Karriere

Interview mit Roland Golla

Arbeitsschutz in der IT: Konkrete Probleme und praktische Lösungen
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Entwickler sind für Unternehmen ein wertvolles Gut, es egibt also Sinn, sie entsprechend zu behandeln. Leider nehmen es viele Arbeitgeber nicht ganz so genau beim Thema „Arbeitsschutz“. Was angestellte Coder selbst tun können, um für ihre Gesundheit zu sorgen und welche Rolle Technische Schulden mit Arbeitsschutz zu tun haben, erklärt Roland Golla, PHP-Trainer und Consultant, in unserem Interview.

Entwickler: Hallo Roland und danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Beim Thema Arbeitsschutz denkt man zunächst einmal an Helme, Stahlkappenstiefel und feuerfeste Handschuhe – alles Dinge, die ein Entwickler nicht unbedingt gebrauchen kann, um sicherer zu arbeiten. Was genau bedeutet „Arbeitsschutz“ denn im IT-Umfeld, bzw. welche Probleme können entstehen?

Roland Golla: Das Problem ist, dass in der Softwareentwicklung viel zu oft unnötiger Druck herrscht, der sich im Projektverlauf immer weiter steigert – und das macht auf Dauer krank. Die Gründe dafür sind vielfältig: schlechte Planung, schlechte Kommunikation etc. Und das Problem wird umso größer, wenn Arbeitgeber ihre Entwickler nicht ausreichend weiterbilden und diese nicht einmal ihre eigenen Prozesse optimieren dürfen. Dadurch müssen sie auf der Zielgeraden meist wahre Heldentaten vollbringen, um Projekte zu retten, was jedes Mal unendlich viel Energie kostet. Tja, und wenn dann alle zwei Wochen Releases anstehen, darf man sich nicht wundern, wenn die Leute irgendwann aus den Latschen kippen. Arbeitsschutz in der IT bedeutet also, bessere Strukturen zu schaffen, die genau das verhindern.

Entwickler: Es gibt also durchaus körperliche und psychische Belastungen, die bekämpft und gelindert werden müssen. Welche Optionen haben Entwickler selbst, welche Möglichkeiten hat der Arbeitgeber, um dem Arbeitsschutz Genüge zu tun?

Entwickler sollten lernen, einfach mal NEIN zu sagen.

Roland Golla: Entwickler sollten stärker in sich hineinhorchen und sich fragen, woher denn beispielsweise diese Kopfschmerzen kommen, die sie nun schon seit Wochen haben … Das sind nicht selten Anzeichen für eine anhaltende Überlastung, die in einem schleichenden Prozess schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann: Nervenzusammenbrüche, Burnout etc. Ganz zu schweigen von den sozialen Kollateralschäden, wenn Entwickler abends oder nachts zu Hause weiterarbeiten, um in Verzug geratene Projekte wieder in die Spur zu bringen. Das belastet dann obendrein das Privatleben und gegebenenfalls die Familie. Daher sollten sie lernen, einfach mal NEIN zu sagen. Dann werden Dinge eben mal nicht rechtzeitig fertig. Heißt: Es darf nicht weiterhin so sein, dass Entwickler mit ihrer Gesundheit dafür bezahlen, wenn sich ihre Arbeitgeber von Kunden im Preis drücken lassen und in Projekten zu gering angesetzte Budgets durch ein unmenschliches Tempo und unrealistische Deadlines wettmachen wollen.

Entwickler: Welche Rolle spielen Technische Schulden in dem Zusammenhang und wer muss sie am Ende bezahlen?

Roland Golla: Die Technischen Schulden sind ein großes Problem, und dieses wächst weiter an, wenn in der Softwareentwicklung auch in Zukunft überwiegend auf Stunden- und Honorarbasis gearbeitet wird. Das ist ein Teufelskreis, und die Leidtragenden sind die Entwickler. Leider fehlt es ihnen hier auch an Know-how für Tests, und wenn sie Tests als nützliches Werkzeug sehen würden, also als Tool, dann würden sie diese auch häufiger einsetzen. Dafür brauchen Entwickler aber kreative Freiräume – doch daran mangelt es leider bei vielen Arbeitgebern. Kurzum, es wird wieder einmal am falschen Ende gespart.

Entwickler: Mancher Arbeitgeber wird trotz allem keine Notwendigkeit darin sehen, für mehr Arbeitsschutz im Entwickler-Team zu sorgen. Wie wirkt sich mangelnder Arbeitsschutz auf Softwareprojekte aus? Warum also lohnt es sich für den Manager, seine Entwickler zu schützen?

Roland Golla: Weil sie sonst abhauen. Im Markt herrscht viel Bewegung, und jeder zweite Entwickler hat in den vergangenen Jahren den Arbeitgeber gewechselt. Insofern tun Unternehmen gut daran, für optimale Arbeitsbedingungen bzw. mehr Arbeitsschutz im IT-Bereich zu sorgen. Das steht für Entwickler bei der Wahl des Arbeitgebers heute ganz klar im Fokus. Denn einerseits schützt das ihre Gesundheit, und andererseits ist es eine unabdingbare Voraussetzung für effiziente Projektverläufe und eine hohe Softwarequalität. Auch darauf legen Entwickler immer größeren Wert. Letztlich geht es also um die Machbarkeit von Softwareprojekten. Sonst schleichen sich beispielsweise mehr und mehr Bugs ein, was im Nachgang wiederum von den Entwicklern ausgebadet werden muss. Und dies, wie gesagt, unter viel zu hohem Energieaufwand und bei entsprechenden, schlimmstenfalls lange anhaltenden Folgen.

Entwickler: Wird das Thema Arbeitsschutz in der IT in den kommenden Jahren mehr an Bedeutung gewinnen?

Roland Golla: Auf jeden Fall. Der Markt ist sensibilisiert, da Themen wie „Seelische Gesundheit“, „Work-Life-Balance“ und „Nachhaltigkeit“ mittlerweile sehr ernst genommen werden. Die Menschen wollen zufriedener sein, mehr von ihrem Leben haben, gesund sein, aktiv sein, und insgesamt spielt Freizeit spielt wieder eine sehr viel größere Rolle. Da passt es natürlich nicht, wenn du als Entwickler den ganzen Tag lang immer nur Tickets von vorne nach hinten ballerst und die ganze Zeit über voll am Limit bist. Oder eben dauerhaft drüber, was logischerweise noch weitaus schlimmer ist.

Entwickler: Wie erkenne ich als Entwickler, vielleicht trotz Tunnelblick und Scheuklappen, dass ich Hilfe benötige und mein Arbeitsumfeld gefährlich ist?

Manager sollten ihre Entwickler schützen, weil sie sonst abhauen.

Roland Golla: In erster Linie daran, dass man immer weniger am eigentlichen Leben teilnimmt, weil sich alles nur noch um die Arbeit dreht. Und man auch Sorgen und Ängste, dass Dinge nicht funktionieren, gedanklich mit nach Hause nimmt. Das powert einen allmählich mehr und mehr aus, und mit der Zeit treten dann typische Folgen wie Kopfschmerzen, ständige Müdigkeit und depressive Schübe auf. Das Tückische daran ist, dass es ein schleichender Prozess ist. Umso wichtiger ist es, sich proaktiv mit all diesen Themen zu beschäftigen. Man sollte sich also einfach mal die Zeit nehmen, das eine oder andere zu googeln und sich auch über Arbeitsschutz in der IT zu informieren. Bei Auftreten dieser Symptome weiß man dann, was sich dahinter verbergen kann und welche Schritte einzuleiten sind. Auf dem Blog von Never Code Alone haben wir ja bereits einige Informationen dazu zusammengestellt.

Entwickler: Du bist auch Mitveranstalter des Events Never Code Alone. Kannst du uns da vielleicht ein wenig drüber berichten? Welche Ziele hat das Event und was erwartet die Besucher?

Roland Golla: Wir verfolgen das Ziel, einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Softwarequalität in Deutschland zu leisten. Hierzu versorgen wir Entwickler auf unseren Events mit neuem Wissen. Dabei ist es sicherlich eine Besonderheit von Never Code Alone, dass es bei uns keinen Frontalunterricht gibt. Stattdessen führen die Speaker jeweils eine halbe Stunde in ein Thema ein, und danach arbeiten Speaker und Teilnehmer per Funktastatur gemeinsam an der Lösung eines konkreten Problems. Wir machen das Ganze jetzt schon seit ein paar Jahren und wissen aus Erfahrung, dass Live Coding jede Menge Spaß bringt, die Soft Skills verfeinert und man im Team echt starke Software schreiben kann. Und was uns besonders freut: Insgesamt werden unsere Events sehr gut von den Teilnehmern angenommen.Die Teilnehmer können den Ticketpreis in Höhe von 10 Euro zu 100% spenden, oder das auch auf dem Event tun.

Roland Golla ist PHP-Trainer und Consultant. Er setzt sich ein für Arbeitsschutz in der IT, gute Arbeitgeber und bessere Arbeitsbedingungen. Mit NCA möchte er die Softwarequalität in Deutschland steigern.
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