Interview mit Vinay Bhagat, Gründer und CEO von TrustRadius

People of Color in Tech Report 2020: „Diverse Teams bedeuten bessere Ergebnisse“
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Nicht nur Frauen haben es in der Tech-Branche schwer, auch People of Color sind unfairen Vorurteilen und latenten Aversionen ausgesetzt. Wir sprachen daher mit Vinay Bhagat, Gründer und CEO von TrustRadius, über den People of Color in Tech Report 2020 und dessen wichtige Ergebnisse. Vinay Bhagat erläutert im Interview, welchen Herausforderungen PoC sich in der Tech-Branche stellen müssen, wie Diversität verbessert werden kann und wie der Tech-Sektor sich in den kommenden Jahren verändern wird.

entwickler: Hi Vinay und danke, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast! TrustRadius hat gerade den People of Color in Tech Report 2020 veröffentlicht. Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten und interessantesten Erkenntnisse daraus?

Vinay Bhagat: Obwohl sich die Anzahl der People of Color (PoC) in der Tech-Industrie in den letzten zehn Jahren erhöht hat, sind sie in Management- und Führungsrollen weiterhin eher nicht zu sehen. Die meisten Teilnehmer unserer Umfrage geben an, dass das Verhältnis von People of Color in leitenden Rollen ungefähr 4 zu 1 oder sogar noch schlechter aussieht. In unserem Report haben wir daher einige Tech Leaders of Color vorgestellt, die nicht nur in ihrem Unternehmen etwas bewirken, sondern auch für zukünftige Generationen ein Vorbild sein wollen.

Wir fanden heraus, dass People of Color, die in Tech-Berufen arbeiten, Schwierigkeiten haben, Mentoren zu finden. Fast doppelt so viele schwarze oder afro-amerikanische Teilnehmer an unserer Umfrage hatten Probleme dabei, verglichen mit ihren weißen Kollegen. Teilnehmer mit indigener oder lateinamerikanischer Herkunft hatten hingegen größere Probleme, als solche mit asiatischen Wurzeln. Letzteres liegt vermutlich daran, dass diese in der Tech-Industrie stärker vertreten sind.

Ein weiterer Punkt, der sehr deutlich ausfällt: 67%, also zwei Drittel unserer Befragten, finden, dass ihr Unternehmen mehr tun könnte, um die aktuell vorherrschende Ungleichbehandlung zu adressieren. Unter PoC in der Tech-Industrie ist der Anteil noch höher.

Obwohl noch keine besonders hohe Operationalisierung von Diversitäts- und Inklusionsinitiativen (D&I) vorherrscht (weniger als die Hälfte der Befragten arbeiten in einem Unternehmen mit einer D&I-Abteilung oder einer bzw. einem entsprechenden Beauftragten), glauben sehr viele Tech-Experten (People of Color sowie Weiße), dass D&I einen großen Effekt haben könnte. Interessanterweise sind CEOs und Gründer diejenigen, die am wenigsten an D&I-Programme und deren Erfolg glauben.

Im Zuge unserer Umfrage haben sich dennoch einige sehr leicht umsetzbare Dinge herauskristallisiert, die Tech-Unternehmen in Augenschein nehmen könnten, um die Problematik in Angriff zu nehmen. Die Verbesserung der Einstellungspolitik im Hinblick auf die Diversität ist etwa eines der Dinge, die People of Color sich von Arbeitgebern wünschen würden. Hier bei TrustRadius arbeiten wir daran aktuell selbst.

entwickler: Gibt es einige unerwartete Ergebnisse im Report?

Dass 17% der weißen Umfrageteilnehmer denken, man tue bereits zu viel für die Gleichbehandlung, ist sehr enttäuschend.

Vinay Bhagat: Es hat mich sehr erstaunt, dass ganze 15% der Teilnehmer angaben, dass ihr Unternehmen ihrer Meinung nach sogar ZU VIEL tut, um die Ungleichbehandlung zu bekämpfen. Unter weißen Teilnehmern ist dieser Anteil sogar 17%, darüber komme ich nur schwer hinweg. Ich denke, dass die Realität anders aussieht: Die Tech-Industrie als Ganzes und die Unternehmen müssten sehr viel mehr tun. Die Mehrheit scheint ja mit mir darin übereinzustimmen, aber dass 17% denken, man tue bereits zu viel für die Gleichbehandlung, ist sehr enttäuschend.

Überraschend fand ich auch die relativ große Anzahl an Befragten, die ihrer Angabe nach kein gutes Gefühl hätten, Diskriminierungen in ihrer Firma intern anzusprechen – nicht einmal gegenüber der Personalabteilung. Nur rund die Hälfte aller People of Color, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, fühlen sich wohl damit, Themen, die die Ethnie oder rassistische Diskriminierungen betreffen, mit der Personalabteilung zu besprechen. Darüber musste ich eine Weile nachdenken, denn das bedeutet ja, dass People of Color eventuell auf Probleme stoßen, von denen ich noch gar nichts wusste. Bei TrustRadius hat Transparenz die höchste Priorität, allerdings ist diese Thematik besonders schwierig im Hinblick darauf. Ich habe realisiert, dass wir mehr Wege brauchen, auf denen unsere Mitarbeiter und Kollegen Feedback und anonyme Bedenken einreichen können. Dies dient vor allem denjenigen, die eventuell eine direkte Konfrontation oder Konversation scheuen.

entwickler: Welches sind die allgemein häufigsten Schwierigkieten, denen People of Color begegnen, wenn sie im Tech-Sektor Fuß fassen wollen?

Vinay Bhagat: Die häufigsten Hindernisse sind Vorurteile und latente Vorbehalte während des Bewerbungsprozesses. Hinzu kommt natürlich die nicht gleichermaßen verfügbare Möglichkeit auf eine entsprechende Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen. Unternehmen tendieren leider dazu, Bewerber nur aus einem bestimmten Kreis auszuwählen: Man versucht Zeit zu sparen, indem man Networking betreibt. Außerdem neigt man beim Checken der Lebensläufe und beim Bewerbungsgespräch dazu, Kandidaten zu bevorzugen, die einem selbst ähnlich sind. Diese Dinge können einzeln betrachtet schon eine wachsende Diversität verhindern und sich desaströs auf PoC niederschlagen, die gerade erst versuchen, Fuß in der Industrie zu fassen. Qualifizierte Kandidaten werden so schon, trotz ihrer guten Ausbildung wegen ihrem Hintergrund aussortiert. So jedenfalls habe ich das wahrgenommen.

entwickler: Zeigen denn die Produkte der Tech-Industrie auch einen Mangel an Diversität? Und wenn ja, in welcher Weise?

People of Color wissen am besten, wie man gewisse Lösungen für ihre Communitys innovativ vorantreiben kann, überdies sind sie auch am motiviertesten, dies zu tun.

Vinay Bhagat: Das ist tatsächlich in dem Sinne so, dass Ideen von People of Color nicht in einem angemessenen Rahmen gefördert werden. PoC wissen am besten, wie man gewisse Lösungen für ihre Communitys innovativ vorantreiben kann, überdies sind sie auch am motiviertesten, dies zu tun. In der Tech-Branche sind es Kapitalbeteiligungsgesellschaften, die entscheiden, welche Ideen eine Investition wert sind – diese Projekte werden umgesetzt und haben die größte Chance auf Erfolg. Doch diese Gesellschaften haben selbst ein Diversitätsproblem. Daraus folgt, dass Gründer aus der PoC-Gemeinschaft es schwerer haben, überhaupt von solchen Kapitalgesellschaften gefördert zu werden. Und wenn sie doch gefördert werden, dann mit weniger Mitteln als ihre weißen Kollegen.

Auch in Sachen Design gibt es eine Menge zu beachten: Accessibility wird zu einem immer wichtigeren Faktor in der Tech-Industrie. Ein zugänglicheres Design kann sich für alle Nutzer als vorteilig erweisen und gleichzeitig die Grundbedürfnisse von marginalisierten Nutzergruppen abdecken. Für Nutzer mit eingeschränkter Sehleistung bedeutet dies zum Beispiel Farbschemata mit höherem Kontrast oder einer Verbesserung der Umwandlung von Text zu Sprache. Ältere Nutzer könnten eventuell größeren Buttons oder ein einfacheres UI helfen. Eine Sache, die besonders PoC betrifft, ist das Marketing von Produkten. Stock-Fotografien neigen beispielsweise dazu, vor allem weiße Personen zu zeigen. Wenn Marketingkampagnen von Weißen dominiert werden und die Produkte vorrangig von weißen Influencern promoted werden, kann das einen Mangel an Diversität hinter den Produkten, deren Machern und den Personen, für die sie gemacht werden, zeigen.

entwickler: Wie könnte die Situation insgesamt verbessert werden?

Vinay Bhagat: Wir brauchen nicht nur Entrepreneure aus der PoC-Gemeinschaft, sondern auch Designer und Engineers, die Technologien realisieren. Die User Experience muss nicht nur durch weiße, sondern durch eine diverse Gruppe von Nutzern getestet werden, um die Funktionalität, aber auch die Sprache innerhalb der Benutzeroberflächen und die Beschreibung der Produkte zu prägen. Außerdem brauchen wir dann natürlich auch Leute im Marketing und diese brauchen People of Color auf Stock-Fotographien, um ihre Kampagnen zu lancieren.

Wir haben ein Problem mit Ausschließlichkeit und Mikroaggressionen in der Tech-Kultur.

Wir haben herausgefunden, dass etwa die Hälfte der PoC in ihrem Unternehmen latente Vorurteile entdecken, wenn es um die Anheuerungspolitik geht. Weniger als ein Drittel ihrer weißen Kollegen machen solch eine Angabe. Der erste Schritt hier wäre zuzugeben, dass Vorurteile tatsächlich eine Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen. Wir haben außerdem ein Problem mit Ausschließlichkeit und Mikroaggressionen in der Tech-Kultur. Ich habe beispielsweise aufgehört mit dem Begriff „Cultural Fit“, also der kulturellen Übereinstimmung, zu arbeiten und nutze heute lieber einen Begriff wie „Cultural Add“, spreche also lieber von einer Bereicherung der Unternehmenskultur.

entwickler: Wie glaubst du wird sich der Tech-Sektor in den kommenden Jahren entwickeln?

Vinay Bhagat: Die globale Pandemie hat den Tech-Sektor noch kompetitiver gemacht. Sie erinnert uns an ökonomische Schwächen, die Notwendigkeit Kunden zu halten und ihren Erfolg zu gewährleisten sowie an die Wichtigkeit, talentierter und passionierter Angestellter, die sich mit dem Unternehmen identifizieren. Ich denke, dass ein Investment in Diversity & Inclusion (D&I) sowie eine starke Position in Bezug auf politische und soziale Dinge, die unsere Mitarbeiter sowie Kunden betreffen, ein wichtiger und nicht verhandelbarer Faktor für Erfolg auf dem Markt werden wird.

entwickler: Was wünscht du dir für die 2020er Jahre?

Ich wünsche mir, dass wir mehr Investments in Startups von People of Color sehen werden.

Vinay Bhagat: Nachforschungen haben ergeben, dass diverse Teams bessere Resultate erbringen. Klar, im Unternehmen kann man das nur durch Ausprobieren sehen, aber wir brauchen mehr diverse Projekte, damit wir die Ergebnisse auch industrieweit sehen können. Ich wünsche mir, dass wir mehr Investments in Startups von People of Color sehen werden. Auch Übernahmen von Unternehmen, die von PoC geleitet werden und erfolgreiche IPOs im Hinblick auf diese Unternehmen wären wünschenswert, sodass dies eine Norm wird und keine Ausnahme. Es könnte auch nicht schaden, einige People of Color in leitenden Funktionen anzustellen, gerade in den Unternehmen auf den Fortune-500- und Fortune-1000-Listen.

Ein großer Wunsch von mir ist, dass Kinder der PoC-Gemeinschaft und aus niedrigeren sozialökonomischen Schichten, die vielleicht als erste in ihren Familien auf die Universität gehen, die Möglichkeit auf eine Ausbildung in STEM-Berufen oder in den freien Künsten wahrnehmen und schließlich Teil der Tech-Industrie werden können. Sie haben wirklich aktuell Schwierigkeiten damit, es ist nicht leicht. Aber es gibt einige sehr tolle Organisationen, die sie unterstützen, indem sie Coding-Trainings, Mentoring, bezahlte Praktika und mehr anbieten. Eine solche Organisation ist etwa die von TrustRadius finanziell unterstützte Code2College, für die wir auch immer wieder Freiwillige finden. Das ist im Übrigen ebenfalls etwas, wozu ich alle Größen der Tech-Branche aufrufe: Findet und unterstützt Organisationen, die euch bei der Ausbildung der nächsten Generation von People of Color für euer Unternehmen helfen.

Vinay Bhagat conceived TrustRadius after experiencing challenges when buying enterprise solutions at his last company. He founded Convio in 1999, the leading SaaS platform for nonprofits. In April 2010, Convio became a public company, and was acquired in May 2012 for $325 million. He holds an MBA from Harvard Business School where he graduated as a Baker Scholar, an MS Engineering Economic Systems from Stanford University, and a MA Engineering Information Sciences from Cambridge University with First Class Honors. When he’s not working, Vinay loves playing with his kids, swimming and the occasional squash game.
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