Interview mit Thomas Maas, CEO von freelancermap

Tag des Freelancers 2020: „Freelancer sollten die Krise nutzen, um sich breiter aufzustellen“
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Lockdown, Social Distancing, Abstand halten – die Coronakrise hat praktisch alle Wirtschaftszweige hart erwischt. Besonders schwierig ist die Lage für Freiberufler. Da viele Entwickler selbstständig sind, sprachen wir zum heutigen Tag des Freelancers 2020 mit Thomas Maas, CEO von freelancermap, über die aktuelle Lage für Freiberufler in Zeiten der Coronakrise.

JAXenter: Hallo Thomas, du hältst uns seit einigen Jahren auf dem aktuellen Stand der Dinge, was die Welt der Freelancer angeh. Wie sieht es denn aktuell aus für IT-Freelancer?

Thomas Maas: Alle Solo-Selbstständigen befinden sich gerade in herausfordernden Zeiten. Eine Nutzerumfrage zu Beginn der Krise zeigte uns bereits, dass die Mehrheit der IT-Freelancer mit negativen Auswirkungen auf das Projektgeschäft zu kämpfen hat. Knapp 20 Prozent gaben an, dass sie ihre Aufträge vorrangig remote durchführen. Diese Entwicklung hat sich stabilisiert aber somit auch nicht weiter verschlechtert, unsere dauerhaften Umfragen im Rahmen des „Corona“ Freelancer-Barometers belegen diesen Trend. Trotzdem bleiben Existenzängste, doch auch hier bemerken wir positive Tendenzen. Anfang der Krise hatte noch jeder zweite Freelancer Existenzängste, mittlerweile ist es nur noch knapp jeder Dritte. Wir gehen davon aus, dass die staatliche Soforthilfe sowie die kommenden Lockerungen bei vielen Freelancern neue Hoffnung schüren, ihr Geschäft wieder spürbar aufleben zu lassen.

JAXenter: Die Coronakrise hat viele freischaffende Entwickler hart getroffen – die Aufträge blieben aus. Ist abzusehen, welchen Schaden die Situation gerade angerichtet hat und noch anrichten wird?

Thomas Maas: Wir starteten bereits Anfang dieses Jahres unsere Marktstudie – den Freelancer-Kompass 2020 – anfangs gaben knapp 18 Prozent der Teilnehmer an, dass sie eine schlechtere Auftragslage erwarten. Seit Beginn der Krise, wir beziehen uns dabei auf den 23. März, an dem die Kontaktsperre bundesweit eintrat, geht mehr als die Hälfte der Freelancer von einer schlechteren Projektsituation für 2020 aus.

Dazu kommt, dass jedem zweiten Freelancer in den nächsten drei Monaten ein finanzieller Engpass droht, außerdem verzeichnen 20 Prozent der Freelancer derzeit keine Einnahmen und sind auf Rücklagen angewiesen. Dennoch ist es wichtig, zu betonen, dass 78 Prozent immer noch Umsätze erzielen und jeder Zehnte sogar gar keine Verluste verzeichnet.

JAXenter: In vielen Unternehmen wird Kurzarbeit angeboten, einige Branchen erhalten finanzielle Unterstützung vom Staat – wie sieht es da bei den Freelancern aus?

Thomas Maas: Sowohl Bund als auch Länder stellen wichtige wirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung. Die Soforthilfe beispielsweise hilft Freelancern und stellt einen nicht rückzahlungspflichtigen Direktzuschuss dar. Insgesamt beläuft sich das Hilfspaket auf 50 Milliarden Euro, die „als direkte Zuschüsse an notleidende Ein-Personen-Betriebe und Kleinstunternehmen“ vorgesehen sind. Unternehmen bzw. Selbständige aus allen Wirtschaftsbereichen mit bis zu fünf Beschäftigten können eine einmalige Zahlung von bis zu 9.000 Euro für drei Monate beantragen, Unternehmen mit bis zu 10 Beschäftigten einen einmaligen Zuschuss von bis zu 15.000 Euro, der ebenfalls für drei Monate gewährt wird. Der Antragsteller muss dabei versichern, dass er konkret durch die Pandemie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist, bis zum 31. Mai 2020 haben Betroffene Zeit sich bei der zuständigen Landesbehörde zu melden. Anfangs konnte sich nur jeder sechste Freelancer vorstellen Hilfen vom Staat in Anspruch zu nehmen, im Moment sehen wir, dass knapp jeder Dritte die Soforthilfe beantragt hat. Die Mehrheit muss sogar weniger als zwei Wochen auf die Zahlung warten. Und ebenfalls ein gutes Zeichen – auch für die Politik und Regierung: Fast zwei Drittel aller Freelancer hatte kaum Probleme den Antrag zu stellen.

JAXenter: Was hat der Freelancer-Kompass 2020 über Corona hinaus noch an Erkenntnissen gebracht?

Thomas Maas: Bislang haben wir uns auf die Ergebnisse konzentriert, die sich vor und während der Krise abgezeichnet haben. Das betrifft die Auftragslage, die wirtschaftliche Situation sowie die Entwicklung des Stundensatzes. Wir konnten leider bemerken, dass der Anteil derjenigen mit einer „gut bis sehr guten wirtschaftlichen Lage“ um ca. 20 Prozentpunkte eingebrochen ist. Freelancer die eine „schlecht bis sehr schlechte wirtschaftlichen Lage“ prognostizieren, stieg wiederum um 12 Prozentpunkte. Gleichzeitig sehen wir auch, dass Selbstständige in der IT-Branche reagieren, die Stundensätze bleiben stabil oder werden sogar gesenkt. Normalerweise – ohne Corona – belegen unsere Studienergebnisse der vergangenen Jahre einen umgekehrten Trend.

JAXenter: Ist ein Ende der Auftragsflaute noch während der Coronakrise denkbar? Was ist die Prognose für das kommende Jahr?

Freelancer sollten diese Phase nutzen, sich noch breiter aufzustellen und die Krise als Chance sehen

Thomas Maas: Mehr und mehr Unternehmen stellen sich auf die Krise ein und wie auch die Stundensatz-Senkungen belegen, wissen das die Freelancer und kommen dieser Entwicklung entgegen. Wir vermerkten zu Beginn der Krise auf unserer Plattform einen leichten Rückgang der eingestellten Projekte von Auftraggebern. Mittlerweile hat sich das Projektgeschäft stabilisiert und Unternehmen stellen eine in etwa gleichbleibende Zahl an Jobs für Selbstständige ein. Aber ganz klar erkennen wir ebenfalls, dass Remote-Aufträge gerade priorisiert werden, was aber wiederum nicht für alle Tätigkeiten möglich ist. Wenn die Maßnahmen von Politik und Gesellschaft die Pandemie weiter einschränken, sollte sich für Freelancer eine bessere Situation gestalten. Auch wenn sicherlich derzeit Investitionsbedenken bei Unternehmen bestehen, ist es wichtig, dass Freelancer sich für die Zukunft rüsten. Das bedeutet für sie, weiterhin Akquise betreiben, Verfügbarkeit signalisieren und sich nun auch Raum für Weiterbildung zu geben. Für Resignieren ist jetzt der falsche Zeitpunkt, Freelancer sollten diese Phase – so schwierig sie auch ist – für sich nutzen, sich noch breiter aufzustellen und die Krise als Chance zu sehen, die eigene Marke bzw. Personal Brand noch zielgerichteter aufzubauen.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview

Bevor Thomas Maas 2011 als Projektleiter bei freelancermap einstieg, war er bei Immowelt unter anderem im Produktmanagement tätig. Sein beruflicher Werdegang begann mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Dort stellte er fest, dass er nicht nur Spaß am Verkaufen hatte, sondern vor allem daran mit Menschen zu reden und diese von seinen Ideen zu überzeugen. Seine Vorliebe für das Internet entfaltete sich dann im anschließenden Studium der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Da Maas schon immer im technischen Bereich tätig war und selbst als Freelancer für Firmen Webseiten baute, festigte sich bei ihm schnell der Wunsch, webbasiert zu arbeiten. Heute setzt er sich als CEO von freelancermap mit großer Leidenschaft dafür ein, dass sich auf der Plattform professionelle Freelancer, Freiberufler, Selbstständige und Unternehmen für die Arbeit an spannenden Projekten zusammenfinden können.
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1 Kommentar auf "Tag des Freelancers 2020: „Freelancer sollten die Krise nutzen, um sich breiter aufzustellen“"

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Werner
Gast

=> einmalige Zahlung von bis zu 9.000 Euro für drei Monate beantragen

Das ist zwar korrekt. Nutzt aber Freiberuflern/Freelancern meist nicht, da diese oft keine Fixkosten wie Büromiete, Leasingfahrzeuge etc.. haben. Lebenshaltungskosten können nicht geltend gemacht werden.
Für die meisten Freelancer bleibt nur H4.

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