Interview mit Thomas Maas

Freelancer in Zeiten von Corona: „Jeder Zweite hat keine Existenzängste mehr“
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Die Corona-Krise hat nach einer kurzen Verschnaufpause im Sommer nun aktuell leider wieder an Fahrt aufgenommen. Für viele Beschäftigte sind es turbulente Zeiten, doch auch für Freelancer waren die vergangenen Monate kein Zuckerschlecken. Wie sich die schwierige Situation auf die Welt der selbstständigen Entwicklerinnen und Entwickler ausgewirkt hat, beleuchtet Thomas Maas, CEO von freelancermap, in diesem Interview.

Entwickler: Hallo Thomas und vielen Dank, dass du dir wieder die Zeit genommen hast, unsere Leser auf dem Laufenden zu halten, was die Welt der Freelancer angeht. Nachdem wir das letzte Mal noch ein wenig theoretisch über die Corona-Krise und die Auswirkungen auf die Freelancer-Landschaft unterhalten haben, gibt es nun ein „Corona Freelancer-Barometer“, das die Situation mit Zahlen unterfüttert. Daher darf ich erneut die Frage stellen: Wie sieht es aktuell aus für Freelancer in der IT-Branche im Hinblick auf die Krise?

Thomas Maas: Generell ist die IT-Branche sicherlich besser davongekommen als andere. Durch die Möglichkeiten zur – und der tatsächlich oftmals gewohnten – Remote-Zusammenarbeit war hier schon vor der Krise eine Flexibilität im Business-Alltag vorhanden. Auch die weiterhin steigende Nachfrage von digitalen Lösungen lässt die Branche auch in Zeiten von Corona durchatmen. Dennoch gestalten sich für IT-Freelancer insbesondere Budgetverhandlungen derzeit als zäh: knapp die Hälfte aller „Corona“ Freelancer-Barometer-Teilnehmer empfinden sie momentan als angespannt. Positiv ist jedoch anzumerken: jeder Zweite hat keine Existenzängste mehr – ein positiver Trend, der sich bereits in den zurückliegenden Umfragen abgezeichnet hat. Auch im Projektmarkt geht es nun spürbar aufwärts, denn es werden wieder mehr Aufträge ausgeschrieben. Dazu kommt, dass die freien Experten, die Projekte akquirieren konnten, häufiger mit Neu- als mit Bestandskunden zusammenarbeiten. Es scheint, als entstünden im Moment neue Geschäftsbeziehungen zwischen Selbstständigen und Auftraggebern.

Jeder Zweite hat keine Existenzängste / Quelle: „Corona“ Freelancer-Barometer (September 2020), https://www.freelancermap.de/

Entwickler: Wird die Anzahl der Freelancer geringer? Also: Streben die Leute wieder mehr Festanstellungen an?

Thomas Maas: Wir merken keinen Rückgang, sondern spüren eher eine Konstanz im Freelancer-Geschäft. Immer noch können sich die freien Experten kaum eine Rückkehr ins Angestellten-Dasein vorstellen. Klar sehen wir auch Zweifel, doch der Großteil will vom eingeschlagenen Weg nicht abweichen. Nur ein Viertel der Befragten denkt über eine Veränderung nach.

Entwickler: Was für Entwicklungen gibt es, die nicht unbedingt etwas mit der Krise zu tun haben?

Thomas Maas: Unser im Juli erschienener Freelancer-Kompass 2020 zeigt, dass die Stundensätze weiterhin stabil bei ca. 94 Euro bleiben. Nachdem wir in den vergangenen Umfragen größere, positivere Veränderungen bezüglich der Einnahmen vermelden konnten, ist der Stundenverdienst zumindest konstant. Vor den Lockerungsmaßnahmen und staatlichen Hilfspaketen zeichneten sich zu erwartende Stundensätze bei 95 Euro ab, ohne COVID-19 wäre dieser Wert sicherlich höher gewesen. Für SAP-Freelancer bleibt alles wie beim Alten. Sie sind mit 111 Euro pro Stunde weiterhin Spitzenverdiener. Auffällig zudem, während Männer ihren Stundensatz in diesem Jahr durchschnittlich sogar um ca. einen Euro erhöht haben, senkten weibliche Freelancer ihre Pauschale um mehr als einen Euro.

Der durchschnittliche Stundensatz für IT-Freelancer beträgt 94,28 Euro / Quelle: Freelancer-Kompass, freelancermap.de

Entwickler: Wir haben ja seit einiger Zeit unsere Serie zu Frauen in der Tech-Branche am laufen. Darin berichten uns Frauen immer wieder, dass sie Schwierigkeiten haben, in der Branche Fuß zu fassen, sie erzählen von Hürden und Ungleichbehandlung. Wie sieht es da speziell für Freelancerinnen aus? Gibt es dort ähnliche Probleme?

Thomas Maas: Freelancerinnen sind immer noch deutlich in der Minderheit, knapp jeder zehnte Freelancer der IT- und Engineering-Branche ist weiblich. Mit 86 Euro pro Stunde ist ihre Pauschale um neun Euro geringer als die ihrer männlichen Pendants. Das hat auch enorme Auswirkungen auf das Nettoeinkommen, das bei Frauen bei rund 4.300 Euro liegt – Männer hingegen kommen auf etwa 6.100 Euro. Folglich bleibt den Freelancerinnen auch weniger Geld, um für das Leben im Alter vorzusorgen. 620 Euro pro Monat legen sie zurück, Männer hingegen über 1.000 Euro. Was wir auch ermitteln konnten: Im Bereich „Entwicklung“ sind die Stundensätze von Männern und Frauen sogar gleich. Ich kann nur dazu ermutigen, sich selbstbewusst am Markt zu positionieren, gute Argumente zu liefern und sich nicht unter Wert zu verkaufen – wer Freelancer sein will, muss mutig sein, egal ob Frau oder Mann.

Entwickler: Gibt es vielleicht ein paar Tipps, die auch in diesen Zeiten für Freelancer wertvoll sein können?

Thomas Maas: Wir haben letztens offen gefragt, was die größten Learnings von Freelancern aus der Krise sind. Die Top-Antwort war: Rücklagen bilden. Im Projektgeschäft ist es essentiell, sich langfristig gut aufzustellen. Das bedeutet auch, sich genügend Puffer anzusparen, um in Zeiten wie diesen, nicht in Bedrängnis zu geraten. Dabei hilft ein positives Mindset, optimistisch zu bleiben und auf die eigenen Qualitäten und Stärken zu vertrauen. Gleichzeitig sollten Freelancer auftragsarme Zeiten mit Weiterbildungen und der Analyse der eigenen Positionierung überbrücken. Stichwort: Personal Branding. Sich flexibel aufzustellen, ist ebenfalls ein wesentlicher Punkt, um auch in Krisenzeiten aktiv zu bleiben. Dazu gehört, auch eigene Produkte – wenn möglich – zu digitalisieren und z.B. Online-Beratungsangebote zu schaffen und so mit Bestandskunden in Kontakt zu bleiben. Schaffen es Freelancer, sich also schon vor oder während einer Krise breit aufzustellen, sind sie der Konkurrenz einen Schritt voraus.

Thomas Maas ist Geschäftsführer der offenen Projektplattform freelancermap und Herausgeber der repräsentativen Marktstudie Freelancer-Kompass, die jährlich relevante Entwicklungen des freien Projektgeschäfts der IT- und Engineering-Branche abbildet.
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