer Informations-, Wissens-, Organisations- und Komplexitäts-Gesellschaft. Durch den Wegfall traditioneller Paradigmen, wie dem industriellen Arbeitsverständnis und zunehmenden Rückgang materieller Arbeit, werden die Anforderungen an diese vierteilige Gesellschaft noch intensiver werden.

Um diese Herausforderung Gesellschaftlich stemmen zu können, werden viel mehr Menschen in die Gilden der Erklärbären und zweibeinigen Wikis eintreten müssen. Sicherlich ist das nur ein Teil des Puzzles, aber immerhin eines, das du selbst sehr einfach einfügen kannst.

Als Menschen mit Software-Tiefenwissen sind wir an der Spitze dieses Wandels. Nur wenige außerhalb unserer Berufsgruppe begreifen die systematischen Zusammenhänge und Auswirkungen der abstrakten Technologien. Beste Beispiele sind unsichtbare Dinge wie REST, Blockchains oder die Erkenntnis-Potentiale, die in existierenden oder neuen Datenmodellen stecken.

Um den bevorstehenden Herausforderungen, die an Wirtschaft und Gesellschaft gestellt werden, beruhigt entgegentreten zu können, ist es wirklich wichtig, Wissen zu teilen, Nachwuchs aufzubauen und Talente zu fördern. Sich im Großen wie im Kleinen mit Menschen zu unterhalten, zu inspirieren und Wissen weiterzugeben. Das kannst du entweder sehr mühsam in unheimlichen vielen Einzelgesprächen machen, oder du packst den Stier bei den Hörnern, indem du dich auf die andere Seite des Beamers stellst: Sprich vor vielen Menschen, halte Vorträge, schreibe für viele Menschen oder dreh Videos.

6 Tipps für den Einstieg

Zu den Themen wie man richtig Präsentiert und wie ein Talk aufgebaut sein soll, kann man ganze Bücher schreiben – und bereits zahlreiche Bücher kaufen. Dazu wurde meiner Meinung nach schon mehr als genug veröffentlicht.

Genau deshalb möchte ich dir lieber ein paar ermutigende Tipps und Hinweise mitgeben; Dinge die ich damals in keinem der Blogs und Bücher finden konnte, die, wie ich finde, aber unheimlich stark Angst vor dem freien Vortrag nehmen können. Ich möchte dir dabei helfen und dich ermutigen, selbst einmal auf der anderen Seite des Beamers zu stehen und einen Talk auf einer Konferenz zu halten.

1. Niemand kommt, um dich scheitern zu sehen

Solltest du also Angst davor haben, dass die Besucher deines Vortrags dich vorne zur Schau stellen, dann geh erstmal davon aus, dass niemand dich scheitern sehen will. Niemand überredet mühsam ihre Chefin, Budget und Zeit für eine Konferenz frei zu machen, nur um dann genau dich vor dem Publikum klein zu machen. Ganz im Gegenteil, jemand interessiert sich anscheinend sogar für das Thema, dass du angemeldet hast; sonst säße diese Person nämlich ganz wo anders. Gemeinsamkeiten schaffen Sympathie und verbinden. Ein Raum voller Leute ist eine riesengroße Gemeinsamkeit; eine super Gelegenheit, um wie mit Freunden über ein gemeinsames Interesse zu sprechen.

2. Sprich zu den Menschen wie zu Freunden

Betrachte einen Talk oder Workshop lieber als eine gute Zeit unter Freunden. Eigentlich mag niemand den Oberlehrer, und niemand möchte der Oberlehrer sein – niemand muss perfekt sein. Auf der anderen Seite des Beamers stehen bedeutet trotzdem, ein Mensch zu sein. Bleib authentisch. Du sollst nicht alles deiner Person offenlegen oder dich ungehobelt ausdrücken; es bedeutet lediglich, in einem Rahmen zu präsentieren, der zu deiner natürlichen Person passt. Es wird dir auf Dauer wesentlich einfacher fallen, diese Persona beizubehalten. So wirst du dich auf Dauer wesentlich besser damit fühlen, mit deinem Publikum wie mit Freunden anstatt wie mit Unwürdigen zu sprechen.

3. Gib Menschen was mit nach Hause und sei unterhaltsam

Gute Konferenzen sind unterhaltsam und informativ zugleich. Eine Konferenz, auf der man nur Spaß hat ohne dabei etwas zu lernen, nennt man eine Party. Eine Konferenz, auf der Spaß verboten ist, man stattdessen ohne Ende trockenes Wissen reingedrückt bekommt, nennt man eine Vorlesung. Irgendwo dazwischen liegt die Erwartungshaltung des durchschnittlichen Konferenzteilnehmers: Auf unterhaltsame Art und Weise eine Palette spannender Themen kennenlernen und eine gute Zeit zu haben.

Versuche also, anderen den Talk zu bieten, dem du als Teilnehmer liebend gerne 45 Minuten deiner Lebenszeit schenken würdest. Genau, diese Menschen schenken dir ihre Aufmerksamkeit. Sag danke und schenke durch guten Inhalt etwas zurück – dann geht nichts schief.

4. Ich habe nichts zu sagen

Nun gut, irgendwann sind einige Themen so abgenagt wie Suppenknochen im Hundezwinger. Hingegen bezweifle ich, dass du nichts zu sagen hast. Das denkt man ganz oft von Dingen, sie selbstverständlich für einen selbst sind. Vielleicht nicht in einem 60-Minuten-Format, aber irgendwas Spannendes, was jemand anderes auch spannend findet, gibt es immer.

Kleiner Tipp: Veranstaltungen, die Lightning Talks anbieten, sind für genau dieses Format gedacht und bestens geeignet. Außerdem sind Lightning Talks perfekt, um zunächst mal anzutesten, wie wohl du dich auf der anderen Seite des Beamers fühlen wirst. Los, teilnehmen!

Bonus Material zum Thema „Ich habe nichts Interessantes zu sagen“:

David Foster Wallaces This is Water

5. Kleine Konzerte sind schwieriger als Große

Menschen fürchten sich in der Regel davor, vor einer Menge Menschen zu sprechen. Hier ein kleines Geheimnis: Vor einer kleinen gemütlichen Menschenmenge Vorträge zu halten, ist viel schwieriger als vor einer Großen. Vor vielen Menschen kann man sprechen, als sei niemand da. Bei großen Menschenmengen ist Augenkontakt ist in Wirklichkeit gar nicht möglich. Auch sinkt mit steigender Publikumsmenge, die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand während des Talks an dich wendet oder dazwischenruft. Dein Publikum unterliegt nämlich ebenfalls der Angst, offen vor vielen Menschen zu sprechen – da wird niemand so schnell aufstehen. Relax!

Wie in meinem Breakpoint über Rockstars und Ninjas, habe ich hier auch wieder etwas aus der Kampfkunst Aikido gelernt: „Begegne dem einen wie vielen, und den vielen wie einem.“ Beim Sprechen bedeutet das konkret, dass deine Speaker-Routine immer die gleiche sein kann. Egal, wie groß dein Publikum ist. Konzentriere dich auf deine Ausführung und nicht auf die Teilnehmer. Schaue in den Raum, lass dich nicht durch Seitengespräche oder fehlendes Feedback irritieren. Egal, was passiert, bleib bei deinem Flow.

6. Die eigene Verunsicherung abbauen

Solltest du also doch mal auf einem kleinen Konzert spielen, dann wirst du zwangsläufig die Gesichter der Menschen sehen. Das könnte dich verunsichern. Menschen, die sich einen Talk anschauen und dir interessiert folgen, sehen oftmals genauso aus wie Menschen, die absolut unbegeistert zu sein scheinen. Ohne Mist! Bis ich das verstanden hatte, habe ich viele Schweißperlen in Konferenzräumen gelassen.

Solltest du also bei kleinen Konzert das Feedback des Publikums zu deiner eigenen Rückversicherung suchen, picke dir im Laufe deines Talks ein dir freundlich gesonnenes Gesicht aus der Menge. Baue mit dieser Person eine Verbindung auf (Besucher = Freunde!). Gerade zu Beginn deines Wegs als Sprecherin oder Sprecher kann dir das den nötigen Rückhalt während deiner Performance geben. Über die Jahre und bei regelmäßigem Vorträge-halten solltest du diese Bestätigung immer weniger benötigen.

Ein Zückerli zum Schluss

Ich hoffe, ich konnte dich mit diesem Breakpoint ermutigen, ernsthaft darüber nachzudenken, deinen ersten Versuch als Speakerin oder Speaker zu starten. Lass es ein wenig auf dich wirken – dann tue es! Solltest du noch weitere Fragen haben oder ein zweites Paar Augen brauchen, melde dich gerne über denniswilson.de oder Twitter bei mir. Dann schauen wir uns an was du vor hast und wer dir dabei vielleicht am besten weiterhelfen kann.

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