Warum werden Wearables von Frauen so schlecht angenommen?

Wearables und Frauen – eine komplizierte Beziehung
Keine Kommentare

So richtig haben sich Wearables auf dem Markt noch nicht durchgesetzt. Zudem weist die Technologieindustrie ein signifikantes geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht zugunsten von Männern auf – was in krassem Gegensatz zur Geschlechterforschung steht. Denn die zeigt, dass Frauen die ersten sind, die neue Technologien annehmen. Aber warum sind die Käufer von Wearables dann noch immer vorwiegend Männer?

Sie haben richtig gelesen: Frauen gehören zu den Earliest Adopters für neue Technologien. So nutzen beispielsweise in westlichen Ländern Frauen das Internet um monatlich etwa 17 Prozent häufiger als Männer. Auch verwenden Frauen ihr Smartphone wesentlich häufiger. Eine Studie der NPD Group zeigt, dass unter potenziellen Käufern von Wearables Frauen mit 58 Prozent die Nase vorn haben.

Women are the fastest category and biggest users on every social networking site with the exception of LinkedIn. Women are the vast majority owners of all Internet enabled devices – readers, health-care devices, GPS – that whole bundle of technology is mostly owned by women.

Aber warum nutzen dann nicht mehr Frauen Wearables?

Wearables – eine männerdominerte Branche?

Genauso wie die IT-Industrie selbst hat auch der Wearable-Markt Nachholbedarf, wenn es um Frauen geht: Frauen repräsentieren zwar die Hälfte der weltweiten Arbeitskraft, haben aber nur ein Viertel aller IT-Jobs inneDieser Trend setzt sich auch in der Wearable-Branche fort. Die Umsatzzahlen von Fitbit für 2015 belegen beispielsweise, dass das Unternehmen zwar die enorme Summe von 4,1 Milliarden Dollar wert ist. Doch 70 Prozent des Gewinns wurde durch männliche Kunden generiert. 95 Prozent aller Frauen kennen Wearables, doch nur ein Drittel von ihnen kauft auch ein tragbares Smart Device. Allerdings hat der Markt ein riesiges Potenzial: 2018 soll die Wearable-Industrie einen Marktwert von 19 Milliarden erreichen – es wird also Zeit, dass sich die Unternehmen auf ihre potentiell größte Gruppe konzentrieren: Frauen.

Doch ein Armband lässt sich eben nicht auf dieselbe Weise wie ein Computer verkaufen. Was sich wie eine Binsenweisheit anhört, ist aber ein Fehler, den fast jeder Player auf dem Wearables-Markt macht. Denn Devices und Programme können nicht einfach für jede Art von Kunde entwickelt werden, wenn man nicht die verschiedenen Kundenanforderungen berücksichtigt. Von Natur aus sind die Hälfte aller potenziellen Kunden Frauen, also sollten sie auch in den Design- und Entwicklungsprozess eingebunden sein!

Wearables für Frauen – von Männern

Viele der momentan verfügbaren Wearables sind zwar das Ergebnis erstaunlicher technologischer Fortschritte, adressieren aber in ihrer Ausrichtung hauptsächlich Männer. Außerdem tut man sich schwer, in manchen Devices mehr als lediglich eine nette Spielerei zu sehen, einen tatsächlichen Mehrwert sucht man häufig vergebens – man denke etwa an ferngesteuerte, vibrierende Unterwäsche. Und schließlich sind viele Wearables einfach hässlich und designt, als hätte Mode niemals existiert. Auch Jewell Sparks berichtet im Interview mit Christoph Ebert über das Phänomen, Design und Funktionalität zu vereinen und Wearables auf diese Weise attraktiver zu gestalten.

Women want to understand how your product will add meaning to their lives. Why should they trust your company. Do they trust your company enough to risk making both a financial and emotional investment in your brand?

Laut einer Studie von Lady Geek suchen Frauen bei einer Marke hauptsächlich nach Emotionalität, Bestätigung und Authentizität – alles Punkte, die die männerdominerte Technologieindustrie gerne einmal vergisst. Denn trotz der hohen Anzahl an potenziellen weiblichen Wearable-Käufern – diejenigen, die sich die Geräte ausdenken und sie konzipieren sind größtenteils Männer. So geriet etwa Apple im letzten Jahr in die Kritik, weil sein Vorstand aus sieben Männern und nur einer Frau bestand – und sich das vermeintlich in den Produkten niederschlug.

Was wünschen sich Frauen von Wearables?

Eine Studie unter Frauen im Alter von 25 bis 34 von Saatchi & Saatchi Wellness versucht Antworten auf die Frage zu finden, was sich Frauen von (Fitness-)Wearables wünschen. Die Analyse fokussiert sich zwar auf Fitness-Wearables, fördert aber Ergebnisse zu Tage, die sich auf das gesamte Wearable-Business anwenden lassen und erklären, warum Frauen – die keineswegs weniger fitnessorientiert oder gesundheitsbewusst als Männer sind – ein wesentlich geringeres Interesse an Fitness-Wearables haben. Frauen denken bei „Gesundheit“ nicht unbedingt an physische Gesundheit: Nur 12 Prozent der Befragten setzen körperliche Gesundheit mit Wohlbefinden gleich, während 76 Prozent meinen, dass Gesundheit stattdessen mit emotionalem Wohlbefinden zu tun hat.

Overwhelmingly, women recognize that there’s an interconnection between health and wellness but they’re very, very different. Health for women is something very concrete. It’s measurable. It’s ‘I have a cold’ or ‘I have an eye infection’ or ‘I’m overweight.’ It’s got specifics you can determine. Wellness is much more emotional and very personal.

Zudem könnten sich Frauen auch nicht mit der straffen Zielvorgabe und Zielerreichung der Fitnesstracker identifizieren, so die Studie. Darüber hinaus gäbe es nur sehr wenige Apps, die sich mit dem weiblichen Körper beschäftigen, also mit Menstruation, Verhütung und Kinderwunsch. Wearables, die nicht primär auf Frauen und ihre Bedürfnisse ausgelegt sind, werden von ihnen also schlechter angenommen, selbst wenn es Möglichkeiten gibt, die Geräte zu individualisieren.

Außerdem sind viele Produkte einfach schlecht designt – nicht nur vom bereits erwähnten modischen Aspekt betrachtet, sondern auch in puncto Passform. Viele Wearables, die von Männern kreiert werden, sehen auch so aus – das heißt, sie sind für Männerkörper designt. Das haben einige Hersteller bemerkt und sich Designer wie Diane von Furstenberg (für Google Glass) oder Tory Burch (für FitBit) ins Boot geholt. Es zeigt sich aber, dass ein schickes Design allein nicht ausreicht, um Frauen für Wearables zu begeistern: 57 Prozent der Studienteilnehmerinnen sagten, dass Design zwar ein wichtiger Grund für einen Kauf ist, ausschlaggebend ist aber die Funktion.

At the end of the day, it’s about value and overwhelmingly we heard that women don’t see the value of wearables out there now and it’s mainly because they’re not meeting women’s needs. Tech companies creating a fashionable wearable without an understanding of what women want out of health and wellness is ineffective.

Design und Funktion sollten sich die Waage halten, denn Frauen sind durchaus pragmatisch. Ein Beispiel für gelungene Arbeit sind beispielsweise June und Jewelbots. Bei June handelt es sich um einen UVA- und UVB-Tracker in einem Armband, der vor zu hoher Sonnenstrahlung warnt. Jewelbots sind programmierbare Freundschaftsarmbänder, die sich vor allem an junge Mädchen richten. Die Armbänder lassen sich so programmieren, dass sie aufleuchten, sobald Freunde in der Nähe sind; außerdem kann man Nachrichten an Freunde verschicken.

Jewelbots

Jewelbots, Screenshot: http://bit.ly/1Kd4Pcx

Armreif June

Armreif June, Screenshot: http://bit.ly/1IJzb63

Offensichtlich spielt die soziale Komponente eine tragende Rolle, was auch die Studienergebnisse bestätigen. Frauen wollten demnach lieber Teil einer Gruppe sein, die sich gegenseitig unterstützt, als in einen Einzelkämpfermodus zu verfallen. Das immerhin ist Herstellern von gesundheitsorientierten Apps bewusst: Knapp 40 Prozent dieser Apps ermöglichen es, Daten auf sozialen Netzwerken zu teilen.

Frauen und Wearables – ein Happy-End?

Wie lassen sich also Wearables an die Frau bringen? Durch eine Kombination aus gutem Design und Funktionalität, beides auf ihre weibliche Trägerin ausgerichtet. Ein Fokus nur auf Technologie oder nur auf Ästhetik hilft nicht:

The focus on technology first is understandable. However, as currently positioned it’s mostly irrelevant to its biggest potential market. Women want to know how it will work for them and how it can make their lives better.

Natürlich ist eins ganz klar: Nicht alle Frauen lassen sich über einen Kamm scheren. Die Studie zeigt aber, dass sich Frauen in ihren Wünschen und Bedürfnissen von Männern unterscheiden. Und wie jeder andere Kunde auch wollen Frauen verstanden werden und favorisieren entsprechende Devices, abgestimmt auf ihre Vorlieben. Deshalb ist es an der Zeit, dass sich die Dinge im Technologie- und Wearable-Business ändern – wie ich es eingangs bereits erwähnt habe: Mehr Frauen sollten an der Realisierung von Produkten für Frauen beteiligt werden! Denn nur so wird sichergestellt, dass die Kundinnen auch das erhalten, was sie sich wünschen. Das bedeutet zum einen, dass mehr Jobs in den Bereichen Entwicklung, Design und Herstellung etc. von Frauen besetzt werden sollten und zum anderen, dass ganz einfach mehr weibliche Kundinnen befragt und in den Entwicklungsprozess integriert sein müssten. Ein erster Schritt in diese Richtung – weg vom Design für Männer und hin zum frauenzentrierten Wearable – ist mit Produkten wie Jewelbots oder June bereits getan. Und nicht vergessen: Frauen sind die Gruppe mit dem größten Kauf-Potenzial. Ihr Geld entscheidet am Ende mit darüber, ob die Wearable-Industrie boomt oder scheitert.

ML Conference 2019

Deep learning advances for signal processing

with Oleksandr Honchar (Mawi Solutions)

Towards meaningful AI

with Imola Fodor (Electrolux)

 

Aufmacherbild: Fitness tracker wearable technology infographics with set of icons for fitness trackers von Shutterstock / Urheberrecht: JMicic

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu:
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -