Interview mit Jussi Mori

"Gamification ohne Grenzen"
Kommentare

Bei FarmVille die Schweine füttern, eine Mafiafede ausbaldowern oder den eigenen Avatar schick anziehen – Social Games gibt es in jeder Couleur und sie machen hochgradig süchtig. Das Erfolgsgeheimnis dahinter ist, vereinfacht gesagt, eine Kombination aus Verpflichtung und Belohnung: Füttert der User beispielsweise seine Tierchen regelmäßig, erhält er dafür einen Betrag der Spielwährung und kann wiederum sein landwirtschaftliches Imperium ausbauen. Der für den User kurzweilig und relativ sinnfrei erscheinende Zeitvertreib bedeutet für Facebook und die Herstellerfirma Zynga User-Bindung und Milliarden von Klicks. Diese Methodik Bindung, Verantwortlichkeit und Loyalität zu schaffen, entdecken nun auch immer mehr Unternehmen für sich: „Gamification“ heißt der neue Trend in den Intranets dieser Welt. Entwickler-Magazin-Redakteurin Corinna Kern hat mit Jussi Mori darüber gesprochen.

Entwickler Magazin: Gamification ist ein Social-Media-Trend. Spiele, wie man sie z.B. auf Facebook spielen kann, haben teils mehr regisitrierte Benutzer als Twitter. Vielleicht können wir zunächst einmal darüber sprechen, nach welchem Prinzip diese Spiele aufgebaut sind und wie sie den User geradezu süchtig machen.

Jussi Mori: Das ist genau DIE Frage, die sich alle Spielehersteller mindestens einmal stellen. Denn alle wollen, dass Spieler „süchtig“ nach den Spielen werden. Eine pauschale Zauberformel gibt es hier leider nicht. Im Endeffekt ist es immer das richtige Zusammenspiel von Spielspaß, Spielsinn, Spielmechanik, Grafik, Musik und die richtige Balance von Herausforderung gegen Können – das sogenannte FLOW-Prinzip.
In der Regel sind Spiele die „süchtig“ machen jene, die ein einfaches Prinzip haben, aber knifflig zu lösen sind. Auch Spiele mit Überraschungsfaktoren können süchtig machen, da sie die Neugier ansprechen. Eines der zur Zeit wohl populärsten und süchtig machenden Spiele ist Candy Crush Saga: Das Spielprinzip ist simpel. Es geht darum so viele Süßigkeiten wie möglich zu „zerstören“, indem man sie in eine gleiche horizontale oder vertikale Reihe bringt. Das Spiel ist so aufgebaut, dass man ständig weiterkommt, die Levels aber zunehmend schwerer werden. Jedoch läuft der gleiche Level nicht immer gleich ab. Manchmal wirkt der gleiche Level viel schwieriger als sonst oder aber auch einfacher. Die Spielehersteller haben hier eine perfekte Balance von Herausforderung, Fortschritt und Überraschungseffekt entdeckt. Die Grafik ist nichts weltbewegendes, aber das Spiel sieht hübsch aus, und es funktioniert fließend.

Entwickler Magazin: Das Gamification-Prinzip wird nun auch vermehrt im Business-Bereich eingesetzt? Welche eben genannten Facetten findet man denn da wieder? Ich werde sicherlich nicht im Firmenintranet meinen Fish Tank reinigen oder meine Farm bewirtschaften, oder?

Jussi Mori: Bei Gamification geht es darum Spieleelemente in einem Nicht-Spiele-Kontext einzusetzen und nicht Facebook-Spiele während der Arbeitszeit zu spielen. Wenn man heutzutage von Gamification spricht, denken viele an Leaderboards und Badges. Diese Elemente sind ein wichtiger Bestandteil von Gamification, aber machen nur einen sehr kleinen Teil des Ganzen aus. Gamification ist die Weiterentwicklung von Social Media. Man kann damit die Benutzer zu Aktivitäten motivieren und sogar an Aktivitäten binden, sprich Loyalität generieren. Wir nutzen hier menschliche Bedürfnisse aus, um Benutzermotivation und –loyalität zu adressieren. Forscher haben herausgefunden, dass wir Menschen folgende fundamentale Bedürfnisse besitzen und jene gelten standort- und generationunabhängig:

  • Status
  • Belohnung
  • Erreichung von Meisterschaft
  • Selbstverwirklichung
  • Selbstlosigkeit
  • Wettbewerb

Und genau diese menschlichen Grundbedürfnisse versucht man mit Gamification zu adressieren.

Entwickler Magazin: Welchen Nutzen erwarten sich Unternehmen also von der Gamifizierung ihrer Businessabläufe?

Jussi Mori: Gamification ist noch sehr neu und viele Unternehmen experimentieren erst damit. Damit Gamification-Projekte erfolgreich werden, hängt vieles vom Design der Gamification-Umgebung ab, also davon wie den Benutzern das Ganze „verkauft“ wird. Heutzutage scheitern viele Gamification-Projekte wegen schlechtem Design und zu wenig Erfahrung der Kunden und Berater auf diesem Gebiet. Mit der Einführung von Badges und Leaderboards ist noch lange keine Gamification-Infrastruktur aufgebaut und dies wird auch nicht den gewünschten Effekt aufbringen.
Um jedoch den Nutzen von Gamification nochmals hervorzuheben: Nebst der Benutzermotivation und dem Generieren von Loyalität bringt Gamification auch noch den sehr machtvollen Nebeneffekt der Benutzerverhaltensanalyse mit sich. Meistens sind Gamification Engines so aufgebaut, dass sie das Verhalten von Portalbenutzern aufzeichnen und sich so wertvolle Verhaltensmuster abbilden. Anhand dieser Verhaltensmustern können Informationsportale verbessert und sogar Benutzerverhalten vorausgesehen werden. Dies ist noch Zukunftsmusik, aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies wohl einer der wichtigsten Vorteile von Gamification für Unternehmen sein wird.

Entwickler Magazin: Wie sieht es mit der technischen Umsetzung aus?

Jussi Mori: Für die technische Umsetzung gibt es verschiedene Anbieter auf dem Markt, die sich dem Thema angenommen haben. Um die wichtigsten zu nennen:

  • Badgeville
  • Bunchball
  • Bigdoor

Hier findet man eine Liste von den heutzutage verfügbaren Gamification Engines. In der Regel sind die Engines so aufgebaut, dass ihre Funktionalitäten per API in die eigenen Informationsportale eingebunden werden können.

Entwickler Magazin: Wieso bietet gerade SharePoint eine besonders fruchtbare Plattform für die Integration von Gamification-Elementen? Und auf welchen Plattformen könnte man sie darüber hinaus einsetzen?

Jussi Mori: SharePoint bietet ein perfektes Umfeld für den Einsatz von Gamification an, da es gut darin ist, Informationen kontextbezogen zu organisieren und darzustellen. Weiterhin wird SharePoint häufig als Intranet, Dokumentenmanagement- und natürlich Kollaborationssystem verwendet. Hier bieten sich viele Benutzeraktivitäten an, die „gamifiziert“ werden können. Jetzt, vorallem mit SharePoint 2013 und der Yammer-Integration, bieten sich viele Social-Enterprise-Funktionalitäten an, die man „gamifizieren“ kann. Zum Beispiel das Sammeln von Erfahrungspunkten beim Kommentieren von Newsfeed-Einträgen und Portalinhalten. Grundsätzlich ist Gamification bei dein meisten Informationsportalen möglich. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Entwickler Magazin: Jussi, danke für das Gespräch.

Jussi Mori ist Mitgründer des innovativen und dynamischen Unternehmens Peaches Industries GmbH, welches sich hauptsächlich auf die Implementation von SharePoint-Portalen spezialisiert hat. Jussi Mori hat sich schon seit mehreren Jahren mit der Produktivität von Information Workern befasst und auch Studien über dieses Thema verfasst. Als Senior Consultant bei Peaches Industries hat sich Jussi Mori auf die Ausbildung von SharePoint-Endusern und SharePoint-Change-Management spezialisiert.
Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -