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Heute im Interview: Dagmar Schuller, Co-Founder und CEO von audEERING

Women in Tech: „Da war durchaus der eine oder andere Stein“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Dagmar Schuller, Co-Founder und CEO von audEERING.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Dagmar Schuller:

Als Co-Founder und CEO von audEERING ist Dagmar Schuller für die Unternehmensstrategie, das Business Development sowie das operative Geschäft des AI Innovationsführers verantwortlich. Sie ist Expertin für Digital Strategy und Innovation. Seit über 10 Jahren beschäftigt sie sich mit (emotionaler) Künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und Big Data. Mit viel Herzblut und Leidenschaft führte sie audEERING von einer UG zu einem Multimillionenunternehmen mit aktuell 60 Mitarbeitern an zwei Standorten in München und Berlin. Vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin von audEERING war Dagmar Schuller u. a. als Management Consultant für Ernst & Young in Wien und New York sowie als Senior Vice President für ein internationales Investment der Hubert Burda Media tätig.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Schon als Teenager habe ich mich mit neuronalen Netzen, Fuzzy Logic und genetischen Algorithmen beschäftigt. Ich habe schon damals an das Potenzial von KI geglaubt, auch wenn die Technologie noch in ihren Anfängen steckte. Daher zog ich – eigentlich gebürtige Steirerin – für die Oberstufe nach Wien, denn dort wurden unter anderem Fächer wie „Prozessregelung und Rechnerverbund“ sowie „Angewandte Datentechnik“ in einer spezialisierten höheren technischen Schule für Informatik (damals noch „EDV“) unterrichtet. Diese Themen waren dort wesentlicher Bestandteil des Lehrplans. Als die Entwicklung der Prozessortechnik voranschritt und die Rechenleistung revolutioniert wurde, war für mich klar, dass ich mich intensiv mit KI und den Möglichkeiten auseinandersetzen möchte. Mein Antrieb war und ist dabei immer, KI sinnvoll und verantwortungsvoll für Menschen in verschiedensten – und vor allem alltäglichen – Anwendungsbereichen zugänglich und damit nutzbar zu machen.

Ein Tag in Dagmars Leben

Ich bin Mitgründerin und Geschäftsführerin des Münchner Unternehmens audEERING. Wir sind Innovationsführer im Bereich der KI-basierten intelligenten Audioanalyse, insbesondere hinsichtlich der Emotionserkennung aus der Stimme. Wir haben unter anderem eine Software entwickelt, die aus wenigen Sekunden Audiomaterial tausende verschiedener Merkmale herausfiltert. Sie gibt Aufschluss über die Emotion, den Zustand und auch die akustische Umgebung des Sprechers. Das heißt, wir analysieren, WIE jemand etwas sagt und nicht nur, WAS die Person sagt.

Für Frauen ist es nach wie vor noch unüblicher, in der Tech- oder IT-Branche zu arbeiten.

In meiner Rolle bin ich für die Unternehmensstrategie, das Business Development und das operative Geschäft verantwortlich. Das bedeutet, dass eigentlich kein Tag dem anderen gleicht und ich viel reise, um mich regelmäßig mit Forschungs- und Geschäftspartnern auszutauschen, aber auch mit Entscheidern in der Politik. Ziel ist es dabei immer, die Entwicklung unserer Technologie voranzutreiben und laufend neue Anwendungsbereiche zu erschließen. Oft spreche ich auch auf Events und Veranstaltungen zum Thema Künstliche Intelligenz. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Förderung von KI in Deutschland voranzubringen und mich für eine positive Einstellung gegenüber Künstlicher Intelligenz und Innovationen stark zu machen. Wir brauchen hier mehr Optimismus, insbesondere was den Umgang mit Daten anbelangt, und müssen massiv in Förderung für KMU und Startups investieren. Deshalb berate ich auch politische Vertreter bei verschiedenen KI-Themen und engagiere mich, um einen unterstützenden Beitrag zur Umsetzung der KI-Strategie des Bundes zu liefern.

Vorbilder und Förderer

Ein klassisches Gründer-Vorbild à la Bill Gates, Steve Jobs oder Elon Musk hatte ich nie. Einem bestimmten Rollenmodel zu folgen oder jemanden zu kopieren ist einfach nicht meine Art. Als Gründer möchte man doch etwas Neues schaffen und ist davon motiviert, sich weiterzuentwickeln und aus einer Idee ein Produkt entstehen zu lassen. Man möchte einen eigenen Fußabdruck hinterlassen, der vielleicht sogar andere inspiriert. Daher lasse ich mich eher von einzelnen Führungsstilen und Innovationsprozessen inspirieren, die auch zu mir und unserem Unternehmen passen.

Hat jemand versucht, dich daran zu hindern, in deiner Karriere voranzukommen?

Da war durchaus der eine oder andere Stein – aber es war keiner dabei, der sich nicht aus dem Weg räumen ließ. Da braucht es schon eine gewisse Flexibilität und manchmal auch Humor. Ich bin sehr oft Vorurteilen und Menschen begegnet, die einem etwas nicht zutrauen. Da ist es wichtig, an seine Idee und Fähigkeiten zu glauben, dafür einzustehen und mit Kritik sowie Vorurteilen konstruktiv umzugehen.

Worauf bist Du in Deiner Karriere besonders stolz?

Ich selbst habe sieben Programmiersprachen gelernt, unter anderem C++ und Assembler, das ist eine Maschinensprache. Damit habe ich viele Projekte programmiert, unter anderem auch sogenannte „Expertensysteme“. Allerdings habe ich recht schnell erkannt, dass es Personen gibt, die im Programmieren deutlich besser und eleganter vorgehen als ich und mich auf meine Stärke fokussiert, Trends zu erkennen und Strategien für Geschäftsmodelle und den Einsatz entsprechender Systeme zu entwickeln.

Mit audEERING begann alles mit der Forschungsarbeit des Gründerteams an der TU München, wo die frei zugängliche Audioemotionsanalyse-Technologie openSMILE entwickelt wurde. Aufgrund des großen Erfolges und unserer Überzeugung, dass empathische Assistenten und intelligente Audioanalyse unsere Zukunft wesentlich beeinflussen werden, haben wir dann entschieden, audEERING zu gründen, um von der Forschung hin zur Industrie zu arbeiten. Das war im Jahr 2012. Die audEERING Technologie erkennt über 50 Sprechzustände und Emotionen wie Freude, Angst oder Wut. Die Software benötigt dafür nur wenige Sekunden aus dem Sprachsignal, um in Echtzeit verlässliche Ergebnisse liefern zu können. Die Analyse basiert auf den persönlichen, unveränderbaren und objektiven Sprachmerkmalen wie Tonlage, Stimmklang, Rhythmus oder Melodie.

Ich möchte Frauen anregen, über Grenzen hinaus zu denken.

Wir haben die Vision, mit unserer Lösung die Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen zu revolutionieren, indem wir Maschinen befähigen, den individuellen Zustand eines Menschen zu erkennen und darauf angepasst zu reagieren. Mit unserem Team entwickeln wir immer wieder neue Anwendungsgebiete, um einen möglichst breiten Zugang zu unserer Technologie zu ermöglichen. Neben kommerziellen Anwendungen wie Call-Center-Programmen oder Marktforschung ist unsere Software auch im Gesundheitssektor oder im Bereich des autonomen Fahrens äußerst relevant.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Für Frauen ist es nach wie vor noch unüblicher, in der Tech- oder IT-Branche zu arbeiten. Denn an vielen Stellen schaffen wir es nicht, Mädchen und junge Frauen für diese Berufe zu begeistern. Das beginnt bereits bei der frühen Prägung in Schulen. Leider kategorisieren wir immer noch in klassische Berufe für Mädchen und Jungen. Ich bin aber davon überzeugt, dass hier gerade der Bereich KI ein wesentlicher Katalysator für eine Veränderung sein wird. Hier haben wir es mit höchst kreativen Prozessen und Ideen zu tun, deren Faszination wir für alle sichtbar machen müssen.

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Viele Vorurteile sind gesellschaftlicher Natur und verschwinden – zum Glück – langsam, Stück für Stück. Denn der Fokus sollte immer auf Eignung, Kompetenz und Leistung liegen, nicht auf dem Geschlecht. Ich beobachte allerdings immer wieder, dass sich Frauen oft selbst im Weg stehen. Sie setzen sich Grenzen, weil sie es vielleicht so gewöhnt sind, werden so aber in der Selbstverwirklichung gebremst. Ich möchte Frauen anregen, über diese Grenzen hinaus zu denken, ihre Ideen im Fokus zu behalten und an die eigenen Ziele zu glauben. Besonders während des Gründungsprozesses wird es immer wieder Menschen geben – egal ob Männer oder Frauen – die einem Steine in den Weg legen. Da heißt es, sich nicht entmutigen zu lassen, kreativ zu sein und neue Wege zu finden.

Hindernisse

Ich hatte in meiner Karriere hin und wieder mit Klischees zu kämpfen. Da ich bereits mit jungen Jahren Positionen innehatte, die mit viel Verantwortung verbunden waren, wurde mir weniger zugetraut als meinen Kollegen. Auch mit dem klassischen „Frauen und Geld“-Klischee wurde ich konfrontiert. In einem Investorengespräch wurde ich gefragt, ob ich auch in der Lage bin, das zu investierende Geld für das Unternehmen auszugeben. Einen Mann hätte man diese Frage sicherlich nicht gestellt. Auch Neid ist ein ganz wesentlicher Faktor – eigenartigerweise kommt der aber mehr aus der Reihe des eigenen Geschlechts. Beispielsweise ist es für viele oft nicht nachvollziehbar, wie man einen verantwortungsvollen Beruf und Familie unter einen Hut bekommen kann, ohne dabei irgendein Klischee wie „Rabenmutter“ oder Ähnliches zu bedienen. Auch „Karrierefrau“ ist selten positiv konnotiert. Allerdings darf man sich von Klischees oder festgefahrenen Vorstellungen nicht entmutigen lassen, sondern weitermachen, um ihnen etwas entgegenzusetzen.

Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

In erster Linie ist es eine wirtschaftliche Notwendigkeit, mehr Frauen für den STEM-Bereich zu begeistern. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, mit dem Tempo der rasend schnellen technologischen Entwicklungen mitzuhalten und sie gewinnbringend für sich zu nutzen. Tech-Experten werden deshalb überall händeringend gesucht. Wie können wir es also zulassen, eine Hälfte der Weltbevölkerung für diese Bereichen nicht die gleichen Chancen einzuräumen?

Man darf sich von Klischees oder festgefahrenen Vorstellungen nicht entmutigen lassen.

Betrachtet man das in einem größeren Kontext, wird Europa mit den USA und China in zentralen Bereichen wie KI, IoT und Blockchain nur mithalten können, wenn Frauen gleichermaßen in STEM-Berufen ausgebildet werden. Das hat Auswirkungen auf allen Ebenen. Die Geschlechterrollen müssen deshalb dringend aufgebrochen werden und das beginnt schon in der Schule, wie bereits erwähnt. Es sollte selbstverständlich sein, Mädchen in gleichem Maße an technische und naturwissenschaftliche Themen heranzuführen. Ist es aber leider bisher nicht. Dabei spielt auch das Image eine große Rolle. Hier hat ein extremer Wandel stattgefunden, wenn man bedenkt, dass während des Zweiten Weltkriegs das Programmieren als Frauenberuf betrachtet wurde. Seit Mitte der 1990er Jahre ist in Deutschland der Anteil weiblicher Auszubildender in Informatikberufen drastisch gesunken. Ich wünsche mir, dass Frauen in Tech-Berufen ebenso eine große Sichtbarkeit bekommen und als selbstverständlich wahrgenommen werden wie Männer.

In diesem Jahr haben wir deshalb auch erstmals den Girls Day bei audEERING ausgerichtet. Die Schülerinnen haben sehr viel Neugier für das Thema mitgebracht und es freut mich unheimlich, junge Mädchen zu motivieren, über ihre Grenzen zu gehen und Berufe kennenzulernen, die sie vielleicht nie in Betracht gezogen hätten.

Außerdem ist es wichtig, entsprechende Strukturen zu schaffen, um Familie und Beruf wirklich vereinbaren zu können. Da sind auch Unternehmen selbst gefordert und ich sehe hier mit Freude, dass zunehmend flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten und Job Sharing angeboten werden. Bei audEERING ist das auch gelebter Arbeitsalltag. Ich habe bewusst im Unternehmen Bereiche mit Frauen, die Kinder haben, besetzt, um solche Modelle praktisch umzusetzen. Aber auch für Männer sind solche Strukturen relevant – es geht darum, die ideale Balance zu finden. Nur dann, wenn meine Mitarbeiter zufrieden sind, ist die Stimmung gut und wir können uns gemeinsam auf unser Ziel, unsere Vision fokussieren.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Ich denke, bis wir wirkliche Geschlechtergerechtigkeit erreicht haben, ist es noch etwas hin. Der Begriff Diversity ist ja noch viel weiter gefasst. Dabei geht es um die positive Konnotation von Vielfältigkeit – personell und sozial. Ich denke, das wird in unserer globalisierten Welt, die auch durch technologische Entwicklungen weiterhin enger zusammenwächst, immer ein Thema bleiben. Deshalb leben wir dieses Credo auch bei audEERING. Wir sehen Diversity als Erfolgsfaktor. Innovationen entstehen am besten in heterogenen Teams mit unterschiedlichen Perspektiven. Bei uns arbeiten Menschen aus 12 Nationen zusammen – auch Remote – und wir haben gleich viele männliche und weibliche Mitarbeiter. Zudem legen wir viel Wert darauf, auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kollegen, vor allem auch der Mütter, einzugehen.

Tipps & Tricks

Frauen sollten vor allem an sich selbst und ihr Können glauben. Sie dürfen sich nicht davon entmutigen lassen, dass die Tech-Branche männerdominiert ist. Generell ist die Arbeit in der Branche ausgesprochen spannend, da wir uns täglich mit zukunftsweisenden Themen und Trends beschäftigen.

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