Was bringt Windows Phone 8 für Entwickler?

Die Apollo-Mission
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Über die neuen Softwareversionen für das Windows Phone wurde bereits sehr viel spekuliert. Nach langem Warten ist es nun endlich soweit, bei der TechEd Europe 2012 [1] in Amsterdam wurden die Eckdaten für das neue Betriebssystem, Windows Phone 8 aka Apollo, bekannt gegeben. Der folgende Artikel stellt die zu diesem Zeitpunkt bekannten Informationen zusammenfassend dar.

Das Windows Phone hat in der relativ kurzen Zeit, in der es auf dem Markt ist, bereits einen beeindruckenden Weg mit einigen großen Schritten zurückgelegt. Nach eineinhalb Jahren sind in den USA 7 von den 10 der höchstbewährtesten Telefone bei Amazon.com Windows-Phone-Geräte [2] (Stand Juni 2012). Die 100 000-Apps-Marke wurde vor Kurzem durchbrochen. Das zeigt, dass sowohl das Konzept als auch das Design des jüngsten Smartphones auf dem Markt bei den Nutzern angekommen sind. Ein großer Schritt, den Microsoft mit dem Apollo Release geht, ist das Vereinheitlichen des Systemkernes (shared core) zwischen dem Windows Phone 8 und dem neuen Betriebssystem Windows 8. Hatten doch Windows Phone 7 und 7.5 noch Windows Mobile als Betriebssystem unter der Haube, kommt ab Windows Phone 8 ein komplett neuer Multi-Core-fähiger Kernel zum Einsatz. Wie auch bei Windows 8 werden die Oberflächentechnologien nativ unterstützt, was eine deutlich höhere Performance zur Folge haben wird. Die Vereinheitlichung der verwendeten Technologien hat jedoch nicht nur für Entwickler von Anwendungen und Spielen ihre Vorteile, die große Teile des Quellcodes in Zukunft leicht zwischen Windows-Phone-8- und Windows-8-Apps teilen können. Auch die Anwender haben so ein übergreifendes Benutzererlebnis. Auf der TechEd Europe 2012 stellte Microsoft erstmals öffentlich einige ausgewählte Änderungen rund um das neue Windows Phone 8 vor, die im Folgenden vor allem aus der Perspektive der Entwickler betrachtet werden sollen.

Neue Hardware

Der neue Betriebssystemkern unterstützt neben Dual-Core- auch andere Multi-Core-Prozessoren. Das gibt viel Raum für künftige Hardware, die im Zusammenhang mit Windows 8 auf Rechnern mit bis zu 64 Kernen getestet wurde. Auf einer mobilen Plattform wird es bis dahin sicher noch eine Weile dauern, nicht zuletzt wegen der dafür erforderlichen „Batteriegröße“. Für das aktuelle Release im Q4/2012 sind zunächst „nur“ Dual-Core-Geräte in der Planung. Wie bei anderen Plattformen wird es jedoch wahrscheinlich nicht lange dauern, bis die ersten Hersteller mit Quad-Core-Geräten aufwarten. Besonders freuen werden sich alle Anwender und Entwickler, die ihr Windows Phone als Media-Spieler oder auch für den einen oder anderen Schnappschuss verwendet haben. Mit Apollo werden externe Speichermedien in Form einer Micro-SD-Karte unterstützt. Auf der SD-Karte können Fotos, Videos, Musik aber auch Programme zur Installation untergebracht werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Microsoft weitere Möglichkeiten anbieten wird, Apps auf dem Telefon zu installieren, eine davon ist es die Installation via SD-Karte. Ob alle Hersteller von der Option Gebrauch machen werden, eine SD-Karte einzubauen, oder ob die SD-Karte sogar ein fester Bestandteil aller Windows Phone 8 werden wird, ist noch nicht 100 Prozent bekannt. Abbildung 1 veranschaulicht die neue, leistungsstrake Hardware.

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Abb. 1: Neue und leistungsstarke Hardware

 

Bisher war das Entwickeln einer Windows-Phone-Anwendung in Bezug auf die Bildschirmauflösung sehr einfach: Es gab nur eine Standardauflösung von 800 x 480 Punkten. Der Entwickler musste sich weder über das Seitenverhältnis noch über die Auflösung Gedanken machen. Auf der anderen Seite ist dies auch eine Einschränkung, weil die Geräte bereits jetzt in Größen zwischen ca. 3 bis 5 Zoll auf dem Markt verfügbar sind. Das wird sich mit Apollo ändern. Mit dem Release sind drei Auflösungen geplant (Abb. 2). Es ist jedoch auch hier nicht ausgeschlossen, dass später noch weitere dazukommen. Diese werden vermutlich zwischen der WVGA und der zurzeit maximalen unterstützten WXGA-Auflösung liegen.

Alle Anwendungen, die für Windows Phone 7.5 entwickelt wurden, werden auch unter Windows Phone 8 laufen. Die unterschiedlichen Auflösungen werden automatisch korrekt skaliert. Entwickler einer 7.5-App müssen keine Änderungen vornehmen, damit diese App auch unter Apollo laufen wird.

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Abb. 2: Auflösungen unter WP 8

Internet Explorer 10

Smartphones sind inzwischen viel mehr, als nur ein „tragbarer Fernsprecher“. Dank vieler preiswerter Datentarife und immer schnellerer Anbindung an das Internet durch HSxPA, LTE usw. sind viele Smartphones ständig online. Viele Anwender nutzen das mobile Internet mehr als die Telefoniefunktion ihres Telefons. Neben der Tatsache, dass der IE 10 der schnellste Internet Explorer bisher ist, bietet dieser auch eine viel umfangreichere Unterstützung für HTML5. JavaScript wird im Vergleich zu Windows Phone 7.5 mit etwa der vierfachen Geschwindigkeit ausgeführt.

Was bedeutet das für Softwareentwickler? Neben den klassischen, „nativen“ Anwendungen wird es immer mehr Anwendungen geben, die plattformunabhängig im Browser laufen. Frameworks wie PhoneGap werden eine echte Alternative bei der Entwicklung anspruchsvoller Apps zu den nativen Werkzeugen. Neben diesen Performancesteigerungen wurde der „phishing filter“ von der Desktopvariante des Internet Explorers übernommen. Diese Erweiterung bietet Anwendern noch mehr Sicherheit beim Surfen im mobilen Internet. Nachdem immer weniger Desktopnutzer darauf reinfallen, nehmen die Attacken im mobilen Umfeld stark zu. Der integrierte „phishing filter“ hilft, indem solche Seiten in Echtzeit blockiert werden.

Native Code und Direct X

Einige Anwendungen haben einen sehr großen Performancebedarf, besonders rechenintensive Anwendungen oder grafikintensive Spiele. In der Vergangenheit war es aus Sicherheitsgründen nur ausgewählten OEM-Partnern und Microsoft selbst vorbehalten, nativen Code unter Verwendung von COM-Interop zu nutzen, wovon nur sehr wenig Apps Gebrauch machten. Nachdem das gesamte Betriebssystem auf dem Kern von Windows 8 basiert, können jetzt alle Entwickler nativen C/C++-Code in ihren Windows-Phone-Anwendungen nutzen. Ressourcenintensive Anwendungen oder aufwändige 3-D-Spiele können mittels Direct X direkt auf die Hardwarebeschleunigung der Grafik-Engine zugreifen. Zusammengenommen bieten die neue Multi-Core-Hardware, der neue Systemkern, die Entwicklung in C/C++ und der Zugriff auf Direkt X eine sehr gut gerüstete Plattform für künftige mobile Spiele.

Wie bei den Oberflächentechnologien lässt sich der native C/C++-Programmcode mit und ohne Direct-X-Zugriffe sehr gut zwischen Windows Phone 8 und Windows 8 teilen. Für Anwendungsentwickler ist das eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Wer viel C/C++ im Direct-X-Umfeld programmiert hat, wird sich hier schnell zu Hause finden. Wer dagegen Spiele mit XNA und C# entwickelt hat, wird sich erst mal an Direct X gewöhnen müssen.

Nokia Maps und Location-Apps

Die enge Zusammenarbeit zwischen Nokia und Microsoft macht es möglich, dass Nokias Map-Technologie auf allen Windows Phone 8 zur Verfügung stehen wird. Das Kartenmaterial wird von NAVTEQ zum Download bereitgestellt und kann nativ auf dem Telefon genutzt werden. Für Entwickler von Windows-Phone-8-Anwendungen gibt es integrierte Steuerelemente, mit denen Karten offline angezeigt oder auch für eine „Turn-by-Turn“-Navigation genutzt werden können. Bisher bietet keine der auf dem Markt befindlichen Plattformen für Smartphones seinen Entwicklern die Möglichkeit, offline Kartenmaterial oder Navigation direkt in die eigene App zu integrieren. Die dafür erforderlichen Bibliotheken sind nativ in C/C++ implementiert und integraler Bestandteil des Betriebssystems (Abb. 3).

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Abb. 3: Windows Phone Offline-Navigation (Quelle: Microsoft)

 

Eine weitere Neuerung in dem neuen Betriebssystem für Windows Phone ist die Möglichkeit, Location-Apps im Hintergrund weiter laufen zu lassen. Alle Anwendungen, die GPS zur Navigation, Ortung oder Aufzeichnung verwenden, können bei Bedarf weiter laufen, wenn ein Telefongespräch angenommen, ein Bild aufgenommen oder eine andere App ausgeführt wird.

VoIP und Video-Chat

Für einige Arten von Programmen wird es mit Apollo die Möglichkeit geben, Programme auch im Hintergrund laufen zu lassen. Diese Möglichkeit wird unter anderem allen VoIP-Programmen zu teil. Entwickler von VoIP- und/oder Video-Chat-Programmen haben die Möglichkeit, die nativen UI-Dialoge des Telefons zu verwenden, um eine Verbindung aufzubauen oder ein Call anzunehmen. Auf diese Weise wird das Benutzererlebnis noch homogener. Skype wird diese tiefe Integration in das neue Betriebssystem nutzen, somit können Skype-Anrufe oder Nachrichten auch dann empfangen werden, wenn die App nicht im Vordergrund ausgeführt wird. Für den Anwender wird es keinen Unterschied geben, ob ein Telefongespräch über das Mobilfunknetz oder ein Anruf über VoIP ankommt (Abb. 4).

Genau wie bei einem Telefongespräch kann die Anwendung auch verlassen werden und das Gespräch läuft im Hintergrund weiter. Dies wird mit dem Banner am oberen Bildschirmrand signalisiert, das jetzt auch schon bei den Mango Phones beim Verlassen eines Telefonanrufes angezeigt wird.

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Abb. 4: Skype nutzt das native UI des Windows Phones (Quelle: Microsoft)

NFC und Bezahlung mit dem Telefon

Near Field Communication (NFC) ist ein Verfahren zur kontaktlosen Übertragung von Informationen über sehr kurze Distanzen (ca. 4cm). Windows Phone 8 wird das Austauschen von Kontakten, Bildern usw. über diesen Standard aktiv unterstützen. Auf diese Weise lassen sich aber nicht nur Informationen zwischen Telefonen austauschen, sondern auch zwischen einem Windows 8 Slate und einem Telefon oder sogar aus einer passiven Informationsquelle mit NFC-Chip (z. B. einer Visitenkarte oder ein Werbeplakat) auslesen und importieren. Wie unter Windows 8 wird es auf dem Windows Phone 8 so genannte „Share-Targets“ geben. Ein solches Target wird NFC sein. Entwickler werden ein API bekommen, mit dessen Hilfe die NFC-Funktionen des Telefons anprogrammiert werden können.

Eine weitere Neuerung ist, dass das Telefon das Portmonee (zumindest teilweise) ersetzen soll. Microsoft spricht in diesem Zusammenhang von der „Wallet-Experience“. Gemeint ist damit die Möglichkeit, Kreditkarten, Bonuskarten und Mitgliedskarten in dem Telefon zu hinterlegen, sowie diese zum Bezahlen oder zur Nutzung in Bonusaktionen zu verwenden.

Apps und Webseiten können Bonusaktionen bereitstellen, die auf dem Telefon gespeichert werden können. Diese lassen sich dann entweder online nutzen oder in dem entsprechenden Geschäft z. B. durch einen QR-Code auf dem Handydisplay. Ferner können Aktionen und auch Gutscheine mit Freunden geteilt werden, indem diese per Mail, SMS, NFC usw. weitergegeben werden.

Sehr neu und noch nicht von allen Geschäften unterstützt, ist das Konzept „Tap-To-Pay“. Diese Art der Bezahlung basiert auf der NFC-Kommunikation. Voraussetzung ist, dass sowohl die Kreditkarten als auch die für die Zahlung erforderlichen Sicherheitsinformationen vorhanden sind. Dann kann an der Klasse mit dem Telefon bezahlt werden, ohne die Kreditkarte aus der Tasche nehmen zu müssen.

Upgrade für Mango Phones

Die im Zusammenhang mit dem bevorstehenden neuen Release von Windows Phone 8 wohl am meisten diskutierte Frage: Bekommen die bereits auf dem Markt befindlichen Windows-Phone-7.5-(Mango)- Geräte ein Upgrade auf das neue mobile Betriebssystem oder nicht? Die Antwort von Microsoft auf diese Frage ist ein Kompromiss. Es wird KEIN Windows-8-Upgrade für existierende Geräte geben, aber eine neue Version namens Windows Phone 7.8, die unter anderem das Startverhalten (Tiles in drei Größen usw.) auch auf die vorhandenen Geräte bringt. Microsoft verspricht in diesem Zusammenhang, dass die OEM-Hersteller der jeweiligen Geräte daran arbeiten werden, den Funktionsumfang weiter auszubauen sowie die bereits vorhandenen 100 000 Apps stetig zu erweitern.

Durch die großen Änderungen und Erweiterungen an dem Systemkern und aufgrund der Hardwareeinschränkungen der vorhandenen Geräte, ist es nicht möglich alle neuen Features von Apollo auf ältere Geräte zu bringen. Microsoft will so viele Erweiterungen wie möglich in der Version 7.8 integrieren. Welche das genau sein werden, wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt. Sicher ist nur, dass der neue Startbildschirm mit den Tiles in drei Größen auf jeden Fall dabei sein wird (Abb. 5).

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Abb. 5: Der neue Startbildschirm von Windows Phone 8 (Quelle: Microsoft)

 

Eine Anmerkung zur „Updatefrage“

Viele sehen die „Updatefrage“ sehr kritisch. Meiner Meinung nach liegt das Problem nicht in der Frage „Update“ oder „kein Update“, es ist vielmehr ein allgemeines Problem mit jeder Technologie. Wenn man sich zu einem Zeitpunkt entscheidet ein neues Gerät zu erwerben, wählt man das Gerät, das einem am besten gefällt. Man entscheidet sich für dieses Gerät, weil es zu diesem Zeitpunkt den eigenen Erwartungen entspricht. Kurz nach dem Erwerb (manchmal sogar während des Nachhause-Tragens) kommt ein technologisch etwas besseres Gerät auf den Markt. Das der Entwicklungsfortschritt an dieser Stelle bei den Windows Phones mit sehr großen Schritten voran gegangen ist und Windows Phone 8 sehr schnell nach Mango verfügbar wird, macht die vorhandenen Mango-Geräte nicht schlechter als sie vorher waren, als wir diese mit Begeisterung erworben haben.

 

Die Updates für das neue Betriebssystem Apollo, werden „over the Air“ ausgeliefert. Das bedeutet, im Gegensatz zu den Windows-Phone-7.5-Geräten wird keine Verbindung zu Zune benötigt, um die Software auf dem Telefon aktualisieren zu können. Ferner sichert Microsoft zu, dass alle neuen Geräte mindesten 18 Monate nach dem Erscheinen der Hardware mit Updates versorgt und unterstützt werden.

 

Links & Literatur

[1] http://channel9.msdn.com/Events/TechEd/Europe/2012/WPH201

[2] http://www.amazon.com/gp/top-rated/wireless/2407747011

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