Heute im Interview: Danuta Florczyk, Gründerin und Geschäftsführerin von tectumedia

Women in Tech: „Es gibt kein besseres Mittel gegen Ungleichheit als hohe fachliche Kompetenz“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Danuta Florczyk, Gründerin und Geschäftsführerin von tectumedia.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Danuta Florczyk, Gründerin und Geschäftsführerin von tectumedia

Danuta Florczyk

Danuta Florczyk ist Gründerin und Geschäftsführerin von tectumedia. Die Agentur mit Sitz in Berlin richtet ihren Fokus auf die Beratung und Umsetzung digitaler Marketingstrategien. Danuta Florczyk verfügt über ein breites Expertenwissen im Performance sowie im Brand Marketing und gilt als ausgewiesene Digitalstrategin für Unternehmen aus allen Branchen. Über 10 Jahre fachliches Know-How sowie leitende Führungspositionen in internationalen Konzernen machen sie zur gefragten Rednerin und Diskussionsteilnehmerin. Vor der Gründung von tectumedia war Danuta Florczyk in zahlreichen renommierten Unternehmen in führenden Positionen tätig. Nach fünf Jahren bei Yahoo! baute sie unter anderem das internationale Display-Geschäft für Zalando auf und war anschließend Director Display Marketing und Kooperationen bei Project-A-Ventures.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und hatte eher wenig Interesse an den Robotron-Computern im Technikraum. Was aber sicherlich an der Art und Weise lag, wie uns Technologie vermittelt wurde. Da gibt es auch heute noch Nachholbedarf, denn ich habe neulich gelesen, dass 83,3 Prozent der IT-Unternehmen finden, dass das deutsche Schulsystem junge Frauen zu wenig mit IT in Kontakt bringt. Als ich noch nicht mal im Teenagealter war – so etwa 1986 – hielt es mein Onkel, der damals hinter dem eisernen Vorhang in Paris lebte, für eine gute Idee, uns Kinder (meinen Bruder und mich) mit dem Thema IT vertraut zu machen. Er brachte einen „Apple 2c“ (die tragbare Variante des berühmten „Apple 2e“) ins Haus, mit dem wir uns vertraut machen sollten. Dazu gab es ein Buch, in dem man in Apple Basic einfache Anwendungen programmieren konnte und zu unserer großen Begeisterung auch einige Spiele von Atarisoft, die damals für alle möglichen Systeme Spiele rausbrachten. Ich erinnere mich an wilde Donkey-Kong-Meisterschaften, aber irgendwann wollten wir mehr. Und da fiel mir auf, dass bei Freunden eher Commodore 64 standen. Meine Cousine hatte einen Atari. Mich regte es furchtbar auf, dass alles so inkompatibel war. Ganz abgesehen vom Fakt, dass es damals in Ostdeutschland nicht so einfach war, Software für einen Apple 2c aufzutreiben. Also blieb der Rechner mit der Zeit ungenutzt und mein Interesse fokussierte sich erstmal auf andere Themen.

Ich bin studierte Ethnologin und Sprachwissenschaftlerin. Zahlen und Statistiken lagen mir mehr, als Technik. In Dublin begann ich bei Overture meine ersten Marketingerfahrungen zu sammeln. Angefangen habe ich mit „Search“. Das war für mich wenig spannend. Daher wechselte ich kurz darauf zu Yahoo! und begann mit Displaymarketing und Prozessoptimierung. Daten und Tools hatte ich dort beides zur Genüge – und genau diese Kombination ist bis heute mein Steckenpferd geblieben. Ich programmiere zwar selbst keine Tools, kann sie aber schnell erfassen und praxisorientiert anwenden. Daher kann ich sie in enger Abstimmung mit unserer IT-Abteilung bauen und weiterentwickeln. 2010 wechselte ich dann zu Zalando. Das war abenteuerlich und eine spannende Herausforderung, weil ich den Bereich Display und Kooperationen quasi von Null aufbauen sollte. Ich stieß auf viel Traffic und hatte keine Tools und keine Prozesse. Hier begann sich mein Interesse auf die Entwicklung von Tools auszuweiten und zu konkretisieren. 2013 gründeten meine zwei Partner und ich schließlich die Digitalmarketing-Agentur Tectumedia und kurz danach Performates, wo wir Software entwickeln.

Ein Tag in Danutas Leben

Ich bin Gründerin und Geschäftsführerin der Agentur tectumedia. Wir sind Berater und Partner für Digitalmarketing-Strategien für Kunden wie Bonprix, About You und möbel.de. Bevor ich zur Arbeit gehe, frühstücke ich mit meiner Familie und bringe die Kinder in den Kindergarten und zur Schule. Danach folgen interne Meetings oder Meetings mit den Kunden. Einen klassischen Arbeitsalltag habe ich nicht. Es kommt immer ganz darauf an, in welchen Projekten ich gerade stecke.

Ich hatte eher wenig Interesse an den Robotron-Computern im Technikraum. Was aber sicherlich an der Art und Weise lag, wie uns Technologie vermittelt wurde.

Nach über 12 Jahren im digitalen Marketing, dem Aufbau von Marketingabteilungen, der Implementierung neuer Prozesse und Systeme, sahen wir uns immer wieder mit den gleichen Problemen konfrontiert. Fast alle Marketingabteilungen verwenden standardisierte und manuell gesteuerte Prozesse, die zeitaufwendig und fehleranfällig sind. Wir hatten uns dann entschieden, eine eigene Software zu entwickeln. Performates bringt die Möglichkeiten des Display-Marketings auf die nächste Stufe. Da wo manuelle Optimierung und traditionelle Prozesse an ihre Grenzen stoßen, haben wir angesetzt.

Vorbilder und Förderer

Vorbilder aus der Tech-Branche habe ich nicht wirklich und ich habe mich immer als ein Pionier empfunden, der Neuland betritt. Natürlich ist mir aufgefallen, dass der Anteil weiblicher Kollegen geringer war, aber ich wusste von Anfang an, dass ich eher männliche Kollegen haben werde. Das war also nicht überraschend. Ich habe auch immer Unterstützung von männlichen Kollegen und Vorgesetzten erhalten, wofür ich dankbar bin, denn das scheint ganz klar nicht die Regel zu sein. Ich habe in meiner Karriere eigentlich nie einen Unterschied gemacht. Geschlechtsspezifische Kriterien waren beim Aufbau meines Netzwerkes eher nebensächlich.

Hat jemals jemand versucht, dich vom Lernen und von beruflichen Fortschritten abzuhalten?

Der „Women in Tech Survey Report 2018″ fand heraus, dass über die Hälfte der Frauen in der Technologiebranche der Meinung sind, in ihrem Beruf aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt zu werden. Ich kannte immer meinen eigenen Wert und hatte im Laufe meiner Karriere immer das große Glück, in Teams und Situationen zu arbeiten, die mir nie das Gefühl gaben, benachteiligt zu werden. Mir ist bewusst, dass das bei Weitem nicht immer so ist und ich bin froh darüber, dass wir mittlerweile offener und selbstbewusster darüber diskutieren. Ich habe das Gefühl, dass sich das Bewusstsein in den Unternehmen in den letzten Jahren schon geändert hat und wir uns zumindestens bewegen. Ich denke besonders für junge Frauen liegen die größten Hürden heute noch beim Zugang zu den Tech-Berufen. Es ist schon erstaunlich, wie sich tradierte Vorstellungen von Frauen- und Männerberufen selbst in unserer Zeit noch halten und ich denke, wir sind uns grundsätzlich alle einig, dass sich hier mehr bewegen muss. Junge Mädchen sollten viel früher und systematischer an Technologie-Berufe herangeführt werden, denn nur so können wir als Gesellschaft im digitalen Zeitalter alle Potenziale nutzen.

Ich habe auch immer Unterstützung von männlichen Kollegen und Vorgesetzten erhalten, wofür ich dankbar bin, denn das scheint ganz klar nicht die Regel zu sein.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich glaube, es liegt ganz klar an der Ausbildung. Für junge Mädchen liegen technologische Berufe immer noch außerhalb ihres Vorstellungsbereichs. Es ist nach wie vor extrem wichtig, welches Image gewisse Berufe haben und Studien zeigen, dass sich Geschlechtsstereotypen hartnäckig halten. Es ist nachvollziehbar, dass ohne Vorbilder und Anreize Mädchen nicht den Eindruck gewinnen, dass ein Beruf in der Tech-Branche zu ihnen passt. Deswegen entscheiden sich junge Frauen auch heute noch in der Mehrzahl für medizinische oder soziale Berufe. Es braucht also eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung das zu ändern. Politik und Wirtschaft müssen den gemeinsamen Willen formulieren und Taten folgen lassen. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern bis wir hier die ersten größeren Erfolge sehen und trotz der großen Herausforderungen denke ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind, Schritt für Schritt mehr Mädchen und Frauen für IT-Berufe zu begeistern. Für Frauen, die schon aktiv in der IT-Branche arbeiten, brauchen wir persönlich und in Netzwerken die Möglichkeit, Vorbilder zu schaffen. Denn nur durch eine verstärkte Sichtbarkeit können wir tradierte Stereotypen aufbrechen. Der Schlüssel hier ist eine geschlechtersensible Berufsorientierung. Es gibt zahlreiche Initiativen, die bemüht sind, traditionelle Klischees zu brechen und den Horizont von jungen Menschen im Hinblick auf Ihre Berufswahl zu erweitern. Und auch aus eigener Erfahrung denke ich, dass es kein besseres Mittel gegen Ungleichheit gibt als eine sehr hohe fachliche Kompetenz.

Herausforderungen für Frauen in Tech

Es ist durchaus so, dass Frauen aufgrund von Klischees nicht ernst genommen werden und ihnen gewisse Aufgaben nicht zugetraut werden. Ich persönlich habe das zum Glück nicht erlebt und bin froh darüber, dass sich in meinem Umfeld keine Probleme ergeben haben, die auf eine geschlechtsspezifische Benachteiligung zurückzuführen sind. Die Geschäftsleitung unserer Firma ist zu zwei Dritteln weiblich und wir legen großen Wert darauf, dass sich jeder entsprechend seiner Fähigkeiten im Unternehmen entwickeln kann. Unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung soll in unserem Unternehmen jeder die Chance haben, sich einzubringen und Ideen beizusteuern. Wir haben immer ein offenes Ohr für die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter und für uns ist das Schlagwort Diversität gelebte Realität. Es ist meiner Meinung nach bei dem oft beklagten Fachkräftemangel in Deutschland gar nicht mehr zulässig, Frauen zu benachteiligen und Probleme zu generieren, die sich aus der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht ergeben. Wir sind alle gezwungen uns zu bewegen und uns im Arbeitsalltag ständig die Frage zu stellen, ob wir wirklich alle Potenziale nutzen, um weiter zu wachsen.

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Sähe die Welt mit mehr Frauen in MINT-Berufen anders aus?

Die Frage birgt die Gefahr, sich darauf zu einigen, dass es geschlechtsspezifische Kompetenzen gibt. Studien weisen jedoch darauf hin, dass stereotype Erziehungsmuster Unterschiede hervorrufen. Ich bleibe also dabei, der Schlüssel liegt schon in der Erziehung. Ich sehe die Vorteile ganz klar in wirtschaftlicher Hinsicht. Wenn wir technische Berufe für Frauen interessanter machen können, haben wir viel gewonnen, denn wir können es uns nicht weiterhin leisten, einem allgemein verbreiteten Fachkräftemangel in der IT-Industrie mit verkrusteten Rollenmodellen zu begegnen. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, einem Teil der Gesellschaft den Zugang zu IT-Berufen zu erschweren. Veränderungen sehe ich ebenfalls im Hinblick auf die Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen. Es muss in Zukunft noch besser möglich sein, Familie und Beruf zusammen zu denken und wir müssen Frauen viel stärker als bisher unter die Arme greifen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale im Unternehmen zu entfalten.

Es ist durchaus so, dass Frauen aufgrund von Klischees nicht ernst genommen werden und ihnen gewisse Aufgaben nicht zugetraut werden.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Es ist davon auszugehen, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis wir die Veränderungen sehen werden, die wir uns alle wünschen. Es ist nicht einfach, sehr alte Gesellschaftsmuster aufzubrechen und zu korrigieren. Und man darf nicht vergessen, dass es politische Kräfte gibt, die ein eher antiquiertes Rollenverständnis von Mann und Frau propagieren. Im Elfenbeinturm der international vernetzten Tech-Branche sind viele Ideen schon viel weiter und wir müssen darauf achten, alle gesellschaftlichen Akteure einzubeziehen und mitzunehmen. In der Familie, der Schule, in den Vereinen und Unternehmen müssen wir darauf achten, uns zu engagieren und Missstände aufzuzeigen. Wir haben noch viel zu tun und es wird noch einige Jahre dauern, bis wir die ersten Erfolge sehen, aber ich blicke zuversichtlich in die Zukunft.

Tipps & Tricks

Da ist im Grunde für jeden was dabei und ich möchte jungen Frauen empfehlen, sich mehr zuzutrauen. Eine praxisorientierte Ausbildung schafft das nötige fachliche Fundament, um selbstbewusst und mutig seinen Weg zu gehen. Von Anfang an sollten junge Frauen sich vernetzen und Angebote nutzen, sich mit der IT-Branche vertraut zu machen. Ganz unverkrampft können junge Frauen über beispielsweise Social Media den Kontakt zu Ihren Vorbildern suchen und von deren Erfahrungen profitieren. Ach ja – ganz wichtig, Technik macht Spaß!

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