Kolumne: Karrieretipps

Ist Verbindlichkeit im IT-Business heute noch Pflicht oder nur noch eine Tugend
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Wenn man genauer hinsieht, geht es allen so. Privat wie beruflich. Alles wird immer unverbindlicher. Es wird immer schwerer, pünktlich zu Verabredungen und Terminen zu erscheinen, Meetings ordentlich vorzubereiten, Zusagen einzuhalten, Rechnungen pünktlich zu begleichen usw. Aber es gibt auch Ausnahmen. Manche schaffen es dennoch, trotz Arbeitsstress und Leistungsdruck ihre Verbindlichkeit zu bewahren. Was machen solche Zeitgenossen anders? Wird Verbindlichkeit im Job heute überhaupt noch anerkannt, oder hat man sich an ständige Terminverschiebungen und Unzuverlässigkeiten bereits gewöhnt?

Montagmorgen, Schneeregen. Alle stehen im Stau, alle kommen zu spät zur Arbeit, alle zu spät in ihr erstes Meeting. Alle … bis auf einen. Der Chef sitzt allein wartend im Meetingraum, der Beamer wirft in hellem Licht die Meetingagenda an die Wand, sein Hemd ist gebügelt, die Frisur sitzt! An dem bekannten Marken-Haarspray kann das aber nicht liegen. Wie macht der Vorgesetzte das nur? Ist er im Privatjet zur Arbeit geflogen und hat die Nacht durchgearbeitet, um die Präsentation vorzubereiten? Ist er nach außen etwa ein perfekter Businessman, aber innerlich schon am Rande des Nervenzusammenbruchs, oder ist man selbst einfach zu unstrukturiert, um alles im Griff zu haben? Immerhin ist man ja nur 10 Minuten zu spät, die anderen Kollegen erscheinen nach und nach, einer erscheint gar nicht. Nimmt man seinen Job noch ernst, wenn man eine solche unverbindliche Verhaltensweise an den Tag legt? Wie wirkt das auf den Chef? Hat er sich bereits daran gewöhnt oder hat er genau solche Kollegen auf dem Kieker, die ständig zu spät dran sind? Kommt es heute überhaupt noch darauf an, verbindlich und zuverlässig zu sein, oder reicht es, einfach eine technische Koryphäe zu sein, auf die andere eben auch mal warten müssen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Jeder ist verärgert darüber, wenn Verabredungen nicht eingehalten werden, wenn man sich auf ein Meeting vorbereitet hat und dann keiner erscheint, ohne dass man eine Absage erhalten hat. „Tentative“ lautet der Meetingstatus oft bei Kalendereinladungen zu einem wichtigen Businessmeeting. Was soll man darunter verstehen? Kommt der Kollege nun zum Meeting oder kommt er nicht?

Genauso nervt es, wenn man selbst Überstunden gemacht hat, um den mit der Fachabteilung oder dem Kunden vereinbarten Releasetermin für eine neue Software einhalten zu können, während andere zwei Tage vorher mitteilen lassen, dass sie ihren Teil nicht fertig haben und sich der Termin bis auf weiteres verschiebt. Der Kunde tobt, der Projektleiter auch. Das ganze Entwicklerteam steht als schuldig da, dabei waren es doch wieder nur einzelne, die mal eben ganz unverbindlich den Termin verschoben haben.

Und dann war da noch der Freiberufler, der seit Monaten darauf wartet, dass sein Kunde die Rechnung mal bezahlt, die seit den Sommermonaten noch offen ist. Statt einer Mahnung ruft man in der Buchhaltung des Kunden an und erfährt, dass die Rechnungen von einem Serviceteam in Madagaskar oder sonst wo bearbeitet werden. Ein Blick in das Finanzsystem legt dann offen, dass die Rechnung seit zwei Monaten noch von der Fachabteilung genehmigt werden muss. Die Buchung ist noch nicht auf den Status „approved“ gesetzt worden, daher ist die Rechnung auch noch nicht bezahlt. Man ruft also mal ganz unverbindlich in der Fachabteilung an, um nachzufragen, woran die Genehmigung bislang gescheitert ist. Der Kunde erklärt, dass er die E-Mail mit dem Link zum Finanztool bei seiner täglichen Nachrichtenflut ganz übersehen hat und sichert zu, den Status umgehend auf „genehmigt“ zu setzen. Endlich! Obwohl es heute hochentwickelte Tools gibt, die Prozesse erleichtern und beschleunigen sollen, sitzt am anderen Ende immer noch ein Anwender, der mit seinem Verhalten und seiner Einstellung das wahre Tempo der Prozesse vorgibt.

Sicher müssen Sie nicht lange überlegen, wann Sie sich zuletzt über das unverbindliche, unzuverlässige, ja schon fast respektlose Verhalten eines Kollegen oder Ihres Vorgesetzten geärgert haben. Greifen Sie sich aber auch gleichzeitig an die eigene Nase. Denn: schaffen Sie es, immer alle Verabredungen einzuhalten, Zusagen zu erfüllen und andere mit ihrer strukturierten Arbeitsweise und ihren Multitasking-Fähigkeiten zu beeindrucken? Sicher nicht! Aber kommen wir zurück auf den Punkt. Was wird heute im Business erwartet? Wie viele Unverbindlichkeiten (am Tag, pro Woche, pro Monat oder im ganzen Leben?) kann man sich leisten, um noch als kompetent und professionell zu gelten? Darauf gibt es leider keine „verbindliche“ Antwort.

Fakt aber ist, wer seinen Job, die Anforderungen seiner Kunden, die Erwartungen seines Chefs und seiner Kollegen ernst nimmt, wird sein eigenes Verhalten mit dem richtigen Maß darauf abstimmen. Wenn die Kollegen erkennen, dass man sich auf Sie verlassen kann und Sie evtl. Verzögerungen oder Terminabsagen rechtzeitig mitteilen, weil es tatsächlich verständliche Gründe dafür gibt, wird man Sie ganz sicher nicht pauschal in die Schublade der unverbindlichen Chaostypen einstufen. Alle wissen, dass das Leben heute von Terminen bestimmt wird, die man alle auf einmal gar nicht einhalten kann. Die Kunst ist es dabei, den Überblick zu bewahren, Prioritäten zu setzen, aber den anderen nie das Gefühl zu geben, auf der Prioritätenliste ganz nach unten gerutscht zu sein.

Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und andere wert(e)vollen Eigenschaften sind also nach wie vor mehr als eine nette Tugend. Sie sind für jeden, der erfolgreich sein will, Pflicht. Für den CIO genauso wie für jeden Entwickler, für Freiberufler wie für Angestellte. Eben für alle, denen ihr professionelles Image wichtig ist. Für diejenigen, die nicht nur mit Fachkompetenz, sondern auch mit Persönlichkeit Eindruck machen wollen. Mag sein, dass das heutige Business einiges verzeiht, aber gerade dann hebt man sich hervor, wenn nicht im Strom der unverbesserlichen Unverbindlichen mitschwimmt, sondern durch ein verbindliches Auftreten glänzt.

Nutzen Sie also die Gunst der Stunde, Ihre eigene Verbindlichkeit privat wie beruflich mal wieder zu hinterfragen.

Yasmine Limberger ist Dipl. Betriebswirtin und arbeitet seit mehr als 10 Jahren in der IT-Beratung. Verantwortlich beim Systemintegrator Avanade Deutschland GmbH in Kronberg u. a. für die Bereiche Recruiting und Personalmarketing hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Ihre Spezialgebiete sind neben Persönlichkeitswahrnehmung, Training und Coaching auch Marketing und Alliance Management. Yasmine Limberger ist erreichbar unter: yasmine.limberger@avanade.com.

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