Frauen in der Tech-Branche im Portrait: Stephanie Bailey

Women in Tech: „Je mehr Frauen man in MINT sieht, desto weniger einschüchternd ist es für andere“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir ebenso spannende wie inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Stephanie Bailey, Senior Director of Marketing bei AgileCraft.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Stephanie Bailey

Profilbild: Stephanie Bailey

Stephanie ist Senior Director of Marketing bei AgileCraft, einem Unternehmen, das Hunderten von Organisationen hilft, agil zu skalieren. Obwohl ihre Eltern ihr Bestes gaben, um ihre Liebe für Mathe und Wissenschaft zu kultivieren, indem sie sie zum Science Camp und zu speziellen Programmen schickten, mangelte es an Fokus.

Mit dem sozialen und kollektiven Druck wuchsen auch die negativen Stereotypen.

Mein Vater war den größten Teil meines Lebens CFO bei Fortune 500-Unternehmen und er wollte, dass ich in seine Fußstapfen trete. Er wettete mit mir sogar um eine beträchtliche Menge an Geld, dass ich nach dem College CPA (Certified Public Accountant) werden würde. Für die, die mich kennen, ist dieser Gedanke lachhaft. Glücklicherweise gewann ich die Wette. Meine gesamte Karriere habe ich in Tech verbracht. Gleich nach dem College habe ich meinen ersten Job bei einem Unternehmen bekommen, das Technologieunternehmen unterstützte. Ironischerweise habe ich als Finanzanalyst angefangen.

Ich habe es genossen, mit Zahlen zu arbeiten und mit echtem Geld zu spielen. Ich wurde innerhalb eines Jahres befördert, aber ich lernte schnell, dass es nicht zu mir passte. Als ich also eine Gelegenheit sah, aus der Finanzabteilung auszuziehen, ergriff ich sie. Mein Führungsteam war bereit, mir eine Chance zu geben, da es mein Potenzial erkannte – und zum Glück für uns beide hat es sich ausgezahlt.

Die Veränderung kam mit der Geburt meines ersten Kindes. Ich habe mich entschieden, direkt nach dem College in die Arbeitswelt einzusteigen und meinen MBA auf Eis zu legen. Es kam zu einem Punkt, dass ich beschloss, dass es Zeit war, zurückzugehen und mich beim William-&-Mary-EMBA-Programm zu bewerben. Ich wurde angenommen und hätte nicht glücklicher sein können. Dann fand ich heraus, dass ich mit unserem ersten Kind schwanger war. Wie Sie sich vorstellen können, musste ich die Annahme ablehnen. Nach der Geburt meines Sohnes kehrte ich zur Arbeit zurück, aber die Umgebung hatte sich verändert. Die Erwartungen waren anders. Ich war immer noch auf einem guten Karriereweg, aber das Tempo verlangsamte sich dramatisch.

Vorbilder sind wichtig

Mein Vorbild ist Beth Comstock, Vizepräsidentin von GE. Sie inspiriert mich auf vielen Ebenen. Obwohl ich sie nie getroffen habe, bewundere und folge ich ihr nicht nur wegen ihrer Rolle als weibliche Führungskraft, sondern auch wegen ihres Karriereweges bei GE. Ihr Aufstieg vom CMO zur stellvertretenden Vorsitzenden ist beeindruckend.

Es ist wichtig, dass Frauen in Führungspositionen mit hoher Sichtbarkeit für Veränderungen eintreten und diese vorantreiben. Sie macht es sich zur Aufgabe ihre Macht und ihren Einfluss zu nutzen, um positiv Einfluss zu nehmen. Ähnlich wie Beth war ich introvertiert als ich aufwuchs und das musste ich mir abgewöhnen. Eine der Herausforderungen, vor denen Frauen stehen, ist, das Selbstvertrauen zu haben, sich zu äußern. Eine introvertierte Person zu sein, fügt dieser Herausforderung eine weitere Ebene hinzu. Beth glaubt, dass Vielfalt Innovation vorantreibt. Ich kann ihr nur zustimmen! Ich bin ein begeisterter Leserin – oder sollte ich sagen, Hörerin von Audible – und ihre Buchempfehlungen sind großartig!

Sie brachte mir bei, dass ihr größter Erfolg mein Erfolg war, und sie meinte es auch so.

Es war kein ruhiger Weg an die Spitze

Ein Senior Vice President, für den ich zu Beginn meiner Karriere gearbeitet habe, versuchte, mich daran zu hindern, zu lernen und voranzukommen. Alle wussten, dass er Männer bevorzugt. Er war herablassend, behandelte die meisten Frauen wie Objekte, aber er war gut in seinem Job und konsequent über Plan, so dass es übersehen wurde. Er ließ die Frauen gegeneinander antreten und schuf eine harte Umgebung. Obwohl er über meinen Karriereweg im Laufe der Jahre sprach, fand es um Beförderungen ging, hatte immer eine Entschuldigung, warum es nicht klappte.

Es kam ein Punkt, an dem ich mehr wollte; sowohl mehr lernen als auch eine neue Rolle ausprobieren, in der ich nicht nur eine positive Wirkung erzielen konnte, sondern der auch meinem Karriereweg helfen würde. Ein anderes Team hatte mich gebeten, eine Rolle innerhalb ihrer Organisation zu besetzen. Ich war voll dabei, aber um dorthin zu kommen, musste ich zuerst die Genehmigung dieser Führungskraft erhalten. Sagen wir einfach, er war nicht gerade unterstützend. Er sagte mir, dass es ein dumme Idee war, dass ich die Rolle nicht verstanden hatte, dass ich schlecht über das andere Team gesprochen hätte und mehr. Weil ich sein Team verlassen wollte betrachtete er mich als einen Verräter anstatt meinen Karriereweg und meine Entscheidung zu unterstützen. Ich habe ihm höflich für den Rat gedankt und zog weiter. Letztendlich hat sich der Hickhack gelohnt. Diese Entscheidung brachre mich mit einer der besten weiblichen Chefs zusammen, für die ich je gearbeitet habe. Ihre Herangehensweise an die Führung war wie Tag und Nacht zu dem, was ich verlassen hatte. Sie war eine dienende Anführerin. Sie brachte mir bei, dass ihr größter Erfolg mein Erfolg war, und sie meinte es auch so.

Ein Tag in Stephanie Baileys Leben

Ich leite das Marketing für ein männlich dominiertes, globales High-Tech-Start-up. Mein Team ist verantwortlich für die Bereiche Marke, Bedarfsplanung, Digital, Produktmarketing, Partnermarketing, PR und mehr. Sehr klischeehaft, aber es gibt hier keinen typischen Tag und wie Sie sich vorstellen können, ist es sehr geschäftig.

Ich arbeite von zu Hause aus Vollzeit, sodass ich gleich nach dem Aufstehen bereit bin loszulegen. Jeden Tag stehe ich gegen 6 Uhr auf, damit ich Zeit habe, bevor die Kinder und mein Mann aufstehen. Als erstes überprüfe ich meine  E-Mails, um zu sehen, was alles Wichtige vom Team hereinkam, während ich schlief. Dann schaue ich mir meine To-Do-Liste an, die ich am Abend zuvor erstellt habe. Jedes Mal, wenn ich etwas streiche, freue ich mich. Von da an konzentriere ich mich entweder auf das Schreiben – ich schreibe am besten morgens – oder beginne mit den Nachrichten. Ich lese über unseren Bereich, Analytikerreports und setzte alle sozialen Eckpunkte für meinen Tag. Die Kinder sind jetzt aufgestanden und ich bringe meine Tochter immer in die Vorschule. Das ist der lustige Teil des Morgens für mich. Wir singen zusammen im Auto. Der Favorit dieser Woche ist „Chained to the Rhythm“ von Katy Perry. Das geht schnell und ich bin zurück zu meinem Schreibtisch. Viele Leute starren und lachen uns an, wenn wir so laut singen, aber ich sage meiner Tochter immer: Lass dich nicht stören, mach weiter! Ich baue das Vertrauen schon früh auf. So viel zur introvertierten Person in mir.

Als nächstes geht es darum, einige der E-Mails zu bearbeiten und zu entscheiden, welchen Rolle ich an diesem Tag ausfüllen werde. Eine Stunde später habe ich das Ziel zu trainieren. Wenn mein Mann von zu Hause aus arbeitet, laufen wir zusammen. Das gibt uns Zeit zum Plaudern, auch wenn ich außer Atem bin. Zwei Tage in der Woche fahre ich zu Orange Theory für einen Kurs. Wenn ich eine dieser Klassen schaffe, kann ich alles schaffen.

Dann geht es zurück in den Alltag. Zwischen Meetings, kurze Gespräche und Updates quetsche ich irgendwie die Marketingstrategie, das Messen der Strategie und entscheide, ob wir den Kurs halten oder nicht. Ich scherze immer, dass mein Ziel im Marketing ist, sicherzustellen, dass alle Vertriebs-Kerle wirklich teure Autos fahren. Ich bin der Meinung, dass Marketing und Vertrieb Hand in Hand arbeiten sollten. Deswegen habe ich tägliche Checkpoints mit unserem Vertriebsteam. Wie die  Leads, treiben wir die richtigen Dinge voran, was können wir sonst noch tun, um den Vetrieb dabei zu unterstützen, Leads weiter in den Verkaufskreislauf zu bringen und vieles mehr. Ich arbeite für einen der erstaunlichsten CEOs. Unsere Beziehung schafft wirklich ein Umfeld, in dem wir uns auszeichnen können. Er liebt auch Marketing und ist gut darin, sodass er und ich uns mindestens einmal am Tag austauschen.

Jeden Abend versuche ich um 18.00 Uhr mit der Familie zu essen. Ich würde sagen, dass ich hier eine 50/50 Erfolgsquote habe, wegen der späteren Anrufe, die wir aufgrund unserer globalen Belegschaft haben. Aber sobald ich kann, mache ich eine Pause. Die meisten Abend habe ich eine Art Fahrgemeinschaft für den Sport, sodass ich eine großartige Gelegenheit habe, nicht nur etwas Zeit mit meinem Sohn zu verbringen, sondern auch, um auf dem Heimweg mein neuestes Buch über Audible zu hören.

Sobald der Jüngste schläft, bin ich wieder online und arbeite für ein paar Stunden. Das ermöglicht es mir, einige weitere wichtige Dinge von der Liste zu streichen und am nächsten Tag wieder von vorne anzufangen.

Je tiefer du in die Technik einsteigst, desto mehr Frauen trauen sich nicht

Je tiefer man in die Technik eindringt, desto mehr scheuen Frauen vor allem Hightech- und Start-ups, weil wir ein größeres Risiko haben. Wir brauchen mehr Pioniere. Frauen, die aufstehen und sich wohlfühlen, die einzige Frau im Raum zu sein. Es kann einschüchternd sein. Aber man muss bereit sein, das Risiko einzugehen. Das liebe ich an Start-ups!

Herausforderungen:

  • Der Druck, sich anzupassen: Sei du, sei großartig, sei nicht konform.
  • Manspeak: Wie oft waren Sie schon in einem Meeting, wo ein Mann das Gefühl hatte, dass er das Gesagte übersetzen muss?
  • Einzige Überlebende: Die einzige Frau im Raum oder im Team. Lass die Einschüchterung nicht an dich heran.
  • Lohnlücke: Habe keine Angst zu fragen, was du willst.
  • Frat House: Viele Kolleginnen von mir teilen die gleiche ständige Herausforderung: Wie sich Männer in Meetings verhalten oder wenn man mit ihnen reist. Haben Sie keine Angst davor, ihre Meinung zu äußern und mitzuteilen. Es ist Arbeit, nicht College.

Gleiches oder besseres Entgelt für Frauen bedeutet mehr Geld in unserer Wirtschaft, da Frauen die Entscheidungsträger für die meisten Haushaltseinkäufe sind.

Die Initiative Women In Technology hebt hervor, dass erstaunliche Dinge geschehen können, wenn eine Frau einer anderen hilft. Wie Beth Comstock sagt: Vielfalt treibt Innovation voran. Mehr Frauen ergeben mehr Vielfalt ergeben mehr Innovation. Innovation bringt unser Land voran. Innovation hilft bei der Heilung von Krebs, verbessert die Raumfahrt, schafft neue Produkte, die uns schützen und eine sicherere Welt schaffen.

Studien zeigen auch positive Auswirkungen bei Bewertungen und Gewinnen für Unternehmen, wenn es weibliche Führungskräfte gibt. Je mehr Frauen man in MINT sieht, desto weniger einschüchternd ist es für andere, sich ebenfalls anzuschließen. Gleiches oder besseres Entgelt für Frauen bedeutet mehr Geld in unserer Wirtschaft, da Frauen die Entscheidungsträger für die meisten Haushaltseinkäufe sind.

Wenn überhaupt, dann ist es schlimmer geworden. Über eine Million Menschen kamen allein in DC zum Women’s March und es ist bedauerlich, wie viele Leute fragten:“Warum haben wir das Bedürfnis zu marschieren? Was genau glauben wir, wurde uns weggenommen?“

Veränderungen werden nicht kurzfristig eintreten, und es wird viel Zeit in Anspruch nehmen, um Ergebnisse der aktuellen Debatte zu sehen. Der Schlüssel ist, weiter vorwärts zu drängen. Große Konzerne müssen Flagge zeigen, und es kann nicht nur ein Konzern sein. Nehmen Sie Audi als Beispiel. Für den Super Bowl haben sie eine Anzeige über Gleichberechtigung erstellt. Ein Vater und seine kleine Tochter, eine großartige Botschaft insgesamt, aber das negative Feedback, das es erhielt, war schockierend. Schon der Blick auf die hasserfüllten Kommentare auf der YouTube-Seite lieferte einen Einblick in die Realität, wie sich manche Leute über das Thema und unseren aktuellen Stand fühlen.

Audi sollte nicht aufhören. Sie und andere können Vorreiter sein und weiterhin Gleichberechtigung und Vielfalt fördern. Gleichzeitig müssen Frauen auch weiterhin Frauen unterstützen. Wir spielen eine wichtige Rolle in diesem zentralen Wandel. Wenn wir dies tun, können erstaunliche Dinge geschehen und ich bin bereit, eine Rolle zu spielen, um den Weg für meine Tochter und ihre Zukunft zu ebnen.

Einmal im Monat arbeite ich als Mentorin im Rahmen des Women-in-Technology-Programms. Jedes Mal, wenn wir mit einem neuen Schützling zusammenkommen und jedes Mal, wenn sich die Diskussion ändert, endet sie immer wieder bei den gleichen Kernbereichen. Im Rahmen des Programms befinden sich die Teilnehmer in verschiedenen Stadien ihrer Karriere, einige stehen am Anfang, einige haben ein gewisses Level erreicht und einige kommen gerade erst wieder an den Arbeitsplatz zurück. Bei AgileCraft ist die wichtigste Sache, nach der wir in einem Teamkollegen suchen, wenn sie hungrig, demütig und klug sind. Ich glaube daran und trage diese Botschaft weiter.

Unabhängig vom jeweiligen Stand der Karriere rate ich immer folgendes:

  1. Erstellen deine persönliche Marke
  2. Hab keine Angst, die Gehör zu verschaffen
  3. Finde einen Mentor
  4. Schaffe und pflege ein Netzwerk
  5. Lerne immer, jeden Tag
  6.  Feier dich und deine Erfolge und die um dich herum
  7. Finde etwas, das du liebst
  8. Umgebe dich mit Leuten, die du magst
  9. Unterstütze deine weiblichen Kollegen
  10. Verbinde dich mit mir auf LinkedIn. Das freut mich immer

Ich beschönige nicht, wie es ist, eine Frau in Tech zu sein. Es ist hart, aber wenn man Vertrauen in sich selbst und seine Karriere aufbaut, ist es einfacher, sich durch den Dschungel zu arbeiten.

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