Interview mit Charlie Gerard, Softwareentwicklerin bei ThoughtWorks

„Selbst engagierte und qualifizierte Frauen werden manchmal wie Diversity Hires behandelt“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Charlie Gerard, Softwareentwicklerin bei ThoughtWorks.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Charlie Gerard von ThoughtWorks

Charlie ist Softwareentwicklerin bei ThoughtWorks in Sydney. Sie begeistert sich für kreative Programmierung und Hardware. Ihre Freizeit verbringt sie unter anderem damit, mit Technologie, Design und Kunst zu experimentieren, um interaktive Prototypen zu erstellen. Außerdem gibt sie der Community etwas zurück, indem sie neue Entwickler betreut, zu Open-Source-Software beiträgt und auf Konferenzen spricht.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich glaube, ich war schon immer von Technologie begeistert, aber mir war nicht schon immer klar, dass ich ein Teil dieser Branche sein könnte. Als Kind liebte ich elektronische Gadgets und ich denke, die Tatsache, dass sie mir ein wenig magisch erschienen, hat mich wirklich neugierig gemacht. Aber ich hatte absolut keine Ahnung, wie man Code schreibt oder wie irgendetwas davon funktioniert.

Ursprünglich habe ich in Frankreich Werbung und Kommunikation studiert. Ich habe einen Master-Abschluss in Kommunikationsstrategie und als Teil meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, für sechs Monate im Ausland in Sydney zu studieren, wo ich mich entschied, eine Informatikklasse zu besuchen, in der ich ein wenig Processing gelernt habe. Es war das erste Mal, dass ich Code geschrieben habe und mir gefiel das Ganze sehr gut. Aber ich musste mich auf die Suche nach einem Job machen, der mit meinem Studium zusammenhängt.

Ich traf meine Entscheidung, kündigte meinen Job und machte den Kurs zum Full-Stack-Webentwickler.

Ich habe ein paar Jahre als Digitalproduzent gearbeitet, wo ich Teams von Designern, Textern und Entwicklern leitete, und ich denke, dass mich das, was meine Entwickler bauten, wieder begeistert und neugierig gemacht hat; ich wollte bauen können, was sie bauten, hatte aber keine Ahnung wie. Ich traf meine Entscheidung, kündigte meinen Job und machte den Kurs zum Full-Stack-Webentwickler.

Ich konnte es mir nicht leisten, zurück an die Universität zu gehen, um einen Informatikabschluss zu machen, also habe ich begonnen, mich mit General Assembly (einem Coding-Bootcamp) und ihrem 12-wöchigen Intensivkurs für Webentwicklung zu beschäftigen. Es war ein bisschen riskant, weil der Kurs bedeutete, dass ich für mindestens drei Monate kein Geld verdienen würde, aber ich fragte mich: „Was ist das Schlimmste, was passieren kann?“

Die Antwort schien zu sein, dass ich entweder nicht gerne programmieren würde oder vielleicht einfach nicht gut darin wäre und wieder einen Job als Projektmanager finden müsste. Im schlimmsten Fall schien das gar nicht so schlecht zu sein, also habe ich meine Entscheidung getroffen, meinen Job gekündigt und den Kurs gemacht, um ein Full-Stack-Webentwickler zu werden.

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Als ich meinen Eltern sagte, dass ich meinen Job aufgeben wollte, um zu versuchen, Entwicklerin zu werden, indem ich einen Kurs in einem Bootcamp machte, waren sie etwas besorgt.

Als ich sah, dass andere Frauen zu Großem in der Branche beitrugen, motivierte mich das.

Sie dachten, dass ich am Ende keinen Job finden würde. Das war verständlich, aber ich denke, sie vertrauten darauf, dass ich wusste, was ich tat. Und ich würde etwas lernen, selbst wenn es nicht klappen würde.

Ich kannte damals niemanden in der Branche, also hatte ich kein klares Vorbild. Aber als ich den Kurs begann, traf ich ein paar andere Frauen aus der Technikbranche, fing an, anderen auf Twitter zu folgen und sah, dass sie zu Großem in der Branche beitrugen, und das motivierte mich definitiv mich noch mehr zu pushen.

Hat jemals jemand versucht, dich daran zu hindern, in deinem Berufsleben zu lernen und dich weiterzuentwickeln?

Vielleicht nicht direkt, aber ich erinnere mich an Kommentare wie „Oh, aber weißt du, es ist wirklich schwer“, als ich den Leuten erzählte, dass ich als Austauschschülerin einen CS-Kurs machen wollte. Ich weiß, dass diese Art von Kommentar nicht gekommen wäre, wenn ich ein Mann gewesen wäre.

Ansonsten gab es Kommentare wie „Du hast nicht das Gesicht von jemandem, der sich mit Robotik beschäftigt“, während ich eines meiner persönlichen Projekte mit Bewegungssteuerung präsentierte, um einen kleinen Roboter zu bewegen. Ich hörte sogar schon „Frauen sind nicht so gut in Technik, weil sie das nicht so sehr mögen“, während der Arbeit mit einem Kunden. Es kann ein wenig entmutigend sein, sich selbst, seine Fähigkeiten oder seine Leidenschaft für Technologie beweisen zu müssen, aber man darf sich davon nicht abhalten lassen.

Ein Tag in Charlies Leben

Ich bin derzeit Softwareentwicklerin bei ThoughtWorks. Ich arbeite mit einer Vielzahl von Kunden aus verschiedenen Branchen zusammen, um ihnen zu helfen, bessere Software zu entwickeln. Da wir eine Unternehmensberatung sind, code ich nicht nur, sondern berate unsere Kunden auch über die besten Praktiken und helfe ihnen, die Features zu finden, die für ihre Kunden am besten sind.

Ich kann je nach Projekt unterschiedliche Technologie-Stacks verwenden, sodass ich mich nicht auf eine bestimmte Sprache oder ein bestimmtes Framework konzentriere, sondern darauf, was am besten dafür geeignet ist, ein bestimmtes Problem zu lösen.

Ich stehe noch am Anfang meiner Karriere, aber ich bin stolz darauf, oft aus meiner Komfortzone rauszukommen.

Wir arbeiten mit agilen Methoden, sodass wir jeden Tag mit einem Stand-Up-Meeting beginnen. Regelmäßige Showcases, retrospektive Sitzungen, Sprint-Planungssitzungen, und so weiter gibt es auch. Normalerweise arbeiten wir im Büro unserer Kunden, um ihnen näher zu sein und besser zu verstehen, wie sie funktionieren.

Ein paar Mal in der Woche versuche ich, in das ThoughtWorks-Büro zu kommen, um unseren Maker Space zu nutzen und an persönlichen Projekten zu arbeiten.

Ich stehe noch am Anfang meiner Karriere, aber ich bin stolz darauf, oft aus meiner Komfortzone rauszukommen. Ich spreche manchmal bei lokalen Meetups, aber letztes Jahr habe ich begonnen, auf internationalen Konferenzen zu sprechen. Und so aufgeregt ich auch bin, auf der Bühne zu stehen, bin ich stolz darauf, dorthin gekommen zu sein. Ich versuche daher, andere Frauen zu inspirieren, dasselbe zu tun.

Die Diskussion über Diversität gewinnt an Fahrt. Wie lange wird es dauern, bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte vorliegen?

Ich denke, wir haben bereits begonnen, Ergebnisse in Unternehmen zu sehen, die versuchen, diversere Teams, Konferenzen mit unterschiedlichen Besetzungen, Workshops und Veranstaltungen zu haben, um junge Mädchen und benachteiligte Kinder mit der Programmierung vertraut zu machen und so weiter.

Es ist noch ein langer Weg, aber es ist definitiv besser als nichts. Wenn die nächste Generation von Kindern den Beruf wählt, den sie haben wollen, werden sich hoffentlich mehr von ihnen für einen in MINT-Berufen entscheiden.

Herausforderungen

Ich hatte das Glück, in einem sehr diversen Umfeld zu arbeiten, sodass ich mich nicht den Herausforderungen stellen musste, denen sich viele andere Frauen gegenübersehen. Der Mangel an Diversität und Vorbildern kann jedoch trotzdem ein Hindernis sein. Wenn man keine Frauen um sich herum kennt, die Teamleiter, CEOs oder CTOs sind, denkt man vielleicht unbewusst, dass man es auch nicht schaffen wird.

Tipps & Tricks

Ich würde jedem, der eine Karriere in der Technik-Branche machen will, raten, es zu versuchen – egal, wie schwer oder beängstigend es auch sein mag. Es ist eine sehr spannende und innovative Branche mit vielen Möglichkeiten, Produkte zu entwickeln, die einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen haben können.

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Auch das Erlernen von Code ist eine Art Empowerment: Plötzlich hat man die Fähigkeiten, jede Idee, die man hat, zum Leben zu erwecken!

Schließlich ist die Entwicklergemeinde erstaunlich. So viele Menschen sind bereit, sich gegenseitig zu helfen, mehr zu lernen, an Open-Source-Projekten mitzuarbeiten, Wissen zu teilen, etc… Egal, welche Interessen Sie haben, Sie werden eine Gruppe von Gleichgesinnten finden, die bereit sind, Sie zu betreuen. Also zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren!

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