Accessibility als Businessfaktor

Europäisches Accessibility Forum Frankfurt 2009
Kommentare

Ende März versammelten sich Web-Accessibility-Experten aus aller Welt auf dem Europäischen Accessibility Forum Frankfurt 2009. Mehrere hundert Teilnehmer kamen in der Mainmetropole zusammen, um sich zu barrierefreien Webseiten, den kommerziellen Wert von zugänglichen Angeboten oder auch dem aktuellen Bild von Accessibility in Europa auszutauschen. Auf insgesamt sieben Paneldiskussionen wurde mitunter kontrovers diskutiert.

Much more can and should be done. Linda Mauperon, 2009

Eröffnet wurde die vom deutsch-schweizerischen Web-Dienstleister namics organisierte Konferenz von Linda Mauperon, Kabinettsmitglied im Stab der Europäischen Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, die mit ihrem Plädoyer für Web Accessibility zwar leidenschaftslos, dafür aber mit klaren Worten die kommerzielle Bedeutung eines barrierefrei zugänglichen Internets herausstellte und damit auch gleich das erste Panel des Tages einleitete.

style=“width: 250px; height: 188px;“ alt=““ src=“http://entwickler.com/develop/zonen/magazine/onlineartikel/pspic/picture_file/53/Paul_und_C49d1cb5452989.jpg“ >Abb. 1: Paul Bakaus, UI Lead, jQuery, und Christian Heilmann, Web Architect/Standards Evangelist, Yahoo!

Paul Bakaus (UI Lead für jQuery), Christian Heilmann (Standards Evangelist für Yahoo!) und Saqib Shaik (Software Developer bei Microsoft) stellten ihre aktuellen Entwicklungen vor. Technisch gesehen darf man sich auf „The next version of Silverlight“ freuen (wie gewohnt), genauso wie auf das noch für 2009 geplante jQuery 2.0, das dann vollständige ARIA-Unterstützung (einen Standard für Accessible Rich Internet Applications) mitbringen wird. Kritik wurde hier vor allem auch vonseiten Christian Heilmanns laut, der die Web Accessibility noch immer auf dem Stand von 1999 stagnieren sieht – was zum Teil darauf zurückzuführen sei, dass viele Entwickler noch immer wie Autisten in ihrer eigenen Welt leben würden, in der Faktoren wie Accessibility noch immer eine nur missverstandene Rolle spielten.

Im Anschluss an das Panel diskutierten Tomas Caspers (Barrierefreiheitsexperte), Dominique Hazaël-Massieux (W3C Mobile Web Initiative) und Henny Swan (Web Evangelist, Opera Software) über Best Practices für das „mobile Web“, die Schnittstellen von Desktop- und Webanwendung und welche ausgrenzenden Folgen es haben kann, zum Beispiel per .com und .mobi künstliche Differenzierungen von Angeboten aufzubauen.

Wie unterschiedlich die Länder innerhalb der EU mit dem Thema Accessibility umgehen, zeigte dann das folgende Panel, auf dem Deutschland (vertreten durch Prof. Dr. Christian Bühler, TU Dortmund), die Niederlande (vertreten durch Raph de Rooij, ICTU), England (Dr. Jonathan Hassell, BBC) und Schweden (Peter Krantz, vormals bei der Swedish Administrative Agency) ihre Maßnahmen zur Durchsetzung nationaler Standards vorstellten und darüber diskutierten, mit welchen Schwierigkeiten man jeweils zu kämpfen habe. Schweden war hier klar im Vorteil – das Land verzichtet schlicht auf die Einführung und Umsetzung extra eingerichteter Guidelines. Dadurch würden „disabled People“ nicht als Gruppe ausgegrenzt, sondern Accessibility vielmehr als Zugänglichkeitskriterium für alle verstanden.

ARIA, Flash und Grundlagenarbeit
style=“width: 250px; height: 188px;“ alt=““ src=“http://entwickler.com/develop/zonen/magazine/onlineartikel/pspic/picture_file/34/niqui_25049d1cb674b1dc.jpg“ >Abb. 2: Niqui Merret, Flash Accessibility Consultant, Jade Hopper

Steve Faulkner (Protocols and Formats Working Group, W3C), Niqui Merret (Flash Accessibility Consultant) und Marco Zehe (Accessibility QA Engineer, Mozilla) stellten schließlich den bereits angesprochenen, kommenden W3C-Standard ARIA vor. Der selbst sehbehinderte Marco Zehe demonstrierte anhand von Firefox 3.1 Beta 3, was es bedeutet, auf Screenreader angewiesen zu sein und welche Vorteile ARIA (im Vergleich zu mit JavaScript erweiterten oder gänzlich unvorbereiteten Webseiten) hier bringen wird. Dass in der Diskussion um barrierefreie Webseiten auch durchaus Flash eine Rolle spielen kann, zeigte Niqui Merret. Allerdings sei Niqui laut Aussagen einiger Besucher wohl auch die einzige Entwicklerin, die Flash tatsächlich „accessible“ programmieren könne.

Dass Webstandards mitunter tatsächlich schwer zu vermitteln seien, war denn auch Thema des folgenden Panels. Chris Heilmann sprach bereits von Autisten, Chris Mills (Developer Relations Manager, Opera Software) führte es eher darauf zurück, dass das ganze Thema schlichtweg nicht sexy sei. Nicht ohne Grund toure Opera weltweit durch Universitäten, um Accessibility bereits früh dem Entwicklernachwuchs schmackhaft zu machen. Mit dem von Lars Gunther vorgestelltem WaSP-Projekt können dazu sogar Lehrstühle (aber auch jeder andere Interessierte) auf aktuelles Lehrmaterial zum Thema zugreifen (http://interact.webstandards.org/).

style=“width: 520px;“ alt=““ src=“http://entwickler.com/develop/zonen/magazine/onlineartikel/pspic/picture_file/99/RIMG0037_549d1cb74a1ab7.jpg“ > Abb. 3: Chris Mills, Developer Relations Manager, Opera Software, Raph de Rooij, Web Guidelines Specialist, ICTU, und Dr. Carlos Velasco, Competence Center Manager, Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT)

Dass es bei all dem auch um ganz handfeste wirtschaftliche Vorteile gehen kann, betonte denn auch das Panel zum „Geschäftswert von Barrierefreiheit“, auf dem unter anderem Charlotte McClain-Nhlapo (Senior Operations Officer, The World Bank) François-René Germain (Vice President, Orange/France Télécom) und Ellen Engel (Deutsche Bahn). Barrierefreiheit sei demnach längst kein Almosen für Randgruppen mehr, sondern Werkzeug einer modernen Zielgruppenmaximierung. Im Gespräch erfuhren die Konferenzteilnehmer, wie sich so klingende Formulierungen dann auch ganz praktisch im eigenen Unternehmen in die Tat umsetzen lassen können. Denn eines wurde in Frankfurt klar: um Web Accessibility kommt heute keiner mehr herum. Nur in den Köpfen muss das noch ankommen.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -