Mit „Enterprise 2.0“ hält der Web-2.0-Hype nun auch Einzug in die Unternehmen

Enterprise 2.0
Kommentare

Spätestens in der Woche vom 9. Oktober 2006 übersprang „Web 2.0“ endgültig die Hürde zum Mainstream-Thema. Am 9. Oktober gab Google den Kauf des Video-Portals YouTube für ca. 1.5 Milliarden Dollar in Aktien bekannt. „New Media“ traf dann abends auf „Old Media“ als dieser Kauf als Nachricht in der Tagesschau vermeldet wurde. In der gleichen Woche landete Web 2.0 auch noch auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins Focus.

Im öffentlichen Internet ist Web 2.0 inzwischen ein gern genutztes Buzz-Word, um insbesondere neue Firmen so schnell wie möglich mit viel Venture-Capital zur Erstellung neuartiger (oder auch nicht) Anwendungen auszustatten. Doch macht das Thema nicht vor der Firewall halt – inzwischen werden zunehmend zwei verwandte Themen auch in einem Unternehmenskontext hoch gehandelt: „Enterprise 2.0“ und „Office 2.0“. Steckt mehr dahinter als ein „Bubble 2.0“, wovon ebenfalls bereits die Rede ist? Welche Elemente von Web 2.0 sind für den Einsatz innerhalb von Unternehmen geeignet und woran hapert es noch? Bevor wir uns die unternehmensspezifische Seite anschauen, erfolgt zur Einführung ein Überblick zum Thema Web 2.0.

Web 2.0 – Was ist das?

Geprägt vom Verleger Tim O’Reilly im Jahre 2001 als Name für eine Konferenz zu den aktuellen Entwicklungen im Internet, bezeichnet Web 2.0 heute eher ein Sammelsurium an Themen, die sich einer einheitlichen Klassifizierung noch entziehen. Der Begriff Web 2.0 wird inzwischen gleichwertig für Konzepte, Technologien, Firmen und Applikationen verwendet. Letztendlich betonen die Web-2.0-Anhänger die folgenden Eigenschaften einer Web-2.0-konformen „Welt“:

  • User- und datenzentrische Applikationen oder Technologien (MySpace, Wikis, Amazon S3, Digg)
  • Dynamische Browseranwendungen (AJAX, GoogleMaps)
  • Kollaborative Elemente in Anwendun-gen oder Technologien (Tagging, Links, gemeinsames Editieren)
  • Mashups (Verknüpfung von APIs zu neuen Applikationen)
  • Niedrige Einstiegsschwellen (Browserbasierte Applikationen)

Es ist nicht leicht, den Überblick über die neuen Web-2.0-Anwendungen und Technologien zu behalten. Täglich kommen neue Applikationen hinzu, die aber oft nur Kopien vorhandener Ansätze darstellen. Websites wie TechCrunch beobachten diese Entwicklungen und bieten eine aktuelle Übersicht der „Flut“.

Enterprise 2.0 – Durch die Firewall

Der Begriff „Enterprise 2.0“ wurde zuerst geprägt von Andrew McAfee, Professor an der Harvard Business School, in seinem Artikel mit dem Titel: „Enterprise 2.0: The Dawn of Emergent Collaboration“. Heute gilt McAfee, zusammen mit JP Rangaswami, früher CIO der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein und heute CIO Global Services des britischen Telekomunternehmens BT, als der Vordenker, wenn es darum geht, den Einsatz von Web-2.0-Technologien innerhalb von Unternehmen voranzutreiben. Die genaue Definition von Enterprise 2.0 ist zurzeit noch Gegenstand teilweise hitziger Diskussionen und Begriffsstreitigkeiten („Enterprise Social Software“, „Enterprise Web 2.0“) und es wird sicherlich noch eine Weile dauern bis z.B. auf Wikipedia eine allgemein gültige Definition zu finden ist. Tatsache ist aber, dass die Verwendung der Web-2.0-Konzepte innerhalb von Unternehmen an Fahrt gewinnt. So sind inzwischen auch Industrie-Analysten wie Gartner überzeugt, dass Web 2.0 eine „maßgebliche Rolle in der Unterstützung einer Business-Strategie für Finanzinstitute“ spielen wird. Das erste sichtbare Zeichen für die Adoption von Web 2.0 durch Unternehmen waren die Weblogs.

Software fürs Unternehmen

Weblogs sind im Unternehmenseinsatz schon recht lange verbreitet. Wobei hier zwischen den USA und Europa noch Unterschiede herrschen. So haben viele amerikanische Unternehmen bereits Weblogs eingeführt, auch wenn sie teilweise nicht mehr sind als ein lauer Aufguss von PR-Nachrichten. Sie werden eingesetzt, um Kunden zu informieren oder auch um im Unternehmen Informationen zu verbreiten. Allerdings handelt es sich bei Firmen-Weblogs oft nur um eine Einwegkommunikation, da sich viele Unternehmen scheuen z.B. Kommentare zuzulassen. Die ersten Lösungen aus dem Web-2.0-Umfeld, die in Unternehmen mit den geforderten kollaborativen Eigenschaften aufgenommen wurden, waren die Wikis. Als Möglichkeit, gemeinsam an Dokumenten zu schreiben und so auch ohne große Formalismen zusammenzuarbeiten, zogen sie die Mitarbeiter an. Insbesondere in Software-Projekten als zusätzliche Möglichkeit der Kommunikation oder auch um kollaborativ an Dokumentation zu arbeiten, sind die Wikis heute in Unternehmen weit verbreitet. Neben einer langen Liste an frei verfügbaren Wiki-Implementierungen, die ohne große Probleme auch hinter einer Firewall installiert werden können, gibt es inzwischen auch kommerzielle Anbieter, die ihr Angebot auf Unternehmen zugeschnitten haben.

Der bekannteste kommerzielle Anbieter von Unternehmens-Wikis ist heute die Firma Socialtext. Socialtext bietet schon seit einigen Jahren eine Wiki-Lösung an, die sowohl gehostet als auch zur Installation angeboten wird (Abb. 1). Inzwischen liegt auch eine Open-Source- Version der Wiki-Lösung vor. Socialtext machte zudem vor einiger Zeit von sich reden, als sie die Zusammenarbeit mit Dan Bricklin, der 1979 das erste Programm für Tabellenkalkulationen für den PC herausbrachte, bekanntgaben. Dan Bricklin hat mit der Lösung „WikiCalc“ nun eine Lösung vorgestellt, womit es im Inter- und Intranet einfacher werden soll, Spreadsheet-Funktionalität auch in einem Browser zu bedienen. Eine Tendenz, die bereits unter dem neuen Begriff „Office 2.0“ geführt wird. Die neueste Version der Socialtext-Software bietet zudem auch SOAP- und REST-APIs, über die ein programmatischer Zugriff auf die Socialtext-Wikis möglich ist.

Abb. 1: Socialtext, eine Wiki-Lösung für Unternehmen

Inzwischen gehen die Ansätze, Wikis mit Unternehmensfunktionalität aufzuwerten, einen Schritt weiter. So bietet die Firma JotSpot eine komplette Umgebung an, um in einer Wiki-Umgebung Anwendungen zu erstellen. Über eine Palette an Zusatzfunktionalität kann man eine Wiki-Seite mit Bausteinen wie Tabellenkalkulation oder Kalender ausstatten. Die so erstellten Anwendungen werden bei JotSpot gehostet und können einem definierten Benutzerkreis zur Verfügung gestellt werden.

Was willst du mir sagen?

Durch die Verbreitung der Weblogs haben sich auch die Syndizierungsformate RSS und Atom in die Unternehmen ausgebreitet. Diese auf XML basierenden Formate eignen sich dazu, insbesondere strukturierte Informationen in Form so genannter „Feeds“ anzubieten. So bieten Firmen wie IBM oder Intel inzwischen Feeds verschiedenster Informationen wie Stellenangebote, Presseerklärungen oder Produktneuerungen an, die dann von Kunden, Partner oder Journalisten abonniert werden können. Zunehmend entdecken aber Unternehmen auch andere Formen der Kommunikation. Einige Firmen experimentieren schon mit Podcasts oder Vodcasts, um ihre Kunden mit Informationen (sei es auch nur Werbung) zu versorgen. Sie bieten die Ton- oder Videoaufnahmen entweder auf der eigenen Website an (z.B. die englische Online-Bank firstdirect.com) oder nutzen auch schon Video-Foren wie YouTube, um den viralen Marketingeffekt zu erzielen. Es ist aber auch schon eine Tendenz zu beobachten, dass sich Unternehmen die Funktionalität von Web 2.0 Sites wie YouTube hernehmen und in den eigenen Auftritt integrieren, um somit einen Mehrwert für Besucher zu schaffen. Hier sind in Deutschland sicherlich die Medienunternehmen wie der Focus mit seinem Angebot Focus Online Live führend. Auf der kürzlich vorgestellten Plattform haben Leser die Möglichkeit, eigene Bilder und Videos hochzuladen. Tagging wird verwendet, um die populärsten Inhalte zu kennzeichnen. Ebenfalls seit einiger Zeit kann man auf der Focus-Seite eigene Kommentare zu den Nachrichten schreiben. Diese werden dann wie bei Kommentaren zu Weblogs angezeigt. Wenn es stimmen sollte, was Dr. Thomas Wengenroth vom Mediendienst kress vorhersieht, dann ist dies erst der Anfang einer grundlegenden Umwälzung in der Medien-Industrie.

Office 2.0 – Schreibst du noch?

Der Office-Bereich eines Unternehmens gilt noch als Bastion der Firma Microsoft. Excel, Word und PowerPoint gehören heute zum Standard-Repertoir eines Unternehmens. Viele Jahre galt dieser Bereich als uneinnehmbar für andere Unternehmen oder Ansätze. Doch mit Web 2.0 könnte sich hier etwas ändern. Firmen wie Socialtext gehen bereits einen Schritt in die Richtung, Office-Funktionalität in einer Web-2.0-Architektur anzubieten. Auf diesem Gebiet gibt es inzwischen aber auch recht bekannte Mitbewerber, wie Google. Durch Entwicklungen wie GoogleMail und durch Zukäufe wie Writely verfügt das Unternehmen aus Mountain View über ein umfangreiches Produktportfolio an Applikationen, die einen Office-Ansatz im Browser verfolgen. Google bietet diese Anwendungen aber nicht nur für die „Öffentlichkeit“ an. Durch eine spezielle Enterprise-Version sind Unternehmen in der Lage, z.B. ihre eigene Version von GoogleMail als Unternehmens-E-Mail einzusetzen. Auch bietet die neueste Version von Google Documents, eine Anwendungskombination aus Textverarbeitung und Spreadsheet, den (noch) versteckten Hinweis, dass auch mit einer zukünftigen Offline-Fähigkeit zu rechnen ist. Noch relativ unbekannt dagegen ist das umfangreiche Angebot der Firma Zoho.com. Zoho bietet eine große Zahl an gehosteten Webapplikationen aus dem Office-Umfeld an. So findet man hier neben einer Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation auch eine Anwendung zur Projektverwaltung, ein Chat-Programm oder auch eine CRM-Lösung. Unlängst stellte die Firma, anlässlich der ersten „Office 2.0“-Konferenz, die Zusammenfassung mehrerer Anwendungen unter einer einheitlichen Oberfläche und mit einem Single Sign-on vor. Unter dem Namen „Zoho Virtual Office“ liegt damit eine Lösung vor, die entweder online genutzt (ab dem 2. User für 9.95 Dollar pro User und Monat) oder auch lokal installiert werden kann (ab 295 Dollar im Jahr für 25 User). Für Unternehmen ist es immer noch ein großes Hindernis, dass die vorhandenen Web-2.0-Anwendungen ihre Daten auf eigenen Servern speichern. Kommerzielle Organisationen möchten (oder können) solche Informationen nicht aus der Hand geben. Daher sind gerade die vielen APIs der Web-2.0-Anwendungen interessant, denn damit lassen sich die verteilten Dienste in eigene Anwendungen und Architekturen integrieren.

APIs – Integration ist alles „Mashups“ sind Anwendungen, die aus der Kombination vorhandener Dienste entstehen. Hier sind einige der bekannteren APIs aufgeführt, die für Unternehmen interessant sein könnten.
Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -