Interview mit Barbara Endicott-Popovsky, Geschäftsführerin des Center for Information Assurance and Cybersecurity der Universität von Washington

Women in Tech: „Mit Leidenschaft ans Ziel kommen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Barbara Endicott-Popovsky, Geschäftsführerin des Zentrums für Informations- und Cybersicherheit der Universität von Washington.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Barbara Endicott-Popovsky, Geschäftsführerin des Zentrums für Information- und Cybersicherheit (CIAC)  der Universität von Washington

Barbara Endicott-Popovsky

Barbara Endicott-Popovsky

Barbara Endicott-Popovsky ist die Gründerin und leitende Professorin für den Studiengang Informationssicherheit und Risikomanagement. Außerdem unterrichtet sie Cybersecurity in weiteren Studiengängen an der Universität Washington und ist Geschäftsführerin des Center for Information Assurance and Cybersecurity. Sie ist dort verantwortlich für die Entwicklung von Lehrplänen und Programmen zur Cybersicherheit. Sie hat erfolgreich Online-Bildungsmodelle für den Bereich der Cybersecurity eingeführt, einschließlich synchroner Online- und Massive-Open-Online-Course-Optionen (MOOCs).

Im Jahr 2008 erhielt sie den Teaching Excellence Award der UW Professional & Continuing Education und in 2014 den Excellence in Teaching Award der University Professional & Continuing Education Association für die West-Region des Verbands. Der Studiengang für Informationssicherheit und Risikomanagement selbst wurde mit dem Outstanding Credit Certificate Award der UPCEA ausgezeichnet. Endicott-Popovsky ist Mitglied mehrerer nationaler Komitees, die die Lehre im Bereich der Cybersicherheit gestalten. Zudem hat sie mehr als 100 Artikel mit Peer-Reviews verfasst. Sie hat einen Ph.D. in Informatik und Informationssicherheit vom Center for Secure and Dependable Systems der Universität von Idaho.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Ich war schon als kleines Kind an Technologie interessiert. Anfangs waren es Raumfahrt und Astronomie, die mich interessierten: Ich baute mein eigenes Teleskop zusammen, schloss mich einem „Moon Watch Effort“ an, verbrachte Zeit in einer Sternwarte und dem Buehl-Planetarium in Pittsburgh, wo ich aufwuchs. Ich war gefesselt vom Wettlauf ins All und verfolgte jeden Start von Raumfahrzeugen der NASA. Ich nahm an Wissenschaftsmessen teil und traf führende Persönlichkeiten aus der Raumfahrt, wie z. B. Wernher von Braun und Willey Ley.

Ich glaube, dass es Frauen besonders anspricht, dass Cybersecurity immer beim gesamten System ansetzt.

Während meiner Anstellung in einer großen Produktionsfirma, identifizierte ich einen Man-in-the-Middle-Angriff auf ein lokales Netzwerk. Als ich der Leitung darüber Bericht erstatte, wurde mir gesagt, dass ich eine große Karriere vor mir habe und ich diese Gedanken für mich behalten sollte, wenn ich von den Leuten nicht für paranoid gehalten werden wollte. Dies war zu Beginn der verteilten Prozesse. Wir haben Rechenleistung aus dem abgesicherten Umfeld der Mainframes der Großrechner herausgelöst und über die Etage verteilt, ohne dabei die von uns verursachten Schwachstellen wahrzunehmen. Das war der Beginn meiner Faszination für die Cybersicherheit. Es befeuerte meine Neugierde, weil ich wissen wollte, warum andere nicht erkennen konnten, was wir uns da angetan hatten.

Es war eine leidenschaftliche Auseinandersetzung, was dazu führte, dass mein nächster Arbeitgeber mir anbot mich dafür zu bezahlen, dass ich meinen Doktortitel in Informatik mache, mit einem Schwerpunkt auf der digitalen Sicherheit. Zu meinem Glück befand sich ein größeres NSA Center of Excellence in der Umgebung. Daher schrieb ich mich dort ein und studierte unter Dr. Deb Frincke, der heutigen Forschungsdirektorin der NSA und einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet.

Ein Tag in Barbaras Leben

Ich bin die Geschäftsführerin des Zentrums für Informations- und Cybersicherheit an der Universität von Washington und Professorin. Ich verbringe meine Zeit damit, innovative Bildungsprogramme zu entwickeln, an nationalen Komitees zur Professionalisierung der Cybersicherheit teilzunehmen, Forschung zu betreiben und ein Expertenteam zu leiten, das an Projekten arbeitet, die den Bereich Cybersicherheit prägen.

Ich bin sehr stolz auf die Erfolge meiner Schüler. Über 800 Studenten haben in den letzten 14 Jahren meine Hauptstudiengang zur Cybersicherheit absolviert, und einige von ihnen arbeiten nun als Chief Information Security Officers, Chief Privacy Officers, Gründern und CEOs von Cybersicherheits-Startups, Senior Consultants, Führungskräften in Regierung, Industrie und Wissenschaft. Über 76.000 Studenten haben mein Online-MOOCs besucht (wenn ich reise, kommen Leute auf mich zu und stellen sich als meine MOOC-Schüler vor!). Ich bin stolz darauf, dass ich im Leben vieler Studenten etwas bewegen konnte, insbesondere in den Leben von Militärveteranen, die in eine zivile Karriere wechseln.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

In meinem Unterricht an der Universität von Washington sind etwa 40 % Frauen. Meine Tochter ist Chief Privacy Officer für die Stadt Seattle. Es tauchen also zunehmend Frauen in der IT auf. Ich glaube, dass es Frauen besonders anspricht, dass Cybersecurity immer beim gesamten System ansetzt, und ich verwende einen interdisziplinären Ansatz auf Basis von Regeln und Tools zur Strukturierung meiner Kurse, den Frauen zugänglich finden.

Herausforderungen

In der Cybersicherheit muss man immer richtig liegen; der Gegner muss dagegen nur einmal richtig liegen.

Ich hatte meine Herausforderungen am Arbeitsplatz. Aber ich ging immer davon aus, dass das einfach der Lauf der Dinge ist, nicht dass es gegen mich als Frau gerichtet war. Ich persönlich habe nur paar Fälle erlebt, in denen es einen eindeutigen Bias gegenüber Frauen gab. Vielleicht kam es auch öfters vor, aber ich war so zielstrebig und neugierig, dass ich mich davon nicht von meinen Zielen abbringen lies. Wenn man eine Leidenschaft für seine Tätigkeit besitzt, dann verschwindet der ganze ablenkende Unsinn im Hintergrund. Ich konzentriere mich weder auf Probleme mit Voreingenommenheit, noch suche ich gezielt danach. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, das zu machen, was ich liebe. Es ist wichtig, seine Leidenschaft, das, wofür man hier auf Erden gesetzt wurde, zu finden. Das führt einen ans Ziel. Joseph Campbell, Autor auf dem Gebiet der vergleichenden Mythologien, hat ausführlich darüber geschrieben und ich stimme seiner Ansicht zu.

Warum sind Frauen für eine Karriere in der Cybersicherheit besonders geeignet?

Unterschiedliche Ansichten über die Herausforderungen der Cybersicherheit zu haben, ist wichtig. Jede Gruppe bringt eine Perspektive mit. Die Flaw Hypothesis Methodology spricht sich für Vielfalt aus, nicht als politischer oder sozialer Antrieb, sondern als Notwendigkeit um sicherzustellen, dass man nichts übersieht. In der Cybersicherheit muss man immer richtig liegen; der Gegner muss dagegen nur einmal richtig liegen. Unterschiedliche Perspektiven können Probleme aufdecken, die von einer Monokultur übersehen werden könnten.

Welchen Ratschlag hast du für Frauen, die in das Cyberfeld einsteigen wollen?

Findet eure Leidenschaft! Es gibt 33 Karrierewege und zunehmend mehr in der Cybersicherheit. Allein in den USA gibt es über 300.000 offene Stellenangebote. Die Möglichkeiten sind großartig – von der tief technischen bis zur Führungsebene – und die Bezahlung ist toll. An der UW bieten Programme wie unser professionelles Zertifikat für Informationssicherheit und Risikomanagement, eine Orientierungshilfe für Studenten, die sie über den Abschluss hinaus anwenden können. Das Lernen in der Cybersicherheit geht immer weiter, da sich das Feld so schnell entwickelt. Findet das, was ihr liebt, und steigt ein. Das Ponemon Institute hat uns 2014 unter die Top 10 der Studienorte für Cybersicherheit aufgenommen, beruhend auf unseren integrierten pädagogischen Ansätzen, die Menschen auf den Arbeitsplatz vorbereiten.

Welche anderen Ratschläge neben einer professionellen Zertifizierung hast du für Frauen, die daran interessiert sind, in das Feld einzusteigen?

Stellt sicher, dass ihr eine Leidenschaft für die Arbeit in der Cybersicherheit besitzt. Wenn ihr euch nicht leidenschaftlich für Cybersicherheit interessiert, werden ihr den Kurs nicht halten können.
Die Teilnahme an einem Zertifikatskurs der UW oder anderswo ist außerdem noch nicht das Ende des Weges – man muss sich, wegen der Dynamik des Bereichs, dem lebenslangen Lernen verschrieben haben. Es erfordert ständiges Lernen und Lesen. Der Futurologe Alvin Toffler stellt in seinem Buch „Future Shock“ fest, dass die wichtigste Eigenschaft eines Arbeiters des 21. Jahrhunderts, die den Erfolg bestimmt, ihre Fähigkeit ist, schnell zu lernen, zu verlernen und neu zu lernen. Wenn ihr eurer  Leidenschaft folgt, werdet ihr überrascht sein, was für Chancen sich ergeben werden.

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