Interview mit Lynn Langit, freiberufliche Cloud-Architektin und Entwicklerin

Women in Tech: „Wir brauchen mehr Frauen, die gemeinsam mit Männern programmieren und Projekte umsetzen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lynn Langit, freiberufliche Cloud-Architektin und Entwicklerin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lynn Langit

Lynn Langit ist Cloud-Architektin sowie Entwicklerin und arbeitet hauptsächlich mit Amazon Web Services und der Google Cloud Platform. 

Ihr Spezialgebiet sind Big-Data-Projekte. Lynn hat sich zudem bereits intensiv mit AWS Athena, Aurora, Redshift, Kinesis und dem IoT auseinandergesetzt. Auch mit Databricks für Apache Spark und Google Cloud Dataproc, Bigtable, BigQuery und Cloud Spanner hat sie sich bereits beschäftigt.

Lynn ist Mitbegründerin von Teaching Kids Programming und hat über Daten- und Cloud-Technologien schon Vorträge in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika, Asien und Australien gehalten.

Was hat deine Neugier für die Technologie geweckt?

Ich war schon immer an Wissenschaft und Mathematik interessiert, ein richtiger Nerd. Zahnräder, technische Geräte (Gadgets) und Maschinen – das alles liebe ich, weil ich wahnsinnig neugierig bin und verstehen will, wie die Dinge tatsächlich funktionieren.
Mein Einstieg ins Coding begann, als ich während einer schwierigen Schwangerschaft Bettruhe verordnet bekam – damals habe ich mir das Programmieren selbst beigebracht. Tatsächlich habe ich meine erste Website programmiert und eingerichtet um Babyfotos zu zeigen – das war vor 20 Jahren.

Wie bist Du letztendlich auf diesem Karriereweg gelandet?

Mein Mathelehrer sagte: „Oh Schätzchen, Mädchen machen kein Mathe.“

Im Alter von 12 Jahren fragte ich meinen Mathelehrer, welche mathematischen Berufe ich in Betracht ziehen könnte, seine Antwort war: „Oh Schätzchen, Mädchen machen kein Mathe.“ Leider habe ich ihm geglaubt.

Ich habe einen Abschluss in Linguistik und hatte eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Mit 36 Jahren wechselte ich in die Tech-Branche und begann mit 38 Jahren zu programmieren. Zunächst arbeitete ich als technische Ausbilderin und begann mit den grundlegendsten Technologien, entdeckte aber schnell die Liebe zu Datenbanken. Über 10 Jahre im Microsoft-Ökosystem arbeitete ich als Trainerin, Partnerin und einfache Mitarbeiterin, in dieser Zeit schrieb ich drei Bücher über SQL-Server.

Im Jahr 2011 gründete ich meine eigene Firma und habe seitdem nicht mehr zurückgeschaut. Von Microsoft und Datenbank habe ich in die Cloud gewechselt und erweiterte mein Wissen rund um Datenpipeline-Architekturen. Ich arbeite mit allen öffentlichen Cloud-Anbietern – AWS, GCP, Azure und Alibaba – zusammen und teile meine Zeit 50/50 zwischen der Erstellung und Bereitstellung von technischen Schulungs- und Architekturlösungen. Ich bin auch eine AWS Community Heldin und GCP Cloud Developer Expertin.

Mit 51 Jahren habe ich meine Mathematikausbildung wieder aufgenommen, als ich über einen Zeitraum von einem Jahr 500 Lektionen in der Khan-Akademie absolviert habe, was schließlich damit endete, Calculus zu lernen! Meine Tochter (die jetzt Studentin im ersten Studienjahr ist) hat mir versprochen, mir diesen Sommer Differentialgleichungen beizubringen – ich kann es kaum erwarten!

Derzeit arbeite ich an der Demokratisierung des maschinellen Lernens mit Kunden und gebe Kurse. Mein letzter Kurs bei Lynda.com war das „AWS Machine Learning Essential Training„.

Ein starkes Netzwerk

Meine Mutter war für mich immer eine große Unterstützung und half mir dabei, meine Tochter großzuziehen, während ich als alleinerziehende Mutter das Berufsfeld (vom Geschäft zur Technik) wechselte.

Statt ein einziges Vorbild zu haben, lerne ich ständig von einer ganzen Reihe von Spitzen-technikerinnen.

Ich habe einen fantastischen und weltweit verteilten Freundeskreis. tatt ein einziges Vorbild zu haben, lerne ich ständig von einer ganzen Reihe von Spitzentechnikerinnen. Besonders inspirierend waren die Vorträge von Katrina Owen, Jessica Kerr und Danielle Leong.

Auf dem Weg gab es viele Unterstützer (sowohl männliche als auch weibliche), die für mein berufliches Wachstum ausschlaggebend waren. Insbesondere Sam Newman, Martin Thompson und Adrian Cockcroft haben eine Reihe von wichtigen Schritten unternommen, die meine Karriere maßgeblich vorangetrieben haben.

Stolpersteine auf dem Weg

Dieser eine Mathelehrer, von dem ich oben sprach, hat die Dinge etwas verlangsamt. Außerdem hatte ich einmal einen Firmenjob mit einem sehr üblen Chef. Diese Erfahrung hat mich dazu veranlasst, dieses Unternehmen zu verlassen und mein eigenes Unternehmen zu gründen, was sich letztendlich als beste Entscheidung meines Lebens herausstellte.

Ein Tag in Lynns Leben

Ich bin eine selbständige Cloud-Architektin und Entwicklerin. Jeder Tag bringt neue und andere Herausforderungen mit sich. Manchmal arbeite ich wochen- oder sogar monatelang von zu Hause aus und mit einer Vielzahl von Kunden an allem: von der Architektur, über die Programmierung und Bereitstellung von Lösungen, bis hin zum Testen neuer Cloud-Services.

Ich habe zwischen fünf und dreißig Kunden pro Jahr. Manchmal bin ich irgendwo auf der Welt, arbeite mit einem Kunden oder halte einen Vortrag über Technik oder eine Keynote. Tatsächlich werde ich diesen Herbst in Deutschland sein und die Keynote zur GOTO:Berlin halten.

Rund ein Viertel meiner Zeit verbringe ich mit professioneller Freiwilligenarbeit zum Thema Technik. Ich mache das seit vielen Jahren:

  • SmartCare Electronic Medical System in Sambia (seit 5 Jahren). Ich arbeite an den Themen HIV und TB im Gesundheitswesen, was durch die Zusammenarbeit mit lokalen Entwicklern und DBAs in Lusaka zum Aufbau technischer Kapazitäten und zur Systemoptimierung beiträgt.
  • Teaching Kids Programming (seit 10 Jahren). Dort arbeite ich mit, eine Lösung für das „Pipeline“-Problem von Mädchen zu finden, die in der Mittelschule keine Technik lernen. Ich leite dabei die Entwicklungsarbeit für die OSS-TKPJava-Kursunterlagen-Bibliothek. Die Bibliothek besteht aus 80 Unterrichtsstunden und Materialien zur Vorbereitung der Lehre und ist für Lehrer mit Schülern ab 10 Jahren konzipiert.
  • CSIRO Bioinformatics Team in Sydney, Australien, aktuell. Arbeiten zum Problem der teuren und langsamen Rückkopplungszyklen für die Krebsgenomforschung der CRISPR-CaS9-Immuntherapieforschung, durch Skalierung genomischer Forschungswerkzeuge (GT-Scan2 und VariantSpark) auf der Public Cloud.

Außerdem haben über 3 Millionen Menschen einen oder mehrere meiner Lynda.com-Kurse über Cloud und Big Data gesehen.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

  • Zu viele ungehinderte Verbalarschlöcher.
  • Zu begrenztes Wissen über das Interesse und die Fähigkeiten von Frauen – besonders problematisch in der Pubertät (leider oft von einigen Lehrern und sogar Eltern verstärkt).
  • Ungleiche Bezahlung. Fehlender Zugang zu Kapital für Frauen von Startups.

Ein weiteres Hindernis für Frauen in der Tech-Branche ist das sogenannte „Betrügersyndrom“.

Die Diskussion über Diversität hat Fahrt aufgenommen. Wie lange wird es dauern bis die Ergebnisse der aktuellen Debatte sichtbar werden?

Um Ergebnisse zu erzielen, definiert man am besten messbare Ziele, beispielsweise die Anzahl der Frauen, die in einem Gebiet arbeiten oder die Bezahlung von Frauen gegenüber der von Männern – und handelt entsprechend. Gesetzliche Bestimmungen müssen umgesetzt werden, mit allen erforderlichen Mitteln. Außerdem müssen Messungen des Zugangs zu Bildung und Kapital durch VCs durchgeführt werden.

Wir brauchen weniger Wochenend-Events (Partys mit pinkfarbenen Shirts) und WiT-Luncheons, dafür mehr Frauen, die coden und reale Projekte Seite an Seite mit Männern umsetzen.

Ich weiß nicht, wann es besser wird. Meine eigene Tochter, jetzt 19, wird kein Entwickler sein (obwohl sie seit ihrem 10. Lebensjahr programmiert) wegen dem, was sie von meinem Arbeitsleben gesehen hat.

Tipps und Tricks

Sie und nur Sie definieren Ihre technischen Fähigkeiten. Es ist nie zu spät, etwas zu lernen. Verlangen Sie das, was Sie wert sind und werden Sie nach dem bezahlt, was Sie wert sind. Fragen Sie nachdem, was Ihnen wichtig ist – Freizeit, Benefits, gewünschte Kunden, etc. Unterstützen Sie die Arbeit von anderen Frauen in der Tech-Branche. Danken Sie männlichen Fürsprechern.

Und last but not least: Schaffen Sie Technologie, die zählt.

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