Interview mit Balwinder Kaur, Principal Software Engineer bei AppDynamics

Women in Tech: „Der Frauenanteil in MINT-Berufen sollte ein Spiegelbild der Weltbevölkerung sein“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Balwinder Kaur, Principal Software Engineer bei AppDynamics.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Balwinder Kaur, Principal Software Engineer bei AppDynamics

Balwinder Kaur

Balwinder Kaur ist Principal Software Engineer bei AppDynamics und Gründungsmitglied des IoT-Teams. Bevor sie bei AppDynamics arbeitete, entwickelte sie ein Cloud-fähiges Set von Video-Streaming-Entwickliungstools für den IoT-Markt. In der Vergangenheit hat sie außerdem Mobile-Plattformen, Android-Apps, Enterprise Software und ihr eigenes Startup aufgebaut. Balwinder ist auch Teil des Führungsteams der Women@AppD-Initiative zur Gestaltung eines integrativeren Arbeitsplatzes.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Der Weg zu den Ingenieurswissenschaften war für mich selbstverständlich, da ich schon immer ein Interesse an Mathematik und Physik hatte. Ich habe meinen Bachelor in Elektrotechnik und Kommunikation gemacht und begann mich während meiner Studienarbeit für Informatik und Computertechnologie zu begeistern. So entschied ich mich für ein Doktoratsstudium, um in diesen Feldern zu arbeiten.

Das erste Mal, dass ich mich als Minderheit fühlte, war zu dem Zeitpunkt, als ich mein Bachelorstudium in Ingenieurswissenschaften begann. Vor der Hochschulzeit gab es in meinen Schul- und Grundschulklassen sehr starke Mädchengruppen, die sich für die MINT-Fächer interessierten. Aber als ich dann den Kursraum der Hochschule betrat, fühlte es sich an wie die Szene aus „Hidden Figures“, als Katherine Johnson zum ersten Mal die Abteilung für Flugforschung der NASA in Langley betrat. Jeder starrt dich an und erwartet nicht, dass du irgendwann einmal kompetent oder im Recht sein wirst. Meine Kommilitonen (und sogar einige Professoren) trauten mir das Studium nicht zu.

Jemand stellte offen in Frage, dass eine Frau einen Ingenieurabschluss sinnvoll nutzen würde.

Als eine von zwei Frauen in einem Kurs mit 30 Teilnehmern und zumeist männlichen Professoren, war die Universität eine harte Lernumgebung. Viele der Studenten und auch einige Professoren machten subtile und weniger subtile Andeutungen darüber, dass ich nicht willkommen war. Jemand fragte mich sogar ganz direkt: „Warum bist du hier?“ Er stellte offen in Frage, dass eine Frau einen Ingenieurabschluss sinnvoll nutzen würde. Es war offensichtlich, dass er das Gefühl hatte, ich hätte meinen Platz in dem Kurs nicht verdient.

Da ich keine wirklich gute Lösung parat hatte, um die Denkweise von anderen Menschen zu verändern, konzentrierte ich mich auf mein Studium. Diese Jahre waren nicht leicht. Es brauchte einiges an Durchhaltevermögen, nur um weiterzumachen. Schließlich habe ich mehr getan als nur „weiterzumachen“: Ich habe mich selbst übertroffen. Das änderte viele Ansichten darüber, wer ich war und was ich im Ingenieurwesen tat. Und so änderten viele meiner Kommilitonen kurz vor dem Abschluss ihre Einstellung und begannen mich für das, was ich war, zu respektieren – als Ingenieurin und als Person.

Ein starkes Unterstützungssystem

Als ich aufwuchs und während meiner frühen Karrierejahre waren meine Eltern meine größten Unterstützer. Sie sagten mir nie, dass ich etwas nicht tun könne und lehrten mich Lektionen, die ich bis heute beherzige.

Mein Vater, der eines meiner Vorbilder ist, hat mich eine der wichtigsten Lektionen gelehrt: Wie man richtig mit anderen kommuniziert. Ich hatte nie Probleme, mich zu äußern oder zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Das kann für diejenigen, die mich nicht kennen, etwas gewöhnungsbedürftig sein. Also hat mich mein Vater darin trainiert, zu dem zu stehen, was ich sage, aber es auf eine Weise zu sagen, die leicht zu verdauen ist und die zum Gespräch einlädt. „Strikt, aber freundlich“ war sein Mantra.

Heute gibt es Vorurteile gegen Entwicklerinnen, früher gab es die gegen Mathematikerinnen.

Meine Mutter war für ihre Zeit eine Vorreiterin. Genau so, wie es heutzutage viele Vorurteile darüber gibt, dass Frauen ausgezeichnete Ingenieure sein können, gab es zu ihrer Zeit auch den Glauben, dass Mädchen keine Mathematik betreiben können! Sie absolvierte ihr Mathematikstudium mit Auszeichnung und wurde sofort zur Assistenzprofessorin ernannt, um an der Hochschule für Männer Graduiertenkurse zu unterrichten (damals waren sie noch nach Geschlecht getrennt). Sie spricht oft von der Zeit, in der die Männer in den Kursen größer und einschüchternder wirkten. Doch obwohl sie sich innerlich ein wenig ängstigte, unterrichtete sie und leitete ihren Kurs weiterhin mit Selbstvertrauen und höchster Professionalität. Ich schätze, dass es in Ordnung ist, wenn man ab und zu ein wenig Angst hat!

Mein Mann und meine Söhne sind ebenfalls sehr hilfsbereit und sehr stolz auf meine Arbeit. Oft habe ich den Glauben an mich selbst verloren, aber mein Mann hat in mir ein Potenzial gesehen, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existiert. In dieser Hinsicht habe ich großes Glück gehabt – so viele Menschen, die mich unterstützen!

Vorbilder

Ich habe ein Vorbild aus der Geschichte der Sikh – Mai Bhago. Als ihr Ehemann und die anderen Männer aus dem Dorf beschlossen hatten, den Pfad der Gerechtigkeit zu verlassen und den leichten Weg zu nehmen, um Konflikten auszuweichen, gab sie ihnen nicht nur ihre Meinung zum besten, sondern wählte den Weg der Schlacht und kämpfte für die Rechte der Unterdrückten. Ich liebe den Teil, in dem sie ihrem Mann und seinen Freunden eine Standpauke hält, weil sie Feiglinge sind!

Aus der heutigen Zeit gibt es noch zwei weitere Frauen, die ich sehr inspirierend finde. Eine davon ist Megan Smith, die unter Präsident Obama als CTO des Weißen Hauses tätig war. Ich habe ihren Vortrag bei der Google I/O gesehen, als sie noch als Vice President von Google X tätig war. Bei der TechCrunch Disrupt habe ich sie dann erneut getroffen. Beim zweiten Mal nahm sie sich Zeit für ein nettes aber kurzes Gespräch. Ich war richtig berührt von ihrer bescheidenen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

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Ein weiteres meiner weiblichen Vorbilder ist Madeleine Albright, die erste weibliche Außenministerin der USA. Ich nahm an ihrem Vortrag auf der Watermark Conference teil und schätzte ihre Worte über ihren Vater, Josef Korbel. Da es ihm, einem Einwanderer aus der Teschoslowakei, möglich war, zwei Staatssekretärinnen auszubilden, sei alles möglich.

Gab es Menschen, die versucht haben dich vom Lernen und deinen professionellen Zielen im Leben abzuhalten?

Im Allgemeinen lassen sich Menschen in drei Kategorien einordnen: Menschen, die andere respektieren, egal wie deren Hintergrund aussieht. Dann gibt es Menschen, die sich dafür entscheiden, nicht zivilisiert gegenüber den meisten anderen Menschen zu sein. Und dann sind da noch die Menschen, die es niemals gelernt haben mit unterschiedlichen Arbeitskollegen zusammenzuarbeiten. Die beiden letztgenannten Kategorien haben mich während meiner gesamten beruflichen Laufbahn behindert, sobald ihre Vorurteile das rationale Denken überschatteten. Es kann auf subtile Weise stattfinden, daher muss man den Signalen besondere Aufmerksamkeit schenken.

Unangenehme Arbeitsbedingungen sollten sofort zur Sprache gebracht werden.

In einem meiner vorherigen Jobs erlebte ich etwas sehr ungewöhnliches. Ich leitete eine Initiative im Bereich der Geschäftsstrategie. Während der Meetings schienen alle energisch zu sein und es gab einen Konsens, die Arbeit zu erledigen. Aber sobald die Sitzung vertagt wurde, passierte einfach gar nichts mehr. To-do-Listen wurden nicht abgearbeitet, was sich immer weiter verbreitete. Ich versuchte herauszufinden, was das Problem war, konnte es aber nicht. Es war ehrlich gesagt ziemlich verwirrend. Schließlich entdeckte ich, dass das Problem ein männlicher Kollege (der Teamleiter) war, der einfach nicht wusste, wie man gemeinsam mit Frauen arbeitet!

Mein Ratschlag an alle, die sich unangenehmen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sehen, ist, es sofort zur Sprache zu bringen. Meistens meinen die Leute es nicht böse. Sie verstehen einfach nicht die Auswirkungen dessen, was sie sagen oder tun. Man sollte Probleme und Kommentare im richtigen Moment ansprechen und nach dem Motto „Strikt, aber freundlich“ vorgehen. Es ist gut, Techniken zu erlernen, um Feedback zu geben und es im Gegenzu auch zu akzeptieren. Ich verwende gerne die Spielkartenmethode von den LifeLabs aus New York und gebe gleichzeitig positives Feedback als auch konstruktive Kritik.

Was war der stolzeste Augenblick deiner Karriere?

Es gibt nicht den einen stolzen Moment in meiner Laufbahn, ich bin eher stolz auf meine Arbeit im Gesamtkontext. Meine Arbeit habe ich nie „nur als einen Job“ angesehen. Ich gehe meine Arbeit mit 100% Engagement, viel Energie und Leidenschaft an. Egal, an welchem Projekt ich auch arbeite, ich ziehe es bis zum Schluss durch, immer mit dem Ziel ein qualitativ hochwertiges Ergebnis zu erreichen.

Ich habe immer im Bereich der neuesten Technologien gearbeitet. Das hat den Vorteil, dass ich bei den Klassenkameraden meiner Kinder angeben kann. Um meine elterliche Verantwortung und die Arbeit in Einklang zu bringen, versuche ich jedes Jahr in Zusammenarbeit mit den Lehrern meiner Kinder eine Präsentation über meine Arbeit im technischen Bereich zu halten. Als ich für ein Mobilfunkunternehmen arbeitete, verteilte ich Handys an alle Kinder und sagte ihnen, sie sollen sich gegenseitig eine Nachricht schicken. Zu diesem Zeitpunkt waren die Handys noch neu und nicht jeder hatte eins. Als ich die Technologie erklärte, die all das möglich machte, waren sie davon begeistert! Ich verließ den Raum als die coolste Mutter der Welt und inspirierte sogar ein paar Mädchen, sich mit einer Karriere in der Tech-Branche auseinanderzusetzen.

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Women in MINT

Es ist das Zeitalter der Digitalen Transformation. Alle Aspekte des Lebens werden digitalisiert. Frauen stellen etwa 50% der Weltbevölkerung und damit die Hälfte der Verbraucher von digitalen Diensten. Es macht daher Sinn, dass der Prozentsatz im MINT-Bereich ein Spiegelbild dessen sein sollte. Ich persönlich erhoffe mir am meisten, dass es eine Veränderung des Arbeitsumfelds für Frauen in MINT-Berufen gibt.

Ich habe sehr positive Arbeitsumfelder kennengelernt, in denen Vielfalt und weibliche Führung geschätzt wurden. Und ich habe sehr herausfordernde Arbeitsumfelder erlebt, in denen diese Werte fehlten. Ich hoffe, dass es für die kommenden Generationen von Frauen in MINT-Berufen einfacher wird, sich in diesem Berufsfeld zu verwirklichen.

Tipps und Tricks

Während großer Herausforderungen hat man keine Zeit, deprimiert zu sein oder sich von Selbstzweifeln überwältigen zu lassen.

Als erstes sollte man Spaß in seinem Beruf haben und dazu beitragen wollen, Probleme mit Technologie zu lösen. Zweitens sollte man sich auf ein lebenslanges Lernen einstellen: Die Tech-Branche ist nichts für diejenigen, die nicht gerne und insbesondere autodidaktisch lernen.

Nicht immer sind die Dinge, die sich am meisten lohnen, auch die einfachsten, man muss den Stier daher oft bei den Hörnern packen. Geht es mutig an, mit Anstand und Respekt für die anderen.

Manchmal laufen die Dinge natürlich trotz aller Bemühungen und den besten Absichten nicht so, wie man es sich wünscht. Selbst die erfolgreichste Karriere ist nicht nur von Erfolgen gekrönt, sondern es gibt immer ein paar Misserfolge. Was den entscheidenden Unterschied ausmacht, ist, wie man sich in solchen Zeiten verhält. Während großer Herausforderungen hat man keine Zeit, deprimiert zu sein oder sich von Selbstzweifeln überwältigen zu lassen.

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