Interview mit Matthias Hönisch vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken

„Der Weg zum Mobile Payment ist nicht mehr weit“
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Die Vorteile von kontaktlosem Bezahlen liegen auf der Hand: Es ist komfortabel, denkbar einfach und praktisch. Keine Münzen und keine Scheine mehr – Befürworter des kontaktlosen Bezahlens sehen im Contactless Payment die Zukunft. Seit Jahren wird das kontaktlose Bezahlen per Karte oder Mobiltelefon als einer der kommenden Game Changer gefeiert – im deutschen Alltag ist davon allerdings noch wenig zu spüren – oder?

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben nun im Oktober gemeinsam mit EDEKA-Hessenring ein Pilotprojekt zum kontaktlosen Bezahlen mit 130.000 Verbrauchern und 48 teilnehmenden Märkten gestartet. Für das Jahr 2016 plant die genossenschaftliche FinanzGruppe, bis zu zwei Millionen weitere VR-BankCards mit der NFC-Technologie an ihre Kunden auszugeben. Ab 2017 sollen alle insgesamt 26 Millionen VR-BankCards schrittweise mit der girocard-Kontaktlosfunktion ausgestattet werden.

Wir haben deswegen mit Matthias Hönisch, Gruppenleiter Kartengeschäft in der Abteilung Zahlungsverkehr beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), über das Konzept Kontaktloses Bezahlen gesprochen.

Kontaktloses Bezahlen

entwickler.de: Sie haben am 13. Oktober 2015 gemeinsam mit EDEKA-Hessenring ein Pilotprojekt zum kontaktlosen Bezahlen mit der girocard gestartet. Wie kam es ausgerechnet zu der Partnerschaft mit EDEKA?

Hönisch: EDEKA ist einer der führenden Handelsmarken im Lebensmittelsegment und in diesem Bereich der größte Verbund im deutschen Einzelhandel. Darüber hinaus hat EDEKA, wie die Volksbanken und Raiffeisenbanken, eine genossenschaftliche Struktur und passt deshalb hervorragend als Partner für die genossenschaftliche FinanzGruppe.

entwickler.de: Die Pilotbanken haben im Vorfeld ihre 130.000 Kunden mit den neuen VR-BankCards ausgestattet. Wie wurden die Kunden dieser Institute über die neuen Bezahlmöglichkeiten informiert?

Hönisch: Die Kasseler Bank, die Raiffeisenbank Baunatal und die Volksbank Göttingen haben als kartenausgebende Institute ihre Kunden im Rahmen der Kartenausstattung umfangreich über die neue Funktion auf ihrer Karte informiert. Darüber hinaus reicherten diese drei Pilotbanken ihre Internetseiten und ihre Seiten im Online-Banking mit allen wichtigen, notwendigen und hilfreichen Informationen an, so dass ihre Kunden jederzeit die Details der neuen Bezahlmöglichkeit nachlesen können. Darüber hinaus wurde das Personal der Banken natürlich umfangreich geschult, so dass Informationen auch in der Filiale weitergegeben werden können.

entwickler.de: Gibt es schon erstes Feedback von Kunden – auch wenn das Projekt noch nicht gestartet ist? Beispielsweise in Form von interessierten Rückfragen?

Hönisch: Es fanden auch ohne große Werbekampagnen Transaktionen von der ersten Sekunde an statt. Einzelne Händler berichten uns, dass Kunden aktiv nach kontaktlosem Bezahlen gefragt haben, was uns zeigt, dass die bankseitigen Kundeninformationen angenommen wurden und die Kunden interessiert an der NFC-Technologie sind.

entwickler.de: Wie kann man noch mehr Händler zur Nutzung von NFC-Terminals bewegen?

Hönisch: Große Händler und Filialisten sind ja bereits grundsätzlich von der Technologie überzeugt und warten zum Teil nur auf ihre technischen Dienstleister, um ihre Bezahlterminals auch für die girocard kontaktlos freizuschalten. Aber auch viele kleinere Händler sehen mittlerweile die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens mit der girocard, beispielsweise die Kostenoptimierung oder Vermeidung von Kassendifferenzen. Hinzu kommen die Schnelligkeit und die Bequemlichkeit für den Kunden beim kontaktlosen Bezahlen als weitere Argumente für den Handel.

entwickler.de: Wie sicher ist das Bezahlen per NFC-Technologie?

Hönisch: Das kontaktlose Bezahlen mit der girocard unterliegt den gleichen strengen Sicherheitsrichtlinien, wie das etablierte kontaktbehaftete Bezahlen mit der girocard. Darüber hinaus wurden in den Prozess des kontaktlosen Bezahlens mit der girocard mehrere zusätzliche Sicherheitsinstrumente eingebaut, die die Besonderheiten dieser Zahlart berücksichtigen. So kann dieselbe Transaktion zum Beispiel nur einmal durchgeführt werden, für die Kommunikation mit der Karte ist eine störungsfreie Verbindung im Abstand von etwa 3 cm nötig. Die Haftung für Transaktionen im Falle von Verlust oder Diebstahl trägt der Kartenemittent und nicht der Karteninhaber.

entwickler.de: Bei Beträgen über 25 Euro ist generell weiterhin eine PIN-Eingabe notwendig. Ist der Betrag eine „flexible Einstiegshöhe“ bzw. warum wurden ausgerechnet 25 EUR definiert?

Hönisch: Dieser Betrag ist international etabliert. Außerdem liegt laut EHI Retail Institute der durchschnittliche Einkaufsbetrag über alle Zahlarten bei 21,- Euro, der der Barzahlungen sogar nur bei 15,54 Euro. Das heißt, dort, wo es auf Geschwindigkeit ankommt, und das ist nicht der Großeinkauf, sondern eher der kleine Einkauf zwischendurch, kann das kontaktlose Bezahlen mit der girocard seine volle Geschwindigkeit ausspielen.

entwickler.de: Der Trend geht heutzutage definitiv in Richtung Mobile Payment. Wann wird kontaktloses Bezahlen Ihrer Meinung nach zum Game Changer?

Hönisch: Die kontaktlose Bezahlkarte ist sicherlich der erste Schritt in Richtung Mobile Payment. Aber noch ist man in Deutschland von einer flächendeckenden Verbreitung NFC-fähiger Smartphones entfernt. Die girocard hingegen besitzen aktuell 97 Prozent aller Bundesbürger. Schon das kontaktlose Bezahlen mit der Bankkarte wird das Nutzerverhalten beim Bezahlen verändern. Nach einer aktuellen Studie des Fraunhofer Instituts wollen die Kunden eher mit der Karte als mit dem Smartphone kontaktlos zahlen. Wenn jetzt noch ein anderes Medium von Beginn an erforderlich wäre, würde das eine zu große Umstellung täglicher Gewohnheiten darstellen. Mit NFC zunächst auf der beliebten Bankkarte erleichtern wir auch den Verbrauchern die Anwendung des neuen Verfahrens. Der Weg zum Mobile Payment ist damit nicht mehr weit.

entwickler.de: Die EC-Karte ist eine deutsche Insellösung. In vielen anderen Ländern gibt es stattdessen Kreditkarten mit Debit-Funktion, die schon lange kontaktloses Zahlen unterstützen. Wann denken Sie, werden EC-Karten ausgemustert?

Hönisch: Das girocard-System (umgangssprachlich ec-Karte) ist europaweit etabliert und sowohl beim Konsumenten als auch im Handel anerkannt, es ist zuverlässig und die Kosten sind attraktiv für die Akzeptanzstellen. Es gibt gar keinen Grund, das sehr kosteneffiziente girocard-System, das Händlern, Banken und ihren Kunden zugutekommt, durch ein kostenintensives System zu ersetzen.

entwickler.de: Welche weiteren Anstrengungen planen Sie, um die Entwicklung im Contactless-Payment-Bereich voranzutreiben?

Hönisch: Der Auftakt mit der girocard kontaktlos in Kassel, Baunatal und Göttingen ist nur der Anfang einer langfristigen Kartenstrategie der Volksbanken und Raiffeisenbanken.

2016 werden wir bis zu zwei Millionen girocards NFC-fähig machen und auch die Akzeptanzregionen erweitern. Ab 2017 steht die Technologie dann allen genossenschaftlichen Banken als Standard für die Ausstattung ihrer Karten zur Verfügung. Auch die Gold-Kreditkarten der Volksbanken und Raiffeisenbanken werden jetzt mit der Kontaktlos-Technologie ausgestattet.

entwickler.de: Wo ordnen Sie sich als Volksbank im Vergleich zu den großen Playern ein? Welche Chancen rechnen Sie sich gegen Apple Pay, Android Pay oder Samsung Pay aus (sollten diese hier demnächst verfügbar sein)?

Hönisch: Die Verhältnisse sind genau umgekehrt. Es gibt über 100 Millionen girocard-Karten in Deutschland. Darüber hinaus gibt es über 750.000 Bezahlterminals, an denen man mit der girocard bezahlen kann. Von dieser Marktpenetration sind die anderen Zahlsysteme, die Sie hier erwähnen, ganz weit entfernt. Zudem ist die Frage nach dem Business Case aus Handels- und Banksicht zumindest einmal zu stellen: Der Marktpreis für eine Debitkartenzahlung liegt bei ca. 0,2 Prozent vom Umsatz. Apple Pay ist (nur) in den Ländern erfolgreich, in denen der Marktpreis ein Vielfaches von 0,2 Prozent ist. Dennoch stehen wir auch diesen Anbietern offen gegenüber und hatten bereits 2013 mit der Dortmunder Volksbank einen Piloten zum Bezahlen mit dem NFC-Smartphone durchgeführt. Zudem befassen wir uns auch innerhalb der Deutschen Kreditwirtschaft schon lange mit dem Thema Mobile Payment.

 Matthias Hönisch

Matthias Hönisch ist seit 1986 im Bankwesen aktiv. Nach Abschluss des Studiums an der Technischen Universität Berlin war er zunächst als Organisator bei Privatbanken und Genossenschaftsbanken, dann als Zahlungsverkehrsreferent für den Deutschen Sparkassen- und Giroverband beziehungsweise in der Deutschen Kreditwirtschaft aktiv. Nach diversen E-Payment-Projekten im klassischen Bankenumfeld war er dann bei PayPal International verantwortlich für den Zahlungsverkehr (Zentral-Europa) und das Kartengeschäft (eBay-Kreditkarte). Aktuell ist er Head of Cards beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), dem Spitzenverband der genossenschaftlichen FinanzGruppe und ist in der Deutschen Kreditwirtschaft für das Thema girocard mitverantwortlich. Zudem vertritt er die Deutsche Kreditwirtschaft in der Cards Working Group beim EPC (European Payments Council).

ML Conference 2019

Deep learning advances for signal processing

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Towards meaningful AI

with Imola Fodor (Electrolux)

Aufmacherbild: Notebook with processing of mobile payments from credit card von Shutterstock / Urheberrecht: frescomovie

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[…] nicht möglich sei oder man sich damit nicht auskenne. Vereinzelt gibt es zwar Initiativen wie ein Pilotprojekt zum kontaktlosen Bezahlen von Volksbanken und Raiffeisenbanken gemeinsam mit EDEKA-Hess…, doch noch sieht es in Deutschland eher mau aus. Nur langsam findet die Infrastruktur für mobile […]

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[…] stehen viele Deutsche dieser Art des Bezahlens kritisch gegenüber. So nutzen rund zwei Drittel das Mobile Payment nicht und planen das auch nicht in Zukunft. Bei Frauen zeichnet sich eine stärkere Ablehnung als […]

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