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Internet of Things: underhyped aber nicht überschätzt
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Des Öfteren war bereits im Web die Meinung zu vernehmen, dass das Internet of Things maßlos überschätzt sei. Jetzt belegt eine Studie das genaue Gegenteil: Der Hype ums IoT ist nicht nur gerechtfertigt, es wird sogar „underhyped“.

Gerade wenn der Punkt erreicht ist, an dem sicher scheint, dass das IoT unmöglich seinem Hype gerecht werden kann, bescheinigt die Studie „The Internet of Things: Mapping the Value Beyond the Hype“ des McKinsey Global Institute dem Internet of Things für 2025 einen potentiellen Marktwert von mehr als elf Billionen Dollar jährlich. Treffen diese Zahlen ins Schwarze, wird deutlich, dass das IoT nicht über-, sondern unterschätzt wird.

McKinsey definiert das Internet of Things folgendermaßen:

We define the Internet of Things as sensors and actuators connected by networks to computing systems. These systems can monitor or manage the health and actions of connected objects and machines.

Dominic Basulto stellt dabei in einem Beitrag für die Washington Post sechs Gründe heraus, die dazu führen, dass das IoT „underhyped“ wird.

1. Nur ein Prozent aller Daten wird genutzt

In der Analyse von mehr als 150 IoT-Anwendungsmöglichkeiten wurde klar, dass kein Nutzen aus all den Daten gezogen wird, die Sensoren und RFID-Tags jeden Tag liefern. Laut der Studie wird sogar nur rund ein Prozent der gesamten Datenmenge genutzt, die durch das IoT entstehen. Und diese geringe Menge wird meist nur dazu gebraucht, um Anomalien aufzudecken oder Systeme zu kontrollieren. Die restlichen 99 Prozent liegen brach, könnten aber bestens für Prognosen und Optimierungen von Prozessen genutzt werden. So verfügt beispielsweise eine Bohrinsel über etwa 30.000 Sensoren, aber Ölkonzerne verwenden nur einen kleinen Teil der so gewonnenen Daten für zukünftige Entscheidungsfindungen.

2. Das „Big Picture“ geht verloren

Anstatt sich nur auf Industrie und vertikale Märkte zu konzentrieren, sollten Unternehmen auf die Bereiche schauen, in denen das IoT tatsächlich industriell oder geschäftlich eingesetzt wird: Zuhause und in der Logistik, im Handel und Büro, in Fabriken und am Arbeitsplatz, in Fahrzeugen und Städten sowie am Menschen selbst.
Von den angesprochenen elf Billionen Dollar Marktwert verteilen sich auf vier der genannten neun Settings jeweils mehr als eine Billion Dollar: Fabriken (3,7 Bil. $), Städte (1,7 Bil. $), Gesundheit (1,6 Bil. $) und Handel (1,2 Bil. $).

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Der Marktwert des IoT (zum Vergrößern klicken, © McKinsey Global Institute/Darby Films).

Zudem sei es von Vorteil, sich nicht auf ein Einsatzgebiet zu versteifen. Wirft man zum Beispiel einen Blick auf die Automobilbranche, sollten Unternehmen laut McKinsey die Vorteile des IoT in den Settings Fahrzeuge und Städte unter die Lupe nehmen. Im Bereich Fahrzeuge kann das IoT bei der Wartung des Autos helfen. Denkt man an Städte, so liegt eine Einsatzmöglichkeit beim Vermeiden von Verkehrsstörungen.

3. B2B-Potenzial wird nicht ausgeschöpft

Die weitverbreitete Vorstellung, dass das IoT nur aus Smart Homes und Wearables besteht, ist falsch. Die Chancen im B2B-Markt sind bis zu zweimal größer als die von B2C. Als Beispiel führt McKinsey hier wieder die Bohrinsel an: Dort gibt es Maschinen (z. B. den Bohrturm), bewegliche Ausrüstung (Trucks), Verbrauchsgüter (Ölfässer), Angestellte, Aufbereitungsanlagen und Transportsysteme. Kommunizierten alle diese Elemente untereinander, würde das die Bedingungen am Arbeitsplatz optimieren. So könnte beispielsweise der Bohrturm den Angestellten mitteilen, wenn etwas defekt ist, LKW kämen punktgenau zur Abholung der Ölfässer an, und alles könnte pünktlich und nach Plan geliefert werden.

4. Interoperabilität sollte die neue „Synergie“ werden

Etwa 40 Prozent des gesamten IoT-Marktwerts resultiert daraus, dass „physical devices“ untereinander oder via Computer kommunizieren – das bezeichnet McKinsey als Interoperabilität. Interoperabilität ist dabei als neue Form der Synergie zu verstehen – eine Möglichkeit, „to increase the whole without increasing the sum of the parts“. Ein Beispiel ist die Fähigkeit eines Fitness-Wearables, mit dem Krankenhaus oder der Krankenkasse zu kommunizieren – also den Institutionen, die die erfassten Daten professionell auswerten können. Aus deutscher Sicht klingeln hier natürlich sofort die Datenschutzalarmglocken, denn eine Weitergabe von privaten Patientendaten sollte nur im Rahmen von klar definierten Regularien erfolgen. Dennoch, prognostiziert McKinsey, könnte mehr Interoperabilität im Gesundheitswesen z. B. die Kosten für die Behandlung chronisch Kranker um bis 50 Prozent senken.

5. Die Bedeutung von IoT auf Schwellenländer wird unterschätzt

Auf Schwellenländer wird laut der Studie etwa 40 Prozent des wirtschaftlichen Gewinns auf dem IoT-Markt entfallen. Der Einzelhandel soll dabei die höchsten Gewinne erzielen. Teilweise werden laut McKinsey die Schwellenländer die IoT-Errungenschaften der Industrienationen sogar überholen, da diese sich nicht um die Umrüstung von Equipment oder der Infrastruktur kümmern müssen.

6. IoT wird Geschäftsmodelle verändern

Das Internet of Things wird laut der Studie nicht nur Prozesse effizienter machen und Kosten einsparen, sondern auch bestehende Geschäftsmodelle völlig verändern. Darüber hinaus werden auch neue Geschäftsmodelle entstehen, die Daten in Echtzeit überprüfen und auswerten. Zudem wird die Grenze zwischen Technologie- und Nicht-Technologieunternehmen verschwimmen. Als Beispiel führt McKinsey Hersteller von Industriegeräten an:

Instead of selling expensive capital goods, they will sell products-as-services. Instead of charging one lump sum upfront, they will charge by usage. In addition, there will be new companies that emerge that bill themselves as end-to-end Internet of Things system providers.

Die genannten sechs Positionen zeigen deutlich, wo im IoT noch Potenzial schlummert. Wird dieses ausgeschöpft, so wie McKinsey es voraussieht, wird unsere Welt im Jahr 2025 fast komplett vernetzt sein und Unternehmen mit dem IoT einen gewaltigen Umsatz machen. Doch ist das nicht auch ein etwas beängstigender Gedanke – die totale Vernetzung, quasi Orwells 1984 im Jahr 2025? Denn man sollte stets auch einen Blick auf die damit verbundenen Risiken werfen.

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Privacy will be dead?

In einer total vernetzten Welt ist es wahrscheinlich, dass intelligente Devices nicht nur mit Usern oder untereinander kommunizieren, sondern natürlich auch mit den Firmen, die sie entwickelt haben. So zeichnet beispielsweise das Thermostat von Nest Home den Tagesablauf des Nutzers auf und optimiert daran ausgerichtet die Temperatur. Zugleich spart es so Energiekosten ein und macht den Alltag ein Stückchen einfacher – der generelle Ansatz der meisten IoT-Unternehmen: unser Leben in allen Bereichen zu optimieren und komfortabler zu gestalten. Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, wie Vivek Wadhwa in einem Blogpost zu den vermeintlich negativen Auswirkungen des IoT schreibt:

In reality, companies such as Apple and Google want to learn all they can about us so that they can market more products and services to us — and sell our data to others.

Die Fähigkeit, alle diese Daten zu sammeln und zu nutzen wird einen tiefgreifenden Effekt auf die Wirtschaft haben. Das bestätigt nicht nur McKinsey, sondern auch die International Data Corporation (IDC), die ihrerseits dem IoT einen Marktwert von 1,7 Billionen Dollar im Jahr 2020 zuspricht – bei einer jährlichen Wachstumsrate von 16,9 Prozent. Das Internet of Things wird nicht mehr nur den User und sein Smartphone betreffen, sondern die gesamte Gesellschaft: Smart Cities, Connected Cars oder das vernetzte Gesundheitswesen sind auch bei IDC die üblichen Verdächtigen. Auch hier wird bemängelt, dass viele Firmen noch nicht wissen, wie sie effizient und sicher mit all den verfügbaren Daten umgehen sollen.

Big Brother 4.0

Dabei ist die größte Sorge stets der Verlust der Privatsphäre und der Datenschutz:

Cameras are already recording our every move in city streets, in office buildings, and in shopping malls. Our newly talkative devices will keep track of everything we do, and our cars will know everywhere we have been. Privacy will be dead, even within our homes.

Ferner lässt sich das Internet of Things derzeit (noch) relativ einfach für kriminelle Aktivitäten missbrauchen. Sich in private oder öffentliche Devices zu hacken, stellt „Profis“ vor keine all zu großen Schwierigkeiten. So warnt James Heppelmann, Vordenker im Bereich des IoT: „If somebody hacks into an automobile driving down the road, they can do some pretty serious damage pretty quickly.“

Zudem könne die Vernetzung der Geräte untereinander laut Wadhwa dazu führen, dass unser ganzer Tagesablauf fremdbestimmt wird. Man stelle sich eine Waage vor, die dem Kühlschrank mitteilt, dass dieser bitte nicht noch die zusätzliche Packung Eiscreme bestellen soll. Das ist zwar einerseits eine fantastische Vorstellung, aber gleichzeitig doch auch irgendwie erschreckend.

Auch Jeff Hagins, CTO bei SmartThings, hat auf der Celebrate 2014 einige interessante Gedanken zur Perspektive des IoT geteilt. Dabei war es ihm besonders wichtig, auf den Sicherheitsaspekt hinzuweisen: „We’re going to end up with a security model and framework that goes from top to bottom.”

Wollen wir es hoffen. Denn das Internet of Things bietet viele erstaunliche und faszinierende Möglichkeiten, die das Leben erleichtern und unsere ganze Gesellschaft verändern können. Doch der Sicherheitsaspekt darf dabei nicht vergessen werden.

Aufmacherbild: internet of things von Shutterstock / Urheberrecht: Bakhtiar Zein

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