Interview mit Thomas Maas

Tag des Freelancers 2021: Nicht nur während Corona – „Freelancer beweisen sich als Innovationstreiber“
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Umsatzeinbußen, pausierte Projekte und eine verunsicherte Arbeitswelt: Zum heutigen Tag des Freelancers blickt freelancermap auf ein Jahr zurück, das sich für freie Experten bestimmt nicht als leicht, jedoch als sehr lehrreich erwiesen hat. Seit Beginn der Pandemie hat das Unternehmen mit seinem „Corona“ Freelancer-Barometer Freelancer, Freiberufler und Selbstständige regelmäßig um ihre Einschätzungen zur aktuellen Lage gebeten. Nach 13 Monaten voller Höhen und Tiefen ziehen wir mit Thomas Maas, CEO von freelancermap, das Fazit – er prognostiziert positive Zukunftsperspektiven für freie Tech-Experten.

JAXenter: Hallo Thomas. Vielen Dank, dass du uns zur Feier des Freelancer-Tages wieder ein paar Einblicke in die Arbeitswelt selbstständiger IT- und Engineering-Spezialisten gewährst. Bei der vorherrschenden Unsicherheit, die den Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr dominiert hat, machen sich Tech-Experten ohne Festanstellung bestimmt noch mehr Sorgen um ihre Existenz, oder nicht?

Thomas Maas: Tatsächlich geben die Ergebnisse unserer „Corona“ Freelancer-Barometer-Befragung diesbezüglich einen Grund zum Optimismus. Die Existenzängste der Freiberufler haben seit der ersten Erhebung im März 2020 tendenziell immer weiter abgenommen. Während sich freie Tech-Experten zu Beginn der Pandemie eher in ihrer Lebensgrundlage bedroht gefühlt hatten, haben sie zunehmend gelernt mit der Veränderung des hiesigen Arbeitsalltages umzugehen und sie für sich zu nutzen. Auch die anfangs eher pessimistischen Einschätzungen zur Auftragslage in Krisenzeiten haben sich mit der Zeit in eine positivere Stimmung gewandelt. Mit der Zeit konnten die befragten Selbstständigen nämlich trotz der verunsicherten Arbeitswelt wieder neue Kunden und Projekte akquirieren.

Die Existenzängste der freien IT-Experten nahmen im Laufe des letzten Jahres zunehmend ab, Quelle: „Corona“ Freelancer Barometer von März 2020 bis April 2021, freelancermap

JAXenter: Stichwort Akquise: Die sozialen Medien konnten in Zeiten des Social Distancing noch mehr an Zuspruch gewinnen. Vertrauen Freelancer bei der Suche nach neuen Kunden mittlerweile ebenfalls verstärkt auf Facebook, LinkedIn & Co.?

Thomas Maas: Trotz der zunehmenden Dominanz von sozialen Netzwerken, stufen Freiberufler Projektplattformen konsequent als die vielversprechendste Methode der Kunden- bzw. Auftragsgewinnung ein. Vor allem zu Beginn der Pandemie kamen einigen freien Experten außerdem die persönlichen Kontakte zugute. Aber unabhängig von Kanal und Netzwerk: Als der erste Lockdown auf die Arbeitswelt traf, waren viele Freelancer natürlich mit Absagen von Projekten konfrontiert. Auch hier hat sich der Trend ein wenig verändert. Während zu Beginn der Corona-Krise einige Aufträge abgesagt oder pausiert wurden, können Freiberufler sie mittlerweile vermehrt remote weiterführen.

JAXenter: Pausiert klingt schon besser als abgesagt, aber dennoch: Selbstständige hatten im vergangenen Krisenjahr bestimmt hohe Einkommensausfälle, oder etwa nicht?

Thomas Maas: Es ist wahr, dass Selbstständige sowie Angestellte unzähliger anderer Branchen aufgrund der Pandemie mit Umsatzeinbußen zu kämpfen hatten oder immer noch haben. Doch auch hier geben unsere Daten wieder Grund zur Hoffnung: Im Laufe jener 13 Monate, in denen die Freelancer befragt wurden, nahmen die finanziellen Ausfälle tendenziell ab. Der Großteil der freien Spezialisten musste dennoch auf Ersparnisse zurückgreifen, um Projektflauten und Einbußen zu überdauern. Die Mehrheit der Selbstständigen gab im „Corona“ Freelancer-Barometer außerdem an, im Jahr 2020 nicht die finanzielle Corona-Hilfe beantragt zu haben. Auch bei der jüngsten Umfrage im vergangenen April stellte sich heraus, dass nur jeder Zehnte befragte Freelancer die Neustarthilfe 2021 in Anspruch genommen hat bzw. plant, dies noch zu tun. Die Mehrzahl der Selbstständigen hat sich ihren Lebensunterhalt also weiterhin vorrangig über Einnahmen aus Projekten finanziert. Bemerkenswert bleibt: Obwohl sich die finanzielle Lage doch verschlechtert hat, würde der Großteil der Freiberufler seinem eigenen Weg treu bleiben und sich jederzeit wieder selbstständig machen.

Die finanzielle Lage der Freelancer entwickelte sich im Laufe des Pandemie-Jahres in eine positivere Richtung, Quelle: „Corona“ Freelancer Barometer von März 2020 bis April 2021, freelancermap

JAXenter: Die Selbstständigen konnten den ungewohnten Umständen also auch etwas Gutes abgewinnen. Wie schaffen sie es, sich in dieser Krisenzeit zu behaupten?

Thomas Maas: Obwohl, oder vielleicht gerade weil die letzten 13 Monate für Freelancer alles andere als einfach waren, konnten sie in dieser herausfordernden Krisenzeit einiges lernen. Sich selbst zu motivieren und flexibel auf die Umstände reagieren zu können, waren beispielsweise wichtige Fähigkeiten, die Selbstständigen der IT- und Engineering-Branche während der Pandemie zugutekamen. Als wichtigstes Soft Skill haben die Befragten jedoch das Durchhaltevermögen eingestuft, dem momentan ohnehin sehr viel Wert zugesprochen wird. In der Zukunft wollen freie IT-Experten außerdem mehr Zeit in die Pflege von Kundenbeziehungen und in Networking investieren. Wie essentiell es ist, ausreichend Rücklagen parat zu haben, hat die Krisenzeit den Freiberuflern klar vor Augen geführt und wurde dementsprechend ebenso als wichtiges Learning definiert.

JAXenter: Das klingt so, als würden Selbstständige optimistisch in die Zukunft blicken und für neue Projekte bereits in den Startlöchern stehen, ist dem so?

Thomas Maas: Tatsächlich hofft die Mehrheit der Freelancer, die an unseren Umfragen teilgenommen haben, stark darauf, dass sich die Veränderungen der Arbeitswelt auf lange Sicht positiv auf ihre Beschäftigung als freie Experten auswirken. Sie rechnen sogar damit, dass es zu einem Freelancer-Boom kommen könnte. Während einige Auftraggeber und Unternehmen bereits vor der Corona-Krise mit Remote Work und virtuellen Meetings in Kontakt waren, hat die Pandemie diesen Arbeitsweisen gezwungenermaßen mehr Popularität verliehen. So prognostiziert ein großer Teil der befragten Selbstständigen darauf, dass sich cloudbasierte Dienste nachhaltig als wichtiger Bestandteil der Arbeitswelt noch stärker etablieren werden. Diese Einschätzung ist nicht zuletzt deswegen mehr als realistisch, da sich Freelancer immer wieder als Innovationstreiber beweisen und Unternehmen mit neuem Wissen, kreativen Ideen und einschlägigen Skills voranbringen.

JAXenter: Über ein Jahr lang habt ihr Selbstständige nun regelmäßig befragt – wie würdest du selbst die Lage einschätzen? Hat sich die Arbeitswelt der Selbstständigen mittlerweile eingependelt?

Thomas Maas: So wie sich die Einstellungen und Erfahrungen der befragten Freelancer während der 13 Monate, verändert haben, werden sie sich auch weiterhin in neue Richtungen bewegen. Dennoch blicken wir auf eine Untersuchung zurück, die interessante Einblicke sowohl in die finanzielle Lage der Selbstständigen IT-Spezialisten als auch in die Entwicklungen am Markt liefern konnte. Die persönlichen Fähigkeiten, Learnings und Zukunftsaussichten kamen dabei ebenfalls nicht zu kurz, was uns ein besonderes Anliegen war. Und die Ergebnisse haben uns immer wieder gezeigt, dass freie Tech-Experten die Krisenzeit für sich zu nutzen wissen und ihrem eigenen Weg treu bleiben.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview

Thomas Maas ist Geschäftsführer der offenen Projektplattform freelancermap und Herausgeber der repräsentativen Marktstudie Freelancer-Kompass, die jährlich relevante Entwicklungen des freien Projektgeschäfts der IT- und Engineering-Branche abbildet.
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