Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Simone Fasse

Women in Tech – “Wir brauchen mehr Frauen im technischen Bereich”
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Simone Fasse, Inhaberin von Verbia Texte // Kommunikation München.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Simone Fasse

Heute erzählt uns Simone Fasse, Inhaberin von Verbia Texte // Kommunikation München, ihre Geschichte. Nach einer klassischen Journalisten-Laufbahn zog es sie in den Tech-Journalismus bei VDI nachrichten. 2007 machte sie sich dann als Tech-Journalistin, PR-Beraterin und Bloggerin (“Frauen und Technik”) selbstständig.

Simone Fasse Roboy

Simone ist zwar vielleicht keine klassische Entwicklerin, dafür kennt sie sich von klein auf gut in der Technik-Branche aus:

Mein Vater hat als Technischer Zeichner bei RWE gearbeitet, meine Mutter hatte in einem mittelständischen Technologie-Unternehmen immer mit Großrechnern zu tun. Ich bin mit Trafo-Stationen und Stromkabeln aufgewachsen, das hat mich geprägt. In der Schule waren MINT-Fächer für mich jedoch nicht interessant, denn da ging es leider zu oft um abstrakte Formeln, weniger um praktische Anwendungen. Erst an der Uni konnte ich mich für Computer, Internet und Telekommunikation begeistern.

Diese Begeisterung führte jedoch nicht zu einem Informatik-, sondern zu einem Journalismus-Studium. Simone hatte dabei aber immer ein klares Ziel vor Augen und das lautete: Als Wirtschafts- bzw. Tech-Journalistin arbeiten.

Ich bin den ganz klassischen Weg für Journalisten gegangen, mit Sport- und Lokalberichterstattung, danach Magisterstudium in Münster, Auslandsstation in den USA, Praktika bei n-tv, beim NDR und beim Tagesspiegel und schließlich bei den VDI nachrichten. Mein Ziel war immer der Wirtschaftsjournalismus. Deshalb habe ich nach dem Studium auch die Georg-von Holtzbrinckschule in Düsseldorf besucht.

Nach sieben Jahren Festanstellung bei den VDI nachrichten und einem Jahr PR-Arbeit in der Technik-Kommunikation für Premiere (heute Sky Deutschland) habe ich mich 2007 selbständig gemacht. Mein Schwerpunkt liegt heute im Bereich Tech-Journalismus (u. a. für die VDI nachrichten oder den VDE Dialog) sowie in der PR-Arbeit, beispielsweise für die Digitalagentur Valtech. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, Informationen zu sammeln, technische Themen verständlich aufzubereiten und die Geschichte dahinter zu erzählen – für gedruckte Medien oder online. In meinem Job darf ich sehr viele spannende Konferenzen besuchen und großartige Menschen interviewen. Dabei lerne ich quasi jeden Tag etwas dazu. Ich liebe es einfach, neueste Entwicklungen kennenzulernen und darüber zu schreiben. Ehrenamtlich engagiere ich mich außerdem für die Digital Media Women.

Den Weg dorthin erleichterte Simone neben ihrer Fachkenntnis vor allem ihre Mentorin und Ausbilderin:

Meine wichtigste Mentorin war Regine Bönsch, meine Ausbilderin bei den VDI nachrichten – Ingenieurin, heutige Ressortleiterin Elektronik und ein absolutes Vorbild in Sachen Sisterhood. Sie hat mir sehr viel beigebracht und mich immer wieder ermutigt, neue Technologien auszuprobieren.

Denn in der Journalistenschule wurde auf technische Themen wenig Wert gelegt. Das änderte sich zwar ein wenig mit der New Economy, aber richtig gefördert und ernst genommen wurde ich nur in der Redaktion der VDI nachrichten.

Damit sich das ändert, hat sich Simone vorgenommen, mehr Frauen für die Technik-Branche zu begeistern. Medium der Wahl ist dabei ihr Blog „Frauen und Technik“. Darin geht es um neue Technologien, neue Arbeits- und Managementformen, den digitalen Wandel und um Bildungsthemen. Dazu gibt es noch ganz persönliche Tipps von Simone für den Alltag als „Working Mom“.

Viele weibliche Talente gehen auf dem Karriereweg verloren.

Eins der Probleme ist, dass viele Frauen erst in Unternehmen lernen, sich in männlich dominierten Teams zu behaupten. Hier fehlt es häufig an Role Models oder einer Sisterhood-Kultur.

Zahlreiche weibliche Talente gehen tatsächlich auf ihrem Karriereweg „verloren“. Ich beobachte aber auch, dass viele Frauen an der Basis einfach ihren Job machen und zu leise sind, anstatt auf ihre Erfolge aufmerksam zu machen, für ihre Ideen einzustehen oder etwas einzufordern. Da setzen zum Beispiel die Digital Media Women an. Wir arbeiten dafür, Frauen in der Digitalwirtschaft sichtbar zu machen und zu ermutigen – ob im Unternehmen oder auf der Bühne.

Das Grundproblem für die fehlenden Frauen in der Tech-Branche sieht Simone bereits in der Schule:

Hier wird kaum Begeisterung für Technologiethemen vermittelt, obwohl die Kinder sehr viel Lust dazu hätten – das sehe ich an meinem neunjährigen Sohn und seinen Freunden und Freundinnen. Die Lehrpläne sind wenig flexibel und teilweise völlig veraltet. Es gibt nur selten eine moderne technische Ausstattung in den Klassenräumen, und vor allem in der Grundschule sind viele Lehrkräfte schon überfordert mit ganz einfachen technischen Neuerungen oder entsprechenden Themen.

Auch in der weiterführenden Schule bräuchte es aus meiner Sicht mehr Praxis- und Coding-Projekte mit Stoff, der konkreten Bezug zum Alltag oder zur Wirtschaft hat. Mädchen finden MINT-Fächer spannend, wenn sie den Sinn darin erkennen können, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Einige Schulen sind da schon sehr weit.

Viele Berufsbilder sind jedoch gar nicht bekannt, und die große Auswahl erschlägt fast alle Absolventen. Dass Technik die Chance bietet, die Zukunft mitzugestalten und viele Frauen im technischen Bereich wahnsinnig spannende Berufe ausüben, das kommt in den Schulen kaum vor. Auch die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung der IT wird nach meiner Beobachtung nicht ausreichend vermittelt. Informatik als Pflichtfach kann hier auch nicht die Lösung sein, wenn die Lehrer schon an der Bedienung eines Beamers scheitern. Es muss viel mehr passieren – in der digitalen Bildung für Schüler, aber auch in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer. Eine bessere Ausstattung, wie sie jetzt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka in Aussicht gestellt hat, kann deshalb nur ein Teil des Ganzen sein.

Auch in vielen Produkten und Dienstleistungen fehlt die weibliche Sicht der Dinge, ganze Riegen sind männlich dominiert. Ein klares Signal wäre nötig:

Ich glaube, dass es zum Teil völlig andere Innovationen durch kreativere Lösungen und mehr wirtschaftliches Wachstum gäbe, wenn mehr Frauen an der Entwicklung beteiligt wären. Mehr Frauen in den Vorständen – und zwar nicht nur im Marketing oder in der HR, sondern eben auch als CTO oder CIO – wären außerdem ein wichtiges Signal für junge Frauen.

„Wir brauchen gemischte Teams.“

Viele Frauen in meinem Umfeld, die sich schon länger mit der Gender-Thematik befassen, sind immer wieder frustriert, dass sich bislang so wenig bewegt hat. Ich glaube aber, dass der digitale Wandel hier viele neue Impulse bringt und die Diversity gerade einen ganz neuen Schub bekommt – das gilt übrigens nicht nur in Richtung Frauen, sondern beispielsweise auch in der Debatte Alt/Jung. Wir brauchen gemischte Teams in den Unternehmen und damit auch ganz klar mehr Frauen im technischen Bereich.

Deswegen sollten Frauen offen sein für Neues, sich selbst etwas zutrauen und einfach mal machen:

Die Bedeutung der IT steigt rasant und wirklich jeder sollte sich mit den technischen Neuerungen befassen. In der Jobwelt eröffnen sich völlig neue Berufsfelder, die Grenzen von Branchen und Abteilungen verschwimmen, viele Hierarchie-Ebenen lösen sich auf. Das bietet Chancen, macht aber vielen Menschen auch Angst. Frauen in meinem Alter würde ich gern die Angst vor Veränderungen nehmen und zeigen, was die neue Technik alles kann. Dabei ist es wichtig, passende Netzwerke zu suchen, die Support bieten können.

Mädchen sollten früh anfangen sich zu informieren und Veranstaltungen nutzen, bei denen sie Role Models und vielleicht sogar Mentorinnen treffen können (zum Beispiel über „Komm mach MINT“ oder den Girls Day). Es gibt heute so viele Anlaufstationen wie etwa die Medien-Labs, Maker Spaces oder Workshop-Angebote an Universitäten, man muss eben selbst aktiv werden: selbstbewusst sein, fragen, machen. Die Zeit dafür war nie besser.


Wie sind eure Erfahrungen als Frauen in der Tech-Branche? Und wie seht ihr Männer das – fehlen euch qualifizierte Frauen als Kollegen? Schickt uns eure Erfahrungen, Meinungen, Wünsche per Mail an redaktion@entwickler.de!

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