Internet of Things in der Medizin auf der IotCon

IoT & Medizin: Intelligent vernetzt – und vermessen
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Es gibt kaum einen Bereich, in dem das Internet of Things derartig viel Potenzial besitzt wie in der Medizin. Das jedenfalls meint Sabine Hipp, User Experience Designerin bei der macio GmbH in Kiel.

Neben zahlreichen interessanten Praxisbeispielen war es Sabine Hipps Ziel, die Zuhörer ihrer Session „Intelligente Vernetzung in der Medizin“ auf der Internet of Things Conference zum Nachdenken zu bringen. Nachdenken und verstehen, welche Herausforderung aus dem Zusammenspiel von IoT und Medizin erwachsen. Denn die Vernetzung hat in der Medizin an vielen Stellen bereits begonnen. Jetzt geht es vor allem darum, die sich bietenden Chancen möglichst effizient zu nutzen.

Grundsätzlich muss bei medizinischer Vernetzung zwischen drei Kernbereichen unterschieden werden – akute Pflege im Krankenhaus, Langzeitpflege im stationären und häuslichen Bereich sowie in der proaktiven Gesundheit.

Akute Pflege

Die akute Pflege ist in der Regel zeitkritisch. Das gesamte Umfeld ist auf Abläufe optimiert, weniger auf das Personal und noch weniger auf den Patienten. Ein Ansatz aus der Praxis, der die teils extremen Zustände und Situationen für Personal zu erleichtern, ist der des Smart Hospital. Digitale Patientenakten, gerätegestützte Überwachung und Übertragung von Biodaten sowie die Überwachung von Verbrauchsmaterial sind nur einige der Punkte mit denen im Smart Hospital Abläufe optimiert und Kosten gespart werden. Prinzipiell gilt: Analog zur zunehmenden Digitalisierung unseres Alltags, findet auch im Krankenhaus eine zunehmende Vernetzung statt. Problematisch ist hierbei allerdings noch die Angleichung von Schnittstellen. Ein Problem, dessen Lösung derzeit noch daran scheitert, dass man die Hersteller nur schwer dazu bringt, auf einheitliche Schnittstellen zu setzen.

Langzeitpflege

Die dezentrale Versorgung ist eines der wichtigsten Merkmale der Langzeitpflege. Hier dreht es sich um kostenoptimierte Prozesse in einem meist privaten Patientenumfeld, die mit einer langen bis lebenslangen Belastung für den Patienten einhergehen.
Ein IoT-Ansatz, um die Situation für Pfegepersonal und Patienten zu verbessern, ist der einer künstlichen Bauchspeicheldrüse. Diese misst alle vier Minuten das Glukose-Level des Patienten und sorgt für eine kontinuierliche Medikamentation. Als Wearable kann die künstliche Bauchspeicheldrüse via Bluetooth LE Werte und Verlauf des Glukose-Levels an eine Smartphone-App kommunizieren. Neben der Überwachungsfunktion kann so auch das Verhalten des Patienten positiv beeinflusst werden, denn die App kann Rückmeldung geben, ob ein aktuelles Verhalten des Patienten potenziell negative Auswirkungen haben könnte.

Proaktive Gesundheit

Der Trend zur Selbstoptimierung, das sogenannte Self-Tracking ist derzeit in vieler Munde. Die eigenmotivierte Überwachung, die Faszination für den eignen Körper ist ein Bereich, der momentan immer populärer wird. Kaum ein Business-Analyst, der nicht von einem riesigen Zukunftsmarkt spricht und davon, dass das Nutzerverlangen nach solchen Lösungen immer größer wird.
Entsprechend vielfältig sind die Beispiele. Eins davon ist die Pulsmessung beim Sport, wie sie durch zahlreiche Produkte angeboten wird. Auch hier spielt die Vernetzung eine steigende Rolle. So können dank in In-Ear-Kopfhörer integrierte Pulsmessgeräte der eigene Kreislauf beim Workout überwacht und bewertet werden. Auch hier kommt Blutooth LE zum Einsatz und liefert einer Smartphone-App entsprechende Daten.

Datenschutz

Während in der akuten und in der Langzeitpflege insbesondere hierzulande dem Datenschutz eine sehr große Bedeutung zukommt, gehen viele Nutzer mit den aus Wearable-Devices stammenden Daten unbefangener und teils unbedachter um. Ein Aspekt, dem wir alle mehr Beachtung schenken müssen.

Was bringt die Zukunft?

Zum Abschluss präsentierte Sabine Hipp noch drei interessante Forschungsprojekte, die symbolisch für die steigende Vernetzung in der Medizin stehen.

1. Augmented Reality für Operationen

Im Rahmen des Forschungsprojekts der Washington University School of Medicine wird Patienten ein spezielles Kontrastmittel verabreicht, das sich in Krebszellen sammelt. Mithilfe einer speziellen Kamera werden so winzige Tumore sichtbar, da die Tumorzellen Blau leuchten. Der Chirurg kann so präziser arbeiten, etwaige Folgeoperationen werden vermieden.

2. Organe im 3D-Druck

Diese Verfahren ermöglicht den 3D-Druck von jedem Gewebe aus Stammzellen. Dadurch wird die Abstoßung des Organs vermieden – eine Revolution der Organtransplantation! Die erste 3D-gedruckte menschliche Harnblase wurde bereits 2006 implantiert.

3. Cyborgs

Neil Harbisson, von Geburt an farbenblind, ließ sich bereits 2004 den sogenannten Eyeborg anfertigen. Ein Device, das Farben in Schallwellen umwandelt. Der Hintergedanke: Mit Farben werden Emotionen verbunden, der Eyeborg macht das für ihn auch möglich. Als erster Mensch gelang es ihm in der Folge, von der britischen Regierung als Cyborg anerkannt zu werden.

Technische Optimierung des eigenen Körpers ist also keine Neuheit. Wir haben alle unseren Körper in diesem Sinn schon verbessert, sind Brillenträger oder haben Zahnimplantate. Doch hinter den immer neuen Möglichkeiten der Optimierung lauern in Zukunft gesellschaftliche Probleme: Aufgrund finanzieller Mittel können manche Menschen sich mehr und/oder besser optimieren als andere; die Kluft zwischen arm und reich und erfolgreich und nicht-erfolgreich wird so größer.

Die Chancen

Schon heute gibt es sehr viele Beispiele für Technologien, die Menschen nicht nur einfach optimieren, sondern Menschen ein „normales“ Leben ermöglichen; Sabin Hipp plädiert jedoch dafür, dass man nicht nur Kosten optimiert, sondern immer mit Blick auf den Nutzer optimiert. „Ein solche Vorgehensweise bringt meist auch eine Optimierung der Kosten mit sich,“ erklärt die User Interface Designerin. „Eine steigende Verwendung von IoT-Technologien im medizinischen Bereich wird auch unsere allgemeine Lebensqualität erhöhen.“

Aufmacherbild: Medicine doctor hand working with modern computer interface Foto via Shutterstock / Urheberrecht: everything possible

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