Guerilla-UX-Forschung
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Sowohl die eingeplante Zeit als auch die eingeplanten Mittel für UX-Forschung liegen häufig weit unter dem eigentlich erforderlichen Niveau. Das behauptet zumindest der UX-Designer Chris Myhill, und

Sowohl die eingeplante Zeit als auch die eingeplanten Mittel für UX-Forschung liegen häufig weit unter dem eigentlich erforderlichen Niveau. Das behauptet zumindest der UX-Designer Chris Myhill, und er macht auch einen Hauptverantwortlichen für diesen Umstand aus: die Stakeholder. Diese räumen ihm zufolge vom Markt zu immer weiteren Kostensenkungen getrieben der UX-Forschung des Öfteren nur  eine untergeordnete Rolle ein. Die daraus resultierenden mangelnden Ressourcen führen dazu, dass anstelle von Daten mit Annahmen und „best practice“ gearbeitet wird.

Doch bloße Annahmen sind kein guter Ratgeber; Kürzungen beim UX-Forschungs-Budget können potentiell zu einem wahren Usability-Desaster führen. Myhills Lösung für dieses Dilemma lautet „Guerilla Research“: Diese umfasst schnelle und eher unkonventionelle Methoden, die auch mit wenig bis keinem Budget durchführbar sind und trotzdem relevante Daten liefern.

Wie fängt man an?

Da UX-Forschung ausufern und Unmengen an Zeit fressen kann, muss zunächst genau abgesteckt werden, was man eigentlich herausfinden möchte. Im Falle einer Homepage ist es beispielsweise sinnvoll, Fragen wie „Wie navigieren User auf der Seite?“ oder „Wie leicht ist zu verstehen, worum es bei der Seite eigentlich geht?“ zu formulieren. Durch derartige Forschungsfragen wird der Forschungsprozess auf ein Ziel ausgerichtet und die Auswahl adäquater Tools und Methoden überhaupt erst möglich. Doch welche bieten sich eigentlich an, wenn Zeit und Geld knapp sind? Myhill empfiehlt die Folgenden:

Analytische Tools

Google Analytics ist kostenlos und leicht zugänglich und liefert umfassende User-Daten. So kann beispielsweise erhoben werden, wo die Interessen der User liegen und ob das Nutzerverhalten über Geräte hinweg konstant ist oder je nach verwendetem Gerät anders ausfällt. Auch der Einfluss geografischer oder demographischer Faktoren kann untersucht werden.

Heatmapping-Tools

Heatmapping Tools wie CrazyEgg oder ClickTale zeichnen auf, wie der User die Maus über den Bildschirm bewegt, was er anklickt, sowie ob und wie er scrollt. Sie zeigen somit recht deutlich, welche Informationen und Features einer Seite für interessant befunden und genutzt werden. Der Vorteil für Guerilla Research liegt auf der Hand: Auf teures Eye-Tracking kann verzichtet werden; die Ergebnisse der Untersuchungen sind in Präsentationen mit Stakeholdern leicht zu visualisieren.

Schlüsselwort- und Content-Analyse

Schlüsselwörter sind nicht nur bei der Suchmaschinenoptimierung relevant. Wenn man versteht, welche Präferenzen der User hat, kann man daraus wichtige Konsequenzen für die Struktur und Architektur der Webseite, aber auch die Benennung der Menüpunkte ziehen. Programme wie der AdWords Keyword Planner von Google können dabei eine wichtige Stütze sein.

Content Inventories sind besonders für die Optimierung der Seiteninternen Suchfunktion sowie für die Gestaltung der Landing Pages von Bedeutung. Sie händisch zu Erstellen ist aufwändig und zeitintensiv; bei vielen Projekten stellen sie deshalb eine eigenständige Phase in der Produktentwicklung dar. Durch Rückgriff auf Tools wie MOZ kann diese Phase teilweise automatisiert werden; zumindest die wichtigsten Informationen können so bei kleinstmöglichem Zeit- und Kosteneinsatz gewonnen werden.

Unbegleitete User-Tests

Begleitete Testszenarien sind aufwändig sowie Zeit- und Kostenintensiv. Moderne Technologien erlauben es jedoch, einen weniger formalen Weg einzuschlagen: Mithilfe überwiegend kostenfreier Audio- und Videoaufzeichnungsprogramme können Testpersonen bei Produkttests aufgenommen werden, ohne dass ein Testleiter anwesend sein muss. Die gewonnen Daten können somit zu jedem beliebigen Zeitpunkt ausgewertet werden. Durch erhöhte Geschwindigkeit beim Playback was praktisch jedes aktuelle Videotool ermöglicht  kann die Auswertungszeit zudem deutlich reduziert werden.

Zielgerichtete Feedback-Tools

Selbst für Produkttests ist in manchen Projekten einfach keine Zeit mehr übrig. Dienste wie Five Second Test oder Verify können genutzt werden, um zielgerichtet besonders kritische Elemente wie Landing Pages oder Calls to Action zu testen. So können zumindest eng umgrenzte Fragen wie „Mögen die User das Design und den Aufbau der Seite?“ oder „Fesselt die Seite die Aufmerksamkeit des Users?“ beantwortet werden.

Fazit: Besser als nichts!

Wie die vorangehenden Punkte zeigen, funktioniert Guerilla Research völlig anders als althergebrachte Methoden: Sie ist weniger umfangreich und weniger tiefschürfend. Gleichzeitig ist sie zwangsweise – pragmatisch und flexibel. Für viele Projekte, in denen im Zweifelsfall überhaupt keine UX-Forschung stattfinden würde, kann Guerilla Research deshalb eine gangbare Alternative sein, um die Produktivität deutlich zu erhöhen. Oder kurz gesagt: Jede Forschung ist besser als gar keine Forschung! Und wie es richtig geht, zeigt unser Interview mit Thomas Gläser, der sich fragt, wie man ohne UX-Design jemals eine sinnvolle App entwickeln soll.

Aufmacherbild: user experience – isolated text in vintage letterpress wood type printing blocks von Shutterstock / Urheberrecht: marekuliasz

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