Start frei für die Stadt von übermorgen?

Smart Cities: Enorme Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen Stadt
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Das Thema Smart City hat in den vergangenen Jahren viele Kommunen beschäftigt. Smarte Lösungen gelten im Zeitalter der Digitalisierung als überlebenswichtig für die schnell wachsenden Städte. Dabei bedeutet Smart City nicht nur einen Wandel hin zu einer vernetzten Stadt, sondern auch ein neues Konzept für das Wohnen, Arbeiten und Leben in den Städten. Doch noch sind viele Fragen von der Umsetzung bis hin zur Nachhaltigkeit nicht ausreichend beantwortet.

Dreckig, laut und unsicher war gestern. Die neuen Städte werden – wenn es nach den Planern der Zukunftsstädte geht – sauber, nachhaltig und sehr sicher sein. Vor allem werden die neuen Städte hoch vernetzt sein. Als Smart Cities stecken die intelligenten Städte der Zukunft voller Kameras und Sensoren. Erste Prototypen dieser mitdenkenden Städte, oder vielmehr Stadtviertel, sind besonders in den reichen Golfstaaten und in Südostasien zu besichtigen. Was beim Smart Home der Kühlschrank, ist bei der Smart City die mit Sensoren vernetzte Straßenlaterne. Sie integriert in ihrem Lichtmast Wi-Fi, eine Ladestation für Elektrofahrzeuge, ein Kameraauge für die Sicherheit und misst mit angebrachten Sensoren die Luftqualität, das Wetter, den Verkehrsfluss und freie Parkplätze. Nicht zuletzt kann die intelligente Straßenlaterne automatisch und stromsparend ihr Licht dimmen, wenn sich niemand auf der Straße bewegt.

Die smarte City als stromfressende Datenkrake

Neben der intelligenten Straßenlaterne gibt es in der Smart City auch noch intelligente Mülleimer, die per Füllstandsensor automatisch ein Signal geben, wenn sie geleert werden müssen, und danke sagen, wenn ein Fußgänger mal wieder etwas eingeworfen hat. Die intelligente Stadt kennt mit ihren digitalen Spielereien keinerlei Grenzen. Die Grenzen liegen woanders – und zwar bei der Finanzierung. Viele Städte sind hochverschuldet und froh, wenn sie ihre Schulen und Kindergärten einigermaßen instandhalten können. Das Thema „digitale Stadt“ rutscht dann – trotz des guten Willens der Stadtväter – oftmals ans Ende der Planungsagenda. Dabei könnte eine intelligente Stadt zur Lösung vieler Probleme beitragen: Mit digitalen Verkehrsleitsystemen, smarten Stromnetzen und einem intelligenten Wassermanagement werden nachhaltig die Umweltressourcen geschont. Ein Schlüssel, um das Klimaproblem zu lösen, liegt maßgeblich in den Städten. Während heute etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, werden es 2050 etwa 68 Prozent sein.

Die ausufernden Städte sind ein ungebremster Energiegroßverbraucher – Tendenz steigend. Hier setzen bahnbrechende Konzepte in der vernetzen Stadt an. So können digital erfasste und gelenkte Verkehrsströme Staus und gesundheitsschädliche Abgasemissionen eindämmen. Sensoren in den smarten Wassernetzen melden Lecks in den Wasserrohren und helfen die Wasserressourcen zu schonen. Die Stadt der Zukunft wird darüber hinaus zum unabhängigen Selbstversorger: Mit vertikalen, platzsparenden Gewächshochhäusern und Fassaden mit „Biohaut“ zieht die landwirtschaftliche Produktion in die Städte ein. So wird Land gespart und die Lieferwege werden verkürzt.

Doch die smarten Städte stehen nicht nur für umweltgerechte Ideen. Die andere Seite der Medaille ist die verkabelte Stadt als ungezügelter Stromfresser, die mit ihren digitalen Gimmicks Energie ohne Ende verbraucht. Intelligente Lösungen sind also gefragt. Lösungen, die vor allem den Menschen nicht aus den Augen verlieren. Auf dem Reißbrett geplante smarte Planstädte in Südkorea und China erinnern zumeist eher an Zukunftsstädte à la Big Brother. Jeder Winkel der Stadt wird dort mit Kameras erfasst. Die Zeiten des unentdeckten Müllsünders, Verkehrsrowdys und Partygrölers sind damit beendet. Aber auch der unbeobachtete Kuss auf der Parkbank mit der ersten Freundin gehört damit wohl der Vergangenheit an. Die digitalen Musterstädte wirken leer und steril. Die Wohnung fungiert dabei als Schaltzentrale, die quasi nicht mehr verlassen werden muss. Die Kommunikation mit dem Nachbarn findet in extra eingerichteten Nachbarschafts-Chaträumen statt, und der Einkauf wird automatisch geliefert. Viele Ideen sind gut gemeint, aber nicht wirklich menschlich. Neben der völlig durchgeplanten Digitalstadt gibt es viel häufiger noch Flickwerkdigitalismus in den Städten.

Das beschriebene Bild findet sich vornehmlich in deutschen Städten. Mal feiert hierzulande der Bürgermeister die Einführung des kontaktlosen Bezahlens im Parkhaus, ein anderes Mal wird ein vernetzter, wassersparender Brunnen als digitale Errungenschaft gefeiert. Ein Gesamtkonzept fehlt jedoch zumeist in den Kommunen. Am Ende bleiben einzelne digitale Inseln, die nicht ausreichend miteinander vernetzt sind und wenig mit einer smarten Stadt gemeinsam haben. Spannend wird es wahrscheinlich, wenn die großen Vermarkter von Stadtmöbeln und Internetkonzerne die Smart City in ihren Fokus rücken. Im Moment fehlen die Standards, um großflächig digitale Lösungen in die Städte zu bringen. Es ist zu befürchten, dass die Städte der Zukunft mit ihren vielen Kameras und Sensoren zur Datenkrake werden. Noch ist nicht klar, welche Daten erfasst werden dürfen, wer sie speichern und verarbeiten darf und wer das am Ende kontrolliert. Die Gefahren einer digitalen Stadt liegen auf der Hand: Daten können in die falschen Hände geraten und Hacker könnten so in Zukunft ganze Städte lahmlegen.

Die digitale Stadt ist für die Bürger da

Die datengetriebene Stadt der Zukunft mit all ihren Vorteilen und Gefahren lässt auf sich warten. Die Städte experimentieren mit smarten Anwendungen und punktuellen Pilotprojekten. Auch die Bürger haben andere Sorgen. Insbesondere für die Wohnungsnot und die steigenden Mieten in den boomenden Städten stehen keine digitalen Lösungen zur Verfügung. Vor allem alte und arme Menschen werden in den immer teurer werdenden Städten gnadenlos abgehängt. Sorgen hat auch der Einzelhandel, der unter dem schnell wachsenden Onlinehandel leidet. Jedes bestellte Paket führt in den verstopften Städten zu noch mehr Lieferverkehr und zu weiter steigenden Emissionen. Und noch etwas ist im modernen Zeitalter nicht zu fassen: Trotz aller Errungenschaften, wie der Möglichkeit, mithilfe des Internets von zu Hause aus zu arbeiten, gab es in Deutschland noch nie so viele Pendler mit langen Fahrtstrecken zum Arbeitsplatz wie heute.

Der entscheidende Fortschritt für die urbanen Räume ist noch nicht in Sicht. Einige Erfolgsgeschichten gibt es trotzdem schon zu vermelden: Der lästige Gang zum Amt gehört in vielen Gemeinden der Vergangenheit an. Viele Verwaltungsvorgänge können mittlerweile online erledigt werden. Die „digitalen Rathäuser“ haben sich durchgesetzt. Und auch beim Thema Bürgerbeteiligung gibt es positive Entwicklungen: Immer mehr Kommunen kommunizieren über Onlinekanäle mit ihren Bürgern. Die Bürgerbeteiligung per Mausklick ist mittlerweile ein bewährtes Instrument, um mehrheitsfähige Entscheidungen in der Stadtplanung zu treffen.

Fazit

Die digitale Stadt steckt vielfach noch in den Kinderschuhen. Für viele Stadtväter und Bürger fehlt ein echter Mehrwert, und viele gute Ideen scheitern an den hohen Kosten. Trotzdem sollte man die Ideen einer smarten City nicht abschreiben. Es gibt viele lohnende, datengetriebene Anwendungen, die, wenn auch nicht kurzfristig, so zu mindestens mittel- und langfristig zu einem technologisch-ökologischen Umbau der Städte führen können.

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