Kolumne: Karrieretipps

IT-Klitsche oder Großkonzern – Wo macht man am schnellsten Karriere
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Nimmt man Bill Gates als Beispiel, so können große Erfolge durchaus in einer kleinen Garage ihren Anfang haben. Aber das ist lange her, und nicht jeder ist wie Bill Gates. Soll man sich als Entwickler also heute eher für ein kleines Softwarehaus, für ein mittelständisches IT-Unternehmen oder den High-Tech-Konzern entscheiden?

Viele IT-Talente beginnen ihre Karriere als One-Man- oder One-Woman-Show und entwickeln z. B. schon während ihrer Ausbildungs- oder Studienzeit erste Anwendungen für den ortsansässigen Handwerker oder ein kleines Kassen- und Abrechnungssystem für den Shop um die Ecke. Man professionalisiert sein Business, kooperiert mit Freunden oder Studienkollegen und irgendwann beschließt man, ein eigenes kleines Softwarehaus zu gründen. In der Realität bedeutet Selbstständigkeit aber auch, sich um den Vertrieb und die Buchhaltung kümmern zu müssen, in die Weiterbildung aus eigener Tasche zu investieren oder für die Zukunft und für etwaige Zeiten ohne Auftrag vorsorgen zu müssen, keine festen Arbeitszeiten zu haben, ebenso wenig wie bezahlten Urlaub. Aber was ist die Alternative? In einem Großkonzern mit veralteter Technik arbeiten und sich täglich mit endlosen Prozessen herumplagen? In einem gediegenen mittelständischen Unternehmen darauf zu warten, dass man auch mal Verantwortung übernehmen darf? Oder in einem kleinen lokalen IT-Unternehmen Mädchen für alles zu sein? Diese Klischees kursieren noch immer in den Köpfen von IT-Experten und sowohl Berufseinsteiger als auch erfahrene Architekten sind sich unsicher, wo sie am ehesten Karriere machen. Betrachten wir also mal die Unternehmens- und Arbeitskulturen im Einzelnen.

Das kleine Systemhaus

Hier kennt man den Chef und alle Kollegen. Man spricht sich beim Vornamen an. Das Aufgabengebiet ist meist breit, da jeder mit anpacken muss, und man kann schnell Verantwortung übernehmen, solange der Firmenchef das in seiner Kultur erlaubt und nicht als Patriarch über allem steht. Sicher besetzen kleine Softwarehäuser oft nur Nischen, um sich gegen die großen Konkurrenten behaupten zu können. Dies heißt dann für die Mitarbeiter, dass man auf ein bestimmtes Thema oder eine Branche fixiert ist und sich die Anforderungen wiederholen und die Technologie über lange Zeit dieselbe bleibt. Dennoch sind gerade kleine Unternehmen oft besonders agil und innovativ. Hier findet man noch eine gewisse Passion für die Arbeit, und das überschaubare Team zieht in der Regel an einem Strang, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Als Festangestellter profitiert man aber trotzdem von einem regelmäßigen Einkommen, Urlaubsanspruch, Vorsorgeleistungen im Alter und in der Regel einem modernen Arbeitsplatz. An strukturierten Weiterbildungsmaßnahmen wird in Kleinbetrieben jedoch häufig gespart. Es wird vielmehr erwartet, dass man sich in seiner Freizeit mit neuen Themen beschäftigt, um technisch weiterhin auf hohem Niveau zu arbeiten. Auch besondere Boni oder Zusatzleistungen wie einen Firmenwagen findet man in kleineren Unternehmen eher selten. Tatsache ist aber dennoch, dass die Arbeitszufriedenheit in kleinen Betrieben oft höher ist, als in mittelständischen oder großen Unternehmen. Dies ist dadurch begründet, dass sich der Mitarbeiter in einem überschaubaren Umfeld eher wahrgenommen fühlt, seine Leistungen oft mehr Anerkennung finden und er schneller Verantwortung übernehmen kann. Und genau solche Faktoren wie Erfolg, selbstständig zu lösende anspruchsvolle Aufgaben sowie die Anerkennung der Einsatzbereitschaft beobachtet man oft als die eigentlichen Motivatoren. IT-Spezialisten in kleinen Unternehmen sind demnach also im Allgemeinen zufriedener und motivierter als Kollegen, die in einem Großkonzern arbeiten. Nichtsdestotrotz muss jeder individuell entscheiden, wo er sich und seine Talente am besten einbringen kann, worauf er bei der täglichen Arbeit am meisten Wert legt und welche Arbeitskultur als Quintessenz daraus für ihn folgt. Auch die persönlichen Karriereziele spielen dabei wiederum eine bedeutende Rolle. In kleinen Unternehmen hat man zwar meist einen großen Handlungsspielraum und unter Umständen auch eine hohe Entscheidungskompetenz, trotzdem sind die Hierarchiestufen in kleinen Betrieben begrenzt. Somit erreicht man als IT-Experte irgendwann wieder einen Level, an dem es nicht weitergeht. An diesem Punkt entscheiden sich dann einige, entweder ihr eigenes Unternehmen zu gründen (wenn sie nicht bereits ihre Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gemacht haben und die zuvor beschriebenen Tücken und Lasten, die damit verbunden sind, nicht wieder auf sich nehmen wollen) oder sie bewerben sich bei einem größeren Unternehmen mit vielfältigeren Karrieremöglichkeiten. Bevor man diesen Schritt wagt, sollte man sich jedoch genau über die Unternehmenskultur informieren und einen Abgleich mit den eigenen Arbeitsvorstellungen vornehmen.

Ein Job im IT-Mittelstand

Mittelständische IT-Unternehmen sind oft entweder auf eine bestimmte Nische spezialisiert oder bedienen ein größeres technisches Umfeld. Hier findet man Dienstleister, die sich z. B. um ausgelagerte Netzwerkbetriebe, System-, Anwendungs- oder Webentwicklung sowie um das Abwickeln ganzheitlicher IT-Projekte kümmern – ein breites Servicespektrum also, mit durchaus gefestigten, klar definierten Strukturen. Die Organisationsstruktur von mittelständigen IT-Unternehmen hat häufig flache Hierarchien, aber dennoch mehrere Leitungsebenen und Kompetenzmodelle. Häufig als GmbH geführt, stehen an der Spitze ein oder mehrere Geschäftsführer, die sich die Managementaufgaben in der Regel nach Sparten wie Vertrieb, Controlling und Technik aufteilen. In den einzelnen Abteilungen sorgen Abteilungs- oder Teamleiter für die Umsetzung der Geschäftsstrategien und führen kleine überschaubare Teams, die sich aus Spezialisten für die jeweiligen Fachthemen zusammensetzen. Der Umgang ist meist kameradschaftlich, man spricht sich mit „Du“ an und folgt keinem besonderen Dress-Code, es sei denn, man hat direkten Kundenkontakt. Der Arbeitsplatz ist in der Regel modern ausgestattet, man arbeitet in kleinen Gruppen und teilt sich ein Büro mit mehreren Kollegen, die am gleichen Thema arbeiten.

Um der anhaltenden Nachfrage nach Experten gerecht zu werden, bilden die mittelständischen IT-Unternehmen häufig ihren eigenen Nachwuchs zum Fachinformatiker, Systemkaufmann oder auch IT-Systemelektroniker aus. Der Mittelstand bietet also Karriereperspektiven für Einsteiger sowie IT-Profis. Das Business findet häufig auf lokaler oder überregionaler Ebene statt. Jedoch haben auch mittelständige IT-Systemhäuser und andere Hightech-Unternehmen oft eine internationale Ausrichtung. Entscheidend scheint dabei der Standort zu sein. IT-Unternehmen mittlerer Größe, die in kleinen Städten oder Gemeinden ansässig sind, bedienen häufig eher lokale bzw. deutsche Kunden, während Unternehmen, die ihr Büro in der Großstadt haben, vielfach auch über die Landesgrenzen hinaus tätig sind. Trotzdem ist die globale Ausrichtung bei mittelständischen Betrieben in der Regel nicht so ausgeprägt wie bei den Großunternehmen. Wer also in einem internationalen und multikulturellen Umfeld arbeiten möchte, sollte genau hinschauen, inwieweit das Unternehmen seinen Fokus auch auf das Ausland gerichtet hat.

Arbeiten im internationalen Großkonzern

Wer in einem großen international tätigen Unternehmen arbeitet, findet sich oft in einem komplexen Gebilde aus Hierarchiestufen, Prozessen und Systemen wieder. In den Teams, die von einem Teamlead geführt werden, herrscht auch zumeist ein lockerer Umgangston und man duzt sich. Man bekommt interessante Einblicke in unterschiedliche Bereiche und Prozesse. Mit den Fachabteilungen, vor allem mit dem Controlling, gibt es einen regelmäßigen Austausch und jeder Bereich vertritt seinen Standpunkt zum Teil auf sehr beharrliche Weise. Der Kontakt zur oberen Führungsebene ist jedoch eher distanziert oder besteht in der Regel nicht direkt. Per Newsletter bzw. auf Personalversammlungen berichtet der Vorstand regelmäßig über Neuerungen, Umstrukturierungen, Auslagerungen oder die geplante Einführung von neuen Systemen etc. Mit seinem Vorgesetzten sitzt man ein- bis zweimal im Jahr zusammen, um einen Zielvereinbarungs- und Weiterentwicklungsplan zu besprechen. Die Ziele werden meist im ersten Quartal festgelegt, nachdem die weltweiten Unternehmensziele definiert sind. Jeder Mitarbeiter ist aufgefordert, diese Unternehmensziele im Rahmen seiner Tätigkeit mit persönlichem Arbeitseinsatz zu unterstützen und erhält für seine Leistung im besten Fall auch mal eine Bonuszahlung. Anhand dieses strukturierten Karriereplans hat man die Möglichkeit, sein Gehalt über die Jahre in eine höhere Tarifgruppe zu bringen und sich auf die nächste Führungsebene zu bewerben. Mit einem höheren Level sind dann auch häufig weitere Statusleistungen, wie ein größeres Büro, ein Firmenwagen oder eine bessere technische Ausstattung, verbunden. Ein Betriebsrat wacht in der Regel über die Interessen der Arbeitnehmer und stellt z. B. sicher, dass offene Positionen intern ausgeschrieben werden, damit man sich auf eventuell interne Karrierechancen auch bewerben kann. Aufgrund der internationalen Ausrichtung besteht die Möglichkeit der Zusammenarbeit in multinationalen Projektteams, die gelegentliche Geschäftsreisen erfordern oder aber auch mit einem Umzug verbunden sein können. Vielleicht stellt gerade diese Chance auf einen Auslandsaufenthalt auch eine besonders spannende Herausforderung für einen erfahrenen Entwickler dar.

Fazit

Ob klein, mittelständisch oder Großunternehmen – alle bieten Chancen und Risiken für die persönliche Karriere, und es lässt sich nicht pauschal sagen, wer wo am schnellsten Karriere macht. Jeder hat eigene Präferenzen und Kriterien, wie er seinen Karrierestatus und seinen Grad an Zufriedenheit definiert, und es kann sein, dass man im Laufe der Jahre verschiedene Unternehmenskulturen durchläuft und erlebt. Letztlich aber sind nicht das Unternehmen und die Arbeitskultur für den persönlichen Karriereweg ausschlaggebend, sondern jeder ist für seinen Erfolg selbst verantwortlich.

Yasmine Limberger ist Dipl. Betriebswirtin und arbeitet seit mehr als 10 Jahren in der IT-Beratung. Verantwortlich beim Systemintegrator Avanade Deutschland GmbH in Kronberg u. a. für die Bereiche Recruiting und Personalmarketing hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Ihre Spezialgebiete sind neben Persönlichkeitswahrnehmung, Training und Coaching auch Marketing und Alliance Management. Yasmine Limberger ist erreichbar unter: yasmine.limberger@avanade.com.

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