Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Dominika Czajak

Women in Tech: „Ich denke nicht, dass Frauen per se weniger Interesse an Tech haben, zumindest nicht an Informatik“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Dominika Czajak, CMO bei Spacebase.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Dominika Czajak

Technik verändert unsere Welt. Wir leben im digitalen Zeitalter, in dem Informatik einen riesigen Einfluss auf unsere Einstellungen, unser Verhalten und unsere Gewohnheiten hat. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie technische Prozesse ablaufen. Schon als Kind habe ich Leute bewundert, die diese komplexen Abläufe verstanden haben und dieses Wissen genutzt haben, um Abläufe zu vereinfachen und Aspekte unseres Leben zu verbessern. Es wäre allerdings gelogen zu behaupten, dass ich von Anfang an vorhatte zu sein, wo ich jetzt stehe. Ursprünglich wollte ich Architektur studieren, weshalb ich mich während des letzten High School Jahres in einen studienvorbereitenden Kurs eingeschrieben habe. Dort merkte ich aber schnell, dass ich viel interessierter an den technischen Problemstellungen und der Konstruktion bin als am Design. Am Ende des Kurses war ich ziemlich verunsichert darüber, ob Architektur wirklich das richtige für mich ist und war beinahe erleichtert, dass ich die Zulassungsprüfung für die Uni nicht bestand.

Um ein Gap Year zu vermeiden, habe ich relativ spontan entschieden, stattdessen Business Engineering zu studieren – und mich sofort in die Disziplin verliebt. Nach meinem Abschluss habe ich mir vorgenommen, mein technisches Wissen mit meinen kreativen Fähigkeiten zu kombinieren und so bin ich letztendlich im Marketing gelandet. Mir macht es Spaß zu versuchen, Kunden sowohl durch persönliche Gespräche als auch mithilfe von Datenanalysen zu verstehen und das gewonnene Wissen für effektive Kampagnen zu nutzen. In meiner Familie oder meinem Umfeld hat nie jemand in der Tech Industrie gearbeitet, auf fachliche Unterstützung konnte ich also nicht zurückgreifen. Nach meinem Abschluss hat sich die Situation natürlich geändert. Ich habe mich entschieden, meine Karriere in einem anderen Feld als IT zu verfolgen, obwohl die meisten meiner Freundinnen aus der Uni Programmiererinnen wurden. Meine Familie und Freude haben meine Entscheidungen immer unterstützt, was mir wirklich sehr dabei geholfen hat, den Mut zu fassen, Neues auszuprobieren und keine Angst vor Ungewissheit zu haben.

Einem bestimmten Vorbild habe ich in meiner Laufbahn nie nachgeeifert. Mich inspirieren grundsätzlich alle, die bereit sind, für ihre Ideale einzustehen und gegen Stereotypen anzukämpfen, die mit ihrem Hintergrund, ihrem Geschlecht oder ihrer Sexualität in Verbindung gebracht werden. Ob es als Frau schwieriger ist, CMO zu werden? Mit Sicherheit. Aber ich denke, dass sich momentan auch viele Dinge zum Guten entwickeln.

Ein Tag in Dominikas Leben

Meine Arbeit ist ziemlich vielseitig. Einen typischen Arbeitstag gibt es eigentlich gar nicht. Ich arbeite im Team und bin involviert in die Entwicklung von Strategien, ihre Implementierung und die Analyse der Ergebnisse. Bei unserem letzten Projekt ging es um sogenannte „Growth Loops“, in denen wir versuchten, Online- und Offline Marketing zu verknüpfen. Was mir an meinem Job am meisten Spaß macht ist, an der Schnittstelle zwischen Technik und Kreativität zu arbeiten. Und das in der Sharing Economy, einem meiner Meinung wichtigen Ansatz, um strukturelle und soziale Probleme der Marktwirtschaft zu lösen. Diese Kombination ist auch der Grund, warum ich mich schon vor ihrem Launch der Plattform Spacebase angeschlossen habe. Wir sind ein Startup aus Berlin, das mit der Sharing Economy außergewöhnliche Meeting- und Workshopräume vermietet, um Leute dazu zu inspirieren, radikale und innovative Ideen zu entwickeln.

Bisher habe ich mich im Berufsleben immer wohlgefühlt. Mir hat noch nie jemand ins Gesicht gsagt, dass ich nicht in der Lage bin, etwas zu erreichen. Was aber nicht heißt, dass Leute verheimlichen, wenn ich nicht ihren Erwartungen entspreche. Es gibt aber auch immer wieder Männer, die mich nicht ernst nehmen oder mich fühlen lassen, dass sie nicht an dich glauben. Oft sind es Kleinigkeiten die mich wirklich ärgern und in der Vergangenheit dafür sorgten, dass ich meine Entscheidungen in Frage gestellt habe. Aber auch gut gemeinte Komplimente können verletzen. Zum Beispiel, wenn Leute mir sagen, wie toll sie finden, dass gerade ich (als Frau mit Migrationshintergrund) es geschafft habe, CMO zu werden. Insbesondere, wenn mir das andere Frauen sagen.

Auch gut gemeinte Komplimente können verletzen, etwa wenn Leute mir sagen, wie toll sie es finden, dass gerade ich als Frau mit Migrationshintergrund es geschafft habe, CMO zu werden. Insbesondere tut das weh, wenn mir das andere Frauen sagen.

Ich stehe ja noch am Anfang meiner Karriere. Aber bisher bin ich besonders stolz darauf, mit Spacebase so weit gekommen zu sein. Das liegt natürlich nicht nur an Managemententscheidungen, sondern vor allem auch an unserem tollen Team. Wir haben geschafft, eine Unternehmenskultur zu kreieren, in der sich alle wohlfühlen, unabhängig von Alter oder Geschlecht. Abgesehen davon bin ich stolz, mir treu geblieben zu sein und mich nie mit weniger zufrieden gegeben zu haben als mir zusteht.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Als ich in Polen angefangen habe zu studieren, waren Frauen die klare Minderheit. Aber ich kann mich auch noch an ein Gegenbeispiel aus der Zeit meines Studiums in Dänemark erinnern. In unserem ersten Kurs, Lego Robot Lab, mussten wir einen Roboter programmieren, der einer weißen Linie folgen konnte und dabei Hindernisse umgehen musste. In dem Kurs waren wir 20 Frauen und nur 3 Männer. Ich denke also nicht, dass Frauen per se weniger Interesse an Tech haben, zumindest nicht an Informatik.

Allerdings haben die Stereotypen, die mit Berufen in dem Feld in Verbindung gebracht werden, eine abschreckende Wirkung. Etwa dass wir alle Nerds sind, die den ganzen Tag nur Zahlen anstarren und nichts mehr lieben, als allein mit unseren Rechnern in einer dunklen Ecke zu hocken. Sich so einen Arbeitsalltag (und solche Studienkommilitonen) vorzustellen, klingt natürlich nicht besonders reizvoll für viele Frauen. Was sich deshalb unbedingt ändern muss ist die Art und Weise, in der wir Informatik portraitieren und unterrichten, damit kein Raum mehr für diese Art falscher Vorstellungen bleibt. Mein Studium hat sehr viel Spaß gemacht und natürlich hatte ich auch ein Privatleben außerhalb von Coding und Zahlen.

Vielfalt ist in jeglicher Hinsicht mehr als nur ein Trend und alle involvierten Parteien haben durch Diversität Vorteile.

Etliche Firmen bemühen sich inzwischen, explizit Frauen für die Tech-Branche zu rekrutieren. Aber viele scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass Vielfalt in jeglicher Hinsicht mehr ist als nur ein Trend und allen involvierten Parteien Vorteile bietet. Was aber nicht ausreicht ist, die Verantwortung anderen zu übertragen. Wir alle müssen uns den Problemen widmen und den ersten Schritt gehen. Was wir brauchen ist, wie schon gesagt, bessere Bildung, schon in der Grundschule. Denn die ist verantwortlich dafür, Jugendlichen zu zeigen, dass ihr Blick auf Tech-Berufe nicht der Wahrheit entspricht. Um kulturelle und soziale Hindernisse zu überwinden sollte man außerdem Produkte und Service boykottieren, die Stereotypen in unserem Alltag fördern. Es ist aufregend mitzuerleben, wie viel selbstbewusster die Frauenwelt in den letzten Jahren geworden ist. Jeder von uns sollte versuchen, ein gutes Vorbild zu sein, sich zur Wehr zu setzen, wenn er oder sie sich ungerecht behandelt fühlt, und anderen dabei zu helfen, ihr volles Potential auszuschöpfen, egal ob in der Tech- oder jeder anderen Branche.

Herausforderungen

Eines der Hauptprobleme ist, dass Menschen dazu tendieren, anderen eher dann zu vertrauen, wenn sie ihnen ähnlich sind. Das bedeutet, dass Gründer mit einem Tech-Hintergrund in dieser von Männern dominierten Branche in männerdominierten Startups dazu neigen, auch eher andere Männer einzustellen und ihren Verantwortung zu übertragen. Es ist ein Teufelskreis, denn ich denke nicht, dass es ein generelles Misstrauen Frauen gegenüber gibt. Ich habe beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass fast niemand je Zweifel an meinen kreativen Fähigkeiten hat. Aber jeder Recruiter stand meinen IT-Skills kritisch gegenüber, obwohl die ja eigentlich meine Stärke sind. Jeder Boss, den ich je hatte, war ein Mann.

Es gibt eine Vielzahl von Studien die belegen, dass Diversität die Performance und die Entscheidungsfindungsprozesse in Unternehmen positiv beeinflusst, was auch meine persönlichen Erfahrungen bei Spacebase belegen. Abgesehen von diesen wirtschaftlichen Faktoren bin ich auch überzeugt davon, dass ein höherer Frauenanteil in technischen Berufen dazu führen wird, dass Produkte und Service mehr ihren Ansprüchen gerecht werden. Aus kultureller Perspektive helfen mehr Frauen in Führungspositionen und in den Boards großer Firmen jungen Mädchen dabei sich zu trauen, frei ihren Karriereambitionen zu folgen und sich nicht abschrecken zu lassen.

Tipps & Tricks

Ich will jeder Frau sagen, dass sie keine Angst vor den Herausforderungen haben sollte, die auf sie zukommen werden. Sie sollte ihrem Bauchgefühl folgen und in dem Gebiet arbeiten, das sie am meisten interessiert. Aus der Tech-Perspektive betrachtet bin ich überzeugt, dass es noch jede Menge Potenzial für Lösungen gibt, die sich an Frauen orientieren, denn sie sind noch stark unterrepräsentiert. Mit jeder Frau, die sich entschließt, einfach ihr eigenes Ding durchzuziehen und Erfolg damit hat, kommen wir der Gleichstellung ein weiteres Stückchen näher.

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