Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Laura Gaetano

Women in Tech – „Frauen müssen sich kontinuierlich beweisen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Laura Gaetano, Managerin bei der Travis Foundation.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Laura Gaetano

Heute erzählt uns Laura Gaetano, Managerin bei der Travis Foundation und Web-Entwicklerin, ihre Geschichte. Laura ist nicht nur Managerin bei Travis Foundation, sondern organisiert auch den Rails Girls Summer of Code – ein dreimonatiges Stipendienprogramm zur Unterstützung von Frauen in der Open-Source-Community. Mit einem Hintergrund in Bildender Kunst und einem nicht-traditionellen Karriereweg landete sie eher zufällig als Web-Entwicklerin in der Tech-Branche. Laura ist mit Leidenschaft Maker sowie Unterstützerin von Open-Source-Software, und liebt Feminismus, Musik und das Weltall.

laura

Laura und ihre Familie hatten zwar recht früh einen Computer, für Tech interessierte sie sich als Kind trotzdem nicht:

Als ich in der Mitte der 90er in Südfrankreich aufgewachsen bin, war es bei uns wie bei vielen anderen Kindern in der Region: Meine Familie hatte einen „Familien-Computer“, auf dem meine Schwester und ich Videospiele gespielt haben. Unser erstes Spiel überhaupt war Lemmings, das mein Vater irgendwann auf einer Diskette von der Arbeit mit nach Hause gebracht hat. Wir waren mit dem Computer auch im Internet, was am Anfang vor allem hieß, dass ich mir Fanseiten von Bands angesehen habe, die ich mochte. Ich hatte definitiv kein richtiges Interesse an Tech.

Ihr Interesse wurde geweckt, als Laura erkannte, was mit so einfachen Dingen wie HTML alles möglich ist:

Als ich 10 war, habe ich im Rahmen eines Schulprogramms eine Woche lang ein Praktikum bei dem Unternehmen gemacht, bei dem mein Vater arbeitet. Das war ein Institut für Telekommunikationsnormen und ich habe hauptsächlich Kopien gemacht, mich umgesehen und ziemlich gelangweilt, bis einer der Kollegen meines Vaters mir gezeigt hat, wie man eine kleine Website erstellt. Das war 1996. Ich habe HTML dann ziemlich schnell gelernt, um Sachen bauen zu können (vor allem Fanseiten und persönliche Webseiten auf Geocities). Ich habe mich einfach per Trial-and-Error durchprobiert, bis es geklappt hat.

Gegen Ende der Mittelstufe habe ich außerdem damit angefangen, Layouts in Paint Shop Pro (so ähnlich wie Photoshop) zu erstellen und bin richtig auf CSS, Web Design und Graphic Design abgefahren. Online habe ich in Communities Leute getroffen, mit denen ich deutlich mehr gemeinsam hatte als mit den Kids in der Schule. Ich hatte gerade die Schule gewechselt und war in ein neues Land gezogen (Österreich) und diese Online-Communities waren ein sicherer Ort für mich.

In der Schule habe ich IT als Wahlfach belegt, aber das wurde schnell langweilig, weil es nicht so spannend war wie die Sachen, die ich selbst gebaut habe. Also habe ich es abgewählt und mich stattdessen für eine künstlerische Karriere entschieden.

„Informatikunterricht in der Schule ist oft langweilig.“

Wie schon erwähnt, schlug Laura zunächst einen anderen Karriereweg ein:

Mein beruflicher Werdegang war ein ziemliches Durcheinander! Ich habe Medienkunst studiert und hatte daneben viele unterschiedliche Jobs: Ich habe als Fotografin gearbeitet, als Journalistin, hatte jahrelang einen Musikblog und wollte ein Plattenlabel gründen. Ich habe nach einem Weg gesucht, Musik und Kunst – meine beiden Leidenschaften – zu verbinden, indem ich auf Konzerten fotografiert und Cover für Bands gestaltet habe.

Ich habe auch kleine Websites für Freunde und Bands gestaltet, aber nie darüber nachgedacht, das zum Beruf zu machen. Vor ein paar Jahren habe ich dann einen Rails-Girls-Workshop besucht und meine Begeisterung für die Programmierung entdeckt. Aus einer Laune heraus bin ich zur Web-Entwicklerin geworden, nachdem man mir einen Job bei einem Unternehmen hier in Wien angeboten hatte. Als ich den Job drei Jahre später verloren habe, habe ich angefangen als Freelancerin zu arbeiten und mich ehrenamtlich als Organisatorin für den Summer of Code der Rails Girls zu engagieren. Die Travis Foundation hat mir dann die Chance geboten, bei ihnen mitzuarbeiten und so die Diversität in der Open-Source-Software-Branche zu erhöhen – ich habe keine Sekunde gezögert!

Ein typischer Arbeitstag für Laura sieht folgendermaßen aus:

Ich arbeite von einem Co-Workingspace in Wien aus (sektor5) und versuche, meinen Tag in der Regel recht stark zu strukturieren: Morgens geht es mit einem Überblick über die anstehenden Aufgaben los, manchmal auch mit beruflichen Telefonaten oder Meetings. Primär arbeite ich an Projekten für die Travis Foundation, wie dem Rails Girls Summer of Code – einem dreimonatigen Stipendienprogramm für Frauen und nicht-binäre Menschen, die sich dafür interessieren, an Open-Source-Software mitzuarbeiten. Dort leite ich ein Team von Ehrenamtlichen, sodass der größte Teil meiner Arbeit heute aus Planung, Organisation und dem Schreiben von Blogposts besteht und ich nur gelegentlich code.

Dieses Jahr war außerdem ein Besonderes für mich, weil ich entschieden habe, öfter auf Konferenzen zu sprechen. Das bedeutet, dass meine Routinen oft unterbrochen werden und ich einen Teil meiner Arbeitszeit auch auf die Recherche zu Themen, Outlines oder Präsentationen verwende.

Seit sie sich für die Tech-Branche entschieden hat, entwickelt Laura auch immer wieder eigene Projekte:

Ich habe ein paar Sachen entwickelt, sowohl privat als auch für die Arbeit. Eines meiner liebsten Projekte, an dem ich vor einigen Jahren gearbeitet habe, war die Erstellung eines Dashboards für ein Plattenlabel mit Eventagentur. Die Anforderungen an die Software waren ziemlich spezifisch: Das Dashboard sollte den Workflow bei der Buchung von Bands, der Erstellung von Verträgen, dem Versenden von Bestätigungen für Zahlungseingänge und so weiter unterstützen. Das war eines meiner ersten großen Projekte und hat mir viel über Softwarearchitektur beigebracht.

Im Moment habe ich leider nicht viel Zeit für private Projekte, arbeite aber (sehr langsam) an meinem eigenen, kleinen CSS Framework.

Laura hat auf ihrem Weg immer Unterstützung von ihrer Familie erfahren:

Meine Familie hat mich immer sehr unterstützt. Meine Mutter konnte sich immer neu erfinden und neue Berufswege einschlagen, wenn wir umgezogen sind; mein Vater hat immer daran geglaubt, dass unterschiedliche und diverse Erfahrungen wichtig sind und dass man sich sowohl für Mathe als auch für Kunst sowie Sport interessieren sollte. Ich merke, dass das eine sehr privilegierte Art des Aufwachsens war, weil weder meine Schwester noch ich von unseren Eltern jemals zu einem bestimmten Berufsweg gedrängt wurden.

„Jede Frau in der Tech-Branche ist ein Vorbild.“

Hinsichtlich Vorbildern ist es so, dass für mich jede Frau in der Tech-Branche ein Vorbild ist, weil Frauen in diesem Bereich so unsichtbar sind.

Mich inspiriert insbesondere Katrina Owen, die Gründerin von exercism.io, weil sie großartige Vorträge hält und keinen klassischen Karriereweg genommen hat. Außerdem ist da Saron Yitbarek zu nennen, die Gründerin von CodeNewbie, weil sie so viel Energie hat und weil sie eine sehr, sehr inklusive Community von Entwicklern aus aller Welt aufgebaut hat.

Allerdings ist so viel Wohlwollen nicht selbstverständlich, wie Laura in der Tech-Branch dann erfahren musste:

Ich wurde mehr als nur einmal auf Konferenzen gefragt, ob ich denn mit meinem Freund da sei. Außerdem wurde mir gesagt, dass ich nicht wie eine Entwicklerin aussehen würde. Solche Klischees (Frauen können nicht programmieren, das Aussehen von Frauen korrespondiert mit ihren Fähigkeiten) führen dazu, dass Frauen sich kontinuierlich beweisen und härter arbeiten müssen als Männer, um denselben Lohn zu bekommen oder ihre Leistungen in gleicher Weise anerkannt zu sehen.

Viele Frauen tendieren auch dazu, die Tech-Branche aufgrund dieser Vorurteile und des Sexismus irgendwann wieder zu verlassen. Junge Frauen bei ihrem Einstieg in die Branche zu unterstützen und ihnen Vorbilder zu geben (die fehlen, vor allem wenn man sich die Speaker-Line-Ups von Konferenzen ansieht) ist also nicht genug – wir müssen auch die Frauen unterstützen, die schon in der Branche arbeiten, indem wir offen über Sexismus sprechen. So können wir Menschen klar machen, dass das ein großes Problem ist und es bekämpfen.

Dass viele Frauen die Tech-Branche wieder verlassen, ist ein großes Problem. Denn Diversität ist für alle von Vorteil:

Jede Branche profitiert von Diversität in Teams. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass diverse Teams besser darin sind, richtig gute Produkte zu entwerfen und kreativ zu denken. Manche Produkte wurden speziell mit einem bestimmten Nutzertypus im Sinn entworfen: junge, weiße, heterosexuelle Männer. Das schließt alle anderen Nutzergruppen aus, macht das Produkt für sie manchmal sogar unbenutzbar.

So schnell wird sich aber nichts ändern, befürchtet Laura:

Die Probleme in Sachen Minderheiten und unterrepräsentierten Gruppen, die wir gegenwärtig in der IT-Welt haben, sind tief in der Denkweise unserer Gesellschaft verwurzelt. Wir haben gesellschaftlich akzeptiert, dass Sexismus, Rassismus und Ableismus okay sind.

Dagegen hilft nur, einander zu unterstützen.


Wie sind eure Erfahrungen als Frauen in der Tech-Branche? Und wie seht ihr Männer das – fehlen euch qualifizierte Frauen als Kollegen? Schickt uns eure Erfahrungen, Meinungen, Wünsche per Mail an redaktion@entwickler.de!

Women in Tech

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