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Ganz ehrlich? Presto ist mir reichlich egal.
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Es gib Nachrichten, die einschlagen wie eine Bombe. Nachrichten, die Reaktionen hervorrufen, die man so nicht erwartet hätte. Gestern gab es eine solche Nachricht: Opera, der kleine, leider wenig beachtete Browser aus Norwegen, schmeißt seine Rendering Engine „Presto“ zugunsten von WebKit über Bord. I couldn’t care less.

Doch das ist so natürlich nicht ganz richtig

Gestern und heute gab es viel zu lesen. Und die Reaktionen im Web waren – wie üblich – gespalten. Das ist ja das schöne an diesem wunderbaren, riesigen Gebilde: aberwitzig viele User haben mindestens ebenso viele Meinungen. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Entwickler da draußen auf einmal ihre Liebe zu Presto (wieder)entdeckt hatten. Und ich kann gar nicht zählen, wie viele eben dieser Entwickler vor ein paar Monaten noch laut aufgeheult hatten, als ein kleines Team in Norwegen beschlossen hatte, die Vendor Prefixes einiger WebKit-CSS-Features so zu behandeln, als wären sie o-Präfixe. Oh ihr Schlingel – was habt ihr euch dabei nur gedacht?

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Ich fand diese Entscheidung gut und richtig. Damals zeichnete sich ein zweiter großer Browserkrieg ab, dessen Sieger eigentlich nur WebKit heißen konnte. Es war, als wären Webentwickler in alte Zeiten verfallen. Zeiten, in denen es hieß: „Diese Seite ist optimiert für den Internet Explorer“.

Nur ging es eben nicht mehr um den abgeschlagenen Rivalen aus Redmond. Es ging um Browser mit einer Engine, die im direkten Vergleich zu ihren Konkurrenten in Sachen Webstandards durchaus einige unschlagbare Argumente auf Ihrer Seite hatten. Doch wollten wir uns wirklich in diese Situation bringen? Schon wieder? Haben wir denn wirklich gar nichts gelernt?

Offensichtlich nicht. Denn egal, wie viele geniale Demos durch das Netz geisterten, egal wie viele atemberaubende Seiten man auch besuchte – auf Opera nahmen nur die wenigsten Rücksicht.

Dabei war doch dieser kleine Browser aus einem Land mit knapp fünf Millionen Einwohnern in dieser Disziplin ebenfalls verdammt gut. Ein kleines Team von Idealisten hatte es immer wieder geschafft, eine treibende Rolle in der Weiterentwicklung all jener Technologien zu spielen, die für viele von uns so wichtig geworden sind. Sei es im Bereich der Media Queries, HTML5 oder des nativen Videosupports im Browser. Regelmäßig wartete Opera Next mit Features auf, die dem geneigten Beobachter ein freudiges Lächeln auf die Lippen gezaubert haben. Das Web hat so viel zu bieten – und Opera hat die Grenzen immer wieder neu gezogen.

Das Problem war nur, dass die Webentwickler dieser Welt kaum Notiz davon nahmen.
Ehrlich gesagt konnte Opera darüber hinaus für viele nicht genug bieten, um restlos zu überzeugen. Kein Wunder also, dass die Statistiken von anderen Browsern dominiert werden. In vielen Bereichen durchaus zurecht, wie ich finde.

o-goodbye

Was nun folgt, dürfte der Ausverkauf von Opera sein. Jon von Tetzchner, Gründer des Unternehmens, hat einen großen Teil seiner Aktien bereits unter’s Volks gebracht. Und das Team rund um die Developer Relations wurde ebenfalls schon reduziert. Kein Wunder; im Auftrag von WebKit sind bereits genügend Evangelisten unterwegs.

Würde man mich nach meiner Meinung fragen, würde ich sagen, dass Opera als Browser auf dem Desktop-Markt wahrscheinlich nicht mehr allzu lange eine wie auch immer gelagerte Rolle spielen dürfte. Trotz Dragonfly.

Vielleicht wird das Unternehmen weiter auf Mobile setzen; da haben sie einiges zu bieten. Vielleicht werden sie auch weiterhin auf Spielekonsolen oder Fernsehgeräten rocken. Wer weiß das schon so genau? Ganz ehrlich – Presto ist mir reichlich egal. Es sind andere Sachen, die wichtiger sind. Die Zukunft des Webs zum Beispiel.

Eine Engine verschwindet. Schade um die Vielfalt. Die Köpfe jedoch bleiben. Die Ideen, die Kreativität, der Mut und der Wille, um Standards zu kämpfen, sie voran zu bringen. Wenn diese Energie jetzt voll und ganz in WebKit fließt, dann hat man in dessen Lager mehr als nur starke Verbündete gewonnen. Als Beweis dafür dient das letzte Aufbäumen – es hatte Stil. Denn es mag bestimmt nicht nur mir wie eine Ohrfeige vorgekommen sein, als die Norweger gestern einen „kleinen, symbolischen Patch“ einreichten, mit dem WebKits Support für CSS Multi-Columns nun den Stand erreicht hat, den Presto schon seit einiger Zeit bietet.

Über den faden Beigeschmack der Monokultur, über das Problem der für WebKit-optimierten Seiten, wird man an anderer Stelle noch einmal diskutieren müssen. Und es ist eine wichtige Diskussion, die dringend geführt werden muss.

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