Siegeszug des Internet of Things

User-Interface-Design für das IoT: auf den Menschen kommt es an
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Das Internet der Dinge ist längst kein Buzzword mehr. Das IoT schickt sich an, unser Verständnis von IT, Kommunikation und Vernetzung in mindestens dem gleichen Umfang zu revolutionieren wie vor zehn Jahren das Aufkommen von mobilen Devices. Auf den ersten Blick scheinen sinkende Kosten, die Miniaturisierung von Technik, massive virtuelle Datenspeicher und der Willen von Industrie und Datenmonopolisten schlagkräftige Gründe für den Erfolg des IoT zu sein. Doch sind das wirklich die einzigen, geschweige denn die „richtigen“ Gründe?

Laut Prof. Andrea Krajewski, Professorin für Gestaltung von Mediensystemen an der Hochschule Darmstadt, liegt Der Grund für den zu erwartenden Siegeszug des Internet of Things in der Natur des Menschen selbst. In ihrer Session „The Tangible Mind“ auf der MobileTech Conference 2015 in Berlin skizzierte sie den wahren Erfolgsgarant für das IoT: die tief verankerte Symbiose zwischen Mensch und Ding.

Symbiose zwischen Mensch und Ding

Zunächst ein kurzer philosophischer Ausflug: In der Symbiose zwischen Mensch und Ding steckt der Aspekt des Embodiment, der Verkörperung. Ein Aspekt, der jüngst im Rahmen von User-Experience-Designs fürs IoT wieder entdeckt wird. Warum: Der Geist ist ohne den Körper nichts. In diesem Zuge lässt sich auch der aktuelle Selfie-Trend zu erklären: weil unser Körper nicht nur für uns, sondern eben auch für unseren Geist so wichtig ist.

Kein Denken ohne Objekte

In Zeiten von zahlreichen gestengesteuerten Interfaces ist unser Geist viel mehr involviert als wir herkömmlich denken – vor allem auch involviert mit den Objekten in unserer Umgebung. Unser ganzes abstraktes Denken basiert auf den Dingen in unsere Umgebung, die wir heranziehen, um uns abstrakte Konzepte wie Zeit oder Geschwindigkeit klar zu machen. Darin steckt die fundamentale Erkenntnis, dass unser Geist Dinge benötigt, um denken zu können! Auch unser Wissen heften wir an Dinge: Denkt man bspw. an sein Auto: der letzte Urlaub, der letzte Unfall, der letzte Waschstraßenbesuch – alles Aspekte, die uns zeigen, wie wir Dinge als Speicher benutzen, als Abrufmöglichkeit.

Interaktion

Für den Aufbau von Wissen ist auch die Interaktion mit Dingen essentiell: Ohne die Interaktion mit Objekten können wir die Welt nicht erfahren. Deswegen ist unser Tastsinn so wichtig, wenn wir beispielsweise neue Dinge kennenlernen: Unser Geist lebt durch unseren Tastsinn. Die Relevanz von all dem? Wir haben einen verkörperten Geist, der sich auf die gesamte Welt um uns ausdehnt!

Prof. Andrea Krajewski sprach auf der MobileTech Conference 2015 über ein neues UI-Design für das IoT (Quelle: S&S Media).

Prof. Andrea Krajewski sprach auf der MobileTech Conference 2015 über ein neues UI-Design für das IoT (Quelle: S&S Media).

Vom digitalen zurück zum realen

Nach diesem philosophischen Exkurs mag manch einer dagegenhalten: Alles schön und gut, aber wir sind doch inzwischen längst digital! Nicht mehr ganz richtig, laut Prof. Krajewski. Ihrer Meinung nach haben wir inzwischen einen Parabelflug von der virtuellen in die reale Welt zurück gemacht. Über Zwischenschritte, in denen wir uns mit purem Code und dem Command Line Interface, später mit Simulationen der Welt und mentalen Modellen (Virtual Reality à la Second Life bis hin zu Okulus Rift) beholfen haben, sind wir über das Ubiquitious Computing und Tangible User Interfaces (TUI) jetzt im Internet der Dinge gelandet und – so kurios es sich zunächst anhören mag – zurück in der realen Welt. Eine Welt, in der unser Geist – wie oben erörtert – in allen Dingen ist, Teil von allen Dingen ist. Ergo ist auch unser Geist im IoT mit allem vernetzt.
Was können wir aus diesem Gedankenmodell schließen? Ja, was machen wir denn jetzt eigentlich im IoT? Machen wir ein Produkt? Nein, im Grunde genommen assimilieren wir alle Dinge um uns herum. Was uns wieder zurück zur anfänglichen Prämisse der Verkörperung, dem Embodiment, bringt.

User-Interface-Design für das IoT

Doch welche Auswirkungen hat diese Prämisse nun auf das User-Interface-Design im IoT? Vor allem sollte man sich die Frage stellen (und beantworten): Ist der User überhaupt noch ein User? Immerhin setzt sich das Konzept der Inter-Usability immer mehr durch und Geräte werden in die Lage versetzt, besser untereinander zu kommunizieren. Allerdings, so Prof. Krajewski, sollte vor allem der User im Fokus stehen. Mehr noch: Der User muss wieder zum Mensch werden. Dahinter steckt die Idee, dass nicht mehr im Fokus steht, wie man beispielsweise Geräte nutzt. Stattdessen sollte man sich darauf konzentrieren, welchen Dienst Geräte bereitstellen, sprich: wozu befähigen sie den Nutzer? Daraus folgt, dass im IoT plötzlich wieder die sensorische Interaktion eine zentrale Rolle spielt.

Mobile und IoT – eine Ehe auf Zeit

Momentan sind mobile Devices wie Smartphones und Wearables eng mit dem Internet of Things verbunden. Doch für Prof. Krajewski wird diese enge Verknüpfung der Mobile- und IoT-Welt in absehbarer Zeit ein Ende finden. Momentan sind Objekte im IoT noch so etwas wie „enchanted objects“, sprich verzauberte Objekte. (Fast) alles scheint möglich, nur das Beamen noch nicht… Doch weil es um die Erweiterung von Fähigkeiten geht, müssen uns die Objekte des IoT zu etwas wie (Super)Helden machen. Das fängt bei kleinen Dingen an, die uns befähigen – auf Knopfdruck – Dinge des alltäglichen Lebens nachzubestellen. Da wäre z.B. der Amazon Dash Zauberstab:

Der Zauberstab macht diese Dinge fassbar. Der Logbar Ring ist ähnlich gelagert:

Allerdings sind beide Produkte wieder eine Manifestation. In fünf bis zehn Jahren brauchen wir aber solche Objekte, die wir fühlen und anfassen können!

Sensorische Interaktion!

Das IoT hat jetzt schon so viele Sensoren, dass man von einem digitalen Nervensystem spricht. Das Problem: IoT ist eingeschränkt. Es kann vieles aufnehmen, aber noch wenig sagen beziehungsweise ausgeben. Es ist hauptsächlich visuell, hat vielleicht noch etwas Sound im Angebot. „Doch so soll es nicht bleiben, so darf es nicht bleiben,“ mahnt Prof. Krajewski. Auch unsere anderen Sinne müssen angesprochen werden!

IoT Design Model

Dabei helfen kann eine neue Herangehensweise, um für das Internet of Things zu designen. Im Zentrum steht dabei für Prof. Krajewski aus User Experience Research ein Human Experience Research zu machen. Folgende Schritte können dabei helfen:

  1. Man muss den gerade angestoßenen Paradigmenwechsel entsprechend würdigen Welche Faktoren des Menschen muss man betrachten, um für das IoT gestalten zu können?
  2. Dabei hilft das Conceptual Model: Der Mensch soll sich als Held fühlen! Der User ist nicht mehr User alleine, sondern Mensch! Ein neues Konzept is von Nöten.
  3. Services: Anstatt um Produkte geht es um die Services. In der Regel gilt es darum, einen Service-Agenten für den Nutzer zu gestalten.
  4. Interaktionsdesign sollte reicher und lebensnäher werden sowie sensorische Interaktion berücksichtigen!
  5. Industrial Design: Man braucht Industriedesigner, um entsprechende Produkte zu gestalten, die massentauglich sind und Aspekte wie Haptik miteinbeziehen
  6. Vor allem muss man sich klar machen: Gestaltet wird für einen Organismus und dem Nutzer muss es sinnvoll erscheinen, dass alles miteinander verkoppelt ist.

Denn. Wir Menschen sind das IoT!!!!

Aufmacherbild: Illustration of a hand pointing a smart watch with a tooltip via Shutterstock / Urheberrecht: Blablo101

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