Sexismus auf Github, Jobwechsel wegen Vorurteilen: So geht es Frauen in der IT

Women in Tech: Sexismus und Vorurteile in der IT-Branche
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Sexismus und Vorurteile: In der Arbeitswelt gehört das noch immer zum Alltag vieler Frauen, wie verschiedene Studien zeigen. Das macht die Branche nicht unbedingt attraktiver für Frauen. Aber woher kommen die Vorurteile – vielleicht daher, dass Frauen den Bildschirm hinter ihren langen Haaren nicht sehen können?

Trump trat im Wahlkampf gegen Hillary an – bereits der Sprachgebrauch zeigt hier, wie sehr die allgemeine Wahrnehmung einer Person davon geprägt ist, welchem Geschlecht sie angehört. Wo Männer mit dem Nachnamen bezeichnet werden, greift man bei Frauen eher auf den Vornamen zurück. Man kann nun natürlich einwenden, dass es in diesem Fall darum ging, Hillary von Bill zu unterscheiden; fraglich bleibt aber doch, inwiefern dies der einzige Grund war. Denn: Sexismus zeigt sich im Alltag in diversen Formen und macht auch vor der IT-Branche nicht halt.

Das Geschlecht macht den Unterschied

So machte im März die Geschichte von zwei Angestellten eine Personaldienstleistungsagentur Schlagzeilen. Der (männliche) Kollege wunderte sich so lange darüber, dass seine weibliche Kollegin langsamer im Umgang mit Klienten ist, bis er seine E-Mails versehentlich mit ihrem Namen signierte. Auf einmal nahm ihn der Kunde nicht mehr ernst; eine vorgebliche Übernahme des Projekts durch ihn, markiert durch die Verwendung seines eigenen Namens, führte bei gleichem Inhalt zu gänzlich anderen Ergebnissen.

Auch ein zweiwöchiges Experiment bestätigte dies: männliche Klienten nahmen Martin Schneider deutlich ernster als Nicole Hallberg, reagierten respektvoller auf die Vorschläge eines Mannes als auf die einer Frau. Die Geschichte zog weite Kreise auf Twitter; Hallberg fügte in einem eigenen Tweet hinzu, dass Klienten aus der MINT-Branche die Schlimmsten seien.

Sexismus auf GitHub…

Auch auf GitHub ist ein ähnliches Phänomen bekannt: Frauen, die an Open-Source-Projekten mitarbeiten, werden weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen. Aber nur, wenn ihr Geschlecht bekannt ist. Solange sie inkognito bleiben, werden ihre Pull Requests häufiger angenommen als die der männlichen Kollegen. Sobald ihr Geschlecht aber bekannt ist, sinkt diese Quote rapide ab. Das zeigte eine Studie, die Anfang 2016 veröffentlicht wurde.

Und auch der neuste GitHub Open Source Survey bestätigt, dass Frauen es in der Open-Source-Szene schwerer haben als Männer. 95 Prozent der rund 6.000 Teilnehmer waren männlich, nur drei Prozent weiblich. 25 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, sich aufgrund des Sprachgebrauchs oder Verhaltens anderer Mitwirkender schon mal nicht willkommen in einem Projekt gefühlt zu haben, bei den Männern waren es nur 15 Prozent. Zwölf Prozent der befragten Frauen wurde schon mal mit Vorurteilen konfrontiert. Der Anteil bei Männern lag hier bei nur zwei Prozent.

Ein großer Unterschied zeigt sich bei der Frage, für wie wahrscheinlich es die Befragten halten, dass sie künftig weiterhin an Open-Source-Projekten mitarbeiten werden: 61 Prozent der Männer hielten das für sehr wahrscheinlich, aber nur 45 Prozent der Frauen. Der Anteil derjenigen, die daran prinzipiell interessiert waren, lag jedoch in etwa gleich auf. Außerdem legten Frauen einen deutlich größeren Wert auf einen Code of Conduct, der den Umgang unter den Mitwirkenden regelt.

…und im Silicon Valley

Obige Studien und Umfragen beziehen sich auf die „virtuelle“ Welt. Aber wie sieht es in der realen Arbeitswelt aus, in der es nicht ganz so leicht ist, einfach nicht mehr an einem Projekt mitzuwirken wie auf GitHub? Die Befragung Elephant in the Valley wurde von sieben Frauen durchgeführt, die selbst im Silicon Valley arbeiten. Mehr als 200 Frauen beantworteten ihre Fragen zum Sexismus in der dort angesiedelten Tech-Industrie. Alle Teilnehmerinnen hatten mindestens 10 Jahre Berufserfahrung.  Zu beachten ist bei dieser Studie, dass sie nicht repräsentativ ist. Die Organisatorinnen haben Frauen kontaktiert, die zu ihrem Umfeld gehören; die Zahl der Antworten lässt vermuten, dass vor allem Frauen reagiert haben, die einen persönlichen Bezug zum Thema haben. Dennoch sprechen die Zahlen und Zitate, die im Rahmen der Studie veröffentlicht wurden, aber dafür, dass Sexismus im Silicon Valley nicht selten ist.

88 Prozent der Teilnehmerinnen von Elephant in the Valley berichteten, dass Gesprächspartner sich voreingenommen ihnen gegenüber verhielten – oft unbewusst. Fragen wurden an männliche Kollegen gerichtet, nicht an sie selbst, obwohl das eigentlich angemessen gewesen wäre. Die grundsätzliche Annahme dabei lautet, dass die anwesenden Männer eine höhere Position besetzten als die Frau. Eine Teilnehmerin beschrieb ihre Erfahrungen wie folgt:

When I am with a male colleague who reports to me the default is for people tend to defer to him assuming I work for him. As soon as they know that is not true they look to me. I have also had male colleagues say to me that once a woman is pregnant she is irrelevant.

Das ist nicht das einzige Problem, von denen Frauen in dieser Befragung berichteten. 60 Prozent der Teilnehmerinnen haben Erfahrung mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz; 60 Prozent davon waren nicht zufrieden damit, wie bei ihren Arbeitgebern auf eine Beschwerde über solches Verhalten reagiert wurde. In diesem Kontext wird eine Teilnehmern wie folgt zitiert:

Once a client asked me to sit on his lap if he wanted to buy my products. My company didn’t do anything about it when I told my boss so unfortunately I asked to be taken off that client but it’s not like they can fire the client.

Tech-Industrie schlimmer als andere Branchen?

Dass es in der IT ein Problem mit Sexismus gibt, zeigt auch die Tech Leavers Studie 2017. Insgesamt belegt die Studie, an der mehr als 2000 Menschen teilnahmen, dass Ungerechtigkeit in der IT-Branche nicht selten ist. Sexismus, Homophobie und Rassismus bilden sich signifikant in den Ergebnissen ab, für die Menschen aus verschiedenen unterrepräsentierten Gruppen befragt wurden. Der Anteil von Frauen unter den Befragten lag bei 36 Prozent; erfasst wurde, warum die Menschen ihre Jobs gekündigt haben.

Die Tech Leavers Studie führt an, dass Kündigungen aufgrund von Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz Unternehmen 16 Milliarden Dollar pro Jahr koste. Eine von zehn Frauen gab an, unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz erlebt zu haben, mehr als die Hälfte davon sagte außerdem, dass dies Einfluss auf ihre Entscheidung für einen Jobwechsel hatte. Fast ein Viertel der befragten Frauen gab an, auf Grundlage von Vorurteilen bewertet worden zu sein; 30 Prozent berichteten davon, dass sie bei Beförderungen übergangen wurden. Die Zahl lag in Tech-Unternehmen doppelt so hoch wie in anderen Branchen. Die Studie wurde vom Kapor Center for social Impact durchgeführt; ein Teil der Resultate wurde als Infografik visualisiert und ist auf der Website des Kapor Centers einsehbar.

Quelle: Tech Leavers Study 2017. Kapor Center for Social Impact: http://www.kaporcenter.org/tech-leavers/#infographic

Hohe Nachfrage, geringer Frauenanteil

Ungerechtigkeit, Sexismus und Co. sind also ein wichtiger Grund dafür, dass Frauen sich gegen spezifische Arbeitgeber entscheiden. Dabei sind Frauen in der IT-Branche insgesamt durchaus gefragt, sodass es im Interesse der Arbeitgeber liegen sollte, die an sich zu binden. Das gilt auch für Deutschland. Davon berichtete Christine Regitz, Vice President User Experience bei SAP in Deutschland, gegenüber dem Deutschlandfunk: Die Voraussetzungen in der IT-Branche seien hervorragend, man suche händeringend nach Frauen. Eine Veröffentlichung des Branchenverbands Bitkom zeigt allerdings, dass die Zahl der Studienanfängerinnen in der Informatik zwar steigt, der Anteil von Frauen in den Studiengängen aber immer noch bei weniger als einem Viertel der Studierendenzahl liegt.

Auch sind Frauen, die sich für diesen Studiengang entscheiden, noch immer mit Vorurteilen konfrontieren. Eine weitere Gesprächspartnerin des Deutschlandfunks zu diesem Thema, die Studentin Fatima El-Hassan, berichtete, dass sie zu Beginn ihres Studiums gefragt wurde, ob Informatik denn wirklich was für sie sei. Hier könnten mehr weibliche Vorbilder dabei helfen, Mädchen zu einer Karriere in der IT-Industrie zu ermutigen.

Alltägliche Probleme?

Die meisten der hier angeführten Studien beziehen sich primär auf die USA; für Deutschland liegen keine entsprechenden aktuellen Daten vor, die eine vergleichbare Situation belegen würden. Zwar berichten auch die Frauen in unserer „Women in Tech“-Reihe immer wieder von Vorurteilen und Sexismus; die Erfahrungen fallen jedoch unterschiedlich aus. Die Beweise für Sexismus in der IT-Branche sind also teilweise anekdotischer Natur und werden nicht auf jeden Arbeitsplatz und jede Arbeitnehmerin zutreffen.

Dennoch: Darüber, dass Deutschland nicht frei von Sexismus ist, berichtete beispielsweise der Tagesspiegel im vergangenen Oktober. Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2015 besagen außerdem, dass jede(r) zweite Befragte der 1.000 Teilnehmer einer Studie bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren habe oder Zeuge davon geworden sei – dies betraf Männer und Frauen gleichermaßen; ausgeführt wurden diese Handlungen in der Mehrheit jedoch von Männern. Auch wenn die zitierten Studien keine eindeutige Aussage über die deutsche IT-Branche, kann also davon ausgegangen werden, dass es Frauen auch hier zulande in der IT-Branche schwerer haben als Männer.

Eine andere Perspektive

Man  kann das Thema allerdings auch mit einem Augenzwinkern betrachten. Was genau spricht eigentlich dagegen, dass Frauen programmieren? Woher kommen die Vorurteile? Ein Video der Organisation Girls who Code, die Mädchen während der Schulzeit an Tech heranführt, nimmt die Vorurteile aufs Korn und hinterfragt, wie Menschen überhaupt darauf kommen, dass Frauen nicht programmieren können. Liegt das etwa an den langen Wimpern?

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