Daten gegen Belohnung

Wearables am Arbeitsplatz: Nützliches Tool oder Überwachungsmaßnahme?
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Die Wearable-Technologie ist ein riesiger Wachstumsmarkt. Was als Werkzeug zur freiwilligen Selbstoptimierung startete, könnte in Firmen zum Instrument der Kontrolle werden. Umfassende Überwachung am Arbeitsplatz wird zur Dystopie.

Eine Überwachungsgesellschaft, wie sie bereits in „1984“ von George Orwell oder in „The Circle“ von Dave Eggers beschrieben wird, ist heutzutage schon fast zum Alltag geworden. So handelt „The Circle“ von einem Unternehmen, das einer Kombination aus Google, Apple, Facebook und Twitter ähnelt. Die Angestellten werden konstant überwacht und durchleuchtet, erhalten für diese Transparenz allerdings auch Boni, wie aktuelle Technologieprodukte oder eine umfangreiche Krankenversicherung. Auf diese Weise wird zunehmend eine soziale Kontrolle erzeugt. Was sich zunächst noch wie eine dystopische Vorstellung anhört, ist aber gar nicht mehr so weit von unserer Realität entfernt.

Durch das Voranschreiten der Technologie, gerade im Bereich des Internet of Things und im Besonderen bei Wearables, eröffnen sich (nicht nur) für Unternehmen ganz neue Möglichkeiten. Angefangen bei der Smartwatch bis hin zur intelligenten Fitnesskleidung – es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. Sich selbst zu optimieren gehört mittlerweile einfach dazu und womit ginge das leichter, als mit einem kleinen, tragbaren Gerät, das alle wichtigen Körperfunktionen misst und überwacht?

Optimierung durch Wearables

Dass Wearables zur Optimierung des eigenen Selbst genutzt werden können, ist mittlerweile auch bei Unternehmen angekommen. So haben beispielsweise einige Krankenkassen, darunter TK, DKV und AOK Nordost, eine Bezuschussung der Apple Watch beschlossen. Gegen einen Austausch von Daten erhalten Mitglieder rund 50 Euro Zuschuss; geplant ist, die bereits verfügbare Gesundheitsdividende von bis zu 250 Euro auch auf Smartwatches auszuweiten.

Auch Fitbit, Marktführer im Bereich Fitnesstracker, wirbt mit Angeboten für Versicherungen und arbeitet international mit verschiedenen Unternehmen im Rahmen betrieblicher Gesundheitsprogramme zusammen. So werden etwa Mitarbeiter von BP dazu angehalten, eine Million Schritte pro Jahr zu erreichen – auf diese Weise sparte ein Angestellter etwa 1.200 Dollar bei der Krankenversicherung ein. Das ist natürlich ein starker Anreiz, bedeutet aber auch umgekehrt: Wer an solchen Programmen nicht teilnimmt oder das Ziel nicht erreicht, wird „bestraft“.

Angebote für Unternehmen und Versicherungen auf der Website von Fitbit, http://www.fitbit.com/de/product/corporate-solutions

Angebote für Unternehmen und Versicherungen auf der Website von Fitbit, http://www.fitbit.com/de/product/corporate-solutions

Überwachung am Arbeitsplatz

Dass von solchen Einsparungen auf Angestelltenseite natürlich auch die Arbeitgeber profitieren wollen, ist klar. Denn Wearables können nicht nur die Produktivität steigern und Kosten senken, sondern durch ihre Sensoren eine ständige und umfassende Überwachung ermöglichen. Und dass Unternehmen lieber gesunde, perfekt funktionierende Mitarbeiter beschäftigen, als solche, die öfter ausfallen, dürfte sich von selbst verstehen. Außerdem besteht die Hoffnung, dass sich so Arbeitsprozesse optimieren lassen und die Wertschöpfungskette besser steuerbar ist. Allerdings ist es oft nur ein schmaler Grat von der Optimierung hin zur Überwachung.

Beispiele dafür häufen sich: So hat das Technologieunternehmen Appirio 400 Mitarbeiter mit Sensoren ausgestattet, die ihre Bewegung überwachten. Anhand der Daten konnte ausgewiesen werden, dass sich die Angestellten mehr bewegten und mehr Sport trieben. Das führte wiederum dazu, dass der Krankenversicherer die gesamten Beiträge um 280.000 Dollar reduzierte. Eine gelungene Maßnahme also, von der auf den ersten Blick beide Parteien profitieren.

Aber nicht nur körperliches Wohlbefinden lässt sich messen, sondern auch Kreativität und Negativität. Mit Hilfe eines Stirnbands, das die Hirnströme misst, sollen Nutzer (oder deren Chefs) erkennen können, zu welcher Zeit sie vermutlich besonders kreativ sind. Auch ist es mittlerweile gar nicht mehr so selten, dass Unternehmen durch eine Analyse aller gesammelten Daten herausfinden möchten, wie es ihren Mitarbeitern gerade gefühlsmäßig geht. Sind sie wegen irgendetwas traurig, beunruhigt oder gar depressiv? Das lässt sich sogar an Rhythmus und Dynamik des Tippens erkennen. Ebenfalls soll sich so analysieren lassen, ob Mitarbeiter sich mit dem Gedanken tragen, zu kündigen oder die Firma zu wechseln. Auf diese Weise lässt sich das emotionale Wohlbefinden von Mitarbeitern in eine Risikoskala übersetzen, die Aufschluss gibt, ob und welche Schwierigkeiten sie der Firma möglicherweise bereiten werden.

Ein besonders krasses Beispiel für Überwachung durch Wearables ist die britische Supermarktkette Tesco: Sie hat Mitarbeiter mit smarten Armbänder ausgestattet, um zu sehen, wohin sie sich bewegen und wie viel sie arbeiten. Führungskräfte überprüften, ob die Aufträge in einer angemessen Zeit erledigt wurden. Erfüllte ein Arbeiter die Zielvorgabe, erhielt er einen 100-Prozent-Score. Wer auf die Toilette ging, dessen Score fiel rasant. Tesco geriet daraufhin im Februar 2013 schwer in die Kritik.

Situation in Deutschland

Eine solche Praxis wäre in Deutschland rechtswidrig. Denn die Kontrolle von Verhalten und Leistung von Arbeitnehmern greift zu stark in den persönlichen Bereich ein und muss deswegen ausdrücklich vom Mitarbeiter selbst genehmigt werden. Auch die Erfassung von biometrischen Erkennungsmerkmalen, vor allem wenn sie sich auf sensible Daten wie Gesundheit und Fitness beziehen, fällt unter das Bundesdatenschutzgesetz. Eine gesundheitliche Überwachung von Angestellten ist nur zulässig, wenn besondere Berufsgefahren (etwa Strahlenrisiko) vorliegen oder eine bestimmte Tauglichkeit gesetzlich vorgeschrieben ist (etwa bei Piloten), so Reinhold Kopp, Fachanwalt für Arbeitsrecht und ehemaliger saarländischer Wirtschaftsminister.

Just because you can surveil desk-based workers in an office doesn’t mean you should or need to.

Das hindert Unternehmen aber nicht daran, sich über geltendes Recht hinwegzusetzen, wie der Fall Lidl aus dem Jahr 2008 zeigt. Dort wurden Mitarbeiter systematisch überwacht und mit Kameras ausspioniert. In solchen Fällen kann die Datenschutzbehörde eingreifen und Bußgelder (z. B. wegen unzulässiger Datenerhebung) von bis zu 300.000 Euro oder eine Untersagungsverfügung verhängen.

Auch Versicherte der Daimler-Betriebskrankenkasse können per Fitness-App Bonuspunkte sammeln. Der Konzern sieht, welche Mitarbeiter sich fit halten und belohnt sie entsprechend. Grundsätzlich ist gegen solche Angebote nichts einzuwenden – solange sie freiwillig sind und keine Nachteile bei Nicht-Mitwirken entstehen. Allerdings bleibt zu befürchten, dass die gewonnenen Daten sowohl von Krankenkassen als auch von Unternehmen genutzt werden, um etwa Versichertenbeiträge anzupassen oder von vornherein nur möglichst gesunde Mitarbeiter einzustellen.

Folgen von kommerzieller digitaler Überwachung

Die genannten Entwicklungen zeichnen ein deutliches Bild: Eine Art von Überwachungsgesellschaft ist bereits Realität geworden. Die Studie „Kommerzielle Digitale Überwachung im Alltag“ im Auftrag der österreichischen Bundesarbeitskammer 2014 zeigt, dass die Bevölkerung immer häufiger auf Basis persönlicher Daten bewertet, klassifiziert und entlohnt wird. Dadurch entstehen Gefahren unterschiedlichster Art und Weise: Zum einen besteht überall da, wo große Datenmengen gespeichert werden, das Risiko von Datenmissbrauch- und verlust. Das ist nicht nur für Unternehmen ärgerlich, sondern auch für den Einzelnen: Identitätsdiebstahl, Cyber-Kriminalität und Stalking sind so möglich.

Außerdem besteht ganz klar die Gefahr von Diskriminierung seitens der Unternehmen: Werden Kriterien wie Geschlecht, Alter, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, Armut oder Gesundheitszustand in die Entscheidung mit einbezogen, werden die Chancen von bestimmten Personen eingeschränkt. Oft ist für Einzelpersonen auch nicht mehr nachvollziehbar, welche Daten erfasst und gespeichert werden, welche Schlüsse daraus gezogen und welche Entscheidungen auf Basis dieser Schlüsse gefällt werden. Auch kommt es vor, dass in der Big-Data-Masse ganz einfach falsche Schlüsse gezogen werden, da die Prognosen unscharf sind und auf Wahrscheinlichkeiten beruhen.

Weg mit den Wearables?!

Zudem stellt sich die Frage, was mit Mitarbeitern passiert, die an einem „Wearables-Überwachungsprogramm“ nicht teilnehmen möchten. Werden diese schlechter bezahlt? Oder vielleicht sogar direkt entlassen? Und was geschieht, wenn Angestellte die vorgegebenen Ziele nicht erfüllen – seien es die tausend Schritte am Tag oder die 3.000 Zeichen Text? Brenzlig wird es auch dann, wenn private Informationen ans Licht kommen, die zuvor geheim waren – etwa eine leichte Behinderung oder Krankheit, die prinzipiell die Tätigkeit des Betroffenen nicht beeinflusst, aber seinen Gesundheitsscore?

Selbst wenn die Angestellten ihre Zustimmung zu dieser Überwachung geben, könnte der Zwang entstehen, Wearables zu tragen, um einen Job zu er- oder behalten. Ein Einfallstor könnten Fahrer oder Piloten sein, bei denen es auf Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit ankommt. Gerade in den USA scheint die Bereitschaft, Wearables am Arbeitsplatz zu tragen, sehr hoch zu sein. Der „State of Workplace Productivity Report“ zeigt, dass 66 Prozent der Angestellten zur Verbesserung ihrer Arbeit Wearables tragen würden. Gegen Geldvorteile würden 80 Prozent ein Wearable im Austausch von Gesundheitsdaten tragen. 76 Prozent würden Wearables tragen, die die Produktivität und Arbeitsleistung messen, wenn sie dafür entsprechend entlohnt würden, etwa durch mehr Geld oder Urlaub, eine verkürzte Arbeitswoche oder flexiblere Arbeitszeit.

Daten gegen Belohnung?

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Wer eine Belohnung im Austausch für seine Daten erhält, scheint auch gerne zur Weitergabe bereit zu sein. Doch muss ganz klar sein, welche Daten und zu welchem Preis – Wolfie Christl hat eine Art Handlungsempfehlung veröffentlicht, an der sich Privatpersonen und Unternehmen orientieren können:

Unternehmen Privatpersonen
1. Transparenz in Bezug auf Datenerhebung und Datenauswertung (Algorithmen) 1. Digitale Kompetenz stärken
2. Privacy by Design und Verschlüsselung 2. Hilfsmittel einsetzen (Browser-Erweiterungen, Verschlüsselung …)
3. „Do not track“ respektieren 3. „Unfreundliche“ Services, Apps und Plattformen meiden
4. Dezentrale Technologien fördern und mehr Kontrolle über persönliche Daten einräumen 4. „Freundliche“ Services, Apps und Plattformen nutzen (DuckDuckGo etc.)
5. Datenschutz-Gütesiegel und Zertifizierungen 5. Datensparsamkeit

Die größte Sorge in unserer digitalen Welt ist der Verlust der Privatsphäre und der Datenschutz. Wem ist schon wirklich ganz wohl dabei, wenn der Chef immer weiß, wie es einem gerade geht, wann man auf der Toilette war oder ob man Zuhause vielleicht gerade Stress hat. Da die Wearable-Industrie 2018 einen Marktwert von 19 Milliarden erreichen soll, ist es nur wahrscheinlich, dass die smarten Helfer in immer mehr Büros Einzug halten.

Cameras are already recording our every move in city streets, in office buildings, and in shopping malls. Our newly talkative devices will keep track of everything we do, and our cars will know everywhere we have been. Privacy will be dead, even within our homes.

Damit es nicht so weit kommt, wie von Orwell, Eggers & Co. prognostiziert, muss ein verantwortungsvoller Einsatz von Wearables und den durch sie gewonnenen Daten stattfinden. Denn Wearables sind selbstverständlich nicht per se schlecht – vielmehr lassen sich sinnvolle und unter Umständen lebenswichtige Informationen mit ihnen generieren. Jedoch sind Wearables oder eine Überwachung durch Wearables nicht an allen Arbeitsplätzen sinnvoll.

 

Aufmacherbild: smart watch as wearable surveillance von Shutterstock / Urheberrecht: igor kisselev

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