Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Saskia Kurz

Women in Tech – „Macht einen Master in Selbstdarstellung“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Saskia Kurz, Development Manager bei SAP.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Saskia Kurz

Heute erzählt uns Saskia Kurz, Development Manager bei SAP, ihre Geschichte. Saskia absolvierte ein duales Studium in Wirtschaftsinformatik bei SAP in Walldorf in Kooperation mit der DHBW Karlsruhe. Ihr Berufseinstieg folgte als Developer in der SAP-HANA-Entwicklung in Berlin (Themen: Design Time Roles, Data Provisioning, Client Interfaces). Derzeit studiert sie in Teilzeit Wirtschaftsinformatik auf Master und ist nach ihrer Beförderung zum Senior Developer (Thema: SAP HANA on IBM Power Systems) jetzt Development Manager.

saskia

Saskia ist seit frühester Kindheit von Tech fasziniert:

Meine Eltern sind selbständig, daher gab es bei uns zu Hause schon immer einen Computer. Fasziniert beobachtete ich meine Eltern, wie sie diesen benutzten und schließlich durfte ich auch selbst mal an den PC. Das Betriebssystem war damals MS DOS und außer einem Textverarbeitungsprogramm und einem Zeichenprogramm gab es nicht viel. Letzteres habe ich begeistert benutzt, um mit den doch sehr rudimentären Werkzeugen Schneemänner zu malen.

Einige Jahre später habe ich mir dann den ersten eigenen Computer mit meinem jüngeren Bruder geteilt. Bei dem mussten wir öfter mal das Betriebssystem neu aufspielen, weil wir teilweise etwas zu munter mit dem manuellen Löschen von Programmen experimentierten. Etwas später habe ich dann irgendwo ein Buch über die Programmiersprache BASIC gefunden und damit auf dem uralten MS-DOS-Rechner den Lautsprecher auf dem Mainboard dazu gebracht, Melodien abzuspielen. Meine Eltern haben mich eigentlich schon immer dazu ermutigt, etwas in Richtung Informatik zu machen, weil sie darin viel Potential für die Zukunft gesehen haben. Von daher hatte ich auch keine Berührungsängste mit dem Thema IT.

Dementsprechend verlief Saskias Berufsweg auch sehr geradlinig:

Ich besuchte ein allgemeinbildendes Gymnasium, das im Informatikbereich nur sehr überschaubare Angebote hatte. Zumindest mein einwöchiges Berufsorientierungspraktikum, das damals Pflicht war, konnte ich bei einer Tochterfirma von IBM absolvieren. Dort hörte ich auch zum ersten Mal von SAP und der Möglichkeit eines dualen Studiums. Das hat mich sofort angesprochen. Als ich in diese Richtung weiter recherchierte, bin ich auch auf den Studiengang Wirtschaftsinformatik gestoßen und war total begeistert. Ein reines Informatikstudium hatte mich irgendwie abgeschreckt, aber in Kombination mit BWL erschien mir das als die perfekte Mischung.

Ich habe dann zwei Online-Bewerbungen verschickt: eine an SAP und eine an IBM. Von beiden Unternehmen kam innerhalb weniger Tage eine Einladung zum Bewerbungsgespräch, leider für denselben Tag. SAP war etwas schneller, daher bin ich zuerst dort hingefahren. Es war mein erstes Vorstellungsgespräch überhaupt und zählte für mich eher als Übung, weshalb ich wohl auch so entspannt und überzeugend war, dass man mir noch am selben Tag zusagte. Von dem, was ich vor Ort gesehen und erlebt hatte, war ich zwischenzeitlich so begeistert, dass ich gar nicht mehr zu einer anderen Firma wollte.

Die drei Jahre duales Studium vergingen wie im Flug und im Oktober 2012 konnte ich dann mit dem Bachelor in der Tasche auch schon eine Festanstellung als Softwareentwicklerin bei SAP am Standort Berlin antreten. Reine Softwareentwicklung ist zwar nicht das primäre Betätigungsfeld für studierte Wirtschaftsinformatiker, allerdings mag ich nach wie vor die breite Aufstellung, die ich durch dieses Studium erhalten habe, daher entschied ich mich, nebenbei einen Master in diesem Bereich abzuschließen.

Mittlerweile ist Saskia dort angekommen, wo sie von Anfang an hinwollte:

Anfang April 2017 habe ich als Development Managerin bei SAP die Personalverantwortung für ein zehnköpfiges Team übernommen. Da wir unsere Software im Scrum-Modus entwickeln, haben wir neben täglichen, kurzen Syncs unter anderem auch regelmäßige Planungs- und Reviewmeetings. Außerdem nehme ich einmal pro Woche an Abstimmungsmeetings des Management- und Leadership-Teams teil. Fachlich arbeite ich nach wie vor als Softwareentwicklerin mit.

Denn programmiert habe ich schon im Studium – unter anderem eine eigene Android-App. Als ich dann nach dem Bachelor in die Festanstellung übernommen wurde, habe ich zunächst in einem Team gearbeitet, das für die Client Interfaces der In-Memory-Datenbank SAP HANA verantwortlich war. Ebenfalls im Bereich SAP HANA war ich in der Plattformportierung tätig und seit Neuestem beschäftige ich mich mit Verschlüsselung und Authentisierungsmechanismen.

Auf diesem Weg hat Saskia sehr viel Unterstützung erfahren und hatte das Glück, nicht aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt zu werden:

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich aufgrund meines Geschlechts oder meines Abschlusses benachteiligt werde (ich bin direkt nach dem Bachelor eingestiegen, während die meisten Kollegen ein Diplom oder einen Master haben). Die Chancen und Anerkennung, die ich in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn bekommen habe, waren stets leistungsbezogen.

Ich hatte das Glück, dass man mir früh und wiederholt den Tipp gegeben hat, meine eigene Leistung selbstbewusst sichtbar zu machen – der Tipp kam übrigens von einem Mann!

„Macht eure Leistung stets sichtbar.“

Gerade erfahrenere Kolleginnen begegnen mir mit sehr viel Wohlwollen und Unterstützung und wir ergänzen uns sehr gut. Durch meine Teilnahme an LEAP (Leadership Excellence Acceleration Program), einem einjährigen Curriculum für Frauen bei SAP, die eine Führungsposition anstreben, durfte ich nicht nur mit wunderbaren Frauen in einem virtuellen Learning Circle zusammenarbeiten, sondern hatte auch die Gelegenheit, einige sehr erfolgreiche Frauen bei SAP persönlich kennenzulernen. Jede von ihnen hat einen sehr beeindruckenden Lebenslauf, der mich inspiriert und ermutigt. Aber auch Männer zählen zu meinen Vorbildern.

Trotz ihrer eigenen positiven Erfahrungen weiß Saskia genau, dass es nicht allen Frauen so leicht fällt, ihren Platz in der Tech-Branche zu finden.

Mädchen werden nicht genügend ermutigt.

Mädchen werden nach wie vor nicht genügend ermutigt, sich mit technischen Themen zu befassen. Schon im Kindergarten spielen die Mädchen eher in der Puppenecke, während die Jungs in der Lego-Ecke tüfteln.

In der Schule verstärkt sich dieses Problem: Wenn ein Mädchen in Mathe nicht gleich mitkommt, schauen die Lehrer vielleicht eher darüber hinweg als bei einem Jungen. Typische Stereotype sind, dass Mädchen eben nicht gut in Naturwissenschaften sind und Jungs dafür nicht gut in Sprachen. Durch die Verbreitung solcher Vorurteile werden kaum Freiräume geschaffen, in denen ein Mädchen einfach mal etwas ausprobieren könnte.

Aber es geht auch anders: Das tolle Projekt Calliope mini hat das Ziel, deutschlandweit alle Schüler der dritten Klasse mit einem Mikrocomputer zu versorgen. Dieser bietet durch zahlreiche Sensoren verschiedenste Einsatzmöglichkeiten, die dann durch die Kinder erkundet werden können. Untersuchungen haben gezeigt, dass im dritten Schuljahr beide Geschlechter noch gleichauf sind, was das technische Verständnis angeht. Wenn man dieses Potential entsprechend fördert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schere zwischen Mädchen und Jungs nicht auseinandergeht.

Eine Hürde für Frauen in technischen Berufen ist die Einschätzung und Darstellung der eigenen Leistung. Männer stellen ihre Leistung besser dar, Frauen sind da bescheidener. Frauen lassen sich oft zu leicht unterkriegen, selbst wenn sie technisch sehr kompetent sind.

Und während Männer sehr effiziente Netzwerke betreiben, agieren viele Frauen als Einzelkämpferinnen. Dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und kooperieren, ist leider noch keine Selbstverständlichkeit.

„Frauen sind oft Einzelkämpferinnen.“

Saskia ist überzeugt, dass es nicht nur der Branche gut täte, wenn dort mehr Frauen arbeiteten:

Dass Diversität die Kreativität fördert, ist kein Geheimnis mehr. In einer Zeit, in der neue Technologien disruptiv sein müssen, um auf dem Markt überhaupt eine Chance zu haben, ist es essentiell, das Potential bunt gemischter Teams voll auszuschöpfen. Frauen tendieren im Großen und Ganzen dazu, von allzu risikobehafteten Entscheidungen Abstand zu nehmen.

Es gibt einen tollen Dokumentarfilm – „Where to Invade Next“ von Michael Moore – in dem unter anderem das Beispiel von Island behandelt wird: Nach der Finanzkrise wurden die Banker nicht nur strafrechtlich verfolgt, die zu risikoreich spekuliert hatten, sondern es wurden auch die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass sich eine derartige Krise so schnell nicht wiederholen kann – und zwar indem z. B. gesetzlich verpflichtende Frauenquoten für Unternehmensvorstände eingeführt wurden.

Ich denke, dass alle Bereiche gleichermaßen profitieren würden. Vor allem glaube ich, dass die Qualität und Kundenorientierung von Produkten und Dienstleistungen steigen würden. Frauen sind meiner Meinung nach oft empathischer als Männer, außerdem müssen sie sich und anderen nichts beweisen, indem sie unnötige Risiken eingehen.

Der Zukunft sieht Saskia mit gemischten Gefühlen entgegen:

„Die Frauenquote reduziert Frauen aufs Geschlecht.“

Ich hoffe sehr, dass die Diversity-Debatte bald Geschichte ist. Auch wenn es klasse ist, dass Firmen wie SAP sich gezielt für Frauen stark machen und diese fördern, würde ich mir wünschen, dass das Thema nicht so im Fokus stünde, weil ich ungern auf mein Geschlecht reduziert werde.

Ich bin persönlich kein großer Fan von Quoten egal welcher Art und finde es sehr schade, dass beispielsweise eine Frauenquote auch immer Raum dafür bietet, erfolgreichen Frauen zu unterstellen, dass sie ihre Position nur durch eine Quote erreicht haben und nicht primär aufgrund ihrer Eignung und Leistung.

Deswegen gibt Saskia Frauen auf dem Weg in die Tech-Branche folgendes mit:

Verliert nie den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, macht einen Master in Selbstdarstellung und zögert nicht, Wünsche und Probleme klar zu artikulieren. Übrigens gibt es auch eine ganze Menge Männer, die sich freuen, eine Frau im Team zu haben und diese offen und gleichberechtigt behandeln.


Wie sind eure Erfahrungen als Frauen in der Tech-Branche? Und wie seht ihr Männer das – fehlen euch qualifizierte Frauen als Kollegen? Schickt uns eure Erfahrungen, Meinungen, Wünsche per Mail an redaktion@entwickler.de!

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