Interview mit Samantha Quiñones, Leiterin des Payments-Engineering-Teams bei Etsy

Women in Tech: „Die besten Entwickler befassen sich mit Problemen, für die es noch keine Lösungen gibt“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Samantha Quiñones, Leiterin des Payments-Engineering-Teams bei Etsy.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Samantha Quiñones


Samantha Quiñones hat in ihrer Berufslaufbahn für manche der größten Unternehmen der Tech-Branche Software entwickelt und Teams geleitet. Sie ist eine international bekannte und rennommierte Speakerin und Mitglied des PHP-FIG Core Committees.

Samantha wurde von der Huffington Post als eine der wichtigsten Personen Lateinamerikas in der Medien-Branche identifiziert und hat im Jahr 2015 den DCFT Powerful Female Programmers Award verliehen bekommen.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Als ich meinen ersten Computer bekam, habe ich mir selbst BASIC beigebracht.

Meine Großmutter war ein riesiger Fan von Star Trek, Star Wars und von praktisch allem, wo Raumschiffe drin vorkommen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich, als ich noch klein war, oft mit ihr Science-Fiction-Serien und -Filme mit ihr geschaut habe, insbesondere Star Trek. Mein Wunsch damals war es, wenn ich einmal groß sein würde, den Computer der Enterprise zu bauen. Als ich in den späten 1980er Jahren meinen ersten eigenen Computer bekam, habe ich mir selbst das Programmieren in BASIC beigebracht.

Als Teenager habe ich mich dann mit der Programmierung in MUD und MUSH befasst – diesmal im Zusammenhang mit Science-Fiction-Spielen – und schließlich den Entschluss gefasst, das Programmieren zu meinem Beruf zu machen.

Vorbilder und Hindernisse

Ich bin in ziemlich schwierigen finanziellen Verhältnissen aufgewachsen und hatte wenig Aussicht auf eine gute Bildung. Ich habe die High School nicht beendet und im Einzelhandel, als Bedienung und sogar als Putzkraft gearbeitet. Es war schwierig das Level zu erreichen, ab dem man mich als Entwicklerin ernst nahm. Das lag unter anderem auch daran, dass ich Probleme damit hatte, mich selbst ernst zu nehmen. Sogar als ich endlich einen Fuß in der Tür hatte, war die Frühphase meiner Karriere von Depressionen und Drogenmissbrauch geprägt. Erst nachdem ich die 30 überschritten hatte, ging es mit mir bergauf.

Es wäre naiv zu glauben, dass ich keine Ressentiments ob meiner Körpergröße und meiner Homosexualität erlebt hätte.

Meine Familie hat mich immer unterstützt, obwohl ich das einzige Mitglied bin, das in der Tech-Branche arbeitet. Ich hatte rein technisch aber eine Menge anderer Vorbilder. Meine erste Managerin in der IT, Jill, hat sich nicht um meine Vergangenheit geschert und mir beigebracht, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, und immer an das Gute in ihnen zu glauben.

Ich habe natürlich einiges an Büro- und Unternehmenspolitik erlebt und es wäre naiv zu glauben, dass ich keine Ressentiments ob meiner Körpergröße und meiner Homosexualität erlebt hätte.

Ein Tag in Samanthas Leben

Ich bin für ein Team von Entwicklern bei Etsy verantwortlich. Den Großteil meines Tages verbringe ich in Meetings: Ich setze mich mit jedem Mitarbeiter zusammen, um auf dem Laufenden zu bleiben, nehme an technischen und strategischen Meetings teil und habe Besprechungen mit unseren Partnern vom Produktbereich, von Business Operations und aus der Rechtsabteilung. Mit meinem Team verbringe ich einige Zeit bei technischen Diskussionen – dann suchen wir gemeinsam nach Lösungen für Probleme und manchmal komme ich sogar dazu, ein wenig Code zu schreiben.

Ich hatte die Gelegenheit, mit einigen faszinierenden und großartigen Menschen zu arbeiten. Es ist einfach wunderbar dabei zuzusehen, wie sie zu sich selbst finden und dann auf sich selbst gestellt unglaubliche Dinge vollbringen. Ich selbst habe auch selbst ein paar ganz coole Sachen gemacht, aber nichts ist mit diesem Gefühl vergleichbar.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der IT?

Das ist eine sehr komplexe Frage, denn dafür gibt es mehrere Gründe. Die Tech-Branche ist ganz offensichtlich offen für jeden. Aber irgendwann kommen wir an den Punkt, wo es nicht mehr um Mädchen geht, die Wissenschaft und Technik lieben, sondern um Frauen, die im Bereich Wissenschaft und Technik arbeiten. Sichtbarkeit und Repräsentation spielen noch immer eine große Rolle.

Unser kollektives Bild eines Entwicklers ist immer noch das eines jungen, weißen Mannes in seinen Zwanzigern, der Kapuzenpullis trägt.

Es gab eine Zeit, da waren weibliche Ärzte eine absolute Ausnahme. Heute hingegen denkt man bei dem Wort „Doktor“ genauso häufig an Frauen wie an Männer. Unser kollektives Bild eines Entwicklers hingegen ist immer noch das eines jungen, weißen Mannes in seinen Zwanzigern, der Kapuzenpullis trägt. Und Softwareentwickler werden wohl noch eine Weile diesem Bild entsprechen.

Als Managerin, die auch Personal anstellt, merke ich selbst, wie unterbwusste Vorurteile überall einfließen – selbst bei einem unternehmen, das aktiv daran arbeitet, gegen diese Vorurteile vorzugehen. Wenn man sieht, welchen Effekt Vorurteile in Sachen Geschlecht, Sexualität und Ethnizität haben, versteht man, warum es so schwer ist, die Zahlen in die richtige Richtung zu lenken. Es braucht sehr viel Einsatz, Wachsamkeit, Selbstbewusstsein und Bescheidenheit; das gilt sogar für Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, gegen diese Vorurteile zu kämpfen.

Frauen in MINT-Berufen

Die Technologie bestimmt die Welt. Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen. Diese Hälfte aus dem Bereich Technologie fernzuhalten, macht uns alle schwächer.

Als homosexuelle Lateinamerikanerin, die in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, war die Tech-Branche mein Ausweg aus der Armut. Es gibt Millionen von Frauen, die wie ich sehr viel zur Ökonomie beitragen und für sich und ihre Familie ein besseres Leben schaffen könnten. Allein darum ist es ein hehres Ziel, mehr Frauen in MINT-Berufe zu bringen.

Es wird allerdings noch mindestens eine ganze Generation dauern, bis wir echte Resultate sehen werden, die aus der derzeitigen Debatte um Diversität gezogen werden – das ist traurig aber leider wahr. Es geht hier um den gleichen Kampf um Gleichberechtigung, den Frauen bereits sehr einem Jahrhundert führen.

Herausforderungen

Habt keine Angst vor dem, was ihr nicht kennt.

Ich habe ja bereits auf ein paar Vorurteile hingewiesen, mit denen Frauen bei der Jobsuche zu kämpfen haben. Hat man den Job dann, kann es vorkommen, dass der berufliche Alltag von Mikroaggressionen, sexueller Objektifizierung und unterschwelliger Ablehnung geprägt ist. Ich erinnere mich noch an meine erste Zeit als Senior Engineer. Ich wurde damals den Mitarbeitern vorgestellt und musste viele korrigieren, weil sie glaubten, ich sei eine Designerin und keine Entwicklerin.

Tipps & Tricks

Habt keine Angst vor dem, was ihr nicht kennt. Lernt, wie man richtig lernt, an sich glaubt und hungrig bleibt. Die besten Entwickler sind die, die sich mit Problemen befassen, für die es noch keine Lösungen gibt. Jedes Unternehmen ist anders, macht einfach so lange weiter, bis ihr das richtige für euch gefunden habt und habt nie Angst, euch mit neuen Leuten anzufreunden. Freunde sind das Wichtigste, um all das durchzustehen.

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