Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Anett Lippert

Women in Tech – „Weicht aus, aber nie zurück“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Anett Lippert, Software Development Architect bei SAP SE.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Anett Lippert

Heute erzählt uns Anett Lippert, Software Development Architect bei SAP SE, ihre Geschichte. Nach dem Abitur im Jahr 1999 studierte Anett Informatik an der FSU Jena mit Schwerpunkt Softwaretechnik. 2004 hat sie im Zuge ihrer Diplomarbeit bei SAP SE begonnen zu arbeiten. Dabei war sie bis 2010 in der Anwendungsentwicklung als Entwicklerin und Architektin tätig. Dann folgte ein Wechsel in die Technologiebasis, wo sie im Bereich Security ein neues Berechtigungskonzept erarbeitete und aktuell an Sicherheitskonzepten für die Cloud-Lösung arbeitet.

anett lippert

Als Tochter von zwei Ingenieuren kam Anett schon sehr früh in Kontakt mit Technik:

 Mein Vater tüftelte gern im Wohnzimmer. Ich fand das sehr spannend und so habe ich da meinen ersten Lötkolben in Händen gehalten und gespannt auf ein Oszilloskop geschaut. Mathematik und Physik waren neben Kunst meine Lieblingsfächer in der Schule. Allerdings war es meine Mutter, die mir Mathe verständlich erklärte.

Dadurch war der Grundstein für eine Karriere in der Tech-Branche quasi schon gelegt:

Bis auf einen Ausflug in die Geophysik im ersten Semester verlief mein beruflicher Werdegang sehr geradlinig. Nach dem Abitur mit dem ersten Hauptfach Mathematik und Nebenfächern wie Physik und Informatik habe ich Informatik auf Diplom studiert und mit meiner Diplomarbeit den Einstieg in die SAP gefunden. Dann habe ich lange im Bereich Anwendungsentwicklung gearbeitet – zunächst als Softwareentwicklerin, später dann in der Rolle als Software Development Architect eines Scrum-Teams.

Danach zog es mich zur Technologieplattform für Anwendungsentwickler. Hier bin ich seit fast sechs Jahren als Software Development Architect im Bereich Security tätig. In meinem jetzigen Tätigkeitsbereich habe ich maßgeblich ein neues Berechtigungskonzept miterfunden, mitentwickelt und bin auch Miteigentümer des dazugehörigen Patents.

Auf ihrem Weg dorthin hat Anett viel Unterstützung erfahren, musste manchmal aber auch Hürden überwinden:

Neben meinen Eltern habe ich auch viel Unterstützung durch die meisten meiner Manager bei SAP erfahren. Mir wurden schwierige Themen übertragen, an denen ich mich beweisen und von erfahrenen Kollegen lernen konnte. Viel Unterstützung erhalte ich auch täglich von meinem Mann. Besonders jetzt mit Kind teilen wir uns die elterlichen Aufgaben und die Arbeit im Haushalt.

Es gab aber auch zwei Herausforderungen, die ich meistern musste. Ich hörte zum Beispiel nach meiner Hochzeit die Behauptung, dass ich jetzt Kinder bekommen und zu Hause bleiben wolle. Auch fand mich jemand im Gegensatz zu gleichaltrigen männlichen Kollegen zu jung, um befördert zu werden. Dank meiner Hartnäckigkeit und starkem Willen konnte ich mich schließlich aber doch durchsetzen.

Leider schaffen es aber nicht alle Frauen, diesen Schritt zu gehen. Viele geben lieber nach und suchen sich einen Job abseits der Tech-Branche.

Es fehlen einfach die Vorbilder sowohl in den Familien als auch in den Schulen und Unternehmen. Ich kann kaum noch zählen, wie oft ich schon von anderen Frauen in Bezug auf meinen Job als Informatikerin gehört habe „Das könnte ich nicht“.

„Es fehlen weibliche Vorbilder.“

Diese Frauen haben es meistens nie wirklich ausprobiert, da sie keinen Zugang zum Thema durch ihr Umfeld hatten, oder der einzige männliche MINT-Lehrer ihnen erklärte, dass „Frauen das eben nicht können“. Zudem fehlt ein Großteil der weiblichen historischen Vorbilder in den Schulbüchern – von Marie Curie und ihren beiden Nobelpreisen habe ich erst nach meiner Schulzeit durch Zufall erfahren.

Entscheiden sich Frauen dann doch für einen technischen Beruf, stehen sie einer zum Teil sehr rauen Männerwelt gegenüber, in der es so scheinbar keinen Platz für sie gibt. Da braucht es die nötige Überzeugung, den Mut und den entsprechenden Rückhalt, um dem entgegenzutreten.

Deshalb ist es so wichtig, dass mehr Frauen in der Tech-Branche präsent sind:

Mehr Frauen bedeuten mehr Vorbilder und mehr Gegenbeweise gegen Vorurteile. Fachlich und wirtschaftlich sollte jedes Unternehmen und Institut daran interessiert sein, die besten Köpfe zu gewinnen. Dabei ungefähr die Hälfte der Menschen erst gar nicht in Betracht zu ziehen, ist ignorant und auch schon längst als Problem erkannt.

Mehr Frauen in Tech heißt mehr Gegenbeweise gegen Vorurteile.

Da die MINT-Bereiche aus komplexen Aufgaben bestehen und eine hohe Qualifikation erfordern, werden sie auch sehr gut bezahlt. Dadurch werden Frauen finanziell unabhängig. Aktuell bietet Industrie 4.0 viel Raum für Innovation. Hier werden neben den technischen Rahmbedingungen auch die Anwendungsfelder immer größer. Dabei können Frauen entscheidende Beträge leisten.

Anett ist der Ansicht, dass die Diversity-Debatte noch lange Teil des öffentlichen Diskurs’ sein wird und das auch bleiben sollte:

 Grundsätzlich wird Diversity noch lange ein Thema bleiben, da es nicht nur um die Chancengleichheit von Frauen geht, sondern um viele Gruppen, die auf Grund von Hautfarbe, Religion, Aussehen, etc. von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die Frage, ob alle Menschen die gleichen Möglichkeiten passend zu ihren Fähigkeiten bekommen, sollten wir uns daher noch lange stellen.

Im Bereich der Chancengleichheit für Mann und Frau gibt es noch eine lange Liste von Vorurteilen, Falschinformationen und gefestigten Rollenmodellen auf beiden Seiten, die es zu überwinden gilt. Mit jeder Frau mehr, die einen technischen Beruf erlernt und jedem Mann mehr, der einen sozialen Beruf wählt, werden all diese Bilder im Kopf der Menschen revidiert. Irgendwann kommen uns diese Klischees so absurd vor, wie heute die Behauptung von vor 50 Jahren, dass Frauen unfruchtbar würden, sollten sie Läufe von mehr als 800 Metern Länge bestreiten.

In der Tech-Branche gibt es für Frauen unzählige Möglichkeiten. Anett gibt Einsteigerinnen folgende Tipps mit auf den Weg:

Lösungen für komplexe Aufgaben zu finden, ist ein tolles Gefühl. Glaubt an euer Talent, eure Fähigkeiten, seid mutig, geht euren Weg Schritt für Schritt und weicht eventuell aus, aber nie zurück. Sucht euch ein Umfeld, das euch in eurem Können unterstützt. Es gibt keine geschlechtsspezifische Unbegabtheit bei Mathematik oder Physik.

Ich arbeite als dezentrale Ausbilderin für die duale Ausbildung und habe mich am CyberMentor-Projekt als Mentorin beteiligt. Immer wieder stelle ich dabei fest, dass junge Frauen ihre Qualifikationen deutlich unter Wert verkaufen und junge Männer das bessere Selbstmarketing beherrschen. Frauen sollten selbstbewusster auftreten.


Wie sind eure Erfahrungen als Frauen in der Tech-Branche? Und wie seht ihr Männer das – fehlen euch qualifizierte Frauen als Kollegen? Schickt uns eure Erfahrungen, Meinungen, Wünsche per Mail an redaktion@entwickler.de!

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