Besonderheiten von Windows-8-Line-of-Business-Apps und Betrachtung des Business Cases für Entwickler

In the Line of Business?
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Mit Windows 8 hat sich einiges geändert, vor allem sind durch die Apps im LOB-Bereich neue Möglichkeiten entstanden, die für Unternehmen einen Mehrwert bringen können. Wir haben nicht lange gezögert und es einfach ausprobiert. Eines vorweg: Würden wir allein von Windows-8-Apps leben müssen, wären wir bereits verhungert. Unser Brot-und-Butter-Geschäft ist und bleibt WPF. Wie man sich als .NET-Entwickler und UI-Designer trotzdem seinen Teil vom Kuchen holen kann, zeigen wir hier auf.

Ehrlich gesagt: Wir finden Windows–8-Apps ziemlich lecker, haben auch reichlich Appetit und stecken deshalb viel Energie in Design und Entwicklung eigener Apps. „Verrückt!“, würde man meinen, aber die Investition lohnt sich trotzdem.

Windows 8 für .NET-ler

Für uns war Windows 8 Microsofts dringend notwendiger Schritt, um die Anforderungen aktueller mobiler Plattformen umzusetzen aber zugleich auch die logische Fortsetzung von Windows Vista und Windows 7. Als vorteilhaft empfinden wir, dass WPF-ler, wie wir es sind, ihr über die Jahre hinweg aufgebautes Know-how nicht nur weiterverwenden, sondern auch erweitern können. Auch die gewohnten und mittlerweile liebgewonnenen Tools sind geblieben und wurden in der aktuellen Version abermals erweitert und verbessert. Nach zwei Besuchen der BUILD (und dem dritten in Aussicht) waren wir begeistert, überzeugt und haben voller Enthusiasmus unsere ersten Apps gebaut.

Wie fällt aber Monate nach der Veröffentlichung von Windows 8 unser Fazit aus? Nun ja: gemischt. Sind wir mit unseren Windows-Store-Apps reich geworden? An Erfahrung und Spaß ganz sicher, monetär dagegen definitiv nicht. Wir können nun vielmehr die Erfahrung vieler anderer App-Entwickler teilen, dass eine an Consumer gerichtete App nur in ganz seltenen Fällen als Verkaufs-App zu finanziellem Erfolg führt – nämlich dann, wenn Nutzen und Mehrwert sehr hoch und das Konkurrenzangebot vergleichsweise gering ausfallen. Auch haben wir festgestellt, dass das oft hochgepriesene Ad SDK, das einen hohen Return-of-Investment erhoffen ließ, durch das im Internet übliche Werbefinanzierungsmodell im Zusammenhang mit Windows-8-Apps zumindest momentan für uns nicht taugt. Selbst bei hohen Downloadzahlen führt das Ganze zu Einkünften, die insgesamt noch nicht einmal die 10-Euro-Schallmauer durchbrechen. Das ist aktuell leider noch (!) so, weil die Plattform noch nicht weit genug verbreitet ist und noch in den Kinderschuhen steckt.

Das Geschäftsmodell

Warum machen wir nun also weiter? Ganz einfach: Weil wir in den „Line-of-Business-Apps“ das für uns passende Geschäftsmodell gefunden haben. Geschäfte kann man auf der Windows-Store-Plattform in unseren Augen besser mit und für Unternehmen machen. Uns liegt das sowieso mehr, da wir als UI-Designer und -Entwickler in der WPF-Welt ja primär Unternehmenssoftware entwickelt und keine Apps für die I- und A-Plattformen gebaut haben.

In the Line of Business

Als Line of Business kann man alles verstehen, was im unternehmerischen Zusammenhang zum Einsatz kommt – egal ob im Kleinunternehmen, Mittelstand oder global agierenden Konzern. Damit sind die Zielgruppen und potenziellen Kunden sehr vielschichtig – von Industrie über Medizintechnik, Automatisierung und Fertigung, Dienstleistung und E-Commerce bis hin zu Verwaltung und Organisation. Hier kann man von den unterschiedlichsten Anwendungsszenarien ausgehen, wie zum Beispiel Präsentationen, Prozess- und Maschinensteuerung, Projektabwicklung, Geschäftssteuerung, Informations- und Datenvisualisierung.

Line-of-Business-Apps sind also eher klassische Softwarelösungen als die typischen B2C-Apps. Folglich zahlt ein Unternehmen für die Erstellung einer Applikation, die es dann intern und extern nach Belieben nutzen kann. Man kann die neuen Windows-8-Apps im Line-of-Business-Umfeld daher auch als Erweiterung oder Mehrwert zu bestehenden Produktlinien verstehen. Das an klassische Consumer gerichtete Vertriebsmodell über den Windows Store greift beim Line-of-Business-Modell aber nicht ausschließlich. Im Gegenteil: Probate Vertriebsmodelle für Line-of-Business-Apps sind der Direktvertrieb, die Nutzung der Software bei inneren oder äußeren Unternehmensvorgängen anstelle von Vertrieb oder eine Kopplung an Devices und damit die Geräte als Vertriebskanal selbst.

Im Grunde belässt man es beim Vertrieb also beim Alten – so wie unter WPF – und setzt damit bekannte Erfolge fort. Neu hinzu kommt jedoch der Windows Store als nicht zu unterschätzender zusätzlicher Channel.

Windows 8 ist für uns auch deshalb so interessant, weil Windows das primäre Betriebssystem im Unternehmensumfeld ist und auch bleiben wird. Betrachtet man die Verteilung der Marktanteile, wird klar, warum man an Windows 8 gerade im Line-of-Business-Umfeld nicht vorbeikommen wird: Mit 92 Prozent Marktanteil im Desktopsegment liegt Microsoft unangefochten vorne. Im Segment der mobilen Betriebssysteme sieht die Sache mit aktuell lächerlichen 3 Prozent dagegen ganz anders aus. Wenn Microsoft seine Marktdominanz richtig nutzen möchte, geht es um die optimale Symbiose aus Desktop und Mobile. Dafür steht Windows 8. Wer also aus der WPF-Welt kommt, setzt als Entwickler mit Windows 8 in unseren Augen auf das richtige Pferd.

Windows-8-Apps für verschiedene Branchensegmente

Werfen wir einen Blick auf einzelne Branchensegmente, sieht man deutlich, dass sich das Konzept hinter Windows-Store-Apps, die Modern-UI-Paradigmen und auch technische Aspekte, wie oft gerne behauptet, wahllos übertragen lassen. Daher möchten wir hier drei Szenarien kurz vorstellen.

Windows-8-App im Industrie-Umfeld

Ein Segment, in das Windows 8 mit seiner Consumer-Ausrichtung auf den ersten Blick überhaupt nicht zu passen scheint, ist das der Industrie. In unseren Augen ein Irrtum, bietet Windows 8 doch extrem viele Möglichkeiten für einen sinnvollen Einsatz in diesem Sektor. Vieles, was Windows 8 ausmacht und als im Produktiveinsatz nicht nutzbar abgestempelt wird, ist bei genauerer Betrachtung für die Industrie und den Enterprise-Einsatz sogar besonders geeignet. So sind Touch-fähige, also durch Berührung zu bedienende Geräte, hier seit Jahrzehnten etablierter Standard und finden in vielen Bereichen Einsatz – von der Maschinensteuerung bis hin zur Betriebsdatenerfassung. In dieser Hinsicht bedeutet Windows 8 auch für die Industrie den Einsatz vollwertiger, nun auch mittels Touch bedienbarer PCs.

Zudem harmoniert das Modern UI mit dem von Embedded Devices her bekannten Designansatz. In der Industrie werden aus Platzgründen oft reduzierte eingebettete Systeme eingesetzt. Dank neuer, immer kleinerer Systeme wie Windows-8-Ultrabooks oder Windows-RT-Tablets sind diese keine funktionsreduzierten Kompromisslösungen mehr.

Ein weiteres Argument für den Einsatz von Windows 8 im Industriebereich ist die Lauffähigkeit ein und derselben Software auf unterschiedlichsten Geräten – durch eben ein und dasselbe Betriebssystem. Das erspart nicht nur Administrationsaufwände, sondern vor allem immense Softwarekosten, weil die Software nur noch einmal erstellt werden muss.

Wir haben das einmal durchgespielt und dabei alle besonderen Herausforderungen kennengelernt. Das Ergebnis ist eine Windows-8-App, über die eine reale Versuchsanlage, die an der TU Dresden steht, anzusteuern ist (Abb. 1).

Abb. 1: Messtechnik-App für die Industrie: IMACE (Industrial Measurement And Control Engine)

Aufmacherbild: Case on white background von Shutterstock / Urheberrecht: Blinka

[ header = In the Line of Business? – Teil 2 ]

Windows-8-App im Verlagsumfeld

Im Verlagsumfeld werden, um dem Massensterben der Printmedien entgegen zu wirken, derzeit einige Rettungsanker in Form von zahlreichen iPad- und Android-Apps geworfen. Windows-8-Apps sucht man leider meist vergebens. Vielen Entscheidern in Verlagen und in (App-)Agenturen entgeht dabei allerdings, dass Verlagsmitarbeiter ihre Arbeit nach wie vor oft an einem Computer mit Windows-Betriebssystem verrichten, und dass die Mehrzahl von ihnen während der Arbeit auch Nachrichten konsumieren, um ihren Wissensstand up-to-date zu halten. Welches Medium ist dafür also geeigneter als das, das man gerade nutzt? Über entsprechende Windows Store-Apps könnte man also reichlich Nachrichten lesen. Ja, richtig – Nachrichten werden immer noch gelesen. Und um sie zu publizieren, müssen große Mengen an Text verwertet und mit weiteren Medien angereichert werden – in gewisser Weise also „Rich Media“.

Für genau dieses Segment haben wir eine App mit allen damit verbundenen Herausforderungen gebaut. Das ist auf der UX-Seite die gute Aufarbeitung und ansprechende Präsentation. Auf der technischen Seite stellte die App Herausforderungen, wie etwa die Datenhaltung von Online- und Offline-Content in SQLight-Datenbanken, dar. Besonderheiten sind voll-durchsuchbare Inhalte des eigenen Zeitungsarchivs. Windows 8 bietet mit seinen Sharing Contracts außerdem interessante Möglichkeiten, die Nachrichten auf verschiedensten Kanälen mit anderen zu teilen – von Facebook über Twitter, Kommentierung und E-Mail bis zu Copy and Paste. Das Ergebnis ist eine Windows-8-App, die es dem Nutzer gestattet, seine persönliche Zeitung mit freiwählbaren Inhalten verschiedenster Kategorien selbst zusammenzustellen (Abb. 2).

Abb. 2: Zeitungs-App für das Verlagswesen: PeRSSonal News

Marketingtool für komplexe Softwareapplikationen

Eine interessante Option ist die Ergänzung einer größeren Unternehmenssoftware, die ja oft in WPF als Windows-Desktopsoftware erstellt wurde, durch eine Windows-8-App. Diese Windows-Store-App kann verschiedenste Aufgaben haben. So kann sie Marketingtool sein, das aufwändige Printkampagnen obsolet macht und oft überladene Websites ersetzt oder ergänzt. Auch kann eine Windows-8-App ein Handbuch ersetzen, weil man über sie erklärendes Material wie Videos, Tutorials oder durchsuchbares Textmaterial anbieten kann. Bei immer kürzer werdenden Softwarereleasezyklen ist dieses Medium der bessere, weil schnellere Weg, um Updates an den Markt zu bringen und diese dann adäquat zu erklären.

Besonders Gewitzte könnten nun meinen, dass man ja eine Software direkt als Windows-Store-App zur Verfügung stellen kann. Zwar sind Windows-Store-Apps auch Software, aber definitiv nicht geeignet, um eine Desktopsoftware zu ersetzen. Größere Unternehmenssoftware ist außerdem zumeist Bestandssoftware, deren Entstehung sehr viel Zeit und Geld gekostet hat. Daher ist einer der Wege zu besserer Bestandssoftware für Windows seit 2007 die Windows Presentation Foundation. Viele Unternehmen haben ihre Lösungen gerade erst frisch umgesetzt in WPF (oder planen erst noch diesen Schritt), sodass man nicht einfach alles wegwerfen wird. Da aber WPF und Windows-Store-Apps auf dem gleichen Technologie-Stack aufsetzen, kann man durchaus Gelerntes und Gemeinsames übertragen. Um diese Mischung zu propagieren, ist es unserer Meinung nach derzeit aber noch zu früh.

Ein optimaler Anfang ist vielmehr eine Windows-8-App als Tool für Marketing- und Informationszwecke. Für genau diesen Zweck haben wir jüngst eine Lösung gebaut, die genau diesen Gedanken aufgreift – in Form des Microsoft Dynamics CRM Infocenters – und auf einem von uns erstellten App-Framework basiert. Die Besonderheit liegt hier in der Verarbeitung der Contents, der in Form von Word-Dokumenten geliefert und durch einen Parser über einen HTML-Tunnel als XAML-Rich-Text-Elemente in eine SQLight-Datenbank eingetragen wurde. Eine weitere Besonderheit liegt in der Verarbeitung des Looks der Desktopsoftware als eigenständiges Theme, kombiniert mit diversen Templates, sodass sich das User-Interface-Design der zugrunde liegenden Desktopsoftware in der Windows-8-App widerspiegelt (Abb. 3).

Abb. 3: Microsoft Dynamice CRM Infocenter auf Basis unseres App-Frameworks

Leckerbissen für den .NET-Entwickler

Plant man plattformübergreifende Anwendungen für .NET, Store, Silverlight, Phone und Xbox, sollte man die Portable Class Libraries nicht unbeachtet lassen. Microsoft führte sie zusammen mit .NET 4.5, WinRT und VisualStudio 2012 ein. Sie lassen sich wie bekannte Klassenbibliotheken entwickeln. Einziger Unterschied ist, dass beim Erstellen durch das Auswählen von Zielplattformen ein Subset an gemeinsamen Funktionen und Framework-Bibliotheken zur Verfügung gestellt wird. So kann über die Plattformen hinweg eine Menge an Businesslogik wiederverwendet werden, ohne Hilfsmittel wie beispielsweise Compiler Switches nutzen zu müssen.

Der gemeinsame per Portable Class Libraries nutzbare Funktionsumfang des .NET Frameworks, der Windows-Store-Apps und Silverlight sind:

  • Core
  • LINQ
  • IQueryable
  • Dynamic KeywordManaged Extensiblity Framework (MEF)
  • Network Class Library (NCL)
  • Serialization
  • Windows Communication Foundation (MCF)
  • Model View ViewModel (MVVM)
  • Data Annotations
  • XLINQ
  • System.Numerics
Das Auge isst mit

Mit Windows-Store-Apps liefert Microsoft etwas mit, dass dem geneigten .NET-Entwickler schon lange bekannt ist: Ein vollwertiges und nahezu vollständiges Theme mit allen vorgestylten und vollfunktionalen Standard-Controls. Vergleichbares hatte der WPF- bzw. Silverlight- und Windows-Phone-7-Entwickler auch schon zur Verfügung – nur halt nicht im minimalistischen Kachellook, sondern im damals noch heiß geliebten Glance- und Glow-Look namens Aero-Style.

Platt gesagt, ändert sich demnach nur die Optik hin zu flach und einfach, aber nicht das Vorgehen oder die Struktur. Ein WPF-Entwickler bzw. WPF-Designer beherrscht das also schon. Dass ein anderer Look als der im Theme vorgegebene erstellt werden kann, darf und oftmals auch soll, ist für den erfahrenen WPF-Entwickler und -Designer längst bekannt. Unter Windows 8 funktioniert das schlussendlich genauso wie unter WPF. Der Weg geht auch jetzt wieder über das Erstellen von Styles und Templates in Blend für Visual Studio 2012 – ein Tool, das entgegen aller Unkenrufe keineswegs tot ist, sondern mehr denn je lebt, um Benutzeroberflächen in relevantem XAML Markup im WYSIWYG-Modus zu erstellen und zu bearbeiten (Abb. 4). Im Blend-Preview plus SketchFlow sind übrigens alle möglichen Output-Formate enthalten, von WPF über Windows Store und Silverlight bis hin zu Windows Phone.

Abb. 4: Screenshot von Blend für Visual Studio 2012 mit einem Styling-Beispiel

Fazit

Wir hoffen, dieser kurze Überblick hat Ihnen Appetit gemacht, der Tisch ist gedeckt, und wie Sie gesehen haben, finden Sie alles, was Sie brauchen, in ihrer vertrauten .NET-Entwicklerküche. Bleiben Sie für den Alltag bei der Hausmannskost Ihres Brot-und-Buttergeschäfts, aber testen Sie für Ihr Unternehmen oder einen Ihrer Kunden doch einfach ein paar leichte App-Rezepte.

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