Interview mit Baptiste Boulard, Mitgründer von Swapcard

Digitale Transformation: „Die Eventindustrie hat sich lange Zeit einer Digitalisierung entzogen“
Keine Kommentare

Die Corona-Krise hat sämtliche Branchen kalt erwischt. Besonders hart hat es die Eventbranche erwischt, etliche Veranstaltungen, die sonst „vor Ort“ stattgefunden haben, mussten nun digital durchgeführt – oder abgesagt – werden. Baptiste Boulard, Mitbegründer von Swapcard, spricht im Interview darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden mussten und wie man aus Sicht von Swapcard die Digitale Transformation der Eventindustrie erlebt hat.

JAXenter: Hallo Baptiste und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Corona hat die ganze Welt ordentlich auf den Kopf gestellt, die Event- und IT-Branche sind dabei keine Ausnahme. Wie hast du die vergangenen rund 18 Monate erlebt?

Baptiste Boulard: Die letzten 18 Monate waren für uns eine Zeit der Herausforderung, der digitalen Revolution des Innovationsgeistes. Außerdem waren die Monate für Swapcard mit rasantem Wachstum verbunden. Wir haben uns ganzheitlich auf die neuen Bedürfnisse eingestellt und Unternehmen dabei unterstützt, lang geplante Veranstaltungen online stattfinden zu lassen, anstatt sie abzusagen. Wir haben in diesem Zusammenhang eine Menge neue Kunden anwerben können. Unser Team wuchs zwischen Juni 2020 bis April 2021 von 45 auf 140 Mitarbeiter*innen an. Inzwischen haben wir Standorte in Seattle, London, Paris, Dubai, Montréal, Singapur und Neu Delhi. Unsere Bilanz: Mehrere tausend Veranstaltungen fanden weltweit mit Unterstützung von Swapcard statt. Dadurch haben wir heute Zugriff auf eine große Anzahl von Daten. Mithilfe von deren Analyse können wir diese gezielt auswerten und Vergleichsstudien anstellen, um virtuelle Events auch nach der Krise für alle effektiver zu gestalten.

JAXenter: Immer mehr Konferenzen, die früher „on site“ bzw. „in person“ stattgefunden haben, finden nun online statt. Deine Firma, Swapcard, ist ein Anbieter für das Management solcher Online-Events. Welchen Impact wird das (hoffentlich baldige) Ende der Corona-Krise für diese Sparte haben, wenn Events wieder vermehrt im wirklichen Leben stattfinden?

Baptiste Boulard: Um die Krise zu überbrücken, mussten wir uns vollständig auf virtuelle Veranstaltungen einstellen. Unser gesamtes Businessmodell wurde überdacht. Dabei möchte ich anmerken, dass sich Swapcard vor der Krise auf die Organisation von „in-person-Veranstaltungen“ spezialisiert hatte. Nach unseren neusten Erfahrungen, die wir mit 100% virtuellen Events sammeln konnten, wollen wir nun das Beste aus virtuellen und physischen Veranstaltungen zusammenbringen.

Wir konzentrieren uns also auf sogenannte hybride Events, in denen unserer Meinung nach, die Zukunft der Eventbranche liegt. Networking, Live-Streaming, Ausstellungen, Videoanrufe und Matchmaking-Funktionen durch künstliche Intelligenz sind die wichtigen Bestandteile dieser neuen Veranstaltungsform.

Die Krise hat die Eventbranche umstrukturiert. Auch wenn Großveranstaltungen wie Messen wieder stattfinden können, gibt es meiner Meinung nach kein Zurück. Die Veranstaltung von Morgen wird kleiner und personalisierter sein. Nur so wird sie sich künftig behaupten können. Events sind heute mehr als zeitbegrenzte Erlebnisse. Sie stellen Informationsquellen für die Teilnehmer.innen dar, die das ganze Jahr über verfügbar sind. Dafür stellen die Veranstalter.innen eine Kommunikationsplattform mit qualitativem Inhalt zur Verfügung, der kommentiert, geteilt und geliked werden kann. So kommen die Teilnehmer*innen in Kontakt und können langfristige Beziehungen aufbauen. Mithilfe der Daten werden die Veranstalter*innen die Besucher*innen besser verstehen und sich an ihre Erwartungen anpassen.

JAXenter: Die Eventbranche hat nun einen starken und schnellen Shift in Sachen Digitalisierung machen müssen, auch Kundendaten werden immer mehr digital erfasst und verarbeitet. Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Wurde sie ausreichend bedacht, oder blieb sie ob der enormen Herausforderung, überhaupt die Aufgabe der Digitalisierung in dem kurzfristigen Zeitrahmen zu stemmen, ein wenig auf der Strecke?

Baptiste Boulard: Ganz genau, die Eventindustrie hat sich lange Zeit einer Digitalisierung entzogen, musste sich im letzten Jahr aber dieser Herausforderung stellen. Bei klassischen Events standen den Veranstaltern nur geographische Daten durch die Einschreibung zur Verfügung. Nun werden immer mehr Informationen in der Veranstaltungsbranche gesammelt. Gesamte Inhalte virtueller Veranstaltungen sind digitalisiert, Happenings finden online statt. Dadurch erhalten die Veranstalter*innen eine Vielzahl von Informationen über die Bedürfnisse, Interessen und das Konsumverhalten der Teilnehmer*innen. Diese Daten sind wahres Gold für die Organisator*innen und Aussteller*innen auf virtuellen Veranstaltungen. Sehr schnell stand die Frage der Sicherheit dieser Daten im Raum. Der Umgang mit den Daten muss natürlich mit der europäischen Datenschutzverordnung vereinbar sein. Darauf haben wir bei Swapcard großen Wert gelegt. Die Kundendaten werden anonymisiert und nicht an Dritte weitergegeben.

Ich habe aber auch beobachten können, dass die Datenschutzverordnung von anderen Veranstalter*innen anders ausgelegt wird. Wir haben immer sehr darauf geachtet, dass Kunden- und Benutzerdaten geschützt sind. Wir sind 100% GDPR-konform und eine der wenigen Plattformen für Online-Events, die dieses Kunststück geschafft haben.

JAXenter: Ein Buzzthema, das aktuell allenthalben zur Sprache kommt, ist Machine Learning. Wie hilft künstliche Intelligenz der Eventbranche?

Baptiste Boulard: Wie können Eventplattformen Daten strukturieren, verwerten und von ihnen lernen? Der österreichische Denker Peter Drucker hat festgestellt: „you can’t manage what you can’t mesure.“ Nach diesem Prinzip gehen wir vor. Organisator*innen verwenden die von Eventplattformen gesammelten Daten, um ihren Kundenservice zu verbessern und mehr Gewinne zu erzielen.

Die Informationen der Berufsprofile und ihr Verhalten im virtuellen Raum wird ähnlich wie bei anderen sozialen Medien dafür genutzt, passende Themenvorschläge zu machen und Matchmaking anzubieten, also kompatible Kontakte vorzuschlagen. Für die Datenanalyse verwendet die Eventplattform Swapcard künstliche Intelligenz, die die Profil- und Verhaltensdaten analysiert, um besser auf die Bedürfnisse der Teilnehmer.innen eines Events einzugehen und deren Erwartungen zu erfüllen. Vor der eigentlichen Veranstaltung haben die Besucher*innen die Möglichkeit, sich Informationen auf Informationsplattformen zu beschaffen. Diese haben ähnliche Funktionen wie soziale Medien.

In dieser Vorphase können sich die Teilnehmer*innen bereits austauschen und neue für sie interessante Kontakte knüpfen. Während der Veranstaltung können sie sich im virtuellen Raum frei bewegen, das heißt zum Beispiel von einer Debatte zur anderen switchen. Dieses Verhalten im Raum ist natürlich auch durchaus interessant.

Je mehr Daten mit Hilfe eines Algorithmus analysiert werden, desto effektiver und passender werden die Vorschläge. Diese Datenanalyse und -verwendung ähnelt der von Netflix. So schafft es Swapcard gezielter auf die Interessen und Wünsche der Besucher*innen und der Aussteller*innen einzugehen und ihnen jederzeit interessante Informationen bereitzustellen. Dies erspart den Teilnehmer*innen und Aussteller*innen bei Veranstaltungen enorm viel Zeit. Sie müssen nicht mehr stundenlang Teilnehmer*innenlisten durchgehen, sie können sich einfach mit ihren KI-Vorschlägen verbinden.

JAXenter: Wie könnte deiner Meinung nach das Erlebnis einer digitalen Konferenz weiter an ein Event „on site“ angeglichen werden, sprich, welche Verbesserungsmöglichkeiten siehst du für Veranstalter und Teilnehmer, mehr von digitalen Konferenzen zu bekommen?

Baptiste Boulard: Online-Konferenzen werden niemals persönliche Interaktionen ersetzen. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir das Beste aus virtuellen und on-site-Konferenzen zusammenbringen können. Die Zukunft liegt für uns wie gesagt in hybriden Events, bei denen nur ein Teil der Teilnehmer*innen vor Ort ist. Der andere nimmt virtuell teil.

Die Teilnehmer*innen, die virtuell an der Konferenz teilnehmen, haben konkrete Vorteile: sie sparen Fahrt- und Verpflegungskosten ein und können spontaner an einer digitalen Konferenz teilnehmen, sich schnell ein- und ausloggen. Trotz der Distanz haben sie die Möglichkeit Fragen zu stellen und in Kontakt mit anderen Teilnehmer*innen zu treten.

Vor Ort ist das Aufeinandertreffen ebenfalls effektiver dank des digitalen Austauschs der im Vorhinein online stattgefunden hat. Mein Verbesserungsvorschlag wäre, dass hybride Events perfektioniert werden und dabei ein besonderer Wert auf den Datenschutz gelegt wird.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview.

Baptiste Boulard gab seine juristische Karriere auf, um mit zwei Freunden aus Kindertagen das französische Unternehmen Swapcard zu gründen. Er möchte die Art und Weise verändern, wie Menschen sich bei Veranstaltungen vernetzen. Baptiste leitet jetzt ein Team von über 120 Mitarbeitern mit Büros in Paris, Seattle, Montréal, London, Dubai, Neu Dehli und Singapur. Er liebt es, Veranstaltungen interaktiver, transparenter und datengesteuerter zu gestalten.
Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -