Im Porträt: Jen Looper, Senior Developer Advocate bei Progress, Gründerin der Vue Vixens

Women in Tech: „Trau dich und tu es – die IT-Branche bietet Frauen tolle Chancen!“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Jen Looper, Senior Developer Advocate bei Progress und Gründerin der Vue Vixens.

Eine Studie des National Center for Women & Information Technology hat gezeigt, dass Genderdiversität spezifische Vorteile im Technologieumfeld hat. Mittlerweile investieren Technologieunternehmen zunehmend in Vorhaben, die darauf abzielen, die Zahl der weiblichen Bewerber zu erhöhen, sie effektiver zu rekrutieren, sie länger zu halten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln. Auch Frauen ergreifen aber selbst die Initiative. Eine von ihnen ist Jen Looper, Senior Developer Advocate bei Progress und Gründerin der Gruppe Vue Vixens, die Frauen beim Erlernen von Vue.js unterstützt. In dieser Spezialausgabe unserer Interviewreihe haben wir Jen nicht nur nach ihren Erfahrungen in der Tech-Branche gefragt, sondern auch nach der Arbeit mit den Vue Vixens.

Unsere Women in Tech: Jen Looper

Jen Looper ist Senior Developer Advocate bei Progress und hat mehr als fünfzehn Jahre Erfahrung als Web- und Mobile-Entwicklerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Erstellung mobiler Cross-Plattform-Apps. Sie ist eine multilinguale Multikulturalistin mit einer Leidenschaft für das Hardware-Hacking, mobile Apps, Machine Learning und dafür, jeden Tag neue Dinge zu entdecken.

Die Anfänge: Von französischer Literatur zur IT

Entwickler.de: Wann hast du angefangen, dich für Technik zu interessieren?

Jen Looper: Im Gegensatz zu vielen Leuten in der Branche, die mit Computern aufgewachsen sind und dieses Fach studiert haben, habe ich tatsächlich einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund und einen Ph. D. in Französisch. Mein Spezialgebiet war die französische Literatur des Mittelalters, insbesondere die Artusromantik des 13. Jahrhunderts. Es war eine ziemliche Umstellung, diesen Bereich zu verlassen und bei meinem ersten Start-up anzufangen. Allerdings habe ich schon Mitte der 90er-Jahre, während ich promoviert habe, mit Computern experimentiert, um meine akademische Arbeit zu verwalten. Ich verließ die akademische Welt aufgrund eines sehr schwachen Arbeitsmarkts und bin in die Tech-Branche eingestiegen, als der Dotcomboom in den USA zu Ende ging. Das war zu der Zeit, als man einen Job bekommen konnte, wenn man nur ein bisschen HTML und CSS konnte. Ich denke, die Zugangshürden sind heute viel höher.

Entwickler.de: Lass uns über deinen Werdegang sprechen. Warum hast du dich für diese Karriere entschieden, welche Hindernisse musstest du dafür überwinden? Und wer hat dich unterstützt?

Looper: Betrachtet man meinen Hintergrund, den ich ja schon dargelegt habe, bringe ich eine latente Leidenschaft für den Zweitspracherwerb mit. Die Arbeit in der Tech-Branche hat es mir ermöglicht, einige meiner Fähigkeiten als Linguistin und Sprachlehrerin wiederzuwenden. Dieses Mal aber nicht mit Französisch, sondern in JavaScript. Was die Hindernisse anbelangt, musste ich mich von Grund auf neu einarbeiten, ähnlich wie die derzeitigen Bootcamp-AbsolventInnen in den USA. Ich hatte das Glück, viel Unterstützung durch meinen Ehemann zu bekommen, der Professor am MIT ist und mich sehr ermutigt hat.

Es war eine ziemliche Umstellung, die Literaturwissenschaft zu verlassen und bei meinem ersten Start-up anzufangen

Vorbilder: Frauenpower ist wichtig!

Entwickler.de: Hattest du weibliche Vorbilder in der Tech-Branche?

Looper: Ich würde nicht sagen, dass ich damals Vorbilder hatte, aber ich hatte definitiv einige großartige weibliche Kolleginnen. Die Frau, die bei meinem ersten Start-up den Verkauf betreute und Kundenwebsites einrichtete, gab mir meine erste Empfehlung, damit ich zu einem anderen Unternehmen wechseln konnte, als es an der Zeit dafür war. Ich hatte immer das Glück, von großartigen Kolleginnen umgeben zu sein. In meiner Zeit bei einer großen Versicherungsgesellschaft hatte ich fantastische osteuropäische Kolleginnen, die großartige Mentorinnen waren.

Entwickler.de: Was ist dein derzeitiger Job in der Tech-Branche, woran arbeitest du derzeit?

Looper: Nach ungefähr fünfzehn Jahren als Entwicklerin bin ich froh, jetzt als Developer Advocate tätig zu sein. Dadurch kann ich zwar weiterhin als Entwicklerin arbeiten, aber nicht an einem spezifischen Produkt. Stattdessen vertrete ich das Produkt des Unternehmens, für das ich arbeite, erstelle Demos und halte weltweit Vorträge. Es ist eine wirklich privilegierte Position, in der ich nun bin, nach vielen Jahren an vorderster Front.

Hürden für Women in Tech

Entwickler.de: Warum gibt es deiner Meinung nach nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Looper: Das ist eine knifflige Frage. Als ich aufgewachsen bin, wurden Mädchen in meinem Umfeld definitiv nicht dazu ermutigt, Ingenieurinnen zu werden. Ich habe mich immer als Teil der künstlerisch-geisteswissenschaftlichen Gemeinschaft gesehen. Heute ist der Weg viel breiter und Frauen werden viel mehr darin bestärkt, in die Tech-Branche zu gehen. Ich habe meine Töchter dazu ermuntert, programmieren zu lernen. Es gibt keine physische oder mentale Barriere für Frauen, die sie davon abhalten würden, auf diesem Gebiet erfolgreich zu sein. Die Pipeline ist inzwischen ziemlich stark, sodass ich zu dem Schluss komme, dass es an der Atmosphäre in den Unternehmen liegt, dass Programmiererinnen nicht in der Branche bleiben.

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Bewusste und unbewusste Vorurteile können dazu beitragen, dass viele Frauen ausbrennen und aus dem Beruf aussteigen. Daher ist es sehr wichtig, die Interessen eines Unternehmens am Aufbau und Erhalt einer vielfältigen Belegschaft zu stärken. Dazu gehört es, Gleitzeit zu ermöglichen, vernünftige Sozialleistungen zu bieten, angemessene Arbeitszeiten zu haben und familienfreundlich zu sein. Es ist nicht so, dass Männer nicht auch an diesen Vorteilen interessiert sind – Frauen steigen aber auf jeden Fall aus, wenn es daran fehlt. Lohnungerechtigkeit ist ebenfalls eine sehr schädliche Sache, die Frauen demoralisiert. Alle müssen für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. Ich höre immer wieder Geschichten darüber, wie entmutigend es ist, wenn man herausfindet, dass es ein Lohngefälle gibt.

Ich würde nicht sagen, dass ich damals Vorbilder hatte, aber ich hatte definitiv einige großartige weibliche Kolleginnen.

Entwickler.de: Da wir schon über Vorbilder und Herausforderungen gesprochen haben, lass uns doch damit weiter machen. Heute gibt es viele Initiativen, die versuchen, Frauen beim Einstieg in die Arbeit in der Tech-Branche zu unterstützen. Eine davon sind die Vue Vixens, die du gegründet hast. Erzähl doch mal was darüber, was das für eine Gruppe ist und was sie macht.

Looper: Sehr gerne! Die Vue Vixens sind eine Gruppe für „schlaue Menschen, die sich als Frauen identifizieren“, die lernen wollen, wie man mit Vue.js Web- und Mobile-Apps erstellt. Ich wurde durch die Teilnahme an ngGirls, einer ähnlichen Gruppe innerhalb der Angular-Community, dazu inspiriert. Wir bringen derzeit lokale Leader aus aller Welt zusammen, die Freude daran haben, eigene Gruppen (Chapters) aufzubauen und gemeinsam Vue.js zu lernen. Gerade sind wir dabei, den Inhalt unseres Workshops fertigzustellen und Inhalte für „Mini-Skulks“ zu entwickeln (ein Skulk ist eine Gruppe von Foxes), die im Rahmen von gemeinsamen Frühstücken und Lunch’n-Learn-Events genutzt werden können.

Bewusste und unbewusste Vorurteile können dazu beitragen, dass viele Frauen ausbrennen und aus dem Beruf aussteigen.

Zudem arbeite ich daran, die Vue Vixens zu einer gemeinnützigen Organisation zu machen, damit wir unseren Stipendienfonds starten können. Damit wollen wir Personen aus unterrepräsentierten Gruppen beim Besuch von Konferenzen unterstützen. Das wurde durch unsere Mitarbeit an der Vue.js-Konferenz inspiriert. Wir haben die Verteilung der Diversity-Tickets für die Konferenz übernommen und wählten fünf GewinnerInnen aus 55 Einreichungen aus – mir ist dabei klar geworden, dass das Programm der Konferenz so viel besser wäre, wenn ich ein Budget gehabt hätte, um diese Leute zu unterstützen. Wir arbeiten also an diversen Dingen, und unser Programm wird immer beliebter, ziemlich schnell! Wer daran interessiert ist, kann einen Blick auf www.vuevixens.org werfen, unserem Slack-Channel beitreten und unseren Newsletter abonnieren.

Vue.js & die Vue Vixens

Entwickler.de: Und warum Vue.js? Woher kommt dein eigenes Interesse daran, und warum ist Vue.js eine gute Wahl, um in die Frontend-Entwicklung einzusteigen?

Looper: Ich bin über NativeScript zu Vue.js gekommen, also über das Produkt, für das ich eh als Evangelistin bei Progress zuständig bin. NativeScript ist eine Runtime, mit der man mobile Anwendungen mit Angular oder ohne Framework erstellen kann. Ein Communitymitglied hat damit begonnen, eine Vue.js-Integration für NativeScript zu entwickeln, die ich sehr überzeugend fand. Es war mir eine Freude, ihn zu unterstützen und das Projekt auf der Vuejs Amsterdam Conference offiziell vorzustellen. Für mich fühlt sich Vue.js wie AngularJS an, mit dem ich vor einigen Jahren gerne gearbeitet habe. Tatsächlich spricht auch der Erfinder von Vue.js davon, wie AngularJS ihn inspiriert hat.

Entwickler.de: Man hört allerdings auch oft von männlich dominierten Tech-Communitys, in denen Frauen und Mitglieder marginalisierter Gruppen nicht besonders willkommen sind. Hast du damit im Allgemeinen oder in der Vue.js-Community im Speziellen Erfahrungen gemacht?

Looper: Nachdem ich die Vue Vixens gegründet habe, habe ich einen gewissen Gegenwind erlebt. Einige Leute halten die Gruppe für eine exklusive Gemeinschaft und fühlen sich davon angegriffen. Natürlich arbeiten wir gerne mit Menschen zusammen, die sich als Männer identifizieren, wenn sie uns beim Aufbau der Gemeinschaft helfen wollen, auch wenn wir unsere Workshops für Frauen und diejenigen veranstalten, die sich als solche identifizieren. Aber diese Stimmen sind wirklich in der Minderheit. Insgesamt habe ich mich persönlich in der IT-Branche willkommen gefühlt, und die Initiative wurde von den meisten Menschen sehr enthusiastisch aufgenommen.

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Entwickler.de: Die Diskussion über Vielfalt hat Fahrt aufgenommen und die Vue Vixens sind ein großartiges Beispiel dafür, wie die Branche vielfältiger wird. Denkst du, dass sich die Tech-Welt bereits zum Besseren verändert hat?

Looper: Ich bin mir sicher, dass das vor allem im Enterprise-Bereich und in Aktiengesellschaften der Fall ist, wo Arbeitskräfte durch das Arbeitsrecht geschützt werden. Je diverser die Belegschaft wird, desto besser wird das Arbeitsumfeld für alle.

Mehr Frauen in die Tech-Branche!

Entwickler.de: Wäre unsere Welt anders, wenn mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten würden? Was wären die (sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen) Auswirkungen?

Looper: Das wäre möglich. Ich möchte aber nicht annehmen, dass sich nur Frauen für soziale und kulturelle Fragen interessieren. Ich denke, wenn mehr Frauen in Führungspositionen wären, hätten ihre Unternehmen eine etwas andere Atmosphäre. Mich inspiriert die Geschäftsführerin von Care.com hier in Boston, Sheila Marcelo, die in meinem Alter ist und das Unternehmen mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau gegründet hat. Sie ist ein hervorragendes Beispiel für jemanden, die einen großen sozialen Einfluss auf ihr Umfeld ausübt und gleichzeitig Care.com erfolgreich zum Börsengang führt, einer von wenigen IPOs aus Boston in der letzten Zeit.

Insgesamt habe ich mich persönlich in der IT-Branche willkommen gefühlt und auch negative Reaktionen auf die Vue Vixens waren eher die Ausnahme.

Entwickler.de: Welchen Rat würdest du Frauen geben, die eine Karriere in der Tech-Branche anstreben?

Looper: Trau dich und tue es. Das ist eine tolle Chance für Frauen. Wenn du gerne neue Dinge lernst, Websites und mobile Anwendungen erstellst oder im Backend arbeitest, ist das eine fantastische Karriere. Für den Einstieg ist es wichtig, ein gutes Portfolio aufzubauen und das technische Interview zu meistern. Es gibt ein tolles Buch (auch von einer Frau!) namens „Cracking the Coding Interview“, das ich dafür wirklich empfehle. Viel Glück!

Vielen Dank für das Interview!

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