Contactless Payment - Trend oder Nische?

Kontaktloses Bezahlen in Deutschland
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Keine Münzen und keine Scheine mehr – Befürworter des kontaktlosen Bezahlens sehen in im sogenannten Contactless Payment die Zukunft. Doch gleichzeitig fürchten Kritiker, dass beim Bezahlen ohne Bargeld sensible Daten ausgespäht werden könnten. Die drei großen Player Apple, Android und Samsung erobern mit ihren Lösungen den Weltmarkt – doch wie sieht die Situation in Deutschland aus? Welche Technologien werden bevorzugt eingesetzt und welche Anbieter beschäftigen sich bereits mit kontaktlosem Bezahlen?

Seit Jahren wird das kontaktlose Bezahlen per Karte oder Mobiltelefon als einer der kommenden Game Changer gefeiert – im Alltag ist davon allerdings noch wenig zu spüren. Ein großes Problem ist die mangelnde Anzahl an Akzeptanzstellen: Von den rund 500.000 Kassensystemen in Deutschland sind weniger als zehn Prozent mit NFC-Technologie ausgestattet. Dennoch schießen immer mehr Anbieter aus dem Boden, die sich in Funktion, Nutzerfreundlichkeit und Datensicherheit unterscheiden.

Die Technik hinter kontaktlosem Zahlen

Kontaktloses Bezahlen funktioniert mit speziellen EC- oder Kreditkarten und Smartphones. Die EC- und Kreditkarten müssen dafür mit Mikrochips ausgestattet sein, die die Zahlungsdaten speichern und an die Lesegeräte der Kassen übermitteln. Auch Smartphones benötigen spezielle SIM-Karten, die die Nahfeldkommunikation (Near Field Communication oder NFC) unterstützen. NFC ist ein internationaler Übertragungsstandard zum kontaktlosen Austausch von Daten per Funktechnik über kurze Strecken von wenigen Zentimetern. Die Datenübertragungsrate beträgt maximal 424 kBit/s. NFC wird vor allem zur kryptografisch gesicherten Kommunikation zwischen Geräten eingesetzt.

Beim kontaktlosen Zahlen wird das NFC-fähige Smartphone oder die Bank-/Kreditkarte mit NFC-Logo an das Lesegerät gehalten. Ebenfalls möglich, aber seltener sind Bezahlsticker auf Smartphones, in die NFC-Chips integriert sind. Zahlmittel und Terminal kommunizieren mittels NFC miteinander. Wird per Smartphone gezahlt, werden die Kreditkartendaten auf die SIM-Karte geladen und dort in einem speziell gesicherten Bereich gespeichert. Karten zum kontaktlosen Bezahlen müssen teils mit Guthaben aufgeladen werden, teils werden Zahlungen von Konten abgebucht.

Wie sicher ist kontaktloses Bezahlen?

Im Unterschied zu einer normalen Kartentransaktion entfallen bei der kontaktlosen Zahlung bis zu einem bestimmten Höchstwert (je nach Anbieter zwischen 20 bis 25 Euro) die Unterschrift, eine Quittung sowie die PIN-Eingabe. Nur gelegentlich – bei Überschreiten der maximal zulässigen Anzahl an Zahlungen – wechselt das Kartenterminal vom Offline- in den Online-Modus, überprüft das vorhandene Limit und fordert eine PIN-Eingabe oder erwartet die Unterschrift. Hiermit lassen sich mögliche Missbrauchsschäden effektiv begrenzen. Bei Beträgen über 25 Euro ist generell weiterhin eine PIN-Eingabe oder eine Unterschrift erforderlich. Bei Transaktionen werden lediglich die Kreditkartennummer, das Fälligkeitsdatum und eine gegebenenfalls hinterlegte Kundennummer (z. B. Miles & More Servicekartennummer) von der Karte an das Terminal übertragen.

Versehentliche Zahlungen im Vorübergehen sind durch die sehr kurze Reichweite von NFC praktisch ausgeschlossen. Auch eine Doppelabbuchung ist ausgeschlossen, wenn z. B. kurz hintereinander die gleiche Karte an das Terminal gehalten wird oder das Terminal mehr als eine Karte mit NFC erkennt. Prinzipiell können aber auch Daten von Kredit- oder EC-Karten ausgelesen werden: Schließt man NFC-Lesegeräte an einen Laptop an, lassen sich diese zum Beispiel in einem Rucksack verstecken, sodass bereits das enge Beieinanderstehen in Bus oder U-Bahn für die Kontaktaufnahme zwischen Lesegerät und Karte des Nebenstehenden genügt. So können Kreditkartennummer und Ablaufdatum ausgelesen werden. Allerdings lässt sich durch ein paar Münzen im Geldbeutel oder spezielle Kartenschutzhüllen das Signal abschirmen.

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Player auf dem Markt

Denkt man an kontaktloses Bezahlen, kommen einem wahrscheinlich zuerst Samsung Pay, Android Pay und Apple Pay in den Sinn. Alle drei Technologien basieren auf NFC und einem entsprechend ausgestatteten Smartphone. Allerdings sind diese Contactless-Payment-Methoden in Deutschland noch nicht verfügbar – frühestens Ende 2015 wollen die drei Anbieter das kontaktlose und mobile Bezahlen einführen.

Dennoch ist die Situation hierzulande nicht völlig desolat.Das kontaktlose Bezahlen ist mittlerweile immerhin an rund 50.00 Terminals möglich. Das schätzt jedenfalls der Handelsverband Deutschland (HDE). Im April 2015 haben Netzanbieter und Händler in Berlin die Initiative „NFC City Berlin“ ins Leben gerufen: In Filialen von Rewe, Kaufhof, Obi, Real, Penny und Kaisers wurden 2.000 NFC-Terminals installiert. Auch in allen 2.400 Filialen von Aldi Nord kann seit Juni 2015 kontaktlos per Smartphone oder Maestro- und V-Pay-Kreditkarte (Visa) bezahlt werden. Karstadt hat vor kurzem nachgezogen und das kontaktlose Bezahlen in all seinen Niederlassungen ermöglicht.

Bei Sparkassen und Banken ist kontaktloses Bezahlen schon länger möglich: Die Sparkasse bietet die kostenlose Funktion „girogo“ an, die automatisch in allen neuen EC-Karten integriert ist. Vor dem Bezahlen müssen Kunden ein Guthaben auf die SparkassenCard laden und können dann Beträge bis 20 Euro kontaktlos zahlen. Auch einige Volksbanken im Raum Hannover, Wolfsburg und Braunschweig machen mit. Ende 2013 waren in Deutschland bereits über 25 Millionen mit NFC-Chips ausgestattete Bank- oder Kreditkarten im Umlauf.

Außerdem haben bereits 2,7 Millionen Visa-Karten und 1,4 Millionen Mastercards in Deutschland einen Chip zum kontaktlosen Bezahlen. Andere Kreditkartenanbieter wie American Express bieten auch das bargeldlose Zahlen an. Vor allem Mastercard versucht eine schnellere Verbreitung kontaktloser Bezahlsysteme in Deutschland zu forcieren: Alle neu aufgestellten Kassenterminals, die Mastercard-Zahlungen akzeptieren, sollen auch kontaktloses Bezahlen möglich machen; alte Terminals werden ausgetauscht oder aktualisiert. So sollen ab spätestens 2018 alle Terminals für die kontaktlose NFC-Technologie bereit sein.

Die großen Mobilfunkanbieter Deutsche Telekom, Telefónica mit O2 und E-Plus sowie Vodafone bieten sogenannte Wallet-Apps an: Nutzer können sie auf ihr Smartphone laden und dann darüber bezahlen. Auch iZettle, Europas Mobile-Payment-Marktführer, hat sein nächstes Payment-Produkt in Deutschland gelauncht: den Kartenleser Pro Contactless, der sowohl Chip- und PIN- als auch kontaktloses Zahlen ermöglicht und dabei Apple und Android Pay unterstützt.

Status quo und Zukunft des kontaktlosen Bezahlens

Laut einer Studie von Gartner sollen per Mobile Payment getätigte Transaktionen bis 2017 rund 720 Billionen Dollar betragen. 2014 lag die Summe noch bei 235 Billionen Dollar. Auch in Deutschland soll sich die Situation in den nächsten Jahren weiter verbessern: Laut einer Studie von GS1 Germany haben 88 Prozent der deutschen Händler mobiles Bezahlen auf der Agenda, bei den Herstellern sind es dagegen nur 63 Prozent. 56 Prozent der Händler gehen davon aus, dass all ihre Terminals bis 2017 mit NFC ausgestattet sind.

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© Copyright Visa Europe 2010.

Für viele Nutzer bleibt mobiles Bezahlen allerdings ein Risikofaktor: 80 Prozent von 500 befragten deutschen Smartphone-Nutzern haben Sicherheitsbedenken – vor allem beim Verlust ihres Handys. Kaum einer bezahlt mobil, immerhin 30 Prozent können sich den Einsatz von Mobile Payment aber vorstellen. Außerdem sollten die Mobile-Payment-Lösungen einfacher gestaltet und den Smartphone-Nutzern einfacher zugänglich gemacht werden. Die derzeitige Landschaft von verschiedenen Anbietern ist für die Konsumenten unübersichtlich, und so ist es oft umständlich, an die benötigten Informationen zu gelangen. Des Weiteren mangelt es weiterhin an einer flächendeckenden Verbreitung von Akzeptanzstellen, da zahlreiche Payment-Lösungen nur für bestimmte Geschäfte angeboten werden. Das schafft Unsicherheit auf Seiten der Nutzer und steht einer flächendeckenden Verbreitung im Weg.

Dennoch soll bis 2020 fast jeder zweite Kaufvorgang im deutschen Handel kontaktlos über Funkchips laufen, prognostiziert eine Studie des Center for Payment Studies der Steinbeis Hochschule Berlin.

Kontaktloses Bezahlen: Ein Fazit

Die Vorteile von kontaktlosem Bezahlen mit Smartphone & Co. liegen auf der Hand: Es ist komfortabel, denkbar einfach und praktisch. Zudem funktionieren Zahlungen via Smartphone – wenn sie denn funktionieren – um einiges schneller als das Zahlen mit Bargeld, Kredit- oder Girokarte. Die Bezahlvorgänge an den Kassen verkürzen sich durch kontaktloses Zahlen auf durchschnittlich 300 bis 600 Millisekunden pro Transaktion. Die Schnelligkeit einer Transaktion resultiert in erster Linie daraus, dass die Frage, wie eine Plastikkarte ins Lesegerät gesteckt werden muss, entfällt. Händler profitieren davon, dass weniger Bargeldzahlungen erfolgen – denn Bargeld muss aufwändig geprüft, gezählt und transportiert werden.

Außerdem sind kontaktlose Zahlungen genauso sicher oder unsicher wie Zahlungen, bei denen die Karte in ein Terminal gesteckt wird. Cyberkriminelle sollen laut Pressesprecher von Visa Europe und Mastercard sowieso nichts mit eventuell erbeuteten Daten anfangen können, da sich so weder eine funktionierende Kopie der Kreditkarte erstellen noch mit den Daten einkaufen lasse – denn die dreistellige Kartenprüfnummer fehle dazu. Bei einem doch stattfindenden Missbrauch übernehmen die kartenausgebenden Banken die Schäden – für Händler und Kunden besteht folglich kein Risiko.

Der von Mastercard angekündigte NFC-Zwang dürfte die Entwicklungen in Deutschland beschleunigen. Sind die NFC-Terminals einmal installiert, wären die Kassen auch für andere Kartenanbieter und Mobile-Payment-Systeme offen. Wer es schafft, sich an diesem Geschäft zu beteiligen, gewinnt sowohl an Geld als auch an sensiblen Daten und exorbitanter Marktrelevanz. Doch zunächst sind wichtige Punkte zu regeln: Händler, Gerätehersteller, Mobilfunkfirmen und Banken müssen sich auf einen verbindlichen Standard einigen. Denn es geht darum, wer welche Daten übermittelt, wo abgerechnet wird und wer die entstehenden Kosten trägt.

Aufmacherbild: Wireless business payment flat icon set von Shutterstock / Urheberrecht: Iconic Bestiary

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