Jan Lehnardt von den Neighbourhoodies im Interview

Gelebtes Open Source in eine GmbH gegossen
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Gestern war ein spannender Tag für das Open-Source-Projekt Hoodie – denn das Team konnte die Gründung der The Neighbourhoodie Software GmbH bekannt geben. Gleich zur Veröffentlichung der frohen Kunde hat Jan Lehnardt auch einen Ausblick auf das gegeben, was in Zukunft auf das Projekt – und die Neighbourhoodies – wartet. Wir wollten das natürlich nicht unkommentiert stehen lassen und haben uns Jan geschnappt, um mit ihm ein wenig über Open Source, die Hoodies in der Nachbarschaft und die Zukunft des Projekts zu plaudern.

PHP Magazin: Jan – und Team! – herzlichen Glückwunsch zur Gründung der The Neighbourhoodie Software GmbH. Hast du irgendwelche berühmten ersten Worte als CEO für uns?

Jan: Ich bin froh, das Lena Reinhard auch Geschäftsführerin ist, und zwar unabhängig von mir. Im Beamtendeutsch heißt das „Alleinverfügungsberechtigt“, für uns bedeutet das aber, dass die Firma nicht jeweils 100 Prozent von uns beiden abhängt, sondern, dass wir abwechselnd auch mal Urlaub machen können. Eine gesunde Work-Life-Balance liegt uns insgesamt sehr am Herzen und deswegen haben wir das so auch schon an oberster Stelle so eingebaut.

The Neighbourhoodies

The Neighbourhoodies

Jan Lehnardt (im Bild mit Bart) ist Entwickler und Unternehmer in Berlin. Er arbeitet maßgeblich an Hoodie und Apache CouchDB mit und er ist Mit-Kurator der JSConf EU. %C2%A9The Neighbourhoodies

PHP Magazin: Du tummelst dich schon sehr lange Zeit im Open-Source-Umfeld und bist mit vielen „Organisationsformen“ in Berührung gekommen. Was, abgesehen vom Fernziel der Non-Profit-Organisation abgesehen, ist euer Hauptziel mit den Neighbourhoodies?

Jan: Software machen kostet immer Zeit. Im Open-Source-Bereich gibt es natürlich die typischen Enthusiasten, die sich Abende und Wochenenden um die Ohren schlagen; ich habe das auch lange gemacht, aber es gibt auch eine Vielzahl von EntwicklerInnen, die Open Source beruflich, oder sogar hauptberuflich, machen. Das Bild sich aufopfernder Individuen ist natürlich sehr heldenhaft, aber dabei wird leider oft vergessen, dass gar nicht so viele Leute den Luxus haben, das so machen zu können. Wenn man z.B. anderweitig Vollzeit beschäftigt ist und noch Familie hat, oder sich um einen alten oder kranken Eltern- oder Großelternteil kümmern muss, dann bleibt für Open Source kaum Zeit. Wir finden aber, dass es sehr wichtig ist, Software für alle zu bauen. Und das können wir nicht, wenn wir ein Haufen privilegierter, weißer Männer sind, die sich darum kümmern können, weil wir so gut verdienen und sonst nicht zu tun haben. Deswegen ist es Ziel der Firma, es uns und Anderen zu ermöglichen, Teil- oder Vollzeit an Open-Source-Software und insbesondere Hoodie zu arbeiten.

Ein anderer Aspekt ist, dass zum erfolgreich Software-machen nicht nur ProgrammiererInnen gebraucht werden, sondern auch DesignerInnen, TexterInnen, LehrerInnen usw. Das sind alles Professionen, die ein Open-Source-Projekt enorm weit voranbringen können. Bei großen Projekten wie jQuery oder Drupal sieht man das ja auch sehr schön, da sind die EntwicklerInnen ja nur ein kleiner Teil einer riesigen Gemeinschaft. Wie gesagt, wir möchten Software für alle machen und brauchen daher auch die Hilfe von allen. Nun ist die Open-Source-Kultur in den ganzen anderen Bereichen nicht so weit fortgeschritten, oder teilweise noch gar nicht erst angekommen, sodass wir da mit der Firma etwas nachhelfen können und damit Leute bezahlen, die uns helfen.

Zuletzt ist es uns wichtig, dass es um Hoodie ein gesundes Ökosystem gibt. Dazu brauchen wir noch mehr Firmen, die sich Hoodie annehmen, sei es als Basis für ein Produkt, oder als Werkzeug, um schnell Produkte für andere zu bauen, oder Hosting, und so weiter … Sich als Firma auf Open Source einzulassen, birgt immer ein gewisses Risiko – und da der oder die Erste zu sein, hat oft auch Nachteile. Deswegen wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und sowohl kommerzielle Produkte mit Hoodie bauen und verkaufen als auch Dienstleistungen wie Support anbieten, die anderen Firmen dann die nötigen Sicherheiten bieten.

PHP Magazin: Wollt ihr etwas anders machen als die großen Vorbilder aus dem Open-Source-Bereich (Stichwort: Automattic, Acquia, …), oder machen die ihren Job schon ganz gut?

Jan: Wir stehen natürlich im Schatten – oder auf den Schultern, je nachdem, von wo man schaut – der großen Vorbilder. MySQL und RedHat spielen da auch sicher eine Rolle. Im Gegensatz zu den bereits genannten Firmen sind wir allerdings nicht an Venture-Kapital interessiert, um uns zu etablieren. Das Standardschema für solche Unternehmen ist in der Regel, dass nach ca. zwei Jahren das Geld aus ist, und sie von den Geldgebern zu Facebook, Google oder Yahoo verkauft werden. Oft wird danach das eigentliche Produkt eingestampft. Natürlich sprechen wir hier nur über die Firmen, die übrig geblieben sind, aber das Verhältnis von gescheiterter zu erfolgreicher Venturekapital-Firma ist 10:1, 90 Prozent schaffen es nie, genug zu wachsen, um überhaupt für eine Übernahme interessant zu sein. Danach gibt es tatsächlich nur einige wenige, die auch unabhängig bleiben.

Wir haben mit Hoodie größeres vor, und da ist der Vergleich zu Ruby on Rails und Basecamp (früher 37Signals) angebracht. Beide sind eine unheimliche Inspiration für uns und wenn es bei uns nur halb so gut laufen würde, wären wir sehr zufrieden damit. Auch Firmen wie Travis CI, IWantMyName, DNSimple und Tito sind ganz große Vorbilder, die auch sehr offen mit ihrer Firmenkultur sind – wovon wir eine Menge lernen können.

PHP Magazin: Ich hatte mit Kris Köhntopp neulich ein Gespräch über Firmen und Foundations, die hinter Open-Source-Projekten stehen. Seiner Meinung nach käme es aber vor allem auf die Personen an, die sich um die Strukturen und um das Vorantreiben des Projekts kümmern können. Habt ihr mit dem Unternehmen die Grundlage dafür geschaffen?

Jan: Gegen Kris kann man meist nicht gut argumentieren, aber hier muss ich sogar zustimmen. Es geht immer um die Leute. Mein Freund Adam Brault von der Firma &yet hat auf der letzten JSConf EU den Abschlussvortrag zum Thema “People First” gehalten (hier geht’s zum Vortrag auf YouTube). Wir versuchen dementsprechend sowohl unsere Firma, als auch das Open-Source-Projekt dahingehend zu gestalten, dass wir ein gutes miteinander sicherstellen können. Denn nur dann kann ein Team auch wirklich erfolgreich sein.

In der ersten Zeit wird das natürlich sehr von den GründerInnen und ersten Angestellten abhängig sein, aber langfristig sind wir auch daran interessiert, das, was wir hier alles erarbeiten, in eine solide Form zu gießen und an eine Stiftung zu übergeben. Das Modell haben wir uns bei Mozilla abgeschaut, wo eine nichtkommerzielle Stiftung die Schlagrichtung vorgibt, und die Mozilla Corporation sich um die Finanzen kümmert, wobei sichergestellt ist, dass das Geld nie im Vordergrund stehen kann. Uns gefällt dieses Model auf lange Sicht gesehen sehr gut.

PHP Magazin: Nun seid ihr natürlich auch einige Verpflichtungen mit der Gründung einer GmbH eingegangen. Habt ihr keine Sorgen, dass euch das von der „Arbeit ablenkt“?

Jan: Ja und nein. Natürlich ist jetzt etwas mehr zu tun, aber gleichzeitig wird auch einiges erleichtert. Wir sind ja z.B. schon als Team kommerziell aufgetreten, allerdings ist die Frage der Haftung da nicht sehr schön geklärt, dabei hilft die GmbH jetzt natürlich. Und wir treten auch besser anderen Firmen gegenüber auf, wenn die wissen, dass sich dahinter eine echte Gesellschaft befindet.

Des weiteren sind wir bei den Projekten die wir annehmen ja auch sehr wählerisch, und wenn es etwas gibt, von dem Hoodie selbst nicht auch profitieren kann; z.B. durch ein neues Feature, das wir für das Projekt zwar entwickeln, aber dann in Hoodie selbst einbauen und als Open Source veröffentlichen. Wenn das nicht gegeben ist, dann behalten wir uns vor, das Projekt nicht anzunehmen.

PHP Magazin: Wie stellt ihr sicher, dass ihr trotzdem die Ziele der Community im Auge behaltet – und nicht vermeintliche „Eigeninteressen“ in den Vordergrund stellt?

Jan: Das Interesse der Firma ist Hoodie selbst. Natürlich muss die Firma von irgendwas leben, aber wir wollen das nicht so aufziehen, dass die Firma mit dem Projekt selbst konkurriert, wie das bei Red Hat und MySQL ja der Fall ist. Es wird z.B. keine „Enterprise Edition“ geben, die dann für teuer verkauft wird, wo sich dann ein Sales-Team darum kümmert, die Open-Source-Distribution bei anderen Firmen madig zu reden. Das ist alles Käse, das wollen wir nicht. Wir orientieren uns da lieber an Basecamp, die mit dem Open-Source-Projekt eine kommerzielle Software entwickelt haben und damit ihr Geld verdienen. Des Weiteren, wie schon gesagt, wollen wir Dienstleistungen und Support anbieten, und zwar für das Open-Source-Projekt, und nicht irgendwas Proprietäres von der Firma. Die Profite der Firma werden außerdem in die Weiterentwicklung von Hoodie investiert.

PHP Magazin: Wo wir gerade bei der Community sind: Seid ihr glücklich mit dem aktuellen Stand der Beteiligung von „außerhalb“?

Jan: Wir haben schon eine gute Handvoll an Menschen, die uns in allen möglichen Bereichen unterstützen – und wir sind darüber sehr glücklich. Mehr geht natürlich immer, aber es läuft schon ziemlich gut. Wir legen ja auch großen Wert darauf, auf die MithelferInnen persönlich einzugehen. Lena Reinhard hat dazu erst jetzt am Wochenende auch einen guten Vortrag gehalten: Open Source and the Mayas – Building a future for Open Source.

PHP Magazin: Mit HOOHoodie von Katrin Apel habt ihr vor kurzem ja auch den Sprung auf die iOS-Plattform geschafft. Was brennt euch sonst noch unter den Nägeln; sprich: wo liegen die versteckten oder offensichtlichsten Baustellen?

Jan: Hoodie for iOS ist ein persönlicher Favorit von mir; es ist aber noch ganz am Anfang, da können wir also noch gut Hilfe gebrauchen. Die nächsten großen Schritte sind eine Hosting-Plattform, mit der sowohl wir als auch andere recht einfach Hoodie-Anwendungen betreiben können, die Integration mit verschiedenen Payment-Anbietern, als erstes Stripe, damit man mit Hoodie auch schnell selbst Geld verdienen kann. Und dann schreiben wir schon fleißig an einer ausführlichen Dokumentation, damit alles, was wir bisher eingebaut haben, auch gut sichtbar wird.

PHP Magazin: Zu einem eurer erklärten Ziele gehört es, Hoodie auch Designern / Designerinnen mit Standard-Frontend-Skills zugänglich zu machen. Was ist dazu nötig? Ihr nehmt schließlich schon das komplette Backend-Gefrickel weg!

Jan: Na das ganze Frontend-Gefrickel muss auch noch weg 😀 – Allerdings sprengt das den Rahmen von Hoodie, und da gibt es mit jQuery UI, Angular und Ember ja auch gute Lösungen für alle Lebenslagen. Mit denen wollen wir aber auch zusammenarbeiten und machen das teilweise auch schon, um damit dann sehr einfache Web-basierte Rapid-Prototyping-Lösungen anzubieten. Unser Ziel dabei ist immer, jemanden zu erreichen, der oder die schöne Benutzeroberflächen im Web bauen kann, und sich nicht davor scheut, auch mal ein bisschen jQuery zu copy-und-pasten. Diesen Personen möchten wir es ermöglichen, auch ohne Backendkenntnisse oder Expertenhilfe eigene Apps zu bauen und sogar Geld damit zu verdienen. Dabei brauchen wir natürlich unheimlich viel Hilfe, und deswegen kooperieren wir ja auch mit Projekten wie Angular und Ember, damit wir mehr Leute von Hoodie begeistern können; und um Hoodie als neuen Weg für Webentwicklung zu etablieren.

PHP Magazin: … und die nächsten Ziele? Welche Features schlummern noch in der Schublade?

Jan: Wie oben schon angekündigt, Hosting, Payments, Dokumentation, iOS und dann noch Integration von delegierten Authentifizierungsanbietern (Twitter, Facebook, Github, OAuth usw.). Und dann endlich all das auf eine Ebene zu bringen, an die wir gerne eine „1.0“ kleben können.

PHP Magazin: Eine kleine Einschätzung noch zum Schluss: Wird der Offline-First-Markt noch stiefmütterlich behandelt, oder setzt sich das langsam aber sicher in den Köpfen der Entwickler und Entwicklerinnen fest?

Jan: Das Schöne ist: es kommt in den Köpfen der EntscheiderInnen an. EntwicklerInnen sind eigentlich schon gern dabei, aber werden oft nicht gefragt, solche Lösungen zu bauen. Seit wir mit offlinefirst.org online gegangen sind, hören wir fast täglich von Projekten, die das jetzt brauchen oder „einbauen“ müssen. Besonders der jetzt endlich dominante mobile Markt treibt das jetzt voran, und es freut uns sehr, dass wir in den letzten zwei Jahren an einer Software gearbeitet haben, die jetzt genau diese Probleme löst. Und unsere Benutzer freut das genau so.

PHP Magazin: Das klingt so, als hättet ihr euch viel Richtiges und Wichtiges vorgenommen. Wir wünschen euch viel Glück dabei. Beibt euren Prinzipien treu; es ist ein gutes Signal für das Web und Open-Source-Projekte.

Aufmacherbild: vintage microphone von Shutterstock / Urheberrecht: Aaron Amat

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