Interview mit Sara Brodin, Head of Engineering von VAI

Women in Tech: „Wir brauchen mehr Vorbilder und Coaches für alle Minderheiten da draußen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sara Brodin, Head of Engineering von VAI.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Sara Brodin, Head of Engineering von VAI

Sara Brodin ist derzeit Head of Engineering bei einem Berliner Startup namens VAI. Dort ermöglicht man es Unternehmen, Finanzierungen „per Knopfdruck“ durchzuführen. Die Kunden von Vai können mithilfe dieser Finanzierung ihren Wareneinkauf in monatlichen Raten bezahlen und dadurch ihr Zahlungsziel auf bis zu 180 Tage verlängern. Dies soll den Prozess einfach gestalten und ohne lange Wartezeiten oder umständlichen Papierkram funktionieren, weil alles digital erledigt werden kann.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mit zwei älteren Brüdern aufzuwachsen, bedeutete für mich, dass Technologie direkt in meinem Kinderzimmer Einzug hielt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich erinnere mich z.B., dass ich neben meinem Bruder saß und ihn stundenlang beobachtete, während er komplexe Strategiespiele spielte. Daraus entwickelte ich meine Leidenschaft fürs Gaming, was letztlich dazu führte, dass ich in der 11. Klasse einen Kurs in Webdesign besuchte und im anschließenden Jahr noch einen C++-Kurs folgen ließ. Damals hatte ich keine Ahnung, was stdio.h war, aber ich musste es mir merken, weil mir jemand sagte, dass es in jeder Datei sein muss! 😉

Ohne mich in unangenehme Situationen zu begeben, wäre ich nicht dort gelandet, wo ich heute bin.

Während des Studiums, als alle meine Kommilitonen zu Java- und C#-Anwendungen übergingen, war ich mehr daran interessiert, wie ein Computer tatsächlich funktioniert. Ich begann meine Karriere deshalb als Embedded-Software-Entwicklerin bei ARM und wechselte nach einigen Jahren in die Fachrichtung Websysteme. Damals wurde mir klar, dass ich stark im ganzheitlichen Denken, in der Architektur und in der Pflege von Systemen bin – und zwar nicht nur von Code und Apps. Also entschied ich mich, eine CTO-Karriere einzuschlagen. Derzeit bin ich Head of Engineering beim Berliner Finanztechnologie-Startup VAI Trade.

Ich würde nicht sagen, dass äußere Umstände mich gehindert hätten, aber mehr als einmal musste ich meinen eigenen inneren Schweinehund überwinden. Er versuchte mir immer wieder einzureden, dass ich nicht in der Lage sein würde, es durchzuziehen oder dass ich mir zu viel Verantwortung zugemutet habe. Der einzige Weg, damit umzugehen, war sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Nach einigen Monaten musste mein innerer Schweinehund dann auch akzeptieren, dass er sich geirrt hatte. Ich habe es doch geschafft.

Familie und Freunde – die wichtigsten Unterstützer

Ich genoss definitiv die Unterstützung von Menschen um mich herum. Viele Menschen geben gern – und wenn man eine schwere Zeit hat, vermitteln sie einem so viel Energie. Das sieht man aber erst, wenn man tatsächlich in Problemen steckt.

Ich suche immer nach Vorbildern um mich herum. Die wahnsinnig talentierten Entwickler von ARM und TomTom, die ihre Leidenschaft gefunden hatten, und ein paar CTOs auf meinem weiteren Weg gehören in jedem Fall dazu. Im Moment habe ich mehr Vorbilder in der Business-Welt. Mein CEO, Garry Krugljakow, hat ein Händchen dafür, mit kleinen Dingen den Menschen um sich herum Wertschätzung zu vermitteln. Außerdem ist seine unerschütterliche Leidenschaft großartig, wenn man sie um sich hat.

Hat jemand versucht, dich daran zu hindern, in deiner Karriere voranzukommen?

Wie eingangs erwähnt, war der bzw. das Einzige, was versucht hat mich aufzuhalten, meine innere Stimme, meine eigenen Unsicherheiten. Ich habe es aber geschafft, mich recht schnell an die Regeln höherer Ebenen in Unternehmen anzupassen: Gut in dem zu sein, was man tut und Beziehungen aufzubauen, wird immer die Grundlage für Erfolg sein; aber Menschen zu inspirieren ist eine Fähigkeit, bei der jeder dazulernen muss.

Ein Tag in Janes Leben

Derzeit sind wir ein Team von 30 Mitarbeitern, fünf davon Vollzeitentwickler. Meinen Arbeitstag verbringe ich zur einen Hälfte mit Programmierthemen und zur anderen Hälfte, damit das Management bei strategischen Fragen zu unterstützen. Die Suche nach qualifizierten Fachkräften ist dabei natürlich auch eines der wichtigsten Themen. Zum Glück hilft mir ein kompetentes HR-Team, sodass ich mich mehr auf Evaluation als auf das zeitraubende Sourcing konzentrieren kann. Ich genieße es immer noch sehr, zu programmieren, auch wenn es mittlerweile nicht mehr oberste Priorität hat. Ein kleineres Unternehmen ermöglicht mir aber genau dies.

Ich muss dabei mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten – der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, zu wissen, was wann delegiert werden muss und welche Prioritäten man setzen muss. Drei von fünf Sachen zum Feierabend erfolgreich abgeschlossen zu haben, ist immer noch besser, als fünf Sachen nur halb gemacht zu haben.

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Worauf bist Du in Deiner Karriere besonders stolz?

Im Jahr 2011 war ich Teil eines kleinen Teams bei TomTom. Wir erhielten den Auftrag unsere C++-Codebasis mit über 1 Million Zeilen zu zerlegen, zu modularisieren und auf eine neue Plattform zu portieren. Ein Wahnsinn an Compiler- und Linkfehlern! Einige Jahre später arbeiteten schließlich zehn Teams aus verschiedenen Ländern an der neuen Plattform. Ich bin stolz darauf, in diesem für das Unternehmen so wichtigen Projekt, eine Rolle gespielt zu haben.

Ich habe eine Menge dieser Geschichten, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn ich an sie zurückdenke.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. In den letzten 100 Jahren hat die weibliche Rolle viele soziale Dogmen ertragen müssen, die uns dorthin gebracht haben, wo wir heute sind. Diese Frage können wir nur in einem anderen Jahrhundert im Vergleich zur Vergangenheit beantworten.

Es gibt viele Frauen in der Tech-Branche. Schauen Sie sich Universitäten an und die Einsteigerjobs an – und vor allem schauen Sie außerhalb unserer kleinen Blase in Europa um! Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren mehr Frauen in leitenden Entwicklerpositionen, im technischen Produktmanagement, im Engineering Management und in der Qualitätsautomatisierung sehen werden – ein ganz natürliche Fortschritt.

Der Bereich, von dem ich denke, dass wir noch eine Weile brauchen werden, sind Frauen in technischen Führungspositionen wie Head of Engineering und CTO.

Vielfalt ist ein großes Spektrum, es geht nicht nur um Frauen.

Am Ende denke ich nicht, dass es ein sinnvoller Maßstab ist, über die Auswirkungen auf die Welt zu sprechen. Wir leben in einer Zeit, in der wir danach streben, dass Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind, dass Menschen unabhängig von ihrem finanziellen Hintergrund beruflichen Erfolg erzielen können. Auf der Grundlage dieser Leitlinien sollten wir mehr Frauen in finanziell stabilen und herausfordernden Jobs in STEM finden können. Aber natürlich ist es nicht für jeden geeignet. Es gibt zum Beispiel heute viele wichtige Sozialberufe, die ich nicht bewältigen könnte.

Hindernisse

Ohne mich in unangenehme Situationen zu begeben, wäre ich nicht dort gelandet, wo ich heute bin – In einer technischen Führungsposition. Hier brauchen wir meiner Meinung nach mehr Vorbilder und Coaches für alle Minderheiten da draußen.

Du solltest dich nicht anpassen müssen, aber du musst den Menschen um dich herum die Zeit geben, sich ändern zu können. Ich erinnere mich an ein Feedbackgespräch mit einem Entwickler, der sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass mein Chef eine Frau sein würde“. Diese Aussage war als ehrliches Kompliment gemeint und erinnerte mich daran, dass man zwar die Vergangenheit der Menschen ändern kann, aber man ihnen etwas auf ihrer Reise mitgeben kann.

Die Diversitätsdebatte gewinnt an Aufwind. Wie lange wird es dauern, bis man Erfolge sieht?

Wie zuvor beschrieben, denke ich, dass wir in ein paar Jahren mehr Frauen in der Tech-Branche sehen werden, weil mehr erkennen werden, wie bedeutsam und sozial diese Jobs sein können. Vielfalt ist ein großes Spektrum, es geht nicht nur um Frauen. Hoffentlich können alle Minderheiten in der Branche von dieser Debatte profitieren.

Tipps & Tricks

Das mag hart klingen, aber „programmieren Sie weiter“. Auch wenn es sich „nur“ um einen jährlichen Online-Kurs handelt. Die Beförderung zum Scrum Master, Engineering Manager oder Product Manager in einem frühen Stadium Ihrer Karriere wird Ihnen viel Freude und eine Menge mehr Verantwortung bringen. Wenn es Ihnen gelingt, Ihre Leidenschaft für das Programmieren in diesen Jahren am Leben zu erhalten, können Sie auf der nächsten Ebene wirklich etwas bewirken.

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