Wo bleibt die ultimative, deutsche Magazin App?

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Der Tablet-Markt ist ein Markt der Zukunft, wenn man den Aussagen von Marktforschungsinstituten wie DisplaySearch [1] Glauben schenkt. Über ein Jahr ist nun vergangen, seit Apple den Launch des iPads angekündigt hat. Wie V.i.S.d.P. bei den Lead Awards, der Auszeichnung für Zeitschriftenmacher feststellte, existiert keine Kategorie für Tablet-Magazine.

Aber gibt es denn hierzulande überhaupt Magazine, die in angemessener Weise für Tablets optimiert sind? Fehlanzeige, die Anbieter machen sich zwar ihre Gedanken über die gepriesene digitale Zukunft auf Geräten wie dem iPad, die entsprechenden Lösungen lassen sich allerdings auf drei Schemata eingrenzen: das Magazin als App, der webseitengestützte Kompromiss aus Usability und Design oder die bildschirmoptimierte Version, die häufig als PDF angeboten wird, möglicherweise angereichert mit Video- und Audio-Content. Den ersten Ansatz sucht man in Deutschland oft vergebens. Gründe hierfür sind wohl hauptsächlich die 30 Prozent, die deutsche Verlage an Apple abtreten müssten, der fehlende Zugriff auf Abonnentendaten und möglicherweise die Angst vor hohen Entwicklungskosten. Die bis dato erfolgreichste deutsche Magazinadaption stammt aktuell vom Spiegel, der sein Magazin als App auf dem iPad anbietet. Allerdings gibt es auch dort aktuell nicht nur in Hinsicht der Performance, sondern auch der Usability einiges zu bemängeln. Zudem geben die Amerikaner einen hohen Standard vor: Die New-Yorker-App oder die von Wired und Vanity Fair vermitteln im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz ein frischeres, multimediales Leseempfinden.

Wird mit Apples Newsstand alles anders?

Hoffnung, dass sich das bald ändern könnte, kommt ein weiteres Mal von Apple: Newsstand, ein neues Feature in der nächsten Version von iOS 5. Das ab Herbst verfügbare Feature erlaubt es dem Nutzer eines iPhones oder iPads, Zeitungen und Zeitschriften zu abonnieren. Visuell ähnlich wie iBooks im Holzregalimitat werden neue Ausgaben eines Abonnements automatisch heruntergeladen. „Das ist so ähnlich, wie wenn Ihnen die Zeitung an ihre Tür geliefert wird“, erklärte Apple. Bisher wurden Zeitungen und Zeitschriften innerhalb des Apple App Stores angeboten, zu denselben Bedingungen wie für andere Apps. Newsstand könnte das Potenzial haben, den Zeitschriftenverlagen eine mobile Heimat zu bieten, die die Besonderheiten medialer Inhalte eines Magazins berücksichtigt. Doch die deutschen Medienhäuser reagierten verhalten auf Apples Ankündigung. Bereits im März wandte sich der BDZV an Apple, um die offenen Fragen zu den gegebenen Modalitäten zu klären. „Wir haben bisher keine direkte Reaktion auf unser Schreiben erhalten“, brüskiert sich BDZV-Sprecher Hans Joachim Fuhrmann. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die deutschen Verlage orientieren und wie sich Tablet-Magazine weiter entwickeln.

Derartigen Problemen darf man allerdings auch gerne den Stempel „typisch deutsch“ aufdrücken. Britische Verlage versuchen im Gegensatz zu deutschen nicht an den Gegebenheiten, die Apple immer wieder diktiert, zu rütteln, sondern machen aus der Not eine Tugend und beschreiten alternative Wege. Der Verlag hinter der britischen Tageszeitung Financial Times kann diesbezüglich getrost als Vorreiter bezeichnet werden: Die von Mindworks [2] entwickelte WebApp ermöglicht es Nutzern, die aktuellen Ausgaben direkt im Browser des iPads oder anderer Tablet-Computer aufzurufen, und das mit dem Look and Feel nativer iOS Apps und HTML5, ganz ohne eine App installieren zu müssen. Außerdem können aktuelle E-Paper-Ausgaben über die Web App als PDF herunterladen werden.

Abschließend scheint es fast schon paradox, wie die anfängliche Euphorie der Verleger umgeschlagen ist. Während die Potenziale der Tablets weitestgehend brachzuliegen scheinen, verliert man sich in Kleinigkeiten und Grundsatzdebatten, und die wahre Magazin App bzw. Site hat man in deutschen Gefilden immer noch nicht zustande gebracht. Bleibt abzusehen, wie lange der deutsche User noch auf Lösungen warten muss, mit denen er sich arrangieren kann.

Aufmacherbild: Digital news concept with tablet von Shutterstock / Urheberrecht: Gts

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